hundertmal
Verantwortlich: Dr. -ans Tbvriot. - Druck und Derlag: Brühl sch« UntversilätS-Duch. und Steindruckerei. 2l. Lana«. Sieben.
9ri„ Ende, von irgendwoher, peitschte durch die Luft, zerschlug nur die (Inte Oberlippe. Abgerissene Fetzen eines Schreis. Ein Arm klammerte sich an meine linke Hüste. Aber nur einen kurzen Augenblick. Dann griff der Bootsmannsmaat, die Backbordnummer I der Grotzmarsrah, dem das gefrorene Ende ein Auge ausgeschlagen, tapfer wieder in das wild sich aufbäumende Segeltuch.
Wie es weiterging? Niemand von uns vermochte es zu sagen. Oer Sturm setzte seine letzten Reserven ein. Aber unser Wille setzte auch alle seine Reserven ein. Um 4 Uhr morgens war das Segel fest, das Schiff lag mit Sturmfock und Sturmbefan bei. Fühllos, mechanisch enterten mir3n'ber Batterie traten wir an. Der erste Offizier ließ jedem von uns einen großen Becher Schnaps geben. Waren wir alle da? das war meine erste Frage. Nein, einer fehlte. Die Nummer 8 von der Steuerbordnock, der junge blonde Friese von Hallig Hooge, war nicht mit uns niederqeentert. Alle liebten wir ihn, seine herbe Scheuheit, seine immer treue Hilfsbereitschaft, die Selbstverständlichkeit, mit der er jede Schwierigkeit meisterte. „ „ ,, . _
Und al» wir wenig später hinausbefohlen wurden zum Kommandanten und unseren Weg uns bahnten durch das verwüstete Deck, als wir vor dem Kommandanten standen und er, dieser harte Mann, uns kurz, knapp seinen Dank sagte, er, der nie dankte, nur immer forderte, immer höher die Ansprüche schraubte, da wurde ein Hochgefühl wach in unseren Herzen, wie nur Jugend empfinden kann, wenn sie zum erstenmal die große Probe des Lebens bestanden.
In gemeinsamer Treue hatten wir den Kampf bestanden und waren Sieger "geworden. Einer war von uns gegangen, ganz still, wie es seine Art war. Und hatte doch ein Vermächtnis uns hinterlassen, größer als alle Reichtümer der Welt: das Bewußtsein in uns. daß diese lange Nacht mit ihrem Kampf und ihrer Not uns zu einer Gemeinschaft geschweißt, in der jeder jedem die Treue hielt, und daß solch eine Treugemeinschaft I Herr wird auch über den wildesten Sturm.
wolle er sich zu uns an Decke retten. „, ,,
Da» Schiff torkelte, tanzte, taumelte, hob sich, senkte sich schwer und bäumte sich immer von neuem tapfer gegen die Unermüdlichkeit des Sturms. Ein paar Oelfücke wurden außenbords in die Rüsten gehängt. Aber was half das in der unermeßlichen See! Die Beine weit gespreizt, die Füße nach innen gestellt, mit den Sohlen uns fest an das zitternde Deck hängend, verhohlten wir uns mühsam an den Strecktauen, wo es etwas neu zu zurren, ein Loch zu stopfen ober Reservestützen anzubringen galt. „ . .... ,
„Alle Mann sich klarhalten zum Manöver." Wir mußten lächeln. Wer buchte in dieser Nacht des Grauens an Hängematten und Schlaf! Wie spät war es überhaupt? Seit Stunden war nicht mehr geglast worden. Der Sturm hatte alle Zeit ausgelöscht.
Ein paar Augenblicke lang war Ruhe. Hatte der Gegner den Kampf ausgegeben? Trunkene Schaumköpse zerflatterten wie weiße Sterne. Metallenes Zwielicht drängte sich durch das Wolkengeball. Schüchtern lugten ein paar Sterne bleich und bleiern herunter, als wollten sie sehen, wer Sieger geworden. Waren wir es schon? Wir wußten es nicht.
Aber dann kam es. Wie eine Lawine niederjagend zu Tal, Schneemassen aiis Schneemassen dem eigenen Ungestüm anballt, wie sie alles mit sich zwingt, was in ihre Nähe kommt, alles niederwuchtet, was sich ihr in den Weg stellt, so riß jetzt der Sturm, zum Angriff vorgehend, alles in (eine Bahn, was oben im Luftmeer an Wind sich getllmmelt. Der Sturm schwoll zum Orkan.
„All- M-nn auf! Klar zum Manöver! Marssegel bergen! Slurm- besan uiid Sturmsock setzen." Ein schwarzes Leichentuch war im Augenblick über das Schiff geworfen. Wir tasteten uns hinein in den abgründ- lichen Rachen der Nacht auf unsere Manöverstationen.
Wie ein Feuer die Eisenstäbe der Käsige schmilzt und allen Tigern den Weg freigibt, daß sie sich ausrasen können, so brach letzt der Drtan Arrinas und Ketten und ließ tausend Gegenstände frei hren Weg dürch^dle Decks nehmen Ein schwerer Block hatte sich losger.ssen, jagte über das Oberdeck, donnerte gegen die Bordwand, Zerschlug ein Decks licht zerschmetterte einem unserer Schiffsjungen den Fuß, suchte lang oeräebens einen Ausweg, folgte schließlich einer Sturzste m die stru delnde Tiefe Es war, als habe dieser Block nur das Signal gegeben. Jetzt regte es sich überall im Schiff. Backsgeschirr und Spillspaken-Koch- kessel und Kleiderkisten und selbst die an militärische Zucht gewohnten Seitengewehre, alles riß sich aus seinem Gehaus, stolperte sinnlos durch
^lnbes suchten wir Marsrahgäste uns über die Mernden •Putting3 durch das brüllende Grauen den Weg aus unsere Rah. Ich befestigte d Großmarsrah, hatte einen Maaten und Zwei Matrosen an jeher Seite. Die Nummern 8 an den äußersten Enden, an den Nocken der R h, batten den gesährlichsten Platz, denn bei jedem Uederlegen des Schiffes chlug der eistalte Gischt ihnen in die jungen Gesichter. In den Pferden tebenb, den Tauen, bie einen Meter unter ber Rah laufen, stemmten wir uns gegen den herantobenden Feind, klammerten uns an die Rah kämpften uns in das Segel, zerrten es, um es zu bergen zu uns herauf indes ber Gegner mit Keulenfchlägen uns zu be auben
Jedes Kommandowort fraß ber Sturm, jebes Zeichen die Nacht. Blind und taub waren wir nur auf uns selbst ""gewiesen. Nur bi - weilen kamen zerbrochene Laute zu uns heraus durch die schwarze heit. Aber Helsen konnte uns niemand. Mehr als zwölf gingen nicht aU^Sautnt hatten wir einen Teil des Segels geborgen, da höhnte der Sturm riß uns das gefrorene Tuch wieder aus den erstarrten Händen, schlug es uns um die Ohren, peitschte es in sinnloser Wut gegen bie Marsstange. Aber zugleich ritz er uns bas Denken aus bem Kopf. Und das war gut, denn nun standen wir Element gegen Element.
Wir standen in der Schlacht gegen einen Gegner, der hunbertmal stärker war als wir. Aber alles in uns Jungen bäumte sich gegen dies« unsere erste Nieberlage. Es ging um Leben unb Tob. Wir aber wollten nicht sterben. Wir muhten siegen. , .. ~
In wahnwitziger Freube am Zerstören brach ber Sturm bie Vor- bramstanqe, knickte bie Gasfelgeer, wühlte in dem °usge chossenen Tau. werk riß es auseinander, peitschte mit dem sich windenden Hans Soots bett und Kampanje, brach die Zeisinge von den Hangemattskasten, zerrte in wilder Gier an allem, was ihm Widerstand leistete. 3mmer oon neuem packte er das Schiss, schleuderte es in d'e Tiefe, schüttelte es, schnellte es auf einen Wogenkamm, warf es in die Leere der Nacht.
Bisweilen schwieg er ein paar Minuten. Dann lag es wie ein Dröhnen in der Lust, bald laut wie fernes Brüllen, bald leife wie em hohles Klagen, als seufze der Gegner, daß er immer noch "'cht Sieger geworden. Jetzt nur nicht müde werden. Nicht auch klagen. Hart fern.
“einmal 'hatten wir es fast geschafft. Das ganze Segel hatten wir aufqebolt, zusammengewürgt und wollten es eben festmachen. Da riß plötzlich der Sturm das Schiss in die Höhe. Flogen wir? Waren wir noch an Bord? Standen wir noch in den Pferden? Wir taumelten zwischen Himmel unb See irgenbroo in bem alles verschlmgenben eisigen Dunkel, bas mit taufenb Tatzen nach uns griff.
Alle unsere bisherige Arbeit war vergebens gewesem Jetzt setzte sich der Sturm mit seiner ganzen Kraft in bas aufgegatte Segel unb blähte es auf zu eisernem Baum. Verzweifelt suchten mir immer von neuem, es zu uns heraufzuziehen. Es ftanb wie aus Stahl, trotzte unseren blutenben Hänben, ließ sich nicht bewegen. Aber wir trotzten auch, mir groölf da oben. Aber waren wir noch zwölf? Jeder konnte nur den Nachbar fühlen. Die draußen an den Nocken? Verständigung war un-
Das Dermächinis.
Von Bogislav von Selchow.
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nach dein Batteriedeck heruntergebracht und verstaut werden.
Wir waren mit unseren Schiffsjungen noch unter Deck, als die Matrosendivifion und die Freiwache der Heizer aufgepfiffen wurden. Üllle Seitenboote wurden aufgetoppt. Die Barkuns abgeftufct, überall Streettaue angebracht, alles, was irgendwie sich bewegen konnte fest- gezurrt Schon aber begann ein lebhaftes Innenleben im ganzen Schiff. Wen brachen, Enden rissen. Zurrings sprangen, und m't ungeheurem Krachen nahmen die befreiten Gegenstände ihren Weg durch die Deck . Dann rief bas „Alle Mann auf! Klar zum Manöver! die ganze Be- |a6Reinaannb®re5 Kommando auf einem Segelschiff wirkt jedesmal wieder so aufreizend, fast wie die Posaune des Jüngsten Gerichts, wie der Allemannspsisf, wenn jeder fühlt, es ist Gefahr. Auch dem, der,iahr- nebntelanq zur See gefahren, bringt dies Kommcmdo durch Marck und Bein Wir jagten an Deck. Obwohl noch eine halbe Stunde vor Backen unb Banken, also Heller Tag, umfing uns hier ein fahles gespenstisches Licht Schwarze Wolkenbänke ftanben rings um bie Simm, bas Meer (aq wie in Erwartung. Schaumköpfe hoben sich, hielten Ausschau, versprühten. Wie ein ,nüber Mensch ächzten bie Untermalten. Em schrilles Meisen schlug an unser Ohr. Aus unendlicher Ferne kam em Carmen auf uns zu, ivie das Schlachtbrüllen eines nahenden Femdes.
Längst waren wir auf unseren Rahen. In rasender Eile mußten die Bramsegel geborgen unb bie Marssegel bicht gereeft werben. Von Zeit , Zeit fielen scharfe Böen ein, (prangen über bie Seen, gruben bro- belnbe Krater in bie ausgepeitschten Wasser, zerrten an ben Segeln,
Bram- unb Oberbramrahen an Deck!" — „Beschleunigt Dampf aufmachen in allen Kesseln." Die Befehle überstürzten sich Aber sie würben mit einer eisernen Ruhe gegeben van bem Mann mit ben oier Streifen auf ber Brücke, ber bie Verantwortung trug. Der Sturm hatte Windstärke 10 erreicht. Aber wir alle fühlten, das war erst em Vorspiel, war Vorpostengeplänkel eines Gegners, der irgendwo im Dunkel lauerte, der aus unfaßbarer Finsternis tarn, das Medusenhaupt — wie lange noch? — von undurchdringlicher Tarnkappe verhängt.
Wir enterten wieder, mit Händen unb Fußen uns festklammernd, an den zu Eis erstarrten Wanten, daß die überkommenden Brecher uns nicht in die Tiefe rissen. Das Schiss duckte sich scheu unter ben Sturzseen es stöhnte unb schrie. Es schrie bisweilen, wie ein Kmd schreit, wenn etwas Furchtbares kommt, vor bem es sich nicht retten kann. Aber grabe, weil unser Schiff mitsühlte in ber Gefahr, hatten wir es um so lieber In dieser Stunde wurde es uns Heimatlosen wirklich Heimat.
An „Backen und Banken" war nicht zu denken. Aber es dachte auch feiner an Abendbrot. Die Wolken hatten alle Farbe verloren. Der immer stärker werdende Sturm zerriß sie zu verfratzten Gebilden. Höhnische Totenschädel grinsten graugrllnlich uns an. Bisweilen kroch aus dem verschwimmenden Gesetz ein Stern so nah an uns heran, als


