Auf ein schlummerndes Kind.
Von Friedrich Hebbel.
Wenn ich, o Kindlein, vor dir stehe, Wenn ich im Traum dich lächeln sehe, Wenn du erglühst so wunderbar. Da ahne ich mit sühem Grauen: Dürst' ich in deine Träume schauen, So wär' mir alles, alles klar!
Dir ist die Erde noch verschlossen. Du hast noch keine Lust genossen. Noch ist kein Glück, was du empfingst, Wie könntest du so süß denn träumen. Wenn du nicht noch in jenen Räumen, Woher du kämest, die ergingst?
Lieber Kinder- und Hausmärchen.
Von Wilhelm Grimm.
In diesen Tagen jährte sich, worauf bereits in der „Heimat im Bild" aufmerksam gemacht wurde, zum 150. Male der Geburtstag Wilhelm Grimms, eines der „Väter des deutschen Märchens". Als im Jahre 1812 der erste Band der „Kinder- und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm" erschien, setzte Wilhelm Grimm dicser unsterblichen Sammlung das nachfolgende Vorwort voraus, das zu den klassischen Prosaleistungen der deutschen Romantik zählt.
Wir finden es wohl, wenn Sturm oder anderes Unglück, vom Himmel geschickt, eine ganze Saat zu Boden geschlagen, daß bei niedrigen Hecken oder Sträuchen, die am Wege stehen, ein kleiner Platz sich gesichert und einzelne Aehren aufrecht geblieben sind. Scheint dann die Sonne wieder günstig, so wachsen sie einsam und unbeachtet fort, keine frühe Sichel schneidet sie für die großen Vorratskammern, aber im Spätsommer, wenn sie „retr und voll geworden, kommen arme, fromme Hände, die sie suchen; und Aehre an Aehre gelegt, sorgfältig gebunden und höher geachtet als ganze Garben, werden sie heimgetragen und winterlang sind sie Nahrung, vielleicht auch der einzige Samen für die Zukunft. So ist es uns, wenn wir den Reichtum deutscher Dichtung in frühen Zeiten betrachten und dann sehen, daß von so vielen nichts sich lebendig erhalten, selbst die Erinnerung daran verloren war, und nur Volkslieder und diese unschuldigen Hausmärchen übrig geblieben sind. Die Plätze am Ofen, der Küchenherd, Bodentreppen, Feiertage noch gefeiert, Triften und Wälder in ihrer Stille, vor allem die ungetrübte Phantasie sind die Hecken gewesen, die sie gesichert und einer Zeit aus der andern überliefert haben.
So denken wir jetzt, nachdem wir diese Sammlung übersehen; anfangs glaubten wir auch hier schon vieles zugrund gegangen und nur die Märchen noch allein übrig, die uns etwa selbst bewußt, und die nur abweichend, wie es immer geschieht, von andern erzählt würden. Aber aufmerksam auf alles, was von der Poesie wirklich noch da ist, wollten wir auch dieses Abweichende kennen, und da zeigte sich dennoch manches Neue, und ohne eben imstande zu sein, sehr weit herum zu fragen, wuchs unsre Sammlung von Jahr zu Jahr, daß sie uns jetzt, nachdem etwa sechse verflossen, reich erscheint; dabei begreifen wir, daß uns noch manches fehlen mag, doch freut uns auch der Gedanke, das Meiste und Beste zu besitzen. Alles ist mit wenigen bemerkten Ausnahmen fast nur in Hessen und den Main- und Kinziggegenden in der Grafschaft HanaU, wo wir her sind, nach mündlicher Ueberlieferung gesammelt; darum knüpft sich uns an jedes Einzelne noch eine angenehme Erinnerung. Wenig Bücher sind mit solcher Lust entstanden, und wir sagen gern hier noch einmal öffentlich allen Dank, die daran teilhaben.
Es war vielleicht gerade Zeit, diese Märchen festzuhalten, da diejenigen, die sie bewahren sollen, immer seltener werden (freilich, die sie noch wissen, wissen auch recht viel, weil die Menschen ihnen absterben, sie nicht den Menschen), denn die Sitte darin nimmt mehr ab, wie alle heimlichen Plätze in Wohnungen und Gärten einer leeren Prächtigkeit weichen, die dem Lächeln gleicht, womit man von ihnen spricht, welches vornehm aussieht und doch so wenig kostet. Wo sie noch da sind, da leben sie so, daß man nicht daran denkt, ob sie gut oder schlecht sind, poetisch oder abgeschmackt, man weiß sie und liebt sie, weil man sie eben so empfangen hat, und freut sich daran ohne einen Grund dafür: so herrlich ist die Sitte ja, auch das hat diese Poesie mit allem Unvergänglichen gemein, daß man ihr selbst gegen einen andern Willen geneigt sein muß. Leicht wird man übrigens bemerken, daß sie nur da gehaftet, wo überhaupt eine regere Empfänglichkeit für Poesie oder eine noch nicht von den Verkehrtheiten des Lebens ausgelöschte Phantasie gewesen. Wir wollen in gleichem Sinn hier die Märchen nicht rühmen oder gar gegen eine entgegengesetzte Meinung verteidigen; jenes bloße Dasein reicht hin, sie zu schützen. Was so mannigfach und immer wieder von neuem erfreut, bewegt und belehrt hat, das trägt feine Notwendigkeit in sich und ist gewiß aus jener ewigen Quelle gekommen, die alles Leben betaut, und wenn auch nur ein einziger Tropfen, den ein kleines zufammen- haltendes Blatt gefaßt, doch in dem ersten Morgenrot schimmernd.
Innerlich geht durch diese Dichtung dieselbe Reinheit, um derentwillen Kinder uns so wunderbar und selig erscheinen; sie haben gleichsam dieselben bläulich-weißen, makellosen, glänzenden Augen (in die sich die kleinen Kinder selbst so gern greifen), die nicht mehr wachsen können, während die andern Glieder noch zart, schwach und zum Dienst der Erde ungeschickt sind. So einfach sind die meisten Situationen, daß viele sie wohl im Leben gefunden, aber wie alle wahrhaftigen immer wieder neu und ergreifend. Die Eltern haben kein Brot mehr und müssen ihre Kinder in dieser Not verstoßen, oder eine harte Stiefmutter läßt sie leiden und möchte sie gar zugrunde gehen lassen. Dann sind Geschwister in des Waldes Einsamkeit verlassen, der Wind erschreckt sie, Furcht vor
den wilden Tieren, aber sie stehen sich in allen Treuen bei, das Brüderchen weiß den Weg nach Haus wiederzufinden, oder das Schwesterchen, wenn Zauberei es verwandelt, leitet es als Rehkälbchen und sucht ihm Kräuter und Moos zum Lager; oder es sitzt schweigend und näht ein Hemd aus Sternblumen, das den Zauber vernichtet. Der ganze Umkreis dieser Welt ist bestimmt abgeschlossen: Könige, Prinzen, treue Diener und ehrliche Handwerker, vor allem Fischer, Müller, Köhler und Hirten, die der Natur am nächsten geblieben, erscheinen darin; das andere ist ihr fremd und unbekannt. Auch, wie in den Mythen, die von der goldenen Zeit reden, ist die ganze Natur belebt, Sonne, Mond und Sterne sind zugänglich, geben Geschenke ober lassen sich wohl gar in Kleider weben, in den Bergen arbeiten die Zwerge nach dem Metall, in dem Wasser schlafen die Nixen; die Vögel (Tauben sind die geliedtesten und hilfreichsten), Pflanzen, Steine reden und wissen ihr Mitgefühl auszudrücken, das Blut felber ruft und spricht, und so übt diese Poesie schon Rechte, wonach die spätere nur in Gleichnissen strebt. Diese unschuldige Vertraulichkeit des Größten und Kleinsten hat eine unbeschreibliche Lieblichkeit in sich, und wir möchten lieber dem Gespräch der Sterne mit einem armen, verlassenen Kind im Wald, als dem Klang der Sphären zuhören. Alles Schöne ist golden und mit Perlen bestreut, selbst goldne Menschen leben hier, das Unglück aber eine finstere Gewalt, ein ungeheuer menschenfressender Riese, der doch wieder besiegt wird, da eine gute Frau zur Seite steht, welche die Not glücklich abzuwenden weih, und dieses Epos endigt immer, indem es eine endlose Freude auftut. Das Böse auch ist ein Kleines, Nachstehendes und das Schlechteste, weil man sich daran gewöhnen könnte, sondern etwas Entsetzliches, Schwarzes, streng Geschiedenes, dem man sich nicht nähern darf; ebenso furchtbar die Strafe desselben: Schlangen und giftige Würmer verzehren ihr Opfer, oder in glühenden Eifenschuhen muß es sich zu Tod tanzen. Vieles trägt auch eine eigene Bedeutung in sich: Die Mutter wird ihr rechtes Kind in dem Augenblick wieder im Arm haben, wenn sie den Wechsel- balg, den ihr die Hausgeister dafür gegeben, zum Lachen bringen kann; gleichwie das Leben des Kindes mit dem Lächeln anfängt und in der Freude überwährt, beim Lächeln im Schlaf aber die Engel mit ihm reden. So ist eine Viertelstunde täglich über der Macht des Zaubers, wo die menschliche Gestalt frei hervortritt, als könne uns keine Gewalt ganz einhüllen, und es gewähre jeder Tag Minuten, wo der Mensch alles Falsche abschüttele und aus sich selbst herausblicke; dagegen aber wird der Zauber auch nicht gpng abgelöst, und ein Schwanenflügel bleibt statt des Arms, und weil eine Träne gefallen, ist ein Auge mit ihr verloren; ober die weltliche Klugheit wird gebemütigt unb ber Dümmling, von allen verlacht unb hintangesetzt, aber reines Herzens, gewinnt allein bas Glück. In biefen Eigenschaften aber ist es gegründet, wenn sich so leicht aus biefen Märchen eine gute Lehre, eine Anwenbung für bie Gegenwart ergibt; es war roeber ihr Zweck, noch finb sie darum erfunden, aber es erwächst daraus wie eine gute Frucht aus einer gesunden Blüte ohne Zutun der Menschen. Darin bewährt sich jede echte Poesie, daß sie niemals ohne Beziehung auf das Leben fein kann, denn sie ist aus ihm aufgeftiegen unb kehrt zu ihm zurück, wie die Wolken zu ihrer Geburtsstätte, nachdem sie die Erde getränkt haben.
Gewohnt, getan.
Von Johann Wolfgang von Goethe.
Ich habe geliebet, nun lieb’ ich erst rechtl
Erst war ich der Diener, nun bin ich der Knecht.
Erft war ich der Diener von allen;
Nun fesselt mich diese scharmante Person, Sie tut mir auch alles zur Liebe, zum Lohn, Sie kann nur allein mir gefallen.
Ich habe geglaubet, nun glaub’ ich erst recht!
Und geht es auch wunderlich, geht es auch schlecht, Ich bleibe beim gläubigen Orden:
So düster es oft und fo dunkel es war In drängenden Nöten, in naher Gefahr, Auf einmal ift’s lichter geworden.
Ich habe gefpeifet, nun speis' ich erst gut!
Bei heiterem Sinne, mit fröhlichem Blut Ist alles an Tafel vergessen.
Die Jugend verschlingt nur, bann sauset sie fort;
Ich liebe zu tafeln am luftigen Ort, Ich kost' unb ich schmecke beim Esten.
Ich habe getrunken, nun trink' ich erst gern!
Der Wein, er erhöht uns, er macht uns zum Herrn Unb löset bie sklavischen Zungen.
Ja, schonet nur nicht bas erquicfenbe Naß: Denn schwinbet ber älteste Wein aus dem Faß, So altern dagegen die Jungen.
Ich habe getanzt und dem Tanze gelobt,
Und wird auch kein Schleifer, kein Walzer getobt, So drehn wir ein fittiges Tänzchen.
Und wer sich der Blumen recht viele verflicht. Und hält auch die ein’ unb bie anbere nicht. Ihm bleibet ein munteres Kränzchen.
Drum frisch nur aufs neue! Bebenke bich nicht: Denn wer sich bie Rosen, bie blühenben, bricht, Den kitzeln fürwahr nur die Dornen.
So heute wie gestern, es flimmert der Stern;
Nur halte von hängenden Köpfen dich fern Und lebe dir immer von vornen.


