Ausgabe 
30.10.1936
 
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GiehenerZamilienblätter

Unterhattungrbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 76

Zreitag, den 2. Oktober

Jahrgang 1956

lbem Gelee, wozu es

schien ihr weit schwerer zu jeuii yu>ui.»

Kälte und hunger, aber ihre Seelen waren rauh regung und warf zwischendurch forschend lt von der Verzweiflung zerrissen, nicht von Sehn- Küche, ob nicht bald neues Essen tarne.

drückende Elend von

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selben Wein

der Delphine, Anna-Marie und Grain d'Or ein 'eigenhändiges Schreiben Pirruhns. v , , . . . ,

Pirruhn hatte sich seit fünf Tagen nirgends blicken lassen, und setzt

ekommen waren: jetzt fühlte er sich ungestört. Er ~ ' mit vollen

schrieb er:

Ich lade hiermit höflichst ein, morgen nachmittag meinem Hause meiner Totenfeier beiwohnen zu wollen. Mujikinstru« mente bitte ich mitzubringen. Ende gegen 6 Uhr. Letzte Grüße Pirruhn.

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Der reichliche Weingenuß brachte auch Livinus in gute Stimmung. Er wurde ganz weich davon und erfaßte Grain d'Ors Hand: das Mädchen freute fick sehr, weil sie glaubte, daß die matt gewordene Liebe neue

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was er brauchte. Es war eine Betäubung gewesen, und setzt loderte sein Herz in hellen Flammen wieder auf für die unerreichbare Katinka

Als der Sang zu Ende war, ries Pirruhn, in die Hande klatschend, äußerst froh und gerührtBravo!", weil Corenhemel nun wieder traurig mar und stürmisches Temperament zeigte, aber vor allem, weil Anna- Marie nun von einer unschicklichen Liebe befreit und erlöst wurde, die Pirruhn ein stiller Dorn im Herzen gewesen war, seitdem er sie ent- ^Gr klopfte Corenhemel auf die Schulter:Du bist wieder ein Delphin! Deine Liede gehört wieder den schönen Schemen. Du bist auferftanben, trinken wir auf deine Ostern! Jetzt kann ich ruhig sterben!"

Simon! Simon!" mahnte Schwan mit trauriger Stimme, als er Pirruhn so leichtfertig über seinen Tod reden hörte.

Livinius nahm sich vor, heute abend noch zu Anna-Marie zu gehen und ihr zu erzählen, was Corenhemel gesagt hatte. Er wußte sich vor Freude nicht zu halten, weil er nun die Möglichkeit sah, diese Liebe zu ersticken: im Bewußtsein seines Sieges fing er an zu trinken, ein Glas nnC@[U(tienb floß der Wein aus den verstaubten Flaschen, die Pirruhn für seine Hochzeit aufgehoben hatte. Das dunkle alte Getränk gab jedem allmählich eine fröhliche Laune.

Dann erhob sich Pirruhn, stemmte beide Fauste auf den Tisch und hielt seine Grabrede:Uebermorgen werde ich begraben sein, heute sterbe ich. Ich irre mich, ich brauche nicht mehr zu sterben, td, bin schon tot, mausetot. Ich brauche mich nur noch hinzulegen. Merkt euch das gut!

Mein Testament liegt dort in einem Briefumschlag unter dem Gold­fischglas. Meine ganzen Besitztümer vermache ich Fräulein Adelaide von

Kraft gewinne. . .

Kuckuck nahm zwischen jedem Gericht die Mandoline auf die Kme und sang neue Liebeslieder auf ein junges Mädchen, das feine Liebe nicht erwiderte, oder er rief scherzend zu Pirruhn: dir den Bauch noch einmal ordentlich voll und mache viel, viel Essig an deinen Salat, bann bleiben bir bie Würmer vom Leibe!"

Corenhemel sah meistens in Gebanken versunken da; Schwan hatte ihn in ben letzten Tagen öfters am Aermel zupfen müssen, well er so nie« berqeschlagen aussah: ein Seuszer unb eine nichtssagenbe Redensart waren bann feine einzige Antwort. Pirruhn, ber ihn fast feit einer Woche nicht mehr gesehen hatte, war angenehm überrascht.Es freut wich", rief Pirruhn ihm zu,bah ich bich vor meinem Tobe noch einmal mit einer traurigen Miene sehe. Das steht bir ausgezeichnet. Du wirst roieber ein echter Delphin. Willst bu mir einen letzten Wunsch erfüllen? Ja! Sing bann noch einmal bas Lieb von Katinka!"

Gern'" sagte Corenhemel plötzlich begeistert. Ein schönes Lächeln

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zu machen atif den ..

durch die Kehle rutschten, und wußte dem roten n Frankreich ein so herrliches Loblied zu fingen, önig ber Schlemmer, befürchtete, feinen Titel ein« ö bes guten Essens hatte heute nicht gefrühstückt, ht zu Derberben, unb er freute sich, baß bie beiden eti..... . .: rL

nd seinen Frack ausgezogen und igelt zum Reden, ließ die blutroten Fle ien, goß viel Sauce darüber und spülte

Faß hinunter. Er schwitzte vor angenehmer Auf- ischendurch forschende Blicke in der Richtung nach der

, - - » t' w x* w« c r> ka A XI C I war: nur Schwan kam die Sache verdächtig vor, und er betrachtete mit

i , q , '*'* , trnurinon Aiwen seinen Freund Pirruhn, ber sich benahm wie

kvOIOUr & Larev Contro Chart oaQegZX. - berben Art, bie jedoch eine große Herzensgute ' v*z * Picta'Qe e oüfte auf zu spielen unb zu fingen, bas weiche

kohl, worüber eine bicke, golbgelbe Eierfauce gc« achten; er pries ben zarten braungebackenen Fluß- unb ben Kopfsalat, fanb viele lobenbe Worte für geschmorte rote Kirschen gab, Reis mit eingemachten Apri-

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unb abgestumpft, nicht -- ... , ., .. . .

sucht und ständigem Gram zermürbt. Sie kannten nicht ben Jammer eines quälenden Gewissens. Sie lebten einfach unb plump in ben Tag hinein, ohne sich Gedanken zu machen, nahmen, was sie kriegen konnten, und schraken nicht vor Gewalt zurück, ohne seelisch barunter zu leiben. Sie freuten sich über ein Stück Brot unb einen groben Scherz unb hatten keine Ahnung von verbotener Liebe, bie das Herz tötet unb ben Tob herbeisehnen läßt.Ihnen kann mit Gelb geholfen werben", dachte sie,

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. Der Leichenschmaus.

Alle geladenen Gäste waren erschienen, mit Ausnahme von Anna- Marie, bie sich hatte entschulbigen lassen. Die Uhr ftanb noch immer still auf ein Viertel nach sieben, unb über Pirruhns Bilb hing ein Hanbtuch.

Pirruhn saß in der Mitte ber Festtafel, in seinem schwarzen Beerdi- gungsanzug, zum erstenmal in Schwarz seit seiner Erstkommunion.

Die Delphine, unb sogar Grain b'Or, hatten sich dahin verständigt, zum Scherz ebenfalls schwarz zu erscheinen, denn sie waren überzeugt, daß Pirruhn sie zum besten halten wollte. Die Männer trugen ein weißes Halstuch und hatten einen Trauerflor um ihre Hüte gelegt. Grain b'Or hatte nichts Buntes an sich unb putzte sich bie Rase in einem weißen Taschentuch mit schwarzen Punkten.

Alle waren ber Meinung, baß Pirruhn aus Aberglauben so hanbelte, in ber Hoffnung, baß er, indem er seinen Leichenschmaus jetzt feierte, noch lange leben würde. Ader jeder wunderte sich, daß Adelaide nicht zu den Gästen zählte und für sie auch nicht gedeckt war. 2üs Corenhemel nach ihr fragte, antwortete Pirruhn:Wer ist das ..."

Sie konnten nicht klug daraus werden, dachten auch weiter nicht dar­über nach, da ja jeder mit feinen eigenen Gedanken vollauf beschäftigt

mir nicht." , , , ..

Sie sah ben Bettlern nach, bie sich entfernten, und beneidete sie um die Einfalt unb bie dumpfe Ruhe ihres Geistes.

Da kam Joo Pastor. .

Diese Frau konnte die Zukunft deuten, sie hatte einmal zu Simnus gesagt:Eine Frau mit schwarzen Haaren wird dem Rad Ihres Lebens eine andere Richtung geben."

Frau ...", sagte sie zögernd.

Gnädige Frau?", sagte Joo Pastor, bereit, ihr zuzuhoren, wahrend sie mit ihren knochigen Fingern bie Münze von ber Türschwelle auflas.

Können Sie bie Zukunft voraussagen?"

Da nahm bas bürre Weib bie Hanb Anna-Maries, aber sie ließ sie gleich wieder fallen.