Der aufmerksame und anspruchsvolle Leser wird sich "Eder von einem, noch vom andern betrügen lassen, v in gute» Duch schwindelt nicht, nicht bi der Form, nicht im Inhalt. Der Kern seines Lesens nuifl nicht jedem schmecken, die Geschmacksrichtungen sind verschieden. Ader eine wirkliche nute Frucht vom Baum der Dichtung zu verkennen und zu niii,achten bleibt einzig der geistigen oder seelischen Beschränktheit oder dem oerd ö rb en en, durch Uesegiste und andere schädliche Wirkungen ge
übten Gemüt Vorbehalten. m „ ...
(gerade die einsachen, unverdorbenen Naturen ftniren am eindving- llchsten und in naiver Bereitschaft den Zauber und die Beglückung wahrer, wirklicher Dichtung.
Ein Buch, das die Forderungen Friedrich Schnacks erfüllt, ift der Roman ,D le golde ne n Schlösser" von Friedrich B i, ch o s ,, über den Friedrich Schnack solgende» Urteil abgnb: „Das Buch .Die goldenen Schlösser' der ergreisenden tgesehlchte des wundersamen Mädchen» Agnele non geheimnisvoller Herkunft, das alle Welt um sich verzaubert und auch verstört und an dieser Welt nach kurzem Seeleuglück bittere Not leiden wus, 1(1 nicht nur ein die Anteilnahme de» Lesers nicht loslns ender Roman, sondern auch eine herzerregende Dichtung von lauterer Kraft und hoher Slnnblldllchkell. Mlt einem Werk tritt Friedrich Bischoss, ein bisher kaum Bekannter, In die Reihe der besten zeilgenösslschen deutschen Dichter und Schriststeller. Sein Buch mehrt den Schaft unserer zeitlofen Literatur. Die Erzählung lsl urdeulsch, gespeist von allen Gemüts- und Seetenkrösten, rührend und beseligend wie ein Volkslied, ebenso nntursromm und wahr. Sastlg. Es darf bleibender Liebe «ewift sein. Der Tiesbtick de» Dichters, irast und Schmelz seiner unverdarbenen und reichen Sprache, die blühende Erfindungsgabe und die Fähigkeit der Gestattung haben mich nachhaltig berührt. Wie mit dem Glanz einer Erscheinung wirkte aus mich die hold elige und tragische Figur de» Mädchens. Agnete tritt als jüngste Schwester zu den vielen schönen Frnuenbildern der deutschen Dichtung.
Vas Atmenbild.
Von Friedrich Hölderlin.
Alter VaterI Du blickst Immer, wie ehemals, noch, Da du gerne gelebt unter den Sterblichen, Aber ruhiger nur, und
Wie die Seligen, heiterer
In die Wohnung, wo dich, WaterI das Söhnlein nennt, Wo es lächelnd vor dir spielt und den Mutwill übt, Wie die Lämmer im Feld, auf
Grünem Teppiche, den zur Lust
Ihm die Mutter gegönnt. Ferne sich hallend, lieht
Iym die Liebende zu, wundert der Sprache sich lind des jungen Berflaudes
Und des blühenden Auges schon.
Und an andere Zeil mahnt sie der Mann, dein Sohn:
An die Lüste des Mais, da er geseuszt um sie,
An die Bräutigamstage,
, Da der Stolze die Demut lernt.
Doch es wandle sich bald: Sicherer, denn er war, Ist er, herrlicher ist unter den Seinigen
Nun der Zweisachgellebte, Und ihm gehet fein Tagewerk.
Stiller Vaterl Auch du lebtest und liebtest so:
Darum wohnest du nun, als ein Unsterblicher, Bel den Kindern, und Leben, Wie vom schweigenden Aelher, kommt
Oesters über das Haus, ruhiger Männl von dir.
Und es mehrt sich, es reift, edler von Jahr zu Jahr,
In bescheidenem Glücke,
Was mit Hoffnungen du gepflanzt.
Die du liebend erzogst, fleheI sie grünen dir,
Deine Bäume, wie sonst, breiten ums Haus den Arm, Voll von dankenden Gaben;
Sichrer stehen die Stämme schon;
Und am Hügel hinab, wo du den sonnigen
Boden ihnen gebaut, neigen und schwingen sich
Deine freudigen Reben,
Trunkener, purpurner Trauben voll.
Aber unten Im Haus ruhet, besorgt von dir, Der gekelterte Wein. Teurer ist der dem Sohn, Und er sparet zum Fest das
Alte, lautere Feuer sich.
Dann beim nächtlichen Mahl, wenn er, in Lust und, Ernst Von Vergangenem viel, vieles von Künstigem
Mit den Freunden gesprochen.
Und der leftte Gesang noch hallt,
Hält er-höher den Kelch, flehet dein Bild und spricht: „Deiner denken wir nun, dein, und so werd' und bleib’ Ihre Ehre de» Hause»
Guten Genien, hier und sonstl"
Und e» tönen zum Dank hell die Kristalle dir;
lind die Matter, sie reicht, heute zum erstenmal,
Daft e» wisse vom Feste,
Auch dem Kinde von deinem Trank.
Vie ftrmi in öcr (Klocke.
Eine Geschichte au» dem heroifdH’ii Spanien.
Von Eberhard 'M e ck e l.
AI» Ferdinand der Siebente, den die Geschichte unter den nicht», würdigsten Gestalten nennt, die |e aus einem Throne saften, nach Napo- kau Bonapartes Sturz in Spanten wieder da» unbeschränkte Königtum ausrichtete, da mürben alle Anhänger der sogeuannlen Horte» mit schlimmste Verfolgung bedacht.
Diese Eoriesleute, wenn zwar sie schon in der berühmt gewordenen Kousiitution vom Jahre Zwölf eine freiere Berfafstmg Im Dienste des Volke» anstrebten und die uneingeschränkte Macht de» König» und der Priester eindämmen wollten, seftien sich gröfstenteil» au» aufrechten Männern zusammen, die seinerzeit den Franzosen, welche Spanien zu knisteren gedachten, einen heldenmütigen Freiheitokamps geliefert und also gleichsam erst wieder den Boden siir dle Rückkehr de» Königinm» und der Kirche au» der napoleonischen Verbannnnug bereitet hallen. Aber man lohnte e» ihnen nicht, sondern suchte Ihrer habhaft zu werden, wo man konnte.
Von ihnen geriet unter anderen durch Verrat auch ein junger Edelmann in die Hände Der königlichen Häscher, der sich vor allem In zahlreichen Guerlllakänipseu gegen dle frauzöslschen ü indringllnge ausgezeichnet und auch sanft der spanischen Sache in jeher Weife hervorragend gedient hatte, ja selbst Immer dafür eingetreten war, be» Königs, was de» König», und der Kirche, was der Kirche fei, zu geben. Da er dies jedoch Im Gedanken an die Rechte de» Volke» nur nut ruhigen, Maft getan, entsprach da« dem nwfüofen Anspruch der weltlichen und geistllchen Möchte nicht, und da man anfterdern Ihn |ür später vielleicht noch al» gefährlich ansah, genügte dies schon, um nicht lange über Ihn Gericht zu slften. Das, man Ihm gerechterweife keine Schuld zuschieben konnte, reichte au», Ihn für schuldig zu befinden, und so roaro kurzerhand feine öffentliche Hinrichtung für den gleichen Abend fest gefetzt.
Run aber war der Verurteilte, der mit verächtlicher Miene den chnndbaren inguifllorischen Spruch über Leben und Tod angehört hatte, jerabe eben verheiratet; feine Frau liebte Ihn zärtlich, wie er sie, und le konnte sich nicht denken, das, derjenige, mit dem sie sich sür ein flanve» Dasein eingerichtet hatte und der ihr nm Morgen au» den ilrmen gerissen wurde, bleich und kalt und nur noch für die Verwesung fei, ehe die Sonne, welche im Ausstiege noch ihr gemeinsame» Glück beleuchtet, ganz unterglnge.
Weil sie dies alles nicht fasste und nicht wie ihr Mann eine Fassung In der Einsicht fand, das, jegliche» Wort dagegen der Ungerechtigkeit des Urteil» nur die unverdiente Ehre einer Beachtung antue, gelang es ihr mit einem Willen, den mir das Unglück eines liebenden, nur ihre 'Well sehenden Weibe» aufzubringen vermag, fist, fas! erniedrigend, um Gnade zu bitten. Aber es war umsonst. Es wurde ihr bedeutet, daft wie üblich beim Säulen der Abenbglocke des Dome« — deren gewaltiger Schall »ft genug herhalten musste, da» Murren der einer ungerechten Hinrichtung auf dem Dom platz zuschauenden Volksmenge zu tibertönen i,n ( h de, Gericht, auf leben Fall m finden werde. Und gegen diese Auskunft hals der Fran keine noch fo laute und flagenbe Beschwörung: An den steinernen Gesichtern derer, die sie anflehte, prallten ihre Blicke und Worte ab, und der Glanz ihrer Tränen ent- zündete keinen Gegenglanz In den unbeweglichen und über die Bitt- I teile rin Hinwegfehenden Augen.
So kam der Abend heran, und die Zurüstungen für den Urteilsvollzug waren bereits Im Gang. Der junge Edelmann stand schon auf dem Schafott, der Henker machte sich daran, dem erhobenen Haupte» und ganz ruhig Dastehenden den Racken zu halbieren, und alle» wartete, daft Die Abendgtocke da» Zeichen zum eigentlichen Aki der Hinrichtung gebe. Aber nicht« dergleichen geschah, sah man auch, olo nach einer Wetze schon ungeduldig de« Warten» und der Verzögerung die Richter und mH Ihnen die schaulustige Menge znm Domturm emporblickten, gleichwohl die schwere Glocke sich oben Im Joch hin und her bewegen, wie e« ist, wenn unten am Strang gezogen wird — doch war fein Schall davon zu vernehmen.
Da» bünfle allen, vorab dem Glöckner und feinen Gehilfen, die lick, wie Immer mit aller Kraft, aber diesmal vergeblich, ins Seil geworfen halten, seltsam, und man schickte in den Turm hinaus, die Ursache de« Versagen» Der Glocke zu entdecken. Und von oben kam bald diese Kunde: Es war, mit Leib und Händen am riesigen Klöppel angebunden, ein Weib gefunden worden, und sie hing nun dort oben ohne Bewusstsein. Man machte sie endlich los und barg sie, eine Halbtote, elend zerschlagen olfenbar nach dem, wie ihr leichter Körper mit dem Klöppel, heu sie umdeckle, an da» metallene Gehäuse ohne Laut und unbarmherzig an- gewuchtet worden war ...
Dieser ungewöhnliche Vorsast wurde wie ein Lausseuer befaunl, und dessen Ungewöhnlichkeit bewirkte, daft man darüber und im Zusammenhang damit der Hinrichtung al» de» Im Augenblick weniger wichtigen Ereignisse« fast vergas, und selbst mit hem Weitergang her letzten Ze re- monien zur Vollstreckung des Urteils Inneljlelf, ehe sich altes geklärt und beruhigt und die Glocke wieder läuten könne.
Mittlerweile aber hatte man auch den eigenartigen menschlichen Fund von Gtockenstuht hinabgebracht aus den Domplaft, und da sahen auch gleich die Richter und diejenigen, die sie kannten, das, man hier die unge Frau de» zum Tode bereiten Edelmann» vor sich hatte. Wie es bann geschehen sein mochte, daft über der Bewegung, die nach dieser sich ebenfalls wieder unoerzügtich ausbreitenden Neuigkeit die Menge ergriff und jegliche Ordnung unter ihncn auf dem weiten Platze und In den angrenzenden Straften aushob, plötzlich der eben imd) ruhig neben dem Henker auf dem Schaugerüfl »erharrende Verurteilte zu seinem auf den Domflusen niedergelegten Weib gelangte, da« wird ein Geheimnis bleiben. Tatsächlich aber bemerkte man ihn auf einmal neben der Zerschlagenen, die man halb mit einem Tuche bedeckt hatte, auf- tauchen — man sah, wie er sich über sie, die noch atmete, beugte und behutsam ihr halb unkenntlich gewordene», aus der Seite Ika-mhe« Gesicht In feinen Händen barg, so das, dem Umherstehende» und ihn wie


