»eranttoottlid): Dr. tzanS Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei. R. Lenge, Diebe«.
die frischgepinselte Wand gesehen, da hat er sofort verordnet, daß die Wand binnen drei Tagen neugemalt werden soll, und zwar von einem gelernten Maler, „Endlich!" hat Rektor Arpe mit einem Stoßseufzer erwidert und seinem Schulrat beglückt die Hand geschüttelt. Tudel aber hat gebrummt: „Undank ist der Welt Lohn!" und sich noch lange Zeit darüber verwundert, wieso Schulrat Dierks die alte, abgesärbte W-and zwanzig Jahre nicht, die frisch gepinselte aber schon nach drei Tagen neumalen läßt, also doppelt. „Hart muß man sein wie em Kürbis ...! denkt Tüdel und schluckt seinen Kummer hinunter. Und haarscharf paßt er die nächsten Tage auf, wie jo ein Maler eigentlich mit Pinsel und Farbe umgeht.
Winterliche Strophen.
Von Wilhelm Luetjens.
Wachs der Kerzen, das die Bienen gaben, gelbes Wachs der vollen Honigwaben, tröstlich hellt dein Schimmer meine Nacht. Schmerzen, die ich tief in mir verschweige, Wunden, die ich keinem zeige: Deinem Schein hab ich sie dargebracht.
Wachs der Kerze, Sommers holde Gabe, hell in Licht sich wandelnd aus der Wabe, Tröstung schenkst du, da das Jahr sich neigt. Selber so zur Flamme sich zu glühen, aus dem Dunkel winterlich zu blühen: Schönes Sinnbild, das aus dir entsteigt.
ein Eingeständnis. Diese Nacht in zweitausend Meter Höhe bedeute für ihn eine Schicksalsnacht! Und zwar würde sich für ihn mit dem ersten Schlag des neuen Jahres eine Lebensfrage entscheiden. Er ließe erraten, daß es sich um ihn und und das große, blonde Mädchen handelte. Seemann und Schauspieler zugleich — zwei Abergläubische in einem!
Die beiden Mädchen blieben lange. Darum sah der Schauspieler immer häufiger nach der Uhr. Sie schlug bereits dreiviertelzwölf. Ich lenkte ihn durch Gespräch und häufigen Zutrunk ab, so gut es ging. Als es aber nur noch fünf Minuten vor Mitternacht war, fing der schwere Mann vor Unruhe hörbar zu atmen an. Kein Laut von draußen war zu vernehmen. Wo blieben die Mädchen? Er vermochte seine Aufregung nicht mehr zu bemeistern, stand auf und schritt schnell im Zimmer hin und her. Ich eilte zur Tür, um die Frauen zu holen.
Aber er hielt meinen Arm fest wie in einer Eisenklmnmer. „Neinl Nur nichts dazu tun! Sich nicht einmischen in das Schicksal! Kommt sie rechtzeitig zurück, wird das große Glück im neuen Jahr sich einstellen; kann ich nicht genau um Mitternacht mit ihr die Gläser zusarnmenstohen, wird das Glück eben ausbleiben."
Ich versuchte, mich von seinem Arm loszumachen und dennoch hinauszueilen. Aber da wurde er böse und hielt mich um so fester. „Nein! Neinl Nur die Mächte nicht reizen, sonst kommt doppeltes Unheil."
Er flüsterte das alles, damit die Mächte, die das Geschick brauen, ihn nicht hörten. Die Luft wurde unheimlich. Meine Blicke hingen mit am Zeiger der Wanduhr. Er rückte vor, vor. Da! Draußen in der Ferne begann fchon die Kirchenuhr zu schlagen. Auf unserer Uhr war es noch eine halbe Minute bis zwölf. Noch kann das große Mädchen kommen, noch, noch, jetzt noch — zu spät! Die Zimmeruhr holt aus und schlägt. Mich schauert, als ginge es um mein eigenes Glück.
Der Schauspieler saß ohne Bewegung da, stumm, unendlich traurig. Er trank sein Glas allein aus. Nicht einmal das Glas der Freundin, das halbgefüllt auf dem Tisch stand, berührte er mit dem seinen, wie ich ihm vorschlug. Es war, als ob er mit einem mächtigen Zuge einer Toten nachtrinke.
Plötzlich fand ich einen Trost für ihn. Einen Trost, an den ich eine Sekunde vorher noch nicht im geringsten gedacht hatte. „Diese kümmerliche Wanduhr entscheidet nicht", sagte ich, „das ist doch mitteleuropäische Zeit, eine künstliche Zeit, von Menschen bestimmt. In solchen Schicksalsfragen kann man sich doch nur an die wirkliche Zeit halten, an die Himmelszeit. Wir haben also noch dreiundzwanzig Minuten!" Vielleicht waren es einundzwanzig, es kam nicht darauf an, diese ganze Nacht des Jahreswechsels war von Geheimnis und Ahnung bestimmt. Und Gott richtet sich nicht einmal nach den Sternen.
Der Schauspieler sah mich überrascht an, mit einem hellen Schein auf dem bärtigen Gesicht, aber dann schon wieder mißtrauisch und noch trauriger als. zuvor. „Damit fangen Sie mich doch nicht", sagte er. Ich überzeugte ihn trotzdem. Wenn man einen Menschen lieb hat und ihm helfen will, gewinnt man eine Beredsamkeit, über die man selber staunt.
„Wieviel Minuten sind es noch nach Ihrer Himmelszeit?", fragte er.
„Sieben."
Er saß finster da, sein Gesicht war tief gesenkt und darum sein Bart auf der Wollweste zu doppelter Breite gedrückt. Ich glaubte, sein Herz mit dem Uhrpendel zugleich ticken zu hören, beide immer geschwinder. Ich hatte das Gefühl, ein unerwarteter Schrecken müßte diese schmerzhafte und fast irrsinnige Spannung zerreißen.
Kaum hatte ich das gedacht, da spaltete sich mit einem Riß der rote Vorhang, der die Tür zum Flur verdeckte. Aber nur bis zur Hälfte, der untere Teil blieb geschlossen. In der Oeffnung aber zeigte sich — wir sprangen beide hoch, unfähig, zugleich aufzuschreien — der Kopf des toten August Strindberg, des Vaters, mit großem, schwarzem Schlapphut, mit aufaebürftetem Bärtchen über der Lippe, mit seinen funkelnden Augen.
Nun hatten wir schon viel Punsch getrunken an diesem Abend, vorher und nachher, Wein mehrerer Sorten, wir waren ganz gewiß nicht abhold irgendwelchen Wundern. Dazu waren wir noch klar genug, um zu sehen, es zeigte sich hier nicht etwa ein künstlicher Kopf aus bemaltem Ton oder irgendeine Maske, der man einen Hut aufgestülpt hatte — sondern Augen und Mund bewegten sich tatsächlich.
Wir nahmen diesen Kopf aber auch nicht als Vision unserer ein wenig berauschten Gehirne, sondern in dieser Höhe von zweitausend Meter über der Welt, in einer für einen von uns so entscheidenden Stunde, schien uns die Erscheinung des wirklichen Strindberg keineswegs unglaubhaft. Natürlich bedeutete sie Unheil. Der große Frauenhasser war gekommen, um ein irdisches Glück noch aus dem Jenseits zu zerstören. Nun war alles verloren.
Aber uns blieb keine Zeit, zur wahren Erkenntnis des Wunders vorzudringen. Denn in der nächsten Sekunde öffnete sich der Vorhang ganz, ein Weiberrock wurde sichtbar, eine kleine Frauenhand riß den Hut vom Kopf, dunkles Frauenhaar kam zum Vorschein, die kleine Hand wischte blitzschnell über Schnurrbart und Augenbrauen, die sich als nur gemalt erwiesen — Kerstin, die Tochter Strindbergs, stand da, selber erregt, weil sie einige Sekunden sich in den Vater verwandelt hatte.
Wie? Sollte in diesem Scherz nun bas Schicksal eines Menschen untergegangen sein? Sollte man so mit dem Herzen eines tieffühlenden Menschen spielen dürfen?
In offenbar schrecklichem Zorn stürzte der Schauspieler zur Tür. Ich dachte, er werde die zarte Krestin mit einem Faustschlage zerschmettern. Aber sieh! Mit gewaltigem Griff holte er statt dessen hinter Kerstin bas blonde Mädchen hervor, das ich gar nicht bemerkt hatte, füllte die Gläser, sie stießen beide an, in der letzten Sekunde, die selbst die Himmelsuhr ihnen ließ, während draußen schon die Rufe und Pistolenschüsse der Menschen auf der Straße verstummt waren. Die Zimmerdecke schien sich mir über den beiden Liebenden zu öffnen und die Sterne sehen,zu lassen.
Brauche ich zu sagen, daß die Sterne Mann und Frau in diesem Jahre wirklich zusammenführten?
Merkwürdige Neujahrsnacht.
Von Wilhelm Schmidtbonn.
Eine kleine Stadt auf eine Alp hingebaut, riesige Hotels an ein Gelände gehängt, wo kaum Bergtannen Stand haben — dabei klettern die letzten Häuser noch hoch über die Bäume hinaus. Nicht einmal ein Strauch hält sich neben ihnen .Endlich hören auch die Häuser und die Holzhütten auf. Am höchsten klimmt, unvergeßliches Bild, die winzige Kirche, aus oer untenen Jahrhunderten zurückgeblieben, von allem, selbst von den Vögeln verlassen, lieber ihr nur noch die mutigen Felsen und der bittere Himmel, aus dem Kälte herabweht. Eine Landschaft, geschwisterlich ähnlich etwa einer einsamen Losoteninsel. .
Aber über Nacht war bann der Schnee da, gleich einen halben Meter roegenbeit gehörte dazu, auch nur den Gedanken einer Siedlung auf solchem Boden zu fassen! Der Zug aus dem Tal herauf schraubt sich in hundert Windungen, durch hundert Tunnels, über waghalsige Brucken in das Herz des Alpengebirges hinein, um diesen Platz zu erreichen, wo der Wind, der sonst in dieser Höhe gewaltiger Herr ist, nicht den geringsten Durchschlupf findet.
Noch ist es still von Menschen hier oben, die Hausergruppe wartet dem Schnee entgegen. In einem gläsernen Licht, das man eher in Spanien suchen würde, brennen die roten Grashänge, das Entfernteste ist nah. Neidisch schickt das Tal kleine Wolken als Nebelboten von unten herauf, aber die Sonne hier oben zerbläft sie im Nu. Siegreich bleibt die Hohe, und so ist alles hier oben, wenn nicht Sieg, so doch Lust zum Sieg. Der Wald arbeitet noch gewaltig, man glaubt die Verbissenheit der Safte im Gezweig zu hören. Gras und Blumen stecken die tollsten Farben aus, um sich gegen den kommenden Schnee zu halten. Die roten Ebereschen scheinen non weitem in Brand zu stehen. Kein Haus, das nicht noch einmal die Freude an sich selbst auskostete, darüber, wie es dem Berg seinen Platz abgelistet hat, zweitausend Meter über dem Meer, spitzgiebelig, vielstockig, im Spiel mit den Alpenbergen wetteifernd, bunt mit roten und blauen Fensterläden der Einsamkeit trotzend. Die Abendberge brennen in sich selbst und wachsen geradezu vor Glut. Eine Wollpflanze, deren Namen ich nicht kenne, schickt unzählbar weihen Flaum in die Luft. Erst dachte ich dabei an Schmetterlinge, dann sogar an Tauben. Von solch täuschender Reinheit ist hier oben im Spätherbst die Luft, daß man das Geringste groß sieht. Und kommt es nicht darauf an im ganzen Leben? Denn so erst sieht man die Dinge wirklich.
Aber über Nacht war bann der Schnee da, gleich einen halben Meter hoch. Das Auge vermochte sich nicht zu öffnen vor Blendung. Die Telegraphendrähte wurden mit langen Stangen leer geschüttelt. Ein ehrgeiziger Schnee war das, der bei sechs Grad Kälte schon unter den Sohlen wunderbar krachte. Die ersten Skiläufer schossen aus dem Himmel herab, die Kinder auf den kleinen Schlitten schrien das herrliche Leben an.
Die Wochen flogen vorbei wie Tage, bis Neujahr da war. Ein berühmter Schauspieler kam in den Ort herauf. Mächtig wie ein Berg, mit blondem Bart, den er sich während der Ferien wachsen ließ, einem Seemann älinlich, der er auch wirklich früher gewesen war, fuhr er wie der König Winter selbst durch die weihe Landschaft, die Arme breit über die Rücklebne gelegt, die Wollmütze beschneit, vor dem Schlitten zwei klingelnde Pferde mit bunten, hohen Federbüschen.
Gemeinsam mit ihm verbrachte ich die Neujahrsnacht. In unserer Gesellschaft befand sich noch ein sehr schönes, großes, blondes Mädchen und, am seltsamsten, Kerstin, die Tochter des toten schwedischen Dichters August Strindberg. Wir empfanden die Sterne draußen über dem Dach und tranken heißen Punsch, als frören uns die dreihig Grad Kälte draußen an, roährenh mir im Gegenteil uns bei aufgedrehter Zentralheizung wie Bergtrolle vo'-k'mmen durften, die in ein Menschenzimmer eingebrochen waren und "s sich da wohl fein liehen.
Eine halbe Stunde vor Mitternacht gingen die beiden Mädchen In den Schnee hinaus. Als wir Männer allein sahen, nahm der Schauspieler plötzlich eine ganz verwandelte, gedämpfte Stimme an. Er machte mir


