verstehen. Gestern hat er den ganzen Tag gelernt, und es ist gut, daß wir ihn nicht vor seinen Kolimitonen blamiert haben."
Und Anna sagte: „Ich möchte bloß wissen, warum der Herr Amtsrichter nicht stehengeblieben ist." . .
Jetzt ist auf einmal am Eingang von unserem Garten der Geheim rat und die Frau Geheimrat gewesen, und meine Mutter sagte: „Aenn- chen, sitzt meine Haube nicht schief? Ich glaube gar, Geheimrats machen uns Besuch." . ..
Und sie ist ausgestanden und ihnen entgegengegangen, und ich horte, daß sie gesagt hat: „Nein, das ist lieb von Ihnen, daß Sie kommen. Aber der Geheimrat hat ein Gesicht gemacht, als wenn er mit einer Leiche geht, und sie ist ganz rot gewesen und hat den abgebrannten Frosch in der Hand gehabt und hat erzählt, daß die Katze letzt wahnsinnig ist und drei Tassen kaputt sind. Und daß es niemand anderer getan hat wie ich. , , , , . .
Da sind meiner Mutter die Tränen heruntergelausen, und der Ge- Heimrat hat gesagt: „Woinen Sü nur, gute Frau, Woinen Su über Ueren mißratenen Sohn!" Und dann haben sie verlangt, daß meine Mutter die Tassen bezahlt, und eine kostet zwei Mark.
Ich bin furchtbar zornig geworden, wie ich gesehen habe, daß meine alte Mutter den kleinen, alten Geldbeutel herausgetan hat, und ihre Hände waren ganz zittrig, wie sie das Geld ausgezahlt hat.
Die Frau Geheimrat hat es geschwind eingesteckt und hat gesagt, das schrecklichste ist, daß die arme Katze wahnsinnig geworden ist, aber sie wollen es nicht anzeigen aus Rücksicht für meine Mutter Dann sind sie gegangen, und er hat noch gesagt: „Der Hummel prüft Su hart mit Uer3ch 'babe^noch länger in den Garten hinuntergefchaut. Da ist meine Mutter am Tisch gesessen und hat sich mit ihrem Sacktuch die Kranen abaewischt, aber es sind immer neue gekommen, und bei Aennchen auch. Das Butterbrot ist auf dem Teller gewefen, und sie haben es nicht mehr essen mögen. Ich bin ganz traurig geworden, und ich b,n fort, daß lie "^ch'^abe° gedacht, wie es gemein ist von dem Geheimrat, daß er das Geld genommen hat, und wie ich ihm dafür etwas antun muß. Ich möchte die Katze kaputt machen, daß es niemand merkt, und ihr den Schweis abschneiden. Wenn sie dann rüst: „Wo ist denn "ur unser Miezchen?" schmeiße ich den Schweif über den Zaun hinüber. Slbei ich muß mich noch besinnen, wie ich es mache, daß es niemand merkt. Da An ich wieder lustig geworden, weil ich gedacht habe, was sie für em Gesicht machen wird, wenn sie bloß mehr den Schweis sieht Dann bin ichI -um Essen gegangen. Anna ist schon an der Tur gestanden und hat gesagt daß ich allein essen muß in meinem Zimmer, und daß ich morgen in die'Schule gehen muß. Der Herr Lehrer Wagner hat es angenommen.
Ich habe schimpfen gewollt, weil es doch eine Schande ist, wenn ein Lateinschüler mit den dummen Schulkindern zusammensitzt, aber ich habe gedacht, daß meine Mutter so geweint hat.
Und da habe ich mir alles gefallen lassen.
Ich bin am andern Tag in die Schule gegangen. Es war bloß em Zimmer und da waren alle Klassen darin, und auf der einen Seite waren die Buben und aus der anderen die Mädchen.
Wie ich gekommen bin, hat mich der Lehrer in die erste Bank gesetzt Dann hat er gesagt, daß sich die Kinder Muhe geben sollen, weil heute ein großer Gelehrter unter ihnen sitzt, der Lateinisch kann.
Das bat mich verdrossen, weil die Kinder gelacht haben. Aber Ich habe es mir nicht merken lassen. Einer hat ein Lesestück vorlesen müssen. Es hat geheißen „Der Abend" und ist so angegangen: „Die Sonne geht zur Ruhe, und am Himmel kommt der Abendstern Die Vöglein verstummen mit ihrem lieblichen Gesänge: nur die ©ritten zirpen >m Felde. Da gebt der fleißige Bauersmann heim. Sem Hund bellt freudig, und die Kinder springen ihm entgegen." So ist es weitergegangen.
Der Lehrer sagte, die Kinder von der siebenten Klasse müssen es nun aus dem Kopfe schreiben und er ladet den Herrn Lateinschuler auch ein.
Er hat mir eine Tafel und einen Griffe! gegeben, und dann tagte er, daß er eine halbe Stunde in die Kirche fort muß, und daß die Furtner ^^Da bin id/mnfj^orniger geworden, daß ich einem Mädel folgen soll.
Wie der Lehrer draußen war, habe ich den Leitner, der neben mir gesessen ist, ganz ruhig gefragt, ob er heute nachmittag zum Fischen ^Äa^ie Furtner Marie gerufen: „Ruhig! Wenn du noch einmal schwätzest, wirst du aufgelchrieden." .
„Entlchuldigen Sie, Fräulein Lehrerin", habe ich gesagt, „ich will es ^Dann^ habe ich einen Schlüssel aus der Tasche gezogen und habe
ttt°hie1 ^urtnfr^marie zur Tafel hinaus und hat hingeschrieben: ^^Ich bin aufgestanden und habe gesagt: Entschuldigen Sie^ Fräulein Lehrerin was muß ich denn machen, daß Sie mich nicht austchreiben?
Sie sache daß ich den Aufsatz „Der Abend" lchreiben muß.
Da habe ich geschwind etwas gelchrieben, und dann bin ich wieder aufqestanden und habe gesagt^.Entlchuldigen Sie, Fraulem ,Lehrerin, darf ich es nicht vorlesen. daß Sie mir lagen, ob es recht ist?
Sa ift die dumme Gans stolz gewesen, daß sie einem Lateinschuler etwas sagen muß. und sie hat gesagt: „Ja, du darfst es vorlesen.
Da habe ich recht laut gelesen: ,
Die Sonne gebt zur Ruhe. Der Abendstern ist auf dem Himmel Vor" dem TOirtsbauIe ist es still. Auf einmal geht die Tur auf und der Hou-cknecht wirst einen Bauersmann hinaus. Er ist betrunken. Es Ist berSa^Xn^ttT Mnd^qelacht. und die Furtner hat zu heulen an- aefanaen Sie ist wieder an die Tafel hin und hat getrieben: ..Thoma ungezogen." Das hat sie dreimal unterstrichen. Ich bin meiner V°nk gegangen und habe den Schwamm genommen und habe ihre Schrift ausgewischt.
Sonnenblumen.
Don P e t e r B a u e r.
Mannshoch am Zaun ragt Schaft an Schaft, Schlank wie Heiligenbilder im Chor, Goldftrahlend die Häupter, erzengelhaft, Alle den Blick zur Sonne empor.
Zur flammenden Schwester, so hoch erblüht, Daß kein stürmender Herbst unserm Himmel sie raubt. Deren Feuergesicht uns leuchtet und glüht Bis im Sternsturz die Erde zerstäubt.
Zn den Ferien.
Eine Lausbubengeschichte von Ludwig Thoma.
Es ist die große Vakanz gewesen, und sie hat schon vier Wochen gedauert Meine Mutter hat ost geseufzt, daß wir fo lange frei haben, weil alle Tage etwas passiert, und meine Schwester hat gesagt, daß ich die Familie in einen schlechten Rus bringe. Da ist einmal der Lehrer Wagner zu uns auf Besuch gekommen. Er kommt oster, weil meine Mutter soviel vom Obst versteht, und er kann sich mit ihr unterhalten.
Er hat erzählt, daß seine Pfirsiche schon reif werden, und daß es ihm
Und bann hat er auch gesagt, daß die Volksschule in zwei Tagen schon wieder angeht und seine Vakanz vorbei sei.
Meine Mutter hat gesagt, sie möchte ttoh lein, wenn das Gymnasium auch schon angeht, aber sie muh es noch drei Wochen aushalten.
Der Lehrer sagte: „Ja, ja, es ist nicht gut, wenn die Burschen so lange frei haben. Sie kommen auf alles mögliche."
Und bann ist er gegangen. Zufällig habe ich an diesem Tage eine Forelle gestohlen gehabt, und der Fischer >st Zornig zu uns gelaufen und hat geschrien, er zeigt es an, wenn er nicht drei Mark dafür kriegt.
Da bin ich furchtbar geschimpft worden, aber meine Schwester hat gefügt: „Was Hilst es? Morgen fängt er etwas anderes an, und kein Mensch mag mehr mit uns verkehren. Gestern hat mich der Amtsrichter so kalt gegrüßt, wie er vorbeigegangen ist. Sonst bleibt er immer stehen Un%iei'ne' Mutter hat gesagt, daß etwas geschehen muh, sie weih noch "^aiu? einmal ist ihnen eingefallen, ob ich vielleicht in ber Vakanz in die Volksschule gehen kann, ber Herr Lehrer tut ihnen geroif? ben
Ich habe gesagt, bas geht nicht, weil ich schon in bie zweite Klasse von ber Lateinschule komme, und wenn es die anberen erfahren ist es eine furchtbare Schande vor meinen Kommilitonen. Lieber will ich nichts mehr anfangen und sehr fleißig fein.
Meine liebe Mutter fagte zu meiner Schwester:
Du hörst es, daß er jetzt anders werden will, und wenn es für ihn doch f0 peinlich ist wegen der Kolimitonen, wollen wir noch einmal warten." m ,
Sie kann sich keine lateinifchen Worte merken.
Ich war froh, daß es fo vorbeigegangen ist, und ich habe mich recht zusammengenommen. , . , ...
Einen Tag ist es gut gegangen, aber am Mittwoch habe ich es nicht "°NebeXuns°wohnte der Geheimrat Bischof in der Sommerfrische. Seine Frau kann mich nicht leiben, und wenn ich bloß an ben Zaun hinkomme, schreit sie zu ihrer Magd: „Elis, geben Sie acht, ber Laus- bUb©i,Jt haben eine Angorakatze; bie barf immer dabei fifcen wenn fie Kaffee trinken im Freien, und die Frau Geheimrat fragt: „Mag Miezchen ein bißchen Milch? Mag Miezchen vielleicht auch ein bißchen Honig?
Als wenn sie ja sagen könnte ober ein kleines Kind wäre.
Am Mittwoch ist die Katze bei uns herüber gewesen, und unsere Magd hat sie gefüttert. Da habe ich sie genommen, wie es niemand gesehen hat, und habe sie eingesperrt im Stall, wo ich früher zwei ^°Dann°habe"ich aufgepaßt, wie sie Kaffee funken Habern Die Frau Geheimrat war schon da und hat gerufen: „Miezi! Miez,! Elis, haben Sie Miezchen nicht gesehen?" . . ,
Aber die Magd hat es nicht gewußt, und sie haben sich hmgesetzt, und ich habe hinter dem Vorhang hlnübergeschaut.
Dann hat die Frau Geheimrat zu ihrem Mann gesagt: „Eugen, hast du Miezchen nicht gesehen?" . .. „
Und er hat gesagt: „Vüloicht, ich woiß es nucht. Und dann hat er wieder in der Zeitung gelesen. „ .
Aber bie Frau Geheimrat war ganz nachbenklich, und wie sie ein Butterbrot geschmiert hat. hat sie gesagt: „Ich kann mir nicht benten, wo Miezchen bleibt. Sie fängt doch keine Mäuse nicht?"
Indes bin ich geschwind in den Stall und habe bie Katze genommen. Ich habe ihr an ben Schweif einen Pulverfrosch gebunben und bin hinten an das Haus vom Geheimrat am Zaun und habe ben Frosch angezundet. Dann habe ich bie Katze freigelassen. Sie ist gleich durch den Zaun geschloffen und furchtbar gelaufen. „
Die Magd hat geschrien: „Frau Geheimrat, Mieze kommt schon. Und bann habe ich bie Stimme von ihr gehört, wie sie gesagt hat: „-too ist nur mein Kätzchen? Da bist bu ja! Aber was hat das Tierchen am Schweif?" Dann hat es furchtbar gekracht und gezischt, und sie haben geschrien und die Tassen am Boden hingeschmissen, und rote es still war, hat ber Geheimrat gesagt: „Das üst rouber büser ruchlose Lauspube ^°°Ich"habe mich im Zimmer von meiner Schwester versteckt; da kann man in unseren Garten hinunterschauen. Meine Mutter unb Anna haben auch Kassee getrunken, unb meine liebe Mutter sagte gerabe: „S'ehst du, Aennchen, Ludwig ist nicht so schlimm; man muh ihn nur zu behandeln


