Ausgabe 
29.6.1936
 
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Trost.

Von Theodor Storm.

So komme, was da kommen magl Solang' du lebest, ist es Tag. Und geht es in die Welt hinaus, Wo du mit bist, bin ich zu Haus. Ich seh' dein liebes Angesicht, Ich sehe die Schatten der Zukunft nicht.

Das Hohelied einer Liebe.

Zu Elisabeth Barrett-Brownings 75. Todestage.

Von Margarete von Olfers

Am 29.Juni sind es 75 Jahre her, daß in Florenz Elisabeth Bar­rett-Browning (1806 bis 1861), Englands größte Dichterin, in ihrem 56. Lebensjahr starb. Es war in den ersten Stunden dieses Tages. Die Morgendämmerung stand vor den Fenstern derCasa Ouidi, jenes Hauses, in dem die Dichterin fünfzehn glückliche Jahre mit Robert Browning (1812 bis 1889) verbrachte, nachdem sie mit ihm aus dem eingeengten Krankenzimmer-Dasein in London geflüchtet war.

Aber selbst der Tod hatte keine Macht, jenes tiefe Glück zu zer­stören, das sie sehr bewußt empfunden. Leicht wie ein fallendes Rosenblatt löste sich Elisabeth Barrett-Browning, die große Liebende, aus diesem Leben und aus den Armen des Mannes, der ihr alles war. Der letzte Blick ihrer Augen galt ihm, das letzte Wort auf feine be­sorgte Frage: wie sie sich fühle, war ein beseligtes:Wundervoll". Sie glitt hinüber, freuöig und gläubig zugleich. Denn die großen Liebenden können nicht an ein Aufhören ihres Hefen Gefühls glauben. Liebe ist ihnen ewig, sie überdauert den Tod. Sie war den beiden, die sie durch ihre Dichtung und ihr Leben verherrlichten, ja die ein fast klassisch ge­wordenes Beispiel für die Möglichkeit einer durchgeistigten und un­wandelbaren Liebe zwischen Mann und Frau selbst im Alltag des Da­seins geworden sind, in besonderem Sinne unsterblich.

In Deutschland ist Elisabeth Barrett-Browning vor allem durch ihr Hohes Lied der Liebe, diePortugiesischen Sonette" bekannt geworden. In Rilkes Uebermittlung, in seiner formvollende­ten Uebersetzung und Einfühlung berührt uns ihr Zauber fast so tief wie im Original. In diesen Gedichten redet Elisabeth mit Kühnheit und Zartheit zugleich die individuelle Sprache der Frau und läutert die Flamme einer Hefen irdischen Leidenschaft durch die rührende Demut einer weltentrückten, entsagungsvollen Kranken, die erst allmählich durch die Kraft echter Liebe mit dem Dasein wieder ausgeföhnt, dieses völlig unerwartete Glück mit zitternder Bangigkeit so lange von sich abwehrt, bis fester Glaube ihr Geschick zu beseligendem Ausgang besiegelt.

Die starke dichterische Begabung tritt früh bei Elisabeth hervor. Sie ist noch ein Kind 14 Jahre alt, als ihr Vater das erste Epos der Kleinen,Die Schlacht von Marathon", drucken läßt. Der etwas schwie­rige und herrschsüchtige Mann ist sehr stolz auf seine Tochter, die seiner Erziehung alle Ehre macht, in der altgriechischen Dichtung vollkommen zu Haufe ist und die Kirchenväter im Urtext liest. Aber diese hochge­triebene intellektuelle Erziehung beeinträchttgt die Kindlichkeit und un­bändige Lebenslust der Vierzehnjährigen durchaus nicht. Sie ist eben­sogern int Freien auf dem herrlichen Landsitz, den die Verretts damals bewohnten. Wenn sie ihre Bücher, ihre sehr geliebten Bücher und ihre eigenen frühreifen Dichtungen beiseite legt, sind Luft und Sonne eben­sosehr ihr Element.

Nein, ein Stubenhocker, ein Blaustrumpf ist diese kleine Dichterin, diese junge Gelehrte nicht. Aber das Leben nimmt Elisabeth in eine harte Schule. Durch einen Sturz vom Pferde schwer verletzt, wird sie zart und leidend. Man schickt sie zur Kräftigung nach Torquay an die See, dort zerrüttet der Tod ihres Lieblingsbruders, der sie auf ihren Wunsch gegen den Befehl des Vaters besucht und dort bei einer Boot- fahri ertrinkt, ihr zartes Nervensystem vollständig. Nun fesselt sie schweres Siechtum an das Krankenlager. Der Strom des Lebens rauscht an ihr vorbei, während sie in London in einem verdunkelten Zimmer ein eintöniges Dasein führt. Zwar umgibt sie die Liebe ihrer zahlreichen Geschwister, die alle unverheiratet zusammen in dem Familienhaus in Wimpolestreet, einträchtig, aber etwas geduckt, unter dem strengen un­erbittlichen Regiment des verwitweten Vaters leben. Gerade sie, Elisa­beth, wird ängstlich von diesem Haustyrannen behütet und bewacht. Niemand außer der nächsten Familie darf sie besuchen, jede Anregung, so meint er, muß vermieden werden. Aber wenn auch Sonne und Luft und das Leben selbst in seinem starken Rhythmus aus ihrem Dasein ausgeschaltet sind so bleibt ihr doch noch das Element, in dem sie sich so früh bewegen gelernt: Kunst und Wissenschaft und das Reich ihrer eigenen Phantasie und Begabung, die sich in dieser Stille und jeder anderen Ablenkung entrückt, zu herrlicher Blüte entfaltet. Sie rangt, von einem Verwandten angeregt, die ersten Schritte in die Oesfentlich- feit. Aus den Dichtungen dieser Epoche spricht anfangs eine milde Resignation, ein stilles Sichbescheiden. Das Leben der Kranken spiegelt sich in ihnen. Dann aber erscheint es ist das Jahr 1844 eine Sammlung Gedichte, die einen anderen Klang haben. Man spürt in ihnen, wie ihre Seele die Flügel spannt, sie sind erfüllt von unbe­stimmtem Sehnen und Hoffen.

Dieser Gedichtband kommt in die Hände Robert Brownings, des Dichters desParacelsus", desSordello" und jenes wundersamen, tief­sinnigen DramasPippa passes. Die Gedichte berühren ihn er schreibt Elisabeth Barrett. Welch ein Ereignis in ihrem eintönigen Da­sein ist der Brief des bekannten und von Elisabeth verehrten Dichters. Er weckt einen bisher ungekannten Strom neuen Lebens in ihr. Sie antwortet, und es entsteht ein Briefwechsel. Durch zwei Jahre gehen nun ihre Briese oft dreimal in der Woche hin und her, ohne daß sie sich persönlich sehen. Vielleicht haben sich niemals zwei Seelen so unerwartet begegnet und gefunden wie Elisabeth Barrett und Robert Browning in ihrer Korrespondenz. Nicht nur als dichterisch begabte

Menschen, es sind zwei leidenschaftlich für Literatur und Wissenschaft begeisterte Künstler des Wortes, die sich geschickt den Ball geistreicher Gedanken zuwerfen und auffangen. Dazwischen aber glimmt schon hin und wieder der Funke jener Liebe zwischen ihnen, die zum flammenden Feuer werden sollte.

Eine leise Anspielung, eine zwischen den Zeilen stehende Frage hier und dort das rührende Bekenntnis ihrer Empfindung aber gibt Elisabeth verhüllt in dem lateinischen Wort:De profundis amavi Aus der Tiefe meines Lebens habe ich geliebt". Ais sie sich endlich persönlich kennenlernen, ist es ein selbstverständliches Zueinanderkommen und Zueinandergehören, sie fühlen, daß sie sich unentbehrlich geworden sind. DieseLiebe aus der Tiefe ihres ganzen Wesens" hinaus weckt ungeahnte Kräfte in Elisabeth. Sie, die bisher Hinfällige, verläßt das Krankenzimmer, die Gebote des tyrannischen Vaters gelten ihr nichts mehr. Sehr sicher darüber, daß er seine Einwilligung zu einer Heirat nie geben wird, läßt sie sich heimlich mit Robert Browning trauen und verläßt ebenso heimlich mit ihm das Vaterhaus, ihr Heimatland. Sie zieht mit ihrem Gatten nach Italien und vertauscht das Dasein in der dunklen Wimpolestreet mit einem glücklichen, sonnigen Leben in der Casa Guidi in Florenz:Alle anderen Türen waren für mich ver­schlossen und schlossen mich ein wie in einem Gefängnis. Und nur vor dieser Tür stand einer, der mich zutiefst liebte, und den ich zutiefst liebte, und er führte mich hinaus um der Gaben willen, von denen er glaubte, daß ich sie ihm geben könnte".

Die fünfzehn Jahre ihrer Ehe sind für beide durch reiches dichte­risches Schaffen ausgefüllt. Elisabeth Barrett-Browning nimmt in ihrem WerkCasa Guidi Windows begeisterten Anteil an Italiens nattonaler Erhebung, in derAurora Leigh, einem Roman in Versen, beschäftigt sie sich mit Bestimmung und Aufgaben der Frau. Den Ruhm, den ihr diese Dichtung einbringt, achtet sie gering im Vergleich zu dem Glück, in Florenz Mutter eines Knaben geworden zu fein,nicht zwanzig solcher Werke", bekennt sie,könnten sie mit solchem Stolz erfüllen, wie der Anblick ihres Sohnes".

Es besteht aber gewiß kein Zweifel, daß Robert Browning an Größe der Begabung feiner Frau überlegen gewesen ist. Sie war sich dessen ganz bewußt, sie war die erste, die sich seinem Genius beugte und ihn verehrte. Aber sie hat die Fähigkeit, sich selbständig neben ihm zu be­haupten und ihre Persönlichkeit zu wahren. Sie ist fern davon, sich in ihren Dichtungen beeinflussen zu lassen, ihm gar nachzuahmen oder ihre Individualität zu verlieren. In aller Bescheidenheit bekennt Elisabeth Barrett-Browning in einem Brief:Wenn ich etwas gewonnen habe an Kraft und FreihÄt, indem ich neben dem Eichbaum lebte, um fo besser für mich".

Kabuki, das volkstümliche Theater Japans.

Von Dr. E. Gudenrath.

Japans Theater besitzt den höchsten Ruhm, den ein Theater haben kann: es ist wahrhaft volkstümlich. Der Japaner kann ohne das Theater nicht (eben, es ist in einem höchst wirklichen Sinne ein Teil des natto- nalen Lebens. Die dichterischen Vorwürfe der szenischen Darstellung sind ganz unliterarisch, und sie sind so, daß sie auch den einfachsten Mann aus dem Volke mit der heroischen Vergangenheit seines Landes, mit feinen Legenden und feiner Geschichte verbinden. In vielerlei Gestalt erlebt er darin fast immer denselben edlen menschlichen Konflikt von Pflicht und Neigung und wird erschüttert vom ewigen Kampf des Guten mit dem Bösen, begeistert wiederum durch den Triumph des Guten. Mannentreue und Selbstaufopferung sind die Jdegle, die im Spiel ihre bühnenmäßige Verwirklichung finden.

Dieses Spiel sieht nun freilich ganz anders aus, als wir es von unserer europäischen Guckkasten- und Jllusionsbllhne her, die der tradi- tionsmäßig gewachsene Typus eben unserer abendländischen Theater- kultur ist, zu sehen gewohnt sind. Der japanische Schauspieler steht auf einem offenen, freien Podium ohne Kulissen, jedoch mit einigen, die Szene meist in symbolkräftiger Weife andeutenden Versatzstücken. Es geht auch nicht nur ein einziges Stück in Szene, vielmehr wird in den acht- bis zehnstündigen Aufführungen eine Spielfolge von Stücken gezeigt, die allerdings sehr verschiedene und abwechslungsreiche charakteristische Formen haben. Darstellungen aus der Geschichte oder aus dem täglichen Leben wechseln mit Spielen von ganz eigentümlich musikalisch-balladesker Art mit stark pantomimischem Einschlag, und diese wieder mit rein tän­zerischen Darstellungen, die sich wohl am besten als suggestive Tanz­erzählungen bezeichnen lassen. Geistererscheinungen und Verwandlungs­zauberkünste spielen eine große Rolle.

Vom japanischen Schauspieler wird vollkommene Beherrschung der tänzerischen Ausdrucksmittel verlangt. Er erlangt diese hohe Vollendung in seiner Kunst nur, wenn er von frühester Jugend an dafür erzogen wird. Erzogen nicht nur in dem Sinne, daß seine Glieder gelenkig und ausdrucksfähig gemacht werden, sondern auch erzogen im Hinblick auf den Geist und den Charakter der einst von ihm darzustellenden Ge­statten. Der Schauspieler, der etwa die Rolle eines Samurai, jener in Japans Geschichte wie in seinem Theater gleich häufigen Gestatt von kriegerischem Adel, spielt, soll selbst das Herz eines Samurai haben. Gewöhnlich sind es nur die Söhne von Schauspielern ober doch sonst irgendwie am Theater wirkender Männer wie z. B. Mitglieder des sehr wesentlichen Orchesters oder auch des Garderobenmeisters, die von Kind an für den Theaterberuf bestimmt werden. Unter Umständen wird der Schauspieler einen Zögling an Kindesstatt annehmen, und auf ihn mit seinem Namen auch seine Kunst vererben. So gibt es ganze Schau- fpielerbgnaftien in Japan, darunter solche mit sehr berühmten Namen und weit zurückreichender Generationenfolge. Heute noch lebt in eigener Familientradition die Kunst des großen Danjuro, einer der gewaltigsten schöpferischen Schauspielerpersönlichkeiten des japanischen Theaters im 17. Jahrhundert. Während gleichzeitig der ebenso berühmte Tojuro in dem stillen höfischen Dedo eine mehr realistische Schauspielkunst ent­wickelte, schuf Danjuro in Kioto, dem Sitz des kriegerischen Feudalis­mus, feinen großartigen, im Unwirklichen begründeten Stil der freien