Etwas später stieg Pirruhn wieder aus seinem Bett. Er schob die Fenstergardinen beiseite und lugte hinaus, um festzustellen, ob der Himmel noch voll Regenwolken hing; denn er sollte morgen in Herenthout ein Bauerngut verkaufen.
Es regnete noch immer leise murmelnd auf die Dachziegel.
„Kaum der Rede werk", ttöstete er sich; aber dann blieb ihm vor Staunen der Mund offen stehen.
Drüben vor sich sah er das erleuchtete Fenster von Grain d'Ors Schlafzimmer und aus dem Vorhang den Schattenriß eines jungen Paares, das sich küßte.
„Schön, aber erst heiraten", sagte Pirruhn.
Er nahm eine feiner Pfeifen, die im ganzen Hause Herumlagen, eine jener langen Tonpfeifen mit großem Kopf und gebogenem Stiel, an dem das Mundstück schwarz lackiert ist.
Er brach den mit Asche gefüllten Kopf ab, öffnete vorsichtig das Fenster, zielte und warf ihn mit aller Wucht in die erleuchtete Fensterscheibe.
Die Schattenbilder fielen auseinander; in der stillen Nacht klirrte das Glas, das Licht löschte plötzlich aus, und dann hörte man nur noch den Regen, der leise auf die Dächer fiel, mit einem Rauschen wie von köstlicher Seide.
„Nun weiß ich, daß sie nicht mehr beisammen sind", dachte Pirruhn. Er legte sich zu Bett und fing wieder an, darüber nachzudenken, was er Anna-Marie sagen könnte.
Er würde zu diesem Zweck Fenelons „Gespräche über die Beredtsam- keit" einsehen.
Am nächsten Morgen hockte die Stille auf dem Kaffeetisch. Pirruhn aß schweigsam sein Butterbrot mit Pflaumenmus, während er die Kapitelüberschriften in „Corinna" las, um sich einigermaßen über Italien zu orientieren. Er las nur die Titel, das übrige dachte er sich.
Livinus gab sich die größte Mühe, einen Bissen Brot mit vielem Kaffee hinunterzuwürgen Grain d'Or wars, zwischen ihren langen Locken hindurch, ängstliche Blicke auf Pirruhn.
Livinus suchte mit dem Fuß unter dem Tisch nach einem Fuß Grain d'Ors, fand aber keinen. Bor der Haustür hielt eine Kutsche.
Pirruhn machte das Kreuzzeichen, erhob sich und ging zur Tür.
Den beiden fiel gleichzeitig ein Stein vom Herzen. Es schien gut abzulaufen. Vielleicht hatte ein Straßenbengel den Pfeifenkopf übers Haus geworfen, und er war dann zufällig in ihr Zimmer geflogen!
Aber als Pirruhn die Türklinke in der Hand hielt, drehte er sich um und jagte ganz trocfen: „Livinus, von heute ab schläfst du bei Van de Nast. Er hat ein Bett frei, weil sein Sohn Soldat geworden ist. Und du bist mir fünf Groschen schuldig für die Scheibe. Wir sehen uns heute abend im Delphin."
Die Tllr ging auf und zu, und Pirruhn war weg.
Sie Begegnung.
Die Tage hellten sich aus. Die Sonne lockte ganze Büschel Blumen aus dem grünen Gras der Wiesen und hüllte die Zweige der Obstbäume in weiße und hellrote Gewänder.
So wurde es Mitte Mai, und der große Tag kam heran.
Pirruhn hatte sich für diese Gelegenheit eine neue Hose und eine gelbe Weste mit grünen Blütenranken machen lassen.
Als der'Vater von Livinus die Kleidungsstücke brachte, legte Pirruhn sie zusammengeknüllt auf einen Stuhl, setzte sich einen halben Tag lang darauf, während er seine Akten studierte, zog sie an und ging im Regen spazieren, damit sie nicht mehr so neu aussehen sollten.
Pirruhn hatte sich sämtliche Wagen angesehen, die er in der Stadt ausfindig machen konnte, aber keiner schien ihm gut genug, um Anna- Marie würdig damit abzuholen. Er war in großer Verlegenheit, denn er hatte nur plumpe, häßliche Fahrzeuge gesunden, und die Postkutsche, die klapperte wie eine Eisenwarenhandlung, kam schon gar nicht in Frage.
Er steckte den Daumen in den Mund, und da kam ihm ein glänzender Gedanke. Im Schuppen des Pfarrhauses stand eine wurmstichige Kutsche, mit der man früher den Bischof von Antwerpen abholte, wenn er die kleine Stadt zur Firmung der Kinder besuchte.
„Das ist die richtige!'' jubelte Pirruhn.
Es war ein viereckiger Kasten auf vier Rädern, melonengelb gestrichen und in der Mitte jeder Fläche mit einem Blumenkorb bemalt.
Pirruhn erhielt die Kutsche vom Pfarrer geliehen, ließ sie innen und außen ausfrischen, unb der Bürgermeister Ossejahn stellte ihm seine beiden schwarzen Pferde mit weißen Füßen und seinen Kutscher in blauer Livree zur Verfügung.
Ausgerüstet mit seinen beiden Pfeifen, die er abwechselnd rauchte, und mit einem Strauß hellroter Rosen, die einen herrlichen Duft verbreiteten, fuhr Pirruhn nach Brüssel.
Als er im Gasthof „Zum König von Spanien" Anna-Marie begegnete, starrte er sie an wie ein Wunder.
Anna-Marie trug ein Kleid aus blasser, radieschenroter Seide, das sie wie eine rauschende Glocke umgab; ein Schutenhut, auf dem graue Blumen zitterten, umrahmte ihr Gesicht, und zwei Bündel blauschwarzer Locken hingen neben ihren weichen Wangen. Wie ein silberner Wasserstrahl aus einem Krug floß ein weißer Seidenschal mit purpurnen Blumen von ihren zarten Schultern.
Sie war groß und schlank und von einem köstlichen Duft umgeben. Sie war noch dieselbe reizvolle, jugendliche Gestalt, die das Miniaturbild so treffend festgehalten hatte. Aber über die kindliche Anmut hatte sich ein sanfter Ernst gelegt, eine stille Wehmut, die sich sammetweich in ihren großen, klaren, Hellen Augen widerspiegelte.
Pirruhn nahm seinen Hut ab, reichte ihr die Blumen und küßte zögernd und vorsichtig die Fingerspitzen ihrer Hand.
Er sah, daß sie befangen und schüchtern schien, und sein Herz klopfte. Pirruhn war sehr ergriffen und dachte, daß Fenelon mit seinem ganzen Redetalent hier sinnlos wäre; sie war über alle Worte erhaben, und seufzend sagte er: „Ich bin Pirruhn."
Da sprang plötzlich ein Affenpinscher unter dem silbrigen Schal hervor und kläffte Pirruhn wütend an.
Er erschrak so sehr, daß seine beiden Pfeifen, die im Aermel seines Mantels staken, zerbrachen und die Stücke zu Boden fielen.
„Das werde ich dem dreckigen Köter schon noch heimzahlenl" dachte Pirruhn, krebsrot vor Wut.
Der Empfang.
Zur stillen Stunde, als alles sich in Dämmerung hüllte, aber der Himmel noch hell und leuchtend war, mit vielen blaffen Seifenblasenfarben des verschwundenen Tages, zur Stunde, als in den Häusern die Kerzen angezündet wurden, bog die schöne Kutsche auf den verlassenen, mit Gras bewachsenen Marktplatz ein
Pirruhn steckte seinen Kopf durch den ovalen Fensterrahmen und rief dem Kutscher zu: „Zum Delphin!"
Vor dem Gasthof blieb der Wagen stehen. Pirruhn stieg aus und eilte in den kleinen Saal, wo die Gesellschaft um Kuckuck versammelt war, der aus Klopstocks Werken vorlas.
„Anna-Marie steht vor der Tür!" rief Pirruhn mit erhobenen Armen. „Wenn ihr einen Traum sehen wollt, dann schnell!"
Alle stürzten hinaus, eine Flasche flog zu Boden und zerbrach.
Pirruhn hals Anna-Marie beim Aussteigen und stellte sie seinen Freunden vor, indem er feierlich ihre Namen nannte.
Beim Anblick Anna-Maries waren sie sprachlos vor Staunen.
Livinus war so gerührt, daß er vergaß, die Pfeife aus dem Mund zu nehmen, und Anna-Marie in restloser Bewunderung mit aufgerissenen Augen starr anblickte.
Kuckuck machte eine tiefe Verbeugung und murmelte vor sich hin:
„Hebe, die schöne Mundschenkin der Götter."
Der dicke Van de Nast war ganz verlegen und versuchte, sich hinter Corenhemel zu verstecken. Schwan kreuzte beide Hände auf der Brust, und Corenhemel, der feine schöne blaue Jacke mit einer weißen Rose geschmückt hatte, war sichtlich überrascht, ein Glücksschauer überlief ihn; sie hatte dieselben Augen wie Katinka, seine russische Geliebte!
Selig hingen seine Blicke an ihr, tief, durchdringend, unwiderstehlich. Zu lang und zu innig sahen sie einander in die Augen.
„Das sind die Delphine, meine Freunde", sagte Pirruhn, „die Philosophen der Stadt. Sie sehen, wie froh sie sind. Sie in ihrer Mitte begrüßen zu dürfen. Wir werden diesen Tag mit goldener Tinte in unsere Bücher eintragen!"
„Gewiß, gerne", bestätigten alle halblaut.
„Mir wird es eine reine Freude sein. Sie alle näher kennen zu lernen", sagte Anna-Marie mit ein wenig erregter, geschmeidiger Stimme; und wieder sah sie schüchtern und glücklich auf Corenhemel.
„Dann machen Sie uns zu Königen!" rief Pirruhn. „Kommen Sie!" Sie fuhren durch die Butterstraße zu Adelaide von Sint-Jan.
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Als die anderen Delphine schon wieder drinnen waren, stand Livinus noch auf der Freitreppe des alten Gasthofes.
Der Marktplatz war leer und still, die Häuser mit ihren Schnörkeln und Stufengiebeln zeichneten sich scharf und dunkel am Himmel ab, wo noch ein heller Lichtstreifen hing, den die Sonne vergessen hatte mitzunehmen.
Die grünen Fensterscheiben des Rathauses glänzten wie Wasser, und viele Fledermäuse flatterten an den zinnernen Dachrinnen der Häuser entlang; Carenhemels Dienstmädchen zag vor dem Madonnenbild eine brennende Laterne in die Höhe. Hier und da wurden in den Wohnstuben die Kerzen angezündet. Ein angenehmer Dust und eine milde Reinheit hingen in der Lust.
Livinus stand bestürzt, wie vom Schlag getroffen, mit offenem Munde da und sagte mit einem schweren, tiefen Seufzer: „Wie schön!"
Bei Adelaide.
Aus dem Wege zu Adelaide von Sint-Jan sagte Pirruhn, der unterwegs kein Wort darüber gesprochen hatte: „Ich liebe sie!" Und er erzählte ihr seine ganze Geschichte. Er sah voraus, daß sie bei Adelaide ankommen würden, bevor er damit fertig wurde, schob den Kopf durchs Fenster und rief: „Kutscher, ganz langsam fahren, wie bei einem Begräbnis mit Musik!" Der Kutscher tat, wie ihm geheißen, und Pirruhn erzählte weiter. Er kam auch auf das „Einhorn" zu sprechen, sagte, daß es früher Adelaide gehört hätte, jetzt Anna-Marie, und später vielleicht ihm gehören würde, wenn er Adelaide heirate.
Anna-Marie wußte von diesem eigenartigen Verhältnis, und sie hatte deshalb oft gewünscht, Pirruhn, diesen sonderbaren Mann mit der eigensinnigen Liebe, kennenzulernen.
„Es ist sehr begreiflich", sagte Pirruhn. „daß Adelaide nicht besonders gut auf Sie zu sprechen sein wird, weil ihr Geburtshaus nun ihnen gehört. Das ist zwischen ihr und Ihnen und zwischen ihr und mir ein kleines Hindernis. Sie weiß, wie die Sache zusammenhängt. Sie bleiben ein ganzes Jahr hier, und ich möchte, daß Sie beide gute Freundinnen würden. Ich hoffe, Adelaide in diesem Jahr zu heiraten, ja, das muß unbedingt geschehen! Und deshalb möchte ich Sie bitten, mir einen Gefallen zu tun. Sie ist versessen auf das „Einhorn", wo sie ihre Jugend verlebt hat. Sie wäre imstande, glaube ich, deswegen allein zu heiraten. Jetzt, da es Ihnen gehört, ist das weniger verlockend, aber Sie könnten es mir wieder verkaufen. Ich biete Ihnen den doppelten, nein, den vierfachen Betrag, den Ihr Herr Vater mir dafür bezahlt hat' Sie können ein ganzes Jahr dort wohnen. Wenn Sie dies nicht tun, dann müßten Sie es mir, wenn ich heirate, für den einfachen Kaufpreis zurückgeben, und heiraten werde ich bestimmt in diesem Jahr noch, verstehen Sie? ... Wenn Sie also wissen, was Liebe heißt, bann fassen Sie sich ein Herz und verkaufen Sie mir das .Einhorn' jetzt auf der Stelle! Wir machen die Sache später schriftlich. Ich möchte ihr gleich damit eine Freude machen. Und bann haben Sie noch bie Güte, das nachher gleich im Gespräch zu ermähnen. Wollen Sie? .." Pirruhn hatte noch nie eine so lange Rede gehalten. Seine Katzenaugen waren begierig auf ihren Mund gerichtet. (Fortsetzung folgt.)


