Ausgabe 
31.1.1936
 
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Einmal, nach tagelangem Marsch durch den Dreck der aufgeweichten Feldwege, stößt man aus eine Straße, eine Straße mit hartem, richtig gewölbtem Schotterrücken. Aber auf dieser Straße trabt eilig srontwärts eine deutsche Division... Di«Oesterreicher" dürfen sie nur gerade kreuzen.

Siehst du, das haben wir deinen Deutschen zu verdankenl" spottet Gerö, der übrigens zu jenen ungarischen Offizieren gehört, die verhält­nismäßig selten über die Deutschen schimpfen.

Möß nimmt kein Auge von den vorbeirasselnden Batterien. Zum erstenmal im Leben sieht er deutsche Artillerie. Sie haben plumpere Geschütze, schwerere Pferde als wir, stellt er fest. Alles ist einheitlicher, vorschriftsmäßiger, starrer als bei uns... Wirklich, mit diesen da ver­glichen sind wir das reinste Zigeunerpack.. Und nun nehmen sie auch noch die gute Straße für sich in Anspruch und lassen uns die Feldwege.

Aber zu Gerö sagt er:Wer weih, es könnte doch feine besonderen Gründe haben, daß ..."

Einmal kreuzen sie auch einen Schienenstrang. Kreuzen ihn dicht an einem großen verbrannten Bahnhof. Eine Stadt muß also in der Nähe sein. Und schon wandert ihr Name von Mund zu Mund: Zborow. In Zborow gibts heute Nachtquartier, Jungens! Eine halbe Stunde später merken sie, daß die Straße wieder schmaler und dreckiger wird, die Hügel kahler. Die Dörfer heißen Manilowka, Jaroslawicze ...

Einmal ...

Einmal ...

In Olejow hören sie Kanonenschüsse. Eigene oder feindliche? Achsel­zucken die Antwort dessen, der gefragt wird.

Gerö läßt seine Leute im Schloßhof neben den verkohlten Stallungen Lager beziehen. Es ist schon dunkel, als er seinen Arm um Möß legt und mit dem Kopf hinüber nach dem Schloß winkt.

Gyerünk, kicsi szäsz! Komm, Kleiner!"

Das Schloß ist nicht verbrannt. Es steht am Ende einer breiten, fürstlichen Allee und eines seiner Zimmer ist erleuchtet. Den Kadetten befällt eine Stimmung voll Süße und Weh, wie sie Arm in Arm unter den dunkeln Kastanien dahinschreiten. Es überfallen ihn Erinnerungen aus einer andern Welt, die doch keine Erinnerungen sind. Wird er jemals im Leben noch durch Alleen schreiten, durch Alleen, wo Frauen und Kinder ...?

Nichts steht an diesem Abend zwischen Gerö und Möß. Man ist sich ganz nahe, ganz nur Mensch, ganz nur Freund. Deshalb sprechen sie kaum. Und wer schon von ihnen ein Wort sagt, flüstert es bloß.

Jetzt gehen sie an dem erleuchteten Fenster lautlos vorbei und dann langsam auf geheimnisvollen, unwirklich sorghaft gepflegten Parkwegen rings um den Bau herum. Auf der gegenüberliegenden Seite finden sie den Eingang offen.

Gyere, gyere!"

Gerö zündet drinnen, in der Finsternis der unbekannten Räume, ein Streichholz an. Auf einem Ecktisch steht ein dreiarmiger Leuchter. Sie stecken seine Kerzen an und nun erst können sie sich recht umsehen.

Ja, jetzt merkt man: diese Zimmer sind fluchtartig verlassen worden. Noch ist alles durcheinandergewirbelt. Aber oh fein hat sich's hier schon einmal leben lassen! Da hängen Hirschgeweihe, prachtvolle Hirsch­geweihe an den Wänden. Man tritt auf dicke, weichhaarige Felle, die über den Fußboden gebreitet sind. Ausgestopfte Tiere glotzen die behut­sam Schreitenden an. Bor dem Bildnis einer jungen Frau bleiben sie gebannt, sprachlos, lange stehen. Möß hält den Leuchter ganz nahe heran, kann sich nicht trennen von dem schönen Antlitz.

Auf einmal hören sie Musik aus dem Nebenraum.

Ein Klavier!

Wie vom Schlag gerührt bleiben sie stehen, löschen vor Schreck die Kerzen, lauschen dem Spiel.

Den Kadetten überläuft es zugleich kalt und warm. Er schließt die Augen. Er taumelt. Wenn jetzt dort, hinter der Tür, die Dame...? Das Herz schlägt ihm bis an die Kehle, als das Stück zu Ende ist und Stim­men drüben laut werden.

Wer um des Himmels willen...?" fragt er flüsternd.

Gerö gebietet ihm Schweigen, horcht gespannt hinüber. Nach einer Weile tastet er sich dann an Möß heran, führt ihn auf den Zehenspitzen zum Ausgang hin:Das ist niemand anders, mein Lieber, als Oberst Gornbos, Kommandant der Brigade Clöre, und sein Adjutant Fejsrväry, ein guter Musiker. Ich habe sie an ihren Stimmen erkannt. Komm, lassen wir den Alten allein. Er hat Musik jetzt nötiger als wir ... wir zwei ..."

®e Brigade Elöre besteht aus zwei Szekler Honvedregimentern. Es stecken aber auch viele Rumänen in ihnen, viele sächsische Unteroffiziere und Offiziere. Was tufs? In der Pranke ihres Führers ist auch diese Truppe zu einer einheitlich siebenbürqischen geworden, zu einem bewun­derten Werkzeug infanteristischer Schlagkraft. Gerö hat schon früher ein­mal in ihrem Verbände gestanden.

Unter ihnen, Freundchen, fühlt man sich recht zu Hause. Das ganze obere Miereschtal und die kleine Kokel findest du in ihren Reihen die Holzknechte der Görgeny, die Flößer von Birk, die Hirten der Mezösäg. Sie dudeln Lieder und Weisen, die unsere Ammen fangen. Jede Kom­panie fuhrt einige Zigeunergeigen mit. Gornbos hat den Unterführern ausdrücklich befohlen, es zu gestatten. Da wird dann auf dem Marsche gefiedelt ober im Lager oder in den Unterständen, je nachdem... Und manchmal wird sogar getanzt .."

Ja, aber gerade immer gemütlich ist die Zusammenarbeit mit dieser Truppe nicht. Cs ist wahrscheinlich viel einfacher, merkt Möß sehr bald, und verpflichtet zu viel weniger, den Heerestrott mittelmäßiger Truppen und mittelmäßiger Führer mitzuhatschen ...

Man befiehlt Gerö, flugs in Feuerstellung zu gehen, und zwar dort­hin und dorthin. Als es geschieht, stellt sich heraus, daß der Raum vor Ihm noch nicht einmal durch Feldwachen lose gesichert ist. Man wider­

ruft den Befehl. Kaum ist er wieder zurück, jagt man ihn schleunigst nochmals an denselben Fleck. Und jetzt ist die Infanterie schon so weit vorgerückt, daß alle artilleristische Unterstützung bereits überflüssig geworden ist.

Trotzdem man empfindet die Nähe dieses scharfen Geistes wohl­tuend. Man wird zwar geschunden, es ist wahr. Man wird gelegentlich sogar fürchterlich angeschnauzt als angeblich nichtswürdiger ägyu-bäcsi, Kononenonkel. Aber erstens läßt Gerö sich Grobheiten ehrlicher, alter Haudegen und verstünden sie noch so wenig von seiner Waffe gerne gefallen. Er lebt in ihrer Welt und weiß, wie sie gemeint sind. Zweitens nötigt ihm, abgesehen von allem andern, ein Umstand restlose Bewunderung ab. Die Postenkette dieses Mannes ist wie er selber. Pantherhaft vorpreschend hier, listig ausweichend dort. Eine Angelegen­heit des Mutes und der Jagd. Grund genug, fein Herz, das Herz des ehemaligen Karpathenjägers Gerö, vor Freude hüpfen zu lassen.

*

Fein übrigens, wirklich fein, wie sich das Außergewöhnliche gleich auch in Kleinigkeiten, im Spiele des Zufalls, im Glück verrät.

Möß hatte, Tage darauf, die Pferde wieder einmal in einem kleinen Wäldchen, gegen Fliegersicht gut geschützt, verborgen. Ein steiler Hang deckte wahrscheinlich sogar gegen Granaten. Man hatte auch schon pro forma ein kleines Gebumse veranstaltet. Das war von Zeit zu Zeit, selbst bei unaufgeklärter Gefechtslage, notwendig. Nun ja, denn nicht alle Führer da hinten waren wie Oberst Gornbos. Befaß man denn über­haupt noch Kanonen? fragten sie nur allzu leicht, wenn sie sie einen Tag lang nicht böllern hörten. Tatsächlich war die Infanterie jetzt wieder weit vorgeschnellt und Gerö hatte die Schüsse einfach in die Binsen geschickt. Er spähte sich zwar in der Beobachtung die Augen aus dem Kopf, aber im diesigen Gelände war weder Feind noch Freund an irgendeinem Punkte mit Sicherheit festzustellen.

Da schafften die Fahrkanoniere und Pferdewärter im nahen Wäld­chen dem langweilig dahindusternden Tage einen Inhalt, der ihr sym­pathisches Halunkentum wieder ins rechte Licht setzte. Sie hatten im Birkengebüsch ein Jmkerhäuschen entdeckt und sich an seiner süßen Habe vorerst mal selber recht gütlich getan. Nun aber waren sie satt und über­satt und schleppten mit triefenden Händen in Eßschalen, Tränkeimern, Hafersäcken die gelbe Wabenfülle zur Geschützstellung heran.

Hier breiteten sie großmütig und mit schmunzelnder Beutelust den eroberten Schatz vor der Bedienungsmannschaft aus.

Da habt ihr, Herrschaften! Gebt nur acht, daß es euch nicht geht wie Imre, dem Burschen. Heißhungrig, wie er war, schluckte er zwei Bienen mit hinunter. Die haben ihm einen Gaumentanz aufgeführt, daß er das Wäldchen hier in seinem Leben nicht mehr vergessen wird."

Dem Kadetten wird eine besonders schöne Wabe angeboten. Trotz der Warnung beißt auch er davon wie von Brot. Seit wann hat sein Kinder­gaumen keine Süßigkeit mehr gekostet? Gierig schlürft er den dicken Seim. Und es ist, als hielte ein Strom von Erinnerungen Einzug in sein Herz.

*

Wo in des drei Teufels Namen steckt bloß der Russe? Nun jagen sie ihm schon nach bis in den tiefen September hinein und haben ihn seit Urlow so recht nicht mehr zu fassen gekriegt. Ja, jagen sie ihm überhaupt noch nach? Verdient das, was sie täglich tun, noch den Namen Vor­marsch, Verfolgung, Eroberung?

Wirklich, sie haben keine Stunde Ruh' und erreichen doch niemals ein Ziel.

Seit acht Tagen geht der Name Sereth unter ihnen um. Sie wissen es, es ist ein Fluß wie die Strypa, die sie sahen, und die Zlota-Lipa, die sie beinahe schon vergaßen, ein Fluß, der wie jene dieses Land von Nord nach Süd durchquert, eine natürliche Verteidigungslinie des Russen. Sie müssen jeden Augenblick darauf stoßen und doch kommt es nie dazu. Knapp vorher weichen sie immer wieder seitwärts aus, können sich aus dem Knäuel der Berge hier nicht mehr lösen.

Abend für Abend senken sich die Wolkenbänke des Herbstes tiefer auf die qualmenden Wälder nieder, fällt ein Nebelvorhang mehr zur Erde. Bald hüllt das feuchte, nachgiebige, wolkige Gewebe sie so gänzlich ein, daß Blicke und Gedanken sich schwer darin verfangen und Weg und Steg sich im triefenden Grunde verlieren.

Wer wagt es da noch, mit Waffen gegen dies graue Ungeheuer vor­zugehen? Wer ist noch Kind genug, um zu glauben, dieser dichte Schleier ließe sich wie andere feindliche Gewalten jemals mit Mut und Keckheit bezwingen? Jeden, der es unternahm, hat der Wald behalten, der Nebel verschluckt, die Nacht verweht. Nein, keiner kehrte, der seit Tagen tastend ging, aus Sumpf und Tal und Forst zurück.

Kutyaläb!" schimpft Gerö öfter noch als gewöhnlich,immer schon war es so: meisterhaft verstand der Russe den Rückzug."

Mitten in einen dieser regnerisch verhängten Tage sprengt ein Reiter herein. Pariert fein Pferd, daß ihm fast das Kreuz bricht, vor der Nase Gerös. Eine Wolke von Dampf und Nebel läßt ihn überlebensgroß erscheinen.

Leutnant soundso, Adjutant des Oberstleutnant Graf Eszterhäzy stellt sich gehorsamst vor. Befehl des Brigadiers: Oberleutnant von Gerö fetzt sich mit der Gebirgshaubitze sofort in Marsch, um die Serethbrücke bei Jwaczow-Gorny, vor der Front des rechten Nachbarkorps, zu zer- stören. Rusten greifen aus dem Raum von Tarnopol zu beiden Seiten der Eisenbahn heftig an."

Nanu", fagt Gerö, das klingt ja wie eine Meldung auf dem Exerzier­platz von Hermannstadt!"

Dabei denkt er leise vor sich hin: Eszterhäzy, Eszterhäzy, obwohl dieser Name so bekannt ist, ich habe ihn noch nie an unserer Front nen­nen hören. Sollte der Mann vielleicht eben erst aus dem Hinterland ...?

Und er schüttelt den Kopf über die Romantik dieses Befehles.

(Fortsetzung folgt.)