Montag, den 50. November
Nummer 93
Jahrgang 1936
GiehenerZamilienblStkr
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
■ t Geschichte einer Liebe
S/lVWvlU vonünutHamsun
Stadt begleiten, antwortete
Kind, wen
ganz warm ... Gott segne euch, sagte sie, at es die ganze Zeit gewußt. Aber liebes
wartete: Ja, ja, Gott segne euch!
Johannes ließ ihre Hände los und sagte:
So, jetzt sind sie warm, Tausend Dank, ja, jetzt bin ich
Ich hatte ihr alles erzählt, sie fju. ... — K--- -z
- ■ liebst du denn? hatte sie gefragt. Kannst du noch danach fragen? ecmtwortet; Johannes liebe ich, nur ihn habe ich mein ganzes
hatte ich geantwortet! Johannes liebe ich, nur ihn habe ich mein ganzes Leben lang geliebt, geliebt, geliebt ,..
Er machte eine Bewegung,
Es ist spät. Wird man daheim nicht Angst um Sie haben?
Nein, antwortete sie. Sie wissen, daß ich Sie liebe, daß Sie es sind, den ich liebe, Johannes, das haben Sie wohl gesehen? Niemand, niemand kann erfassen, wie ich mich in diesen Jahren nach Ihnen gesehnt habe. Ich bin hier auf diesem Wege gegangen und habe dabei gedacht: ich gehe jetzt lieber ein wenig neben dem Wege, mehr im Walde, da ist auch er am liebsten gegangen; so mache ich es auch. An jenem Tag, an dem ich erfuhr, daß Sie gekommen seien, kleidete ich mich hell, hellgelb, ich war krank vor Spannung und Sehnsucht, und ging rastlos durch alle Zuren aus und ein. Wie du heute strahlst! sagte meine Mutter. Die ganze Zeit
sagte ich vor mich hin: jetzt ist er wieder heimgekommen! Er ist herrlich,
und er ist zurückgekommen, dies ist er beides! Tags darauf hielt ich es nicht mehr länger aus, ich zog mich wieder hell an und ging in den Steinbruch hinauf, um Sie zu treffen. Erinnern Sie sich? Ich traf Sie auch,
aber ich pflückte keine Blumen, wie ich sagte, und deshalb war ich ja auch nicht gekommen. Sie freuten sich nicht mehr, mich wiederzusehen: aber Dank, trotzdem, dafür, daß ich Sie traf. Das war im dritten Jahr, tote hielten einen Zweig in der Hand und spielten damit, als ich kam; als
Reden wir nicht mehr davon.
Nein, ober verzeihen Sie mir, hören Sie, seien Sie barmherzig! Was, um alles in der Welt, soll ich tun? Mein Baier geht jetzt zu Hause in seinem Arbeitszimmer auf und ab, es ist so fürchterlich für ihn. Morgen ist Sonntag; er hat angeordnet, daß alle Leute frei haben sollen. Das ist das einzige, was er heute angeordnet hat. Sein Gesicht ist grau, und er spricht kein 'Wort; eine solche Wirkung hat der Tod seines Schwiegersohnes aus ihn. Ich erzählte meiner Mutter, daß ich zu Ihnen gehen wollte^Wir beide, du und auch ich, müssen morgen den Kammerherrn und seine Frau in die 7 ' ' J ' - sie. Ich gehe zu Johannes, wiederholte ich. Vater
kann das Geld für uns alle drei nicht aufbringen, er selbst will Zurückbleiben, antwortete sie und sprach beständig über andere Dinge. Da ging ich zur Türe. Sie sah mich an. Jetzt gehe ich zu ihm, sagte ich zum letztenmal. Meine Mutter kam mir bis zur Türe nach, küßte mich und ant-
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7. Fortsetzung.
Mein Bater kommt herein. Ja, liebe Victoria, jetzt mußt du hinuntergehen und ihn empfangen, fagt er. Ich kann nicht, kann nicht, antworte ich und wiederhole meine Worte von vorhin; er solle gnädig sein und mich in eine Lebensversicherung aufnehmen lassen. Er erwidert kein Wort, aber er setzt sich auf einen Stuhl und beginnt zu zittern und nachzudenken. Als ich das sehe, sage ich: Bring mir meinen Mann; ich nehme ihn. , ,
Bictoria hält inne. Sie bebt. Johannes nimmt auch ihre andere Hand und erwärmt sie.
Danke, sagt sie. Johannes, seien Sie so lieb und nehmen Sie mich fest an der Hand! Tun sie das, bitte! Mein Gott, wir warm Sie sind! Ich bin Ihnen so dankbar. Aber Sie müssen mir das verzeihen, was ich auf der Brücke sagte. , Q
Ja, das ist schon lange vergessen. Soll ich einen Schal für tote holen?
Nein, danke. Aber ich begreife nicht, daß ich zittere, denn mein Kops ist so heiß. Johannes, ich sollte Sie um Verzeihung bitten, für so vieles ...
Nein, nein, tun Sie das nicht. So, jetzt werden Sie ruhiger. Bleiben Sie still sitzen. .
Sie hielten eine Rede auf mich. Ich wußte nichts mehr von mir selbst von dem Augenblick an, als Sie aufftanben, bis Sie sich wieder nteder- setzten; ich hörte nur Ihre Stimme. Sie war wie eine Orgel, und es machte mich verzweifelt, daß sie mich so betörte. Mein Vater fragte mich, weshalb ich Sie angeschrien und unterbrochen hätte; er bedauerte es sehr, aber Mutter fragte mich nicht, sie verstand es. Ich hatte meiner Mutter alles gesagt, vor vielen Jahren hatte ich ihr alles gesagt, und vor zwei Jahren, als ich aus der Stadt zurückkam, tat ich es noch einmal. Das war damals, als ich Sie geloffen hatte.
Sie gegangen waren, hob ich den Zweig auf, verbarg ihn und nahm ihn mit mir nach Hause ...
Ja, aber Victoria, sagte er mit bebender Stimme, jetzt dürfen Sie mir so etwas nicht mehr sagen.
Nein, antwortete sie angstvoll und ergriff seine Hand. Nein, ich darf nicht. Nein. Sie wollen es wohl nicht. Nervös fing sie an, feine Hand zu streicheln. Nein, denn ich darf nicht erwarten, daß Sie das wollen. Und außerdem habe ich Ihnen auch so sehr weh getan. Können Sie mir nicht mit der Zeit vergeben?
Doch, doch, alles. Das ist es nicht.
Was ist es dann?
Pause.
Ich bin verlobt, antwortete er.
X.
Tags darauf — am Sonntag — kam der Schloßherr in eigner Person zum Müller und bat ihn, gegen Mittag hinaufzukommen und die Leiche des Leutnants Otto zum Dampfschiff zu fahren. Der Müller verstand ihn erst nicht und starrte ihn an; aber der Schloßherr erklärte ihm kurz, daß alle seine Leute frei hätten, sie seien in die Kirche gegangen, er habe niemand zu Hause.
Der Schloßherr hatte diese Nacht sicher nicht geschlafen, er sah aus wie ein Toter und war noch dazu unrasiert. Doch schwang er den Spazierstock wie immer durch die Lust und hielt sich aufrecht.
Der Müller zog seinen besten Rock an und ging. Als er die Pferde angespannt hatte, hals ihm der Schloßherr selbst die Leiche auf den Wagen hinaustragen. Alles ging still, beinahe geheimnisvoll vor sich, niemand war anwesend und sah zu. Der Müller fuhr zur Landungsbrücke hinunter. Hinter ihm kamen der Kammerherr und dessen Frau, außer ihnen die Schloßherrin und Victoria. Sie waren alle zu Fuß. Den Schloßherrn sah man allein auf der Treppe Zurückbleiben und wiederholt grüßen; der Wind fuhr durch sein graues Haar.
Als die Leiche an Bord gebracht war, folgten ihr die Leidtragenden aufs Schiff. Von der Reling rief die Schloßherrin dem Müller an Land zu, er möge den Schlohherrn grüßen, und Victoria bat ihn noch um dasselbe.
Dann dampfte das Schiff fort. Lange blieb der Müller stehen und fah ihm nach. Es blies ein starker Wind, und die Bucht war sehr bewegt; erst nach einer Viertelstunde verschwand das Schiff hinter den Inseln. Der Müller fuhr nach Hause. „ .
Er brachte die Pferde in den Stall, gab ihnen Futter und wollte hinem- gehen und dem Schloßherrn die aufgetragenen Grüße überbringen. Er fand jedoch die Küchentüre verschlossen. Er ging rund um das Haus herum und wollte durch den Haupteingang hineingelangen; auch die Haupttür war verschlossen. Es ist Mittag, und der Schloßherr schläft, dachte er. Da er aber ein gewissenhafter Mann war, der das ausrichten wollte, was ihm autgetrngen worden war, ging er ins Gesindehaus, um dort jemand zu treffen, der dem Schloßherrn die Grüße überbringen konnte. Im Gesindehaus war niemand. Er ging wieder hinaus, suchte ringsumher und ging sogar in das Zimmer der Mädchen. Auch hier war niemand. Der ganze Hof war ausgestorben.
Eben wollte er wieder gehen, als er im Keller des Schlosses einen Lichtschimmer gewahrte. Er blieb stehen. Deutlich konnte er durch die kleinen vergitterten Fenster einen Mann sehen, der mit dem Licht in der einen Hand und einem roten, seidenbezogenen Polsterstuhl in der anderen den Keller betrat. Es war der Schloßherr. Er war rasiert und im Ge- sellschaftsanzug, als wollte er zu einem Fest gehen. Ich könnte vielleicht ans Fenster klopfen und ihn von feiner Frau grüßen, dachte der Müller, blieb aber stehen. ,
Der Schloßherr sah sich um, leuchtete umher und sah sich noch einmal um. Er zog einen Sack hervor, der Heu oder Stroh zu enthalten schien, und legte ihn an der Eingangstüre nieder. Danach schüttete er aus einer Kanne etwas Flüssiges über den Sack. Dann trug er Kisten, Stroh und ein altes Blumengestell zur Tür und goß auch darauf etwas aus der Sanne- der Müller bemerkte, daß er dabei sehr sorgfältig darauf achtete, weder seine Finger, noch seine Kleider zu beschmutzen. Er nahm den kleinen Kerzenstummel und stellte ihn auf den Sack, schließlich umgab er ihn vorsichtig mit Stroh. Dann setzte der Schloßherr sich auf den Stuhb
Immer entsetzter starrte der Müller auf diese Anstalten, sein Blick war gleichsam an das Kellerfenster gebannt, und seine Seele befiel eine dunkle Ahnung. Der Schloßherr saß ganz still auf dem Stuhl und sah zu, wie das Licht immer tiefer und tiefer herunterbrannte; die Hande hiel er gefaltet. Der Müller sieht, wie er ein Staubkorn von seinem Aermel abstreift und die Hände wieder faltet.
Da stößt der alte entsetzte Müller einen Schrei aus.
Der Schloßherr wendet den Kopf und sieht zum Fenster empor Plötzlich springt er auf und geht bis dicht an das Fenster hin wo er stehenbleibt und hinausstarrt. Es war ein Blick, in dem sich das Leiden der ganzen Welt widerspiegelte. Sein Mund ist eigentümlich verzerrt, er streckt


