Verantwortlich: Dr. Haas Thyriot. - Druck und Derlag: Drühl'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. R. Lange, Giebel
Kurz! Ja, freilich! Das geht nicht so geschwind.
Das geht alles der Reihe nach, Ordnung muß sein, und für was Is denn der Advokat da?
Und so fängt er denn an. Wie er in der Früh aufgestanden ist und an nichts gedacht hat; wie er dann schön langsam zum Wirt hinunter gegangen ist; wer ihm begegnet ist und was sie geredet haben; wer beim Wirt schon da war, und wie er eine Maß getrunken hat, und dann noch eine und hernach wieder eine. Und wie er immer noch an nichts gedacht hat. Daß dann am andern Tische der Pfeifergütler von Huglfing gesessen ist, der miserabelste Mensch, seitdem das Schlechtsein erfunden worden ist. Mit dem er schon vor fünf Jahren einen Prozeß gehabt hat; wißen S', wegen dem Kirchenweg, der eigentlich kein Kirchenweg gar nicht war, weil er über seinen Grund geführt hat.
Jetzt kommt der alte Prozeß in die Erzählung.
„Hofbauer, geht es gar nicht ein bissel kürzer?"
„Na! I muaß 's Eana g'nau verzählen, damit 's Eana auskennan ..
Also hü! Ja, der alte Prozeß, und wie er ihn verloren hat durch den Meineid vom Pfeifer. Wie er. ihm das am kritischen Tag hernach hingerieben hat, und wie sie in da» Streiten gekommen sind.
Dann ist der Pfeifer aufgestanden und hat gesagt: Hofbauer, hat er gesagt, jetzt kann ich nimmer anders, und dabei hat er ihm zwei auf den rechten Backen hingehauen.
„So hat er's gemacht" — die Erzählung bringt der Hofbauer jetzt hochdeutsch und sehr dramatisch — „so hat er 's gemacht."
Er wischt sich mit der Hand über das Gesicht, um mir seine Watschen recht zu veranschaulichen.
Und dann hat ihm der Pfeifer links zwei hingehauen — so ...
Und dann hat er ihm unter das Kinn dreimal gestoßen — der Hofbauer macht es so deutlich, daß ihm die Zähne klappern — ja, und dann hat er ihn bei den Haaren genommen und hat ihm den Kopf an die Tür hingedruckt und ist auf- und abgefahren damit, nämlich mit dem Kopf ...
„Ah? Merkwürdig! Und das hat sich der Hofbauer alles ruhig gefallen lassen?"
„Freilich! Was willst denn machen mit solchene wüste Leut?"
„Dann möcht' ich aber doch schon wissen, Hofbauer, warum Sie wegen Körperverletzung angeklagt worden sind? Da sollten Sie doch eher eine Extrabelobigung kriegen wegen Ihrer Friedfertigkeit?"
Ja, das ist aber die Schlechtigkeit! Der Pfeifer behaupt' jetzt, daß ihm der Hofbauer einen Maßkrug am Schädel zerschlagen hat, und hat drei elendige Lumpen gefunden, die es beschwören wollen. Es ist kein Wort davon wahr; er hat bloß einen Maßkrug in der Hand gehabt, der ist aber selber zerbrochen; es wird schon wer daran hingekommen sein.
Der Hofbauer kennt vier Leute, die bestätigen werden, daß sie nichts gesehen haben ...
Ich glaubte nun, annehmen zu dürfen, daß er mit seiner Erzählung fertig sei, und erklärte ihm, daß ich ihn verteidigen wolle. Allein er geht noch nicht. Jedesmal, wenn ich Abschied nehmen will und sagte: Also, ist schon recht, Hofbauer, jetzt sind wir fertig, oder: B'hüt Gott, Hofbauer, schauen S', daß S' gut heimkommen, fangt er wieder an: „Ja, Esel, verdächtiger", hat der Pfeifer gesagt, und „du ganz schlechter Kerl", und dann hat er gesagt: Hofbauer, hat er gesagt, jetzt kann ich nimmer anders und hat ihm zwei hingehauen. Zwei auf den rechten Backen und zwei auf den linken. Ob das in Bayern erlaubt ist? ...
Ich bekomme allmählich das Gefühl, als ob mir einer die Haare einzeln ausriffe oder Zähne ausziehe.
„Nein, das ist in Bayern nicht erlaubt, Hofbauer; aber ich habe jetzt keine Zeit mehr, Ihnen das zu erklären. Kommen Sie vor der Verhandlung meinetwegen noch einmal her. Für heute sind wir fertig. Adieu!"
Das versteht er endlich und macht sich zum Ausbruch fertig.
Aber es hat noch nie jemand so lange gebraucht, um drei Meter Tuch um den Hals zu wickeln, wie der Hofbauer, und noch nie hat jemand seinen Stock so lange von allen Seiten betrachtet wie er.
Gott sei Dank! Jetzt ist der draußen, und ich lehne mich erschöpft im Lehnsessel zurück.
Aber was ist denn das? Es klopft jemand? Richtig! Cs ist der Hofbauer. „Herr Dokta, i hab no was vergessen. Moana S' (meinen Sie), daß mir dös beim G'richt glabt (geglaubt) werd?"
„Was denn?"
„Ja, dös mit dem Maßkrug? Daß er selm z'brochen is?"
„Nein, das wird Ihnen nicht geglaubt. Aber Sie können 's ja probieren."
„Ja, i werd mir's überlegen. Adies, Herr Dokta, i kimm bald wieda."
Diesmal geht er wirklich, und ich denke zwei Tage weder an Pius Reidel noch an Kastulus Pfeifer. Am dritten Tag, so in der Frühe gegen sechs Uhr, bei stockfinsterer Nacht läutet es. Ich höre schwere Fußtritte, und dann klopft es.
„Herr Doktor, Sie möchten aufstehen, ein Bauer ist da, der Sie sprechen muß."
„Na, wenn schon, dann schon!"
Raus aus dem Bette, anqekleidet und in die Kanzlei.
„Himmel, Herr ..., der Pius Reidel aus Zeidlfing!"
,,S' Good, Herr Dokta, i bin a bisst fruah dran; aber i hab mb- d nkt, t muaß Eana glei aufsucha, daß Eana net umasunst plagen. Wissen S', i hab mir dö G'schicht überlegt; i laß mi halt in Gott's Namen strafa und tua net lang rum. Sie brauchen mi net z' verteidigen. Die Bäuerin hat aa g'sagt, es kost grad mehr a ..."
„Soo? Pius Reidel!", schrei ich, „Pius Reidel! Wie viel Watschen hat Ihnen der Pfeifer hingehauen?"
„Ja, zwoa auf den rechten Backen, und nacha zwoa auf den linken Backen und nacha ..."
„Halt! Macht bloß vier. Wenn Sie den Kastulus Pfeifer wieder seben. dann sagen Sie ihm in meinem Auftrag, er sei ein Ehrenmann, aber eine Watschen auf jeden Backen ist er Ihnen noch schuldig. Alle guten Dinge sind drei. Verstehen Sie mich? Und jetzt marsch, naus!"
Bewegung, des Pittoresken, der Uebersteigerung, mit wilden Fechterszenen und besonders gekennzeichnet durch maskenhaft und phantastisch geschminkte Gesichter. Dieser Stil also hat sich in unmittelbarer Nachfolge bis auf den heutigen Träger des Namens vererbt und nicht nur der Stil allein, auch die für und aus diesem Stil geschaffenen Stücke sind im eigensten Besitz der Familie Danjuro vererbt.
In diesen Andeutungen über das japanische Schauspielertum wird man schon die Züge eines außerordentlich starken Traditionsgefühls im japanischen Theater erkannt haben. In dieser einzigartigen, nie erstarrenden Traditionskraft darf man wohl zu einem wesentlichen Teil das Geheimnis der Volkstümlichkeit des japanischen Theaters erblicken.
Auch die Geschichte des Kabuki — so nennt sich diese Theatertradition, die einen etwas legendären Ursprung hat — läßt uns die Gründe für die japanische Theaterfreudigkeit erkennen. O-Kuni, so heißt es, die auf einer Pilgerfahrt durch verschiedene Provinzen des Landes ihre Tänze aufführte, um für die Erhaltung ihres Tempels Beiträge zu erlangen, schlug ihr Podium auch auf dem Platz für Volksbelustigung in dem lebensfreudigen Kioto auf, es war im Jahre 1596, und gedachte nicht mehr zu ihren Tempelpflichten zurückzukehren. Sie hatte Erfolg. Mehr Erfolg noch, als sich mit ihr der wegen feiner Waffentaten berühmte junge und anmutige Edelmann Nagoya Sansaburo verband und beide nun schon ihren Tänzen eine immer größere szenische Ausgestaltung gaben. So entstand um 1600 die Kabuki-Tradition, die nun neben dem uralten, in einem feudalistisch-priesterlichen Kulturkreis erstarrten No- Theater einherläust und immer neue lebendige Kräfte aufnimmt. Bald wurde weiblichen Darstellern das Auftreten auf der Bühne untersagt und dieses Verbot wird, da sich der Typus des männlichen Frauendarstellers, des onnagata, als sehr beliebt und dem ganzen Darstellungsstil des Kabuki sehr angemessen erweist, bis auf den heutigen Tag befolgt.
Die Vorliebe für den onnagata wird vielleicht verständlicher, wenn man bedenkt, daß der Japaner eine große Vorliebe für das Puppentheater hat, das damals schon in großer Blüte stand. Oft sah man in jenen Zeiten die bedeutendsten Schauspieler des Kabuki als Zuschauer in den Puppentheatern, wo sie die Bewegungen der Puppen aufs genaueste studierten, um sie dann selbst auf ihren eigenen Darstellungs- und Bewegungsstil zu übertragen.
Man weiß, daß mit dem Beginn der Meiji-Aera im Jahre 1868 Japan feine strenge Abgeschlossenheit aufgab und Ströme westlicher Kultur und Zivilisation auf fein Jnselreich zog, die scheinbar alles zu überschwemmen drohten. Da begann man auch Shakespeare zu spielen und selbst den Naturalismus eines Ibsen, Gorki, Maeterlinck und Gerhart Hauptmann brachte man auf die Bühne. Selbstverständlich mußte der onnagata, der männliche Frauendarsteller, in modernen Gesellschaftskleidern lächerlich und grotesk wirken, und so kam nun auch die Schauspielerin auf die Bühne. Ja, es wurde sogar im Jahre 1911 eine Schule für Schauspielerinnen am neuerrichteten kaiserlichen Theater in Tokio gegründet. Allein, in der Gegenwart hat sich der Japaner wieder ganz stark auf fein nationales Kulturleben besonnen. In den Kabuki-Theatern — und in vielen von ihnen ist niemals ein europäisches Stück gespielt worden — blüht ungemindert die herrliche Tradition des Kabuki mitsamt der Ausschließlichkeit des männlichen Frauendarstellers weiter und seine Volkstümlichkeit konnte sich an einer wieder gesteigerten Theaterfreudigkeit des japanischen Volkes erweisen.
Der Hofbauer.
Von Ludwig Thoma.
„Wenn Sie ein beliebter Anwalt werden wollen, so müssen Sie vor allem bestrebt sein, aus den umständlichen Erzählungen der kleinen Leute das Wesentliche herauszusinden; dies werden Sie am besten durch ruhiges Zuhoren erreichen. Ich habe nie begriffen, wie ein Anwalt es über sich bringen kann, grob zu fein ..."
Diese schönen Grundsätze stehen in dem Briefe meines Freundes, der es nicht unterlassen kann, mir gute Lehren zu geben.
Sehr gut gesagt, mein Bester! Wollen wir weiter lesen......Der Beruf
des Anwaltes hat noch etwas an sich von dem edlen Verhältnisse des römischen Vatronus zum hilfsbedürftigen Klienten ..."
In diesem Augenblick haut jemand mit dem Stecken an meine Gangtür und poltert mit den Stiefeln dagegen. Die Haushälterin kennt sich gleich aus; das ist wieder einer aus der Moosgegend, wo sie die elektrischen Klingeln noch nicht kennen.
Sie öffnet also. Ein paar unartikulierte Laute, dann erscheint im Türrahmen ein Bauer, der aussieht, wie alle, und nach feuchtem Leder riecht, ebenfalls wie alle. Zuerst wickelt er sich von Halse ein drei Meter langes wollenes Tuch, legt es auf ein paar frisch beschriebene Bogen Papier, sucht für feinen Gehstock eine passende Zimmerecke und entfernt bann von feinem Hut allen Schnee, welcher darauf lag, indem er ihn heftig gegen meinen Schreibtisch hin schwingt.
„'s Good, Herr Dokta! Ich hält' a Frag."
„So? Setzen Sie sich nieder und sagen S' mir einmal zuerst, wer Sie sind.
„Ja, der Hofbauer war i."
„Waren Sie? Und wer sind S' denn jetzt?"
„Ja, i mar’s noch."
Nach einigem Frage- und Antwortspiel sind wir so weit, daß ich weiß: er heißt Pius Reidel, ist der Hofbauer in Zeidlfing, verheiratet und ka- tholisch.
„So, fiofbauer, was für einen Schmerz haben wir denn?"
Ja, indem daß er wegen Körperverletzung angeklagt ist, unschuldig und von lauter meineidigen Zeugen.
„Hm! Sind S' schon einmal bestraft worden?"
»Na! . . Dös hoaßt bloß dreimal, aber auch unschuldig ... Wie 's halt ost gebt; die Leut' sind schon einmal so schlecht heutzutag."
„Hm! Hm! Nun erzählen S' mir einmal kurz, was Ihnen passiert ist."


