Wer war's?
Eine Pfingstgefchichte von Hans Franck.
Niemand, viele Meilen in der Runde, hatte eine so schöne Fliederhecke wie der Pastor Timmermann zu Rüsterndörp. Mehr als zweihundert Meter zoq sie sich hinter dem mannshohen Holzzaun entlang, der das Pfarraehoft von der Dorfstraße abtrennte. Für das Wachstum der üppigen Büsche, die einer Pflege nicht bedurften, da sie mühelos aus dem Boden an Nahrung zogen, was sie brauchten, waren allerdings die hemmenden Holzlatten kaum vorhanden. Sie langten allüberall mit ihren graugrünen Armen soweit darüber hinweg, wie es ihnen beliebte; was zur Folge hatte, daß man an dem Garten des Pastors Timmermann selbst in der heißesten Sommersonne wie unter einem dichten Laubengang entlangschreiten konnte. Auch durch sämtliche Luftlücken des Zaunes griffen sie so unbekümmert hindurch daß sie den Rüstendörpern das Vorwärtskommen auf dem Gehsteig der Dorfstraße unmöglich gemacht hätten, wenn der Herr Pastor den vordringlichsten Zweigen nicht zweimal im Jahr eigenhändig mit feiner größten Schnappschere auf den Leib gerückt wäre. Desto üppiger breitete die Fliederhecke Zimmermanns sich oberhalb des Gartenzaunes aus. So daß zur Zeit ihrer Blüte über der Unerschöpfbarkeit des Duftes übfer dem Farbengervoge des Blau und Weih, des Violett und Dunkelrot Jedermann der Gedanke an den Himmel kam.
Aber das höchste Erdenglück des Pastors Timmermann zu Rüsterndörp war auch sein tiefster Erdenkummer. Daß immer wieder Frauen ihre Kinder mit beiden Händen hochhoben, Jungen einander auf die Schultern kletterten, um ein paar Zweige zum Mitnehmen abzubrechen, mochte allenfalls unwidersprochen hingehen, obgleich den in seinen Garten verstarrten Gottesmann jede gebrochene Blüte schmerzte. Doch bei der Mitbetei igung von Frauen und Kindern hatten betrüblicherweise bte Uebergrtffe der Menschen ihr Bewenden nicht. Es mar nämlich im Lauf der Jahre zur Sitte oder vielmehr zur Unsitte geworden, daß die Knechte de^ Dorfes ihren Ehrgeiz darein seßten, sobald die Gartenhecke des Pastors S. mmer- mann-wieder einmal blühte, ihren Mädchen Fliederstrauße helml.ch auf die Kammern zu stellen und dabei durch die Große der gemausten Bluten- büsche der Größe ihrer Liebe Ausdruck zu geben, so daß oftmals Wasser- eitner ihre blau blühende Beute kaum aufzunehmen vermochten.
Wenn es der Fliederhecke des Rüsterndörper Pastors im Laufs des Jahres auch gelang, den Schaden nicht nur wieder wettzumachen und m kommenden Frühjahr unbekümmert zu uberbluhen — die fmn I der Knechte, die wütige Rücksichtslosigkeit, mit der sie die Zweige abr ssen die schmachvolle Sorglosigkeit, in der sie heruntergefallene Bluten liegen ließen und dem Vertrocknen, dem Zertretenwerden Preisgaben denn ste pslückten viel lieber neue Zweige zu ihren Haupten, als daß fesch cy
Mähnen. Das ganze Regiment bleibt unwillkürlich stehen und blickt quer- i^Plötzlich aber sehen wir: in dem Geführt sitzt eine Frau, aber ihr neuer schöner Hut ist ein wenig verschoben und die braunen Locken lckilüvien und hüpfen über die Stirn. Zehn Schritt von der Spitze unserer Kompani eab er br in gt sie die Jucker^zum Stehen, ihr Blick fliegt über die braunen Kolonnen — und jetzt löst sich mit einem kaum verhoylenen Schrei der Ueberraschung Hauptmann U. von feiner Komp am e und stürzt au das Gefährt zu, während das Regiment verschwiegen lächelt: die tollkühne Wagenlenkerin ist seine Frau. Sie hat es gerade noch geschafft ...
‘Am Laaer Lechfeld werden wir eingeladen. Sie hat mir einen Fichten- sroeiq mit jungen Knospen in das Knopfloch gesteckt — und wird bleich wie der Tod, als sich der Zug in Bewegung setzt. Die ganze Kompanie winkt ihr zu ...
Erst als der ganze Zug singt, von der Lokomotive bis zur letzten Bremse, löst sich das Weh im Herzen, und ich finge mit, wahrend das tirolische Gebirge sich als unsere neue kriegerifche Heimat langsam m unsere unaufhörlichen Lieder schleicht ...
pfingstbesuch.
Bon Dr. Owlglaß.
Nein, keine weiße Taube zog mir heute als Himmelsgast ins Haus. Nur eine braune Hummel flog durchs offne Fenster mit Gebraus.
Voltaire, dem alten Spötter, strich sie brummend um den schmalen Mund. Der schmunzelte und sprach bei sich: „Mein Honig ist dir nicht gesund!"
Nun summte sie zum Bücherbord.
Die goldnen Namen glänzten kraus
und boten keinen Ruheport ...
Da ... auf dem Sims ... ein Blumenstrauß!
Sie stürzte freudig drüber her
und brümmelte von Stern zu Stern.
Sie tränt die Krüglein alle leer und pries frohlockend Gott den Herrn.
Da hab' ich so für mich gedacht:
„Du kommst vom Himmel her gesandt!"
Und hab's gelehrig nachgemacht in meinem Keller, linker Hand.
einer Vlütendolde am Boden bückten — diese schamlose nächtliche Plünderung seiner Fliederhecke durch liebestolle Knechte fühlte der Pastor Timmermann zu Rüsterndörp alljährlich wie Stiche in das eigene Herz; und zwar um so schmerzlicher, je häufiger und heftiger sie sich wiederholten. _ ,. , . .
Alle Versuche des grollenden Geistlichen jedoch, die Knechte bet der nächtlichen Schändung seines Flieders zu überraschen, mißlangen. Sei es nun, daß sie vom Pfarrhofe her durch den Pfarrknecht und die Pfarrmägde heimliche Zeichen erhielten, sei es, daß ihre Schlauheit großer war als die Klugheit des Pastors, ihre Vorsicht seine Umsicht übertraf, ihre Beharrlichkeit weiterreichte als seine Geduld — es gelang Timmermann nicht, die Fliederheckenplünderer bei der Begehung der Tat zu stellen. Sich aber aus der Stadt den Gendarmen als Beistand zu erbitten, hielt der Rüsterndörper Pastor für seiner nicht würdig. Solche Sachen mußte man im Dorf untereinander zum Austrag bringen. Wie er denn auch an keine gerichtliche Bestrafung der Missetäter dachte, vielmehr ihre Namen im Gemeindeblatt veröffentlichen und ihnen, für den Fall der Wiederholung, Kirche und Abendmahl verbieten wollte, wenn — ja, wenn er ihre Namen herausgebracht hätte. Mit dieser Voraussetzung zu feiner Selbsthilfe aber kam Timmermann trotz allen Bemühens nicht zustande.
Nach einer Reihe von Jahren, als der ebenso zähe wie erbitterte heimliche Kampf zwischen dem Rüsterndörper Pastor und den Rüsterndörper Knechten, deren Uebermut mit seinem eifervollen Bemühen, sie zu ertappen, nur gewachsen war, noch immer zu keinem Erfolg auf fetten des Geschädigten, wohl aber zu vielen Erfolgen auf fetten der Spitzbuben geführt hatte, blühte die Fliederhecke zu Pfingsten und mußte für die Kammern der Dorfmägde mehr Sträuße hergeben als je.
So blieb dem Pastor Timmermann zu Rüsterndörp nur noch eines übrig, nämlich da zuzupacken, wo er sich am mächtigsten fühlte und feinem Glauben gemäß jedem Gegner gewachsen war: Auf der Kanzel
Bei seiner Pfingstmorgenpredigt griff er aus dem verlesenen Evangelium als Unterlage seiner geistlichen Betrachtung die Worte heraus: „Sie entsetzten sich aber alle und wurden irre und sprachen einer zu dem andern Was will das werden?" So oft, fo nachdrücklich, so vieldeutig sprach der Pastor oben auf der Kanzel von Entsetzen und Ueberraschung, von Irrewerden und Erleuchtung, daß die Gemeindemitglieder unten im Schiff immer gewisser wurden, es bereite sich etwas Ungewöhnliches vor und einer den anderen, da es mit dem Munde nicht anging, mit den Augen rQ2ns die^Predigt^beendet, das Kirchengebet gesprochen, Fürbitte nach Fürbitte getan war und — der sonntäglichen Ordnung nach — die kirchlichen Bekanntmachungen an die Reihe tarnen, begann der Geistliche unvermittelt von seiner Fliederhecke und von den Rohlingeni 8u P^en welche sie ihm Jahr für Jahr zur Verschönerung schnöder Liebeslust ^°All°/Besucher der Kirche — und diese war des hohen Feiertages wegen bis auf den letzten Platz gefüllt — Männer und Frauen, Greife und Kinder — nur nicht die Mägde, die in ihren Schoß blickten — alle Unbeteiligten sahen die gescholtenen Knechte an. Die saßen — 22 an der qqm _ vor dem Altar in der zweiten Bank rechter Hand. Früher hatten sie auf der gleichen Kirchenschiffseite die hinterste Bank als angestammten Platz innegehabt. Ader es hatte sich, obwohl die Mägde durch den Mittel- gang von ihnen getrennt waren und auf der hintersten Bank linker Hand Matz nehmen mußten, während der Predigt oftmals dort ein solches Gekicher und Getuschel erhoben, daß der Pastor ste nach vorn beordert^ Nicht auf die erste Bank, die er den Alten, deren Gesicht und Gehör im Hinschwinden begriffen war, auch weiterhin vorbehielt, sondern auf die 3n,<$ie 22 Rüsterndörper Knechte saßen da, als wären sie — gleich den Aposteln an den Wangen der Bänke — aus Holz geschnitzt.
Er selber, gestand der Zürnende zu, habe allerdings trotz jahrelangen Mühens die Namen der Missetäter nicht herausgebracht Aber er brauche deswegen nun, wo er mit feiner Geduld und feinem Latem am Ende fei keineswegs Menschen zur Hilfe zu rufen, um fo weniger als er nicht Bestrafung von Verbrechern — jawohl, das Wort fei durchaus nicht zu bart' — sondern Buße und Besserung von Sündern anstrebe. Im Kampf gegen die Sünde aber habe er den mächtigsten aller Bundesgenossen, der zu erdenken sei: Gott! Also werde er jetzt — vorausgesetzt daß bis zur Beendigung seines Satzes die Schänder seiner Fliederhecke nicht aus- gestanden wären und sich demgemäß nicht freien Willens zu ihrer Missetat bekannt hätten — werde er jetzt seine Rechte heben, sooft wie Gott ihm gebiete werde sie geschlossenen Auges langsam sinken lassen, auf einen Uebeltäter nach dem anderen, zu ihrem Entsetzen, zeigen und feinen Unrichtigen treffen; denn der Allwissende werde nicht zulassen, daß er einen Falschen des Blütendiebstahls bezichtige.
^eeb™ her^, fährt Pastor Timmermann oben auf der Rüsterndörper Jfatüel im höchsten feiner Glaubenstöne fort, „seht her: Da sich ferner ber Sünder freiwillig erhoben hat, so hebe ich setzt meine Rechte ;enk- recht gen Himmel, schließe meine Augen, lasse die Hand jiad) Gottes ffleheift langsam finten, daß sie in wenigen Sefunden —
Ehe de? Gastliche feinen Satz beendet hat geschieht, was nie zuvor und nie hernach in der Rüsterndörper Kirche geschehen ist: Brausendes Gelächter füllt das Gotteshaus von den roten Fußbodenstemen bis zum
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Kanzelbrüstung nieder: Denn von den 22 Knechten ist nicht einer Zu erblicken. Wie auf Kommando sind sie allesamt hinter der Banf der Alten
Ohne^das''stinntägllche^^'er Friede Gottes welcher höher ist als alle menschliche Vernunft" gesprochen zu haben, verlaßt Pastor Timmermann ” W,.. ..n b., m.»,
zgo Meter langen Hecke am Rüsterndörper B-^gehoft abg^r^-n hatte? Alle Knechte? Nur einige? Und wenn nicht alle, wer von ihnen.
Man hat es nie erfahren.


