Ausgabe 
30.10.1936
 
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gebannt gewähren Lassenden nur noch der Anblick ihres dunkel über das Weiß seiner Arme hinab nach den dunkleren Sandsteintreppen fallenden schönen Haares ward.

Reglos verharrte so die Menge erst lange um das Paar. Niemand vermochte sich dem Eindruck des Gehörten und zu Sehenden entziehen, und der in solcher Art noch nicht vernommene Liebesbeweis und Einsatz einer Frau, die sich als lebendigen Klöppel in eine Glocke band und von ihr zerschlagen ließ, damit nur diese nach dem Urteilsspruch der Richter dem geliebten Manne nicht zum Sterbenmüssen ertönen könne nud er also am Leben bliebe diese einzige Tat legte sogar in die kalten Herzen der Inquisitatoren Erschütterung, und nach der nach einer Weile vernehmbar und allmählich immer lauter werdenden Forderung des ohnehin mit der ungerechten Verurteilung nicht einverstandenen zu- schauenden Volkes kamen sie in schneller ^Beratung dahin überein, den Gerichtsspruch aufzuheben und den Edelmann mit der Maßnahme des Landesverweises freizugeben.

Der ungeheure Jubel, der sich daraufhin erhob, weckte die bis da noch immer Bewußtlose auf, denn sie richtete sich in den Armen ihres Mannes, der ihr unaufhörlich leise, wie beschwörende Worte ins Ohr zugesprochen hatte, halb auf, und, wohl ahnend die Rettung des Ge­liebten, zeigte sie durch die entstellten Züge ein solches beglücktes Lächeln, daß vielen, die es sahen, Tränen in die Augen stiegen. Gleich darauf sank sie zurück sie lebte nicht mehr.

Bald danach, als sich der freudige Lärm rundherum infolge dieser unerwarteten und bestürzenden Wendung wieder gelegt und einer fast atemlosen, halb teilnahmsvollen, halb erwartenden Stille Platz gemacht hatte, sah man den jungen Edelmann von der Seite seines toten Weibes sich erheben, und, als ob ihn nichts mehr mit dieser Welt ver­binde, schritt er durch die stumm sich teilende Menge und hinauf zum Blutgerüst. Und ehe man ihn darin hindern konnte, hatte er das Schwert des Henkers ergriffen und sich mit dem RufeEs lebe das ewige Spanien" in es hineingestürzt. Er war nicht mehr zu retten. Ihm, dem binnen kurzem von einem Ferneren alles geschenkt und wieder genommen wurde, mußte das Nähere, das Irdische danach weniger dünken, zumal es von der ungerechten Gnade menschlicher Richtung ab­hängen sollte ...

Mexiko, das atte Indianerland.

Von Sofie von Uhde.

Wild und einsam, von den Schncegipfeln der.großen Vulkane überragt, liegt das weite, mexikanische Land unter der heißen Sonne Mittelamerikas. Der Hafen Veracruz, herrlich in der breiten Bucht gelegen, aber verwahr­lost und schmutzig die Aasgeier, die durch die Straßen trippeln und den Kehricht verschlingen, besorgen die Aufräumungsarbeiten hat tropisch üppiges Hinterland. Bananen und Palmen, Citrushaine, Kokos- und Kaffeepflanzungen dehnen sich weithin und machen erst in beträcht­licher Höhe einer gemäßigteren Flora Platz. Hoch steigt die Bahn, die von Veracruz nach der Stadt Mexiko führt, über 3300 Meter hoch, in herbe Bergeinsamkeiten und senkt sich dann zu der auf 2200 Meter gelegenen Hauptstadt hinab.

Eine seltsame Mischung aus modernem Amerika, spanischem Einfluß der Erobererzeit und alter Indianerwelt ist diese Hauptstadt, die die erste Million Einwohner schon überschritten hat. Wohl schieben sich Tag und Nacht unabsehbare Reihen von Autos unter ohrenbetäubendem Hupen durch die Straßen, wohl zerreißen neuzeitliche Lichtreklamen mit roten und blauen Blitzen unaufhörlich die Nacht, wohl stehen in den prunkvollen Foyers der neuen Oper Fremde aus aller Herren Ländern im Abendanzug umher. Aber an diese eleganten Wohn- und Geschäftsoiertel der Stadt schließen sich ohne Uebergang die primitiven und schmutzigen Eingeborenen­märkte und -Behausungen an und neben den mit allen Künsten neu­zeitlicher Kosmetik zurecht gemachten Europäerinnen schiebt sich der stille Indio durch die Straßen, im riesigen Strohhut und im selbst­gewebten Umhang wie vor Jahrhunderten. Und draußen im Land, ein paar Meilen nur von der lebensprühenden, aufgeputzten Hauptstadt ent­fernt, stehen dieselben Lehmhütten, wie vor Cortez' Zeit, derselbe Stachelpflug zerreißt die Erde wie damals, am primitiven Webstuhl der Vorfahren sitzt das Indianerweib und webt die alten, schönen Muster, und es ist, als schwebte über dem herrlich wilden Lande, in dem noch fo viele ungehobene Schatze versunkener Kulturen schlafen, noch immer der Geist der alten, aztekischen Götter. Sehr schön ist der, für die Be­griffe des raumarmen Europas, ungeheuer weite Zokalo, der Haupt­platz der Stadt mit der prachtvollen Kathedrale, die leider durch das letzte Erdbeben sehr gelitten hat. Sie ist von den siegreichen Spaniern auf den Resten eines Aztekentempels erbaut worden und unter ihr fand man sehr viel später den berühmten, riesigen, steinernen Sonnenkalender der Azteken, der Aufschluß über die hochentwickelte Zeitrechnung dieses Volkes gab. An diesem Platze findet sich auch der schöne National­palast. Vor den Säulen dieses Palastes flutet das ganze, bunte Leben Mexikos vorüber: Händler, Fremde, Landvolk, spanisches und indiani­sches Blut und nicht zu vergessen die unzähligen.Schuhputzer.

Dieses Schuhputzen spielt eine große Rolle im Straßenleben, denn kein Hausmädchen, kein Angestellter in einem Hotel, würde sich dieser Arbeit unterziehen, sie obliegt einer eigenen Gilde, die ihrer Tätigkeit mit wahrem Jagdeifer nachgeht. VomUnternehmen", der mit großer Geste in einen mit bequemen Sesseln ausgestatteten und mit Radio­klängen erfüllten, nach der Straße zu völlig offenen Raum einlädt, bis '3um kleinen Jndiojungen, der mitten unterm Verkehr hockt und bürstet, was er zu fassen kriegt, sind sie alle dauernd hinter einem her. Und sie putzen mit Liebe, und das muß man sagen, mit allen Schikanen, die Schuhe sind das Sauberste in diesem Lande.

Ein ganz reiner und seltener Genuß ist das Museum, gefüllt mit den herrlichen Spatzen der beinahe sagenhaften Kulturen des alten Mexiko; auch einige Stücke der seltenen Majakultur sind darunter. Allzuviel ist der Glaubenswut der spanischen Priester und den Kriegern des Cortez

zum Opfer gefallen, die vor den Augen der entsetzten Azteken die Götter­bilder von den Mauern der Kultstätten herabstürzten und so unersetzliche Werte vernichteten. Aber es steht doch noch viel fremdartig Schönes in diesem Museum, in dem sich viel einfachstes Volk drängt, armselige kleine Indianer, die mit großen, dunklen, stummen Augen die Götter­bilder anstarren, die der weiße Mann ihren Vorfahren entriß. Auch draußen bei den großen Pyramiden der Sonne und des Mondes, eine Stunde Autofahrt von Mexiko entfernt, gewinnt man ein beinahe lücken­loses Bild von dem Götterkult Alt-Mexikos. Diese Pyramiden sind noch gewaltiger als die der Aegypter und prunkvoller, vor allem die des Quetzalcoatl, des Gottes der Luft, deren oben abgeplatteter Kegel mit riesenhaften Tierköpfen und schönen Treppen reich gegliedert ist. Wun­derbar ist der Blick von den Spitzenplateaus dieser Pyramiden ins weite, mexikanische Land hinaus und noch immer umraunt sie etwas von dem heiligen Grauen, das früher aus der verhängnisvollen Mulde in ihrer Mitte, dieser mit Blut und Stöhnen der Menschenopfer um­kränzten Tafel der Götter, zu den am Fuße der Pyramiden harrenden Volke hinabsank.

Vor den Toren der Stadt ruht auf einer weiten Terrasse, die den Blick über das Hochtal, in dem die Stadt Mexiko liegt und auf den ewigen Schnee der noch rauchenden, großen Vulkane Popocatepetl und Jxtaccihuatl freigibt, das kleine, einfache Schlößchen, in dem Kaiser Maximilian, der junge, österreichische Erzherzog, seinen kurzen, aben­teuerlichen Kaisertraum träumte, der ihn vor die Gewehre der Mexi­kaner und seine Gattin Charlotte in die Nacht des Wahnsinns führte. Von dort leitet der wunderschöne, breite Paseo de la Reforma hinab und zur Stadt zurück, in seinem Umkreise liegen die vornehmen Villen und das Gesandtschaftsviertel und an der Oper, wo diese Prachtstraße endet, liegt unfern das deutsche Haus, wo unsere Landsleute, die ganz zahlreich sind in Mexiko, in den Stunde der Erholung zusammenkommen und wo mir eine unvergeßliche Feier zum Jahrestag des Dritten Reiches die Starke und Verbundenheit deutschen Blutes in der Welt bewies.

Aber so interessant und bunt auch das Geben in der Hauptstadt und so schön ihre nähere Umgebung ist, so wird doch nur der Mexiko kennen, der in den weiten, tiefen Einsamkeiten des riesigen Landes untergetaucht ist. Außerordentlich dünn besiedelt von zehn Millionen Indianern, drei Millionen Mischlingen und einer Million Weißen, bietet dies wilde Ge­birgsreich noch allen Zauber unberührter Natur und unverfälschter Niederlassung der Urbevölkerung. Zwar sind sie ein gebrochenes Volk, diese Indios, wie alle Indianer, die unfrei wurden; fein Volk der Erde verträgt so schlecht die Fremdherrschaft, sie knickt sie in ihrer Blüte. Ein schönes, dunkles Volk find diese mittelamerikanischen Indianer, sehr freundlich und gefällig, von einer edlen Bescheidenheit, aber still und ohne rechte Lebensfreude in den schwarzen Augen. Die Art, wie sie am Alten hängen, an den überlieferten Geräten, an der Kleidung der Vor­fahren, an den alten Sitten, an der alten Erde, hat etwas sehr ehr­würdiges und vornehmes. Nirgendwo ist mir bas fo stark zum Bewußt­sein gekommen wie in Tasro, der uralten Indianerftadt, hoch oben in den Bergen, das einer modernen, sehr bunten und sehr freien Künftler- kolonie aus aller Herren Ländern zum Aufenthalt und Studienplatz geworden ist. Von diesem bewegten Treiben hebt sich das stille, fast etwas schattenhafte Leben der Indios in ganzer Schärfe ab, sie bieten einen Hintergrund wunderbaren und unbewegten Nerwurzeltseins mit dem Vergangenen für dies unruhige und kosmopolitische Künstlervolk.

Der allsonntägliche Markt unter den riesenhaften Bäumen vor der einzig schönen, alten Kathedrale von Tasco, im Herzen des ringsum über die Höhe kletternden, an die Felsen gekrallten Bergnestes, ist äußerst interessant für den, der die äußeren Formen sowohl, wie das innere Gesicht der Völker, ihre wandelbare Unwandelbarkeit zu studieren liebt. Dafür sind die Eingeborenenmärkte in aller Welt der beste Ort und so auch in Mexiko.

Von Farben überflutet stapeln sich die Hügel aus Früchten des Landes, Mais und Zuckerrohr türmen sich zu Bergen, Stoffe und Töpferwaren breiten sich weithin, grelle, gefchmacklose Fabrikware für die Fremden und für die Mischlinge und dazwischen liegen still die schönen, alten, sanftgeschwungenen Gefäße, die herrlichen, handgewebten Decken, die riesigen, handgeflochtenen Strohhüte der Indianer und manche Silberkette, mancher eingelegte Kamm am Nacken und Haar der am Boden hockenden Verkäufer atmen noch die ganze Schönheit unver­bildeter und naturnaher Vorzeit. Mit hängenden Ohren stehen zwischen dem Gewühl die geduldigen Eselchen, die alle diese Schätze und den Ver­käufer und feine Familie dazu auf den Markt geschleppt haben.

Viehmarkt ist auch immer dabei, und die berittenen Hirten bilden einen grellen Gegensatz nicht nur zu den übrigen, unscheinbaren Indios, sondern auch zu ihren eigenen Herden. Denn was sie da aufgetrieben haben ist weder zahlreich, noch von Rasse beschwert: ein paar winzige, fettfreie Schweinchen, die quiekend an dem Strick um ihr Bein zerren, Truthähne und magere Hühner, abscheulich an den Füßen, den Kopf nach unten, umhergeschleppt, ein paar Kühe, die sich mit der Milch­wirtschaft nicht mehr befassen und ein paar alte Maulesel, die nur noch den einen Wunsch haben, zu schlafen, das ist alles. Aber wenn nur der Hirte nach was aussieht, gleich kosten seine Tiere ein paar Pesos mehr. Und diese Hirten sind nicht schlecht aufgeputztl Auf viel zu scharf auf­gezäumten Pferden sprengen sie umher, Sporen an den Füßen wie Don Quichotte, riesige, blitzende Räder mit langen Stacheln, auf die sie nicht wenig stolz sind, allerhand blinkendes Metall und geschmücktes Lederzeug von oben bis unten und auf dem Kopf einen Hut, groß wie ein Haus! Wer würde da noch nach den Mängeln der Ziere schauen? Alles starrt begeistert die herrlichen Hirten an, und vor allem die Mädchen können sich nicht genug tun im Schauen und errötendem Kichern, wenn im späten Nachmittag der Markt zu Ende ist, die be­ladenen Eselchen in Wolken von goldenem Staube heimwärts trotten und nur die schönen Hirten noch unternehmungslustig hinter dem Schank­tischen vor einem Glase Pulque lehnen und auf Abenteuer {innen.

Berantwortlich; Dr. Hans Thyrivt. Druck und Verlag: Brühl'jche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. ZU Lange, Gieße».