' Urrt) dann habe Ich die Furtner Marie bei ihrem Zopf gepackt und habe sie gebeutelt, und zuletzt habe ich ihr eine Ohrfeige hineingehauen, damit sie weiß, daß man einen Lateinfchüler nicht aufschreibt.
Jetzt ist der Lehrer gekommen, und er war zornig, wie er alles erfahren hat. Er sagte, daß er nur wegen meiner Mutter mich nicht gleich hinauswirft, aber daß er mich zwei Stunden nach der Schule einsperrt. Das hat er auch getan. Wie die Kinder fort waren, habe ich dableiben müssen, und der Lehrer hat die Tür mit dem Schlüssel zugesperrt. Es war schon elf Uhr, und ich habe furchtbar Hunger gehabt.
Da habe ich geschaut, ob ich nicht durchbrennen kann und vielleicht beim Fenster hinunterspringen. Aber es war im ersten Stock und zu hoch, und es waren Steine unten. Da schaute ich auf der andern Seite, wo der Garten war. Wenn man aus die Erde springt, tut es vielleicht nicht weh. Ich machte das Fenster auf und dachte, ob ich es probiere. Da habe ich auf einmal gesehen, daß an der Mauer die Latten für das Spalierobst sind, und ich habe gedacht, daß sie mich schon tragen.
Ich bin langsam hinausgestiegen und habe die Füße ganz vorsichtig auf die Latten gestellt. Sie haben mich gut getragen, und wie ich gesehen habe, daß es nicht gefährlich ist, da ist mir eingefallen, daß ich die Pfirsiche mitnehmen kann. Ich habe alle Taschen vollgesteckt und den Hut auch.
Dann bin ich erst heim und legte die Pfirsiche in meinen Kasten.
Am Nachmittag ist ein Brief vom Herrn Lehrer gekommen, daß ich dle Schule nicht mehr betreten darf.
Da war ich froh.
Frauen in Asuncion.
Von Johan Luzia n.
Rot geht die Sonne auf über den Urwäldern, das Schwarzgrün frißt [ich eine Weile hinein in den glühenden Ball, dann löst er sich und ent- ckwebt höher hinauf über die Cordillere, über den Kamp und über die alte Stadt Asuncion am Rio Paraguay. Blau und weich liegen die Schatten in den rechteckigen Straßen, zwischen den niedrigen Steinwänden, die überall ein wenig zerbröckeln, von Regen und Hitze benagt, weich liegen die Schatten in den Fruchtgärten und blütenüberrankten Patios hinter den häßlichen Mauern. Die Türme der Kathedrale leuchten aus, ein paar der höher gebauten Häuser in den Hauptstraßen fangen das rote Licht, eine engeltragende Säule funkelt golden von einer Anhöhe, die Palmen und Akazien aus den Plazas, die Schiffe auf dem Rio zittern im Licht. Aus den Kaminen zwirbelt sich heller, dünner Rauch und weht über die groblinigen Ziegeldächer, die kantigen spanischen Türmchen, über die flache, weitverstreute Stadt bis hinaus nach den Avenidas, wo in schönen Palmengärten die Billen der reichen Asuncioner stehen, und weiter über das grün und gelb und rot gesprenkelte Land der Ranchos und Wellblechhütten in der Runde. Es ist der Rauch der Frühe, vom ersten Feuerchen zum Erwärmen, denn die Morgen sind kalt, vom Feuerchen für den Mate aus der Bombilla, dem Saugröhrchen, den Frauen und Männer lieben. Sie hocken am Herd in der Dämmerung, am Feuerloch, und die Cuye/ das Kürbisgefäß, wandert von Mund zu Mund, und sie plaudern von Dingen, die ihnen wichtig find. Dann erst beginnt der Tag, der arbeitsreiche Tag für die Frauen von der Cam- pana, die Frauen der Stadt.
Sitzend auf einer Eselin, quer auf dem sanften, geduldigen Grautier, zu beiden Seiten viereckige Felltaschen voll Mandarinen, Grapefruits, braunen Mandiokawurzeln, weißen Bataten oder gelben Mamonen, Mangos, Bananen, oder hellgelben Maiskolben, ober voll frischgebackener Chipa, Kuchenbrot aus Mandiokamehl mit vielerlei Zutaten, oder voll anderen Süßigkeiten aus Teig und Frucht und Zuckersaft, — wer weiß, was die braunen Guarani-Frauen alles in diesen Taschen zum Markte schassen, wenn sie in der Frühe vom fernen Rancho aufbrechen. Vom Rio reiten sie mit großen Fischen beloben herauf, von ber Campaüa kommen sie mit Hähnchen und Enten und Putern, deren Beine zusam- mengesckmürt sind, die hilflos flattern und schließlich müde und gequält vom Rücken des Grautiers hängen. Es un animal! Ein Tier! Wer fragt nach den Leiden eines Tieres in diesem Land der Insektenplagen? Die Reiterin, braun von Gesicht, indianisch braun, mit stillem, fernem Blick aus den schwarzen Augen unter blauschwarzem Haar und schwarzem Kopftuch, das zipfellang über die Schultern hängt, läßt die nackten Beine baumeln aus dem Rücken der Eselin, im Mundwinkel die schwarze, selbstgedrehte Zigarre, stark wie Gift. Rosa, verblaßt von der Sonne ist ihr dünnes Kleid aus japanischem Stoss, ein Farbfleck gegen bas Grau des Fells, bas Braun ber Haut, bas wehenbe Grün ber Lanbfchaft.
Weit ist ber Weg nach ber Stadt, tonig rot und staubig ist ber Weg, tiefeingeschnitten sinb die Wagenspuren. Dann beginnen bie Trambahn- schienen ber Aoeniba Eolombia. Es gäbe hier viel zu sehen, wenn man Lust bazu hätte, etwas zu sehen. Es gibt hier große, prächtige Häuser, vor bereu Türen Bilder und bunte Wappenschilder der Konsulate fremder Länder leuchten, zuweilen auch Fabnen in vielen Farben, die zu den fernen Ländern gehören, bie sich Alemania ober Polonia nennen. Ader warum soll sich bie Reiterin um all bas Fremde kümmern? Nirgends ist es so schön wie in Paraguay, in der Frühe auf einer wohl- beparften Elelln zum Mercado reitend, ganz allein mit dem Sier, mit sich, ohne Aerger, ohne Zank, ohne Sorgen. Man wird die Mandioka kaufen, man wirb bie Hähnchen kaufen, man wirb Mangos unb Mandarinen kauten. In Asuncion sind so viele Menschen, so viele Häuser, so viele Feuerstellen, auf denen gekocht werden muß ...
Hinter ber Reiterin bimmelt ber Trambahnsiihrer schon eine ganze Weile, er tritt heftig aus die Schelle, aber er hat wenig Erfolg mit seiner Heftigkeit, und fast führe er das gute Grautier zuschanden, bas zwischen ben Schienen stapft, mit ber stillen Frau unb ben stillen baumefnben Hälmchen unb ben vollgepackten Taschen aus Eselfell...
Nicht jebe Frau aüerbings ist so gut gestellt, aus einem Tier zum Markte reiten zu können. Es müssen viele zu Fuß gehen, von ben
Ranchos am Fluß und den Vorstäbten. Sie tragen auf dem Kopf große flache Körbe ober hohe Henkelkörbe ober kleine Kisten, tragen barin Eier unb Butter unb Laten mit Schmalz und Flaschen mit Milch, ober Biin- bel Bananen unb mancherlei. Alles bas wiegen sie sicher unb leicht auf bem braunen Kopf. Sie können ihn steilich nicht hin unb herbrehen unb neugierig ben Fremben angaffen, ber ba am Wege steht, sie müssen ruhig unb vorsichtig mit ihrer Kopslast burch ben weichen, rieselnben Sanb stapfen; gerade aufgereift und stolz gehen sie, bloßfühig, biinn- betleibet ihres Wegs. Haben sie bie Hände frei, um einmal die Zigarre aus dem Mundwinkel zu nehmen und zu spucken? Durchaus nicht, jenn in der einen Hand halten sie noch eine Tasche mit Früchten, und mit der anderen halten sie ein Kindchen an ihrer Hüfte fest, ein kleines, blaß- braunes Kindchen, das auf dem Daumen lutscht und im Hüfttuch noch ein wenig schläft, während die Mutter wandert.
Das Pflaster der Stadt ist für Schuhzeug nicht angenehm. Auf dem Gehsteig fehlen überall ein paar der großen Steinplatten. Es haben sich Risse gebildet, in denen der Absatz hängen bleiben kann. Und auf der Fahrstraße holpern die hohen Räder der Maultierkarren nicht schlecht, die Camions und Autos hüpfen abenteuerlich von Stein zu Stein, wenn sie von ben Schienen ber Trambahn heruntermüssen, um auszubiegen. Aber ber nackte Fuß schmiegt sich sest unb sicher um das Buckelpslaster, es geht sich am besten barfüßig in dieser Stadt, im weichen Sand unb auf den von Regengüssen glattgeschmirgelten blauen Steinen der Straßen, die nach dem Mercado führen.
Welch ein Leben! Wie viele Farben! Wie viele Stimmen und wie viele Gerüche! Vor ben Toren ber Markthalle haben Händler ihre Koffer geöffnet: Ohrringe, Ketten, Knöpfe, Tücher, Stoffe, Kleinigkeiten, billig, bunt, verlockend. Waren aus Japan, Waren aus aller Welt, Waren für arme Frauen, bie um ein paar Pesos für Früchte und Eier hier ftunbenlang sitzen müssen.
Aus bem Mercabo strömt ber Dust von gebratenem Fleisch, von Puchero, von Mate, von Zigarren. In kleinen Boxen kann man bort hocken unb sich ben Magen füllen, fette süße Kuchen, in siebendem Fett gebacken, kann man sich kaufen, Kana kann man trinken, scharfen braunen Schnaps aus Zuckerrohr. Wenn nur jemand käme, ber einem Körbe unb Taschen leertaufte! Geduld, es wirb sich schon eine Käuferin finben! Zuerst bie Tasche hingestellt, so .. bie Linke ist frei, um bem Korb mit ben Eiern behilflich zu fein, baß er ohne Schaben zu Boben gelangt. Mein Kleines, mein Herzchen, mein Täubchen, bist bu hungrig, bist bu burftig? Ja, sei still, hier hast bu zu trinken! Ruhig hockt sich bie Frau neben ihrer Ware nieber, sie braucht keinen Stuhl, keinen Sessel, sie ruht in sich selber aus unb gibt ihrem Kinbe bie Brust.
Neben ihr hängen in kleinen Ständen mächtige Fetzen Fleisch von Kühen unb Rindern, fliegenumschwärmt. Drüben werben auf Schlachtbänken Fische zerstückelt mit langen Messern. Goldgelb leuchtet das Fleisch der Dorados. Es gibt viele und große Fische im Rio und in der Lagune, die besten sind Dorados und aschgraue Surovis unb braune Bakus. Der große Lopez soll die Surovis vom Meer hierhergebracht haben, und sie sind heimisch geworden im Fluß. Am Boden liegt das Federvieh und schlägt zuweilen schwach mit den Flügeln. Am Boden häufen sich goldgelbe Früchte. Kürbisse, Bataten, Bananen, Ananas, großblättriger Salat, großköpsiges Weißkraut, pralle Zwiebeln, Schnüre von Knoblauch, Erbsen, Bohnen, Gurken, Tomaten, Spargel. Nicht groß ist der Markt, aber vieles hat Platz unter den Holzdächern, vieles leuchtet und lockt unb stinkt unb lärmt. Man kann kleine, grüne Papageien kaufen, zahm und niedlich, mit beschnittenen Flügeln, damit sie nicht fortfliegen, man kann Puter kaufen und Perlhühner, man kann Häute von Wasserschlangen kaufen, vier Meter lange Schlanaenhäule, und man kann Körbchen kaufen, die aus dem Panzer der Gürteltiere gefertigt sind. Unb man kann Spitzen kaufen, Nanduti, sv sein wie Spinnweb, bie Arbeit von Monaten, unb kleine Schmuckstücke aus blauen Schmetterlingsflügeln. Unb man kann Honig kaufen unb man kann Blumen kaufen unb man kann große Bündel Tabakblätter kaufen. Was gibt es hier nicht!
Zwischen ben Tischen unb Bänken schiebt sich bie Schar ber Frauen mit Körben unb Taschen hin, bie Mucamas, bie Mübchen unb Köchinnen kaufen ein. Sie legen bas Svanisch bes Hauses ab unb reben Guarani, bie Sprache bes paraguayischen Volkes, bie nur ein paar tausend, Worte kennt, bie aber alles um so einfacher ausbrückt. Sie paßt zu bem Bilde des Marktes, sie paßt zu ben hockenben braunen Frauen, bie Urfpratfie bes Sanbes, in bem bie Zeit langsamer geht als anberswo in ber Welt, benn wir sinb weit brinnen im Herzen Sübamerikas.
Die Sonne brennt aus bem blauen Himmel herunter. Der Boben ist bestreut mit Orangenschalen, Blättern, Unrat. Farben, Sonne. Hitze, Gestank unb Rauch von Kesseln und Bratpfannen. Stunden um Stunden dauert das Frauengewoge zwischen den Ständen, die sich leeren und neu gefüllt werden, denn immer noch wandern zu Fuß und auf Eseln und Maultieren Frauen herbei mit neuen Körben. Afuncion ist der einzige Markt für das Land ringsum Hunderttausend Bewohner, die einmal nicht alles selber bauen, was sie zum Leben brauchen.
Aber wer könnte all die Früchte essen, die selbst auf ben Straßen rings um bie Quaber bes Marktes liegen, zu Hausen geschaufelt ober hübsch getürmt zu kleinen Figuren, ober butzenbweis an einen Stab gebunben, um ben Kauf einladender zu machen? Wer könnte bie Tau- senbe von Mandarinen essen, bie in ben Fruchtaärten um bie Stabt herum nachts unb tags zu Boben fallen und im Sand verfaulen? Wer könnte die Taufende von Ananas verzehren, die auf ben Felbern verharren?
Die Mabonna und ihre Heiligen mögen es heute gut meinen mit den braunen Frauen, bie ihre Lasten zum Markte tragen! Sie möge ben Regen fernhalten, bie Mabonna, benn wenn ber Himmel mit vloh- licher Lust am Auskehren bes Ueberfluffes (eine Walser hernieberfchüttet, bann schwimmen auf roten reißenden Strömen all bie golbenen Früchte bes Sanbes bie Straßen zum Rio hinab ...
verantwortlich: Or. KanSTHyriot. — Druck unbDerlag:Drühl'scheUniversitäts-'Luch» und Eteinbruckerei. R. Lange. Gießen.


