Ausgabe 
29.5.1936
 
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wollte oder nicht. Es hat sie aber ein Schneidergesell ganz fest am Arm gehalten, vielleicht, damit sie sich kein Leid täte bei dem ungewohnten Flug, vielleicht aber auch, damit sie nicht wieder auf und davongmge. Und sie hat sich in ihrer Angst wirklich füll gehalten bis zum nächsten Turm und hat sich nicht mehr gewehrt, als der Schneidergesell mit lauter Stimme Hochzeit angesagt und die gute Frau Holle um einen Rast- und Feiertag höflichst gebeten hat.

Was später mit den beiden geworden ist, habe ich mcht mehr gehört. Sie werden wohl bei den fröhlichen Frauen geblieben sein; nach Braun­schweig sind sie noch nicht heimgekehrt.

Desto besser weiß ich über den alten Flickschneider Bescheid.

Die böse Zauberin hat sich nämlich gewaltig erstaunt, als sie zu Pfingsten zum Turm kam und den Alten statt der schönen Magda als Gefangenen fand. Sie hat aber gemeint, daß die Braut sich in ihrem Trotz verwandelt hätte und hat ein Mittel nach dem andern versucht, um aus einem alten Schneider wieder eine schöne Jungfrau zu machen. Als alles nichts nützte und der Schneidergesell Schneidergesell blieb, hat die Zauberin schließlich eingesehen, daß die wirkliche Magda davonge­kommen war. Und einige sagen, daß sie den Schneider in der Turm­kammer auf seine alten Tage selbst genommen habe, andere aber, sie haben den Alten so lange gefangen gehalten, bis er ihr alle Kleider neu genäht hatte. Und die Schneider hätten es sich seitdem angewöhnt, mit untergeschlagenen Beinen zu sitzen, weil die Turmkammer so klein ge­wesen ist.

Unter der Linden.

Bon Walther von der Vogelweide.

Unter der Linden

An der Heide,

Wo ich mit meinem Liebsten saß.

Da könnt ihr finden.

Wie wir beide

Die Blumen brachen und das Gras.

Bor dem Walde in einem Tal, Tandaradeil

Lieblich sang die Nachtigall.

Ich kam gegangen

Zu der Aue,

Und mein Liebster war schon dort!

Da wird ich empfangen.

Heilige Fraue!

Daß ich bin selig immerfort.

Hat er mich wohl oft geküßt?

Tandaradei!

Seht, wie rot mein Mund noch ist.

Und Blumen brachen Ich und mein Lieber Und machten uns eine Lagerstatt. Von Herzen lachen Muß darüber. Kommt jemand an denselben Psad. An den Rosen er wohl mag, Tandaradei!

Merken, wo das Haupt mir lag.

Wie wir da lagen, Wenn's wer wüßte. Du lieber Gott, ich schämte mich! Was er dürft wagen. Wie er küßte.

Das weiß doch nur er und ich

Und ein kleines Vögelein, Tandaradeil

Das wird wohl verschwiegen sein!

Pfingsten im Grünen.

Tagebuchblätter aus dem Jahre 1915.

Von Josef Magnus Wehner.

20. Mai.

In Perronne wird das Leibregiment verköstigt und in ViehwagSn geladen. Die find uns Sommerkriegern lieber als die mit Bänken umständlich verstellten Reisewagen, denn hier können wir uns bequem auf den Boden strecken.

Neun Uhr dreißig Abfahrt. Die Sommelandschaft liegt in ruhigem Licht. Breite Sümpfe wandern von den langsam wallenden Wassern in das flache, offene Land hinein, schwarzflatternde Schilfwimpel klettern bis auf die Kimmen der winzigen Hügel. Lange Dampfboote fahren langsam auf dem dunkelgrünen Flusse auf den Dächern der Schlaf- Hütten sitzen regungslose Frauen mit verschränkten Armen. Sie schauen in die dunkle Flut. Sonne liegt auf ihrem schwarzen Scheitel. Wir blicken sie an wie Wunder, da sie so versunken dahingleiten, von unserer brausenden Fahrt völlig unberührt.

Das Land dreht sich wie eine schwarze Scheibe um uns und bietet niederländische Ansichten aus. Behaglich wälzen sich Felder, ein weißer Weg purzelt aus ihren Lenden in den unbeweglichen Wolkenhimmel. Auf einer schwebenden gelben Wiese steht starr eine schwarze Kuh: unweit

von ihr wie eine Marionette, eine Blauhose, Hände in den Taschen, Brust und Gesicht vom Weihrauch eines Weißdorns verdeckt.

Die Wälder, es sind eigentlich Parks, wallen vorbei, glimmend von Grün Blau und Weiß. Im Innern überdunkelte Sümpfe, in denen moosige Ruinen liegen. Natur nimmt phantastisch die Formen der Kunst an: Wäldchen gebaut wie Burgen und Tempel, doppelt entrückt unter der grauen Magie des Nebelsonnenrads, dessen lange Speichen wie Wmd- mühlenslügel über die Erde gehen.

Dann werden die Felder üppiger. Eine Viehherde blickt nur noch mit den Köpfen aus der Butterblumenwildnis. Schlösser, von lichtweißem Wasser umziert, leben zurückgezogen in Zypressenbuchten, vornehme Blut- buchen feiern, gegen die Sonne stehend, ihr Flammenopser, und Kastanien, Reihen, Schluchten von Kastanien wirbeln den Duft ihrer tausend Kerzen in die offenen Türen unserer Viehwagen.

Wir singen. Wir wissen nicht, wohin wir fahren. An eine neue Front? Wir fahren gen Pfingsten.

Ueberall in den Feldern arbeiten fleißige deutsche Soldaten. Wir wissen, dieses Volk wird nie sterben ...

In Cambrai spannt sich unsere Erwartung auf das höchste. Denn hier zweigt die Bahn nach Arras und Ppern ab. Wir sichten Candry und sind damit auf der Strecke MezieresSedan. Es sind noch möglich, da wir ja kurz vorher zum Alpenkorps umgebildet worden find: Vogesen, Kar­pathen, außer unserer Sehnsucht: Italien. ..

Die Landschaft ist bezaubernd üppig. Riesige Obstgärten, Blutenstrauße bis an den Horizont, Wiesen, von natürlichen Hecken ihren natürlichen Besitzern zuqeteilt, Hundertherden von rotem Vieh, die aus den weichen Hügeln und in den schwarzen Hainen grasen. Auch Schecken, deren Fell blendet. Von den Bahnhängen fließt Goldregen. .

In Hirson verkauft ein deutsches Mädchen Zettungern Wie wir die angestaunt habe, wie Frösche, die zum erstenmal eine Wasserfee sehen. Jeder wollte sie heiraten und entwarf schnell die notigen Plane. Zwischen Sedan und Bazeilles lege ich mich auf den nackten Wagenboden schlafe vorzüglich, und als ich aufwache, sind wir in Harburg, Deutschland. Unbeschreibliche Gefühle wogen durch meine Brust. Da sind Berge mit dickem Tann bestanden, von Nebeln umbraut. Da sind unendliche Tannen­wälder und wieder deutsche Mädchen. Das ist alles wie em lebendiges Wunder. 21. Mai.

hingezaubert.

22. Mai.

Ueber die Wälder zieht der Nebel. Die Landschaft wächst stumm in meine Seele auf wie einst, und bald spreche ich kein Wort mehr, wahrend die heiligen Landschaften in mich einkehren wie Wallfahrten in die Kirche. Das Hardtgebirge fährt vorbei mit seinen Felsenhelmen, Molochburgen, im Industriegebiet Donner, gespenstisch. Der breite Rhein mit Pappel- qänqen im Nebel. Was uns in tiefster Seele freut: die zahllosen Kinder.

Da getjts an einem Dorf vorbei. Ein Bub hat uns erspäht, er ruft, mtt und eine ganze Schar quillt, weih Gott wie schnell, aus Wiesen d Häusern. Es ist reizend, wie so eine Bande daherstürmt, mit welcher idacht sie uns zurufen und mit welch steifem Ernst sie ihre kleinen Hütchen wirbeln. ? enn'ber Zug hält, brechen sie schnell Blumen und Zweige ab und schleppen sie uns zu. Und wieder fühle ich: Deutschland wird nie sterben. In einem wunderbar sonnigen Abend fahren wir durch das Land Hölderlins. Ich kann immer nur schauen und sinnen. Weinende Mädchen, die ihre Geliebten verloren, jubeln uns schluchzend ZU ^>ef >m Tale liegt Ludwigstadt, durch den Abendschein wie eine griechische Stadt

Aus Lager Lechseld werden wir ausgeladen und ziehen nach Groß­aitingen, einem stillen, sauberen schwäbischen Dörfchen. Und unglaublich: bald sitzen wir um den weißgescheuerten Wirtstisch und trinken und essen, lausen hinaus aus die Straße, die Frauen erzählen uns mit halbnarrischem Weinen und Lachen von ihren Männern im Feld.

Warum hat man uns nicht in München aussteigen lassen? Es ist doch längst kein Geheimnis mehr in Württemberg und Bayern, daß die Leiber da sind. ,, . . .

Jetzt läuten die Psingstsamstagglocken schon ganz anders, und der Himmel ist rein und lieblich. Ich krieche ins Stroh und schlafe mit einem guten Gewissen ein. Da, eine rauhe Stimme:Ist da der Infanterist Wehner?" und zugleich ein feines Stirnmchen unten im Hof, das ich so gut kenne. Ich fahre vor seligem Schreck in die verkehrten Stiefel, da steht sie unten, im blauen Jackett, frisch von München emgetroffen, hat einen Blumenstrauß und bald fliegen wir uns um den Hals. Die Kame­raden schlafen schon. v . ..

Der Mond steht gelb am Himmel. Wir gehen durch den grünen Klee auf den Wald zu. Die heiliae Psingstnacht kommt. All die Jahre meiner Kindheit hat unser Rhöndorf in dieser Nacht unter den Buchen gewacht; so vollendet sich auch jetzt, fern der Heimat, die uralte Sitte.

23. 2Jlai.

Am Morgen springe ich vor Glück wie ein Füllen durch den Obstgarten. Die Kameraden, sonst erlesene Rauhbeine, sind von zartester Zurückhaltung gegen sie und mich. Wundervoll strömt bas Hochamt in ber farbigen Rokokokirche. Ich lehne an einem alten Grabstein, unb bie fingenben Chöre auf der Orgel wiegen ein vollkommen glückliches Herz.

Mittags Konzert auf dem Dorfplatz. Musikmeister Fürst dirigiert das goldene Gefunkel der Instrumente. Wir spazieren, Ed und ich, als große Herren neben unseren Frauen.

Am Nachmittag trinken wir in vollen Zügen das Glück der weithin blühenden, schönen deutschen Erde ... .

24. Mai.

Alarm und Abmarsch in aller Frühe. Unsere Frauen gehen am Ende der Abteilung mit uns. Sie wollen uns die Stahlhelme tragen, aber das geht doch nicht. Wir schwingen unsere Hände wie Kinder.

Als wir uns den Oedwiesen des Lagers Lechfeld nähern, sehen wir ein Pserdegespann quer über die Aecker auf uns zujagen. Die feurigen Jucker scheinen gescheut zu haben: sie rasen, in eine rote Staubwolke gehüllt, über die Fläche. Den Lenker sieht man nicht hinter den schnellenden