Das^ahr des Herrn
Roman von Karl Heinrich Waggerl
Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig.
(16. Fortsetzung.)
Eine Weile später wirst Agathe etwas in den Ofen, es ist ein zerknülltes Blatt Papier. Kennst du Christine? sagt sie zu Monika. Ja, die den Bauern auf Eck geheiratet hat, die meine ich. Es ist seltsam so gut sich die Krämerin sonst darauf versteht, den Leuten ihre Heimlichkeiten von den Gesichtern zu leien, vor Christine versagen ihre scharfen Augen. Kann ein Mensch so zwiespältig sein, so verschlagen? Oder ist Christine nur leichtsinnig, verwegener als die ganze Meute hinter ihr her? Wenn es wahr ist, was die Dorsleute sagen, daß der kleine Adam im Friedhof feine Ruhe findet, daß der Schnee auf seinem Grabhügel lange nicht liegen blieb ja, wenn Christine wirtlich eine so große Schuld auf der Seele hat, wie bringt sie es dann fertig, so unbekümmert zu leben?
Jeden Sonntag kommt sie in das Dorf, steht eine Weile ruhig vor den Gräbern und gibt den Toten Wasser, — fürchtet sie denn nicht, daß einmal Blut von ihren Fingern tropfen könnte? Nein, sie tritt in die Kirche und setzt sich in die Bank unter der Kanzel, ans den angestammten Platz der Bäuerinnen von Eck. Das ist ihr gutes Recht. Wer auf Eck eintehrt, findet blanke Dielen in der Stube, es sind nicht etnja neue Dielen, nur sauber gescheuert sind sie, mit Sand und Bürste gelb gerieben. Der Gast bekommt Käse vorgesetzt, würziges Brot und schön gemodelte Butter, Gott segne es dir, sagt die Bäuerin.
Und das alles, die Vorhänge an den Fenstern, das gesäumte Tuch auf dem Tisch, das war nicht von jeher so. Christine gibt keinen Groschen dafür aus, sie wendet nur ihren behenden Fleiß daran, und was sie ansaßt, wird wie neu. Sie scheut die gröbste Arbeit nicht, noch im Herbst hob sie Kalk aus der Grube und weißt alle Stuben. Der Kalk lag dort jahrelang und verottete, kein Mensch kam jemals aus den Gedanken, daß die Wände ja nicht unbedingt so schwarz und rußig sein muhten. Warum sagst du mir nichts, meinte Adam, daß ich dir helfe? Das ist doch keine Arbeit für dich! m
Ach, ihr Mannsbilder! antwortete Christine. Wer sich auf euch verließe!
Das gefällt dem Bauern, im stillen hat er feine Freude an der Frau. Es ist ja Winter, jetzt kann er nicht viel unternehmen, aber im Frühjahr wird er sich umtun und wird den Nachbar bitten, daß er ihm noch einige Schafe auf die Alm nimmt. Er will auch wieder mehr Flachs anbauen, Christine soll sich nicht beklagen, daß es am Flachs und an der Wolle ^Abends reden die Eheleute noch über allerlei in der Schlafkammer. Christine fitzt im Bett, sie flicht ihr Haar für die Nacht, und Adam schaut ihr zu. Was meinst du, sagt er mühsam, wen soll ich für den Knecht einstellen? Der Bauer denkt an feinen Vetter, der ist zwar noch jung, aber sonst nicht uneben, Kaspar heißt er.
Ja, antwortet Christine, wie du willst.
Sie streift die Hand des Mannes von ihrem Hals und brä... ,ie ein wenig und lächelt. Nimm den Kaspar, wenn er tüchtig ist. Aus mich kannst du vor dem Sommer nicht rechnen, sagt sie, was die Feldarbeit betrifst.
Nicht vor dem Sommer, so weit hinaus denkt Christine. Und sie hat auch nichts dagegen, daß der Bauer feinen Vetter auf den Hof bringen will. Den Erben trägt doch sie in ihrem Schoß. Wer sollte ihr noch ge- sährlich werden, wenn einmal er in der Wiege liegt?
Christine löscht die Kerze aus und schläft sogleich ein, aber der Bauer kann nicht schlafen. Er hört ihren leisen Atem neben sich, cs ist ja alles gut, denkt er. Du hast eine gute Frau, rechtschaffen ist sie, ein Segen für den Hof. Alles gedeiht auf merkwürdige Weife, seit Christine den Rmg am Finger trägt. Unlängst kam einer von den Nachbarn und bot ihm feine Hutweide an. Jahr und Tag stritten sie schon um diesen Weidefleck, und nun war der Nachbar mit einem Male schiedlich und verkaufte den Grund. Vielleicht brauchte er bares Geld, nichts weiter, aber es ist doch etwas Unheimliches, Beklemmendes daran. Mitunter gerat Adam auf den Gedanken, es ginge nicht alles mit rechten Dingen zu, Christine fei eines jener rätselhaften Wesen, von denen man sagt, sie stiegen zuzeiten aus dem Wasser oder aus den Wäldern herab und gesellten sich einem Menschen bei. Sie bringen Glück, wo sie einkehren, aber ihnen selbst ist Unheil vorgezeichnet, sie sind in Schuld und dunkles Verhängnis verstrickt.
Der Bauer meint das nur gleichnisweise, er kennt Christine ja schon lang. Es mag wohl so sein, wie der Pfarrer sagt, daß sie das rebellische Blut ihres Vaters mitbekommen hat, ein wenig auch von der verschlossenen Schwermut der Mutter, die voll Unruhe war, immer unterwegs, eine halbe Zigeunerin.
Vor etlichen Tagen hatte Adam ein Gespräch mit dem Wachtmeister, das fällt ihm jetzt wieder ein. Er richtete ein Fuchseisen auf, da tarn der Wachtmeister durch den Mühlgraben herunter und sah ihm eine Weile zu. Spürst du Füchse? sagte er. Warum legst du keinen Köder aus? Gift ist sicherer als so ein Eisen, meinte der Wachtmeister.
Ja, schon, sagte Adam. Man könnte es einmal versuchen. Irgendwo muß er noch Ködergift liegen haben, im Zeugschuppen vielleicht.
Irgendwo, sagst du? Das wunderte den Wachtmeister. Höre, Adam, bemerkte er, das ist gefährlich. Weiß Gott, wie es zugeht, jemand schleppt das Gift ins Haus, und der nächste zuckert schon die Milch damit, so eine verschlafene Dicnstmagd. Der Wachtmeister kennt solche Fälle. Da starb dann ein Kind, an den Fraisen, hieß es, kein Mensch kam dahinter, • es starb eben. Da muh gar kein böser Wille dabei sein. Nicht immer.
Nicht immer? Was meint der Wachtmeister damit?
schon zu den wohlhabenderen Leuten im Dorf und lebt nicht mehr von der Hand in den Mund.
An schulfreien Tagen hilft er dem Pfarrer bei der Holzarbeit. Es ist eine Lust, mit dem schweren Blochschlitten zu fuhrwerken, die Stamme aus dem Haufen zu wuchten und aufzutaden. Männerarbeit ist das, ein rechtschaffenes Tagwerk. Man greift handfest zu und spart nicht mit Flüchen, sogar der Pfarrer läßt zuweilen ein Wort vernehmen, das nicht in seinem Brevier steht. Er bekommt Blochholz, daraus laßt er auf der Säge Bretter schneiden, so viele er bas Jahr über braucht. Es kommen junge Lärchen für Hagsäulen und Brunnenrohre, dann geringeres Schleifholz, das man zum Heizen aufspaltet, und endlich Stangen, deren man nie genug haben kann.
Abend« ist David todmüde und bis auf die Knochen durchgefroren. Dann sitzt er gern noch eine Weile bei den Frauen in der Krankenstube. Wie riechst du denn nur? fragt Agathe und schnuppert und zieht
die Nase kraus.
Nun, wie denn, nach Pech und nach Schweiß oder was es sonst sein mag, David hat eben schon den richtigen Mannsgeruch an sich. Er bringt eine gesunde Luft mit sich, und auch er selbst ist gesund, tüchtig und erfahren für sein Alter.
Monika schaut ihn oft lange verstohlen an. Vielleicht dachte sie, David sei noch ein Kind, bas man in ben Schoß ziehen unb trösten muß, wenn ihm ein Leib geschehen ist. Vielleicht würbe es ihr barum leichter, bie Stabt zu verlassen unb heimzukehren, weil sie meinte, Davib brauche seine Mutter, ihre sorgenbe Hanb. Unb nun ist er burdjaus nicht hilflos unb kinblich, er reicht ihr schon bis an bie Schulter unb rebet verständig mit ihr. Das ist so und so, sagt er, bas verstehst bu zu wenig.
Aber, benkt Monika, wo in aller Welt ist bann jemand, der mich braucht, für wen lebe ich denn?
(Fortsetzung folgt.)
Nichts, Adam, gar nichts. Aber sieh einmal nach! Vielleicht liegt es wirklich schon in irgendeiner Kammer, sagte der Wachtmeister, dein Köder- gift!
Das ging dem Bauern lange nach, dieses Gespräch im Mühlgraben. Und bann stellte er Christine zur Rebe, brängte sie plötzlich an bie Wand unb fragte gerabefjernus. Wo hast bu bas Gift hingeschleppt, fragte er, bas Köbergifk? , ,,, ....
Aber sie sah ihm ruhig ins Gesicht. Bist bu verrückt? sagte Christine unb schob ihn einfach weg. Warum schreist bu denn so? Soll ich wissen, wo du deinen Kram liegen hast?
Nein, es war nichts aus ihr herauszubringen, weder im Guten noch im Bösen. Sie verlor keineswegs bie Farbe, als er vor ihr stanb. Und dennoch, er suchte den ganzen Tag vergeblich nach dem grünen Paket, es lag nicht mehr im Zeugschuppen.
An das alles denkt Adam, es lastet ihm schwer aus der Brust, wahrend er im Dunkeln neben Christine liegt. Er streckt ben Arm aus, um sie anzurühren. Sie seufzt nur ein wenig unb wacht nicht auf.
Kann ein schulbiger Mensch so schlafen, ist das möglich? Oder hat Christine kein Gewissen, kein Herz im Leibe?
Doch, sie hat ein Herz. Tagelang pflegt sie die kranke Magd unb schlägt ihr ein Bett in ber Stube auf, bamit sie es warm hat. Wie eine Schwester ist sie zur Magb, unb nachts steht sie auf, um ihr Tücher wärmen. Christine ist auch ben Tieren gut, ber Hunb liebt sie abgöttisch, unb jebem Kälbchen meint sie nach, wenn es ber Bauer verkaufen muh.
Aber was ihr roiberftrebt, bas tritt sie nieber. Auch bas geschieht ohne Zorn, niemals braust Christine auf. Sie wartet gebulbig auf ben richtigen Augenblick, unb bann schlägt sie zu. So brachte sie ja auch ben Knecht aus bem Haus. Er begriff bas gar nicht, wochenlang währte ber heimliche Kampf, unb am Enbe siegte sie boch.
Nun hat sie freilich einen Feind im Dorf, tot ist ber Knecht ja nicht. Im Gegenteil, er spielt sich mächtig auf unb ist mit jedermann gut Freund, mit dem Wachtmeister zum Beispiel. Aber darum macht sich Christine keine Sorgen. Sie hat den Knecht um sein Brot gebracht, und nun stellt sie sich an, als sei nichts geschehen, sie nickt ihm sogar zu, wenn sie ihm begegnet. t »
Eine Hexe ist sie, behauptet der Knecht, mit dem Teusel hat sie Umgang. Sie hat den Halfter hinter den Zaun gehext, ben Bauern hat sie beschrieen, so daß er ben Verstaub verlor. Und ber Gaul behielt keine Eisen mehr, unb nachts rumorte es auf ber Stiege, bas war ein Gewisper unb ein Gebrumm, auf unb zu flogen bie Türen, es lief einem kalt über ben Rücken. c , ,, _
Ach was, sagt ber Wachtmeister ärgerlich, bu mit beinern Teufel! Du bist ja bloß besoffen!
Unb bas ist wahr, ber Knecht bleibt keinen Tag mehr nüchtern. Er lebt im Armenhaus, aber seinen Jahrlohn vertrinkt er, sein ganzes er« (partes Gelb. Der Pfarrer rebet ihn besroegen an. Was ist bas für ein Wesen, sagt er, wofür soll bas gut sein, bein Geschrei? Schau bich lieber nach Arbeit um!
Ach, ber Knecht pfeift auf bie Arbeit. Hältst bu auch zu ihr? schreit er zurück. Aber ins Zuchthaus bringe ich sie noch, bas sollst bu nur “Xt verzeihe bir, sagte ber Pfarrer entsetzt, was rebeft bu da!
*
Und dabei gibt es Arbeit in Fülle um diese Zeit. Die Festtage sind vorüber, Neujahr unb auch Dreikönig, ber Zahltag für bie Meßbuben. Nach bem Hochamt legt ber Pfarrer jebem einen Doppelschillmg in bie Hanb, unb Davib bekommt noch einen mehr, weil er ja auch bas Geläute besorgt. Am anbern Morgen läßt er bie ganze Summe in sein Buch
^WMfi bu bie Zinsen ausbezahlt haben? fragt ber Postmeister.
Nein sagt David großspurig, schreib sie zum übrigen. Er gehört jetzt schon zu ben wohlhabenberen Leuten im Dorf unb lebt nicht mehr von
Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck unb Verlag: Drühl'sche Universitäts.'Luch. unb Ltetnbruckerei.L. Lange, Gieße».


