Ausgabe 
28.2.1936
 
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von mir weg-

Dame, in den taten!"

traben und ritt nach Osten davon, als habe sie es eilig, zukommen "

Das war sicherlich auch der Fall!"

Er sah erstaunt auf.

Weshalb denn?"

Wie kann man ein junges Mädchen, überhaupt eine ersten fünf Minuten mit Fragen überfallen, wie Sie es

(Fortsetzung folgt.)

Steuer senkte zustimmend den Kopf.Dieses Fraulein Glascha ist achtzehn oder neunzehn Jahre alt. Wußten Sie das? Sie flöt seit zehn Jahren hier auf dem weltverlassenen Gut als einzige Same. Ihre Mutter starb, als das Kind wenige Jahre alt war. Sie Mutter war eine russische Studentin gewesen. Professor Pfennmgshof hatte sie ge­heiratet, er war zu jener Zeit Dozent in Zürich. Nach dem Tode der Frau zog sich der gerade Professor Gewordene hier in die Einsamkeit zurück. Er lebte seinen Studien und Versuchen. Auf den Gütern der Um­gegend heißt er der Archimedes."

Wer hat Ihnen das alles gesagt?"

Der Pächter Glahn vom Rügen Hoff. Er kann von seinem Besitz aus' den Pfenningshos beobachten. Ich denke mir, er hat ein besonderes Interesse, das zu tun und sich für die Lebensgeschichte der Familie Psen- ninqshof zu interessieren. Glascha ist jung und recht reizvoll, Glahn ist ledig und nicht mittellos. Sie wissen, wie das auf dem Lande ist. Eine Heirat bringt zwei Güter zusammen." .

In der Stadt sind es die Geschäfte, die fortgefuhri ober vereinfacht werden sollen durch den Schwiegersohn. Das ist überall dasselbe.

Sie haben recht. Aber um auf Tatsächlichkeiten zurückzukommen: ich erfuhr durch Glahn etwas überaus Wichtiges; jedenfalls kann es sehr bedeutungsvoll fein oder werden. Herr Alwien war am Abend, ehe er starb, bei dem Professor gewesen! Glahn hat beobachtet, roie Glascha unfern Geschäftsführer zum Tor geleitet hat. Und nun kommt das Selt­same, weil ganz Unerwartete: Alwien und Glascha haben sich dort norm Frau v^Blinkburg vermochte wirklich ein bißchen über diesen Schrift­steller zu lächeln. , v . .

Das wäre an sich gar nicht so sonderbar oder unerwartet , meinte sie- freilich, daß Herr Alwien in derselben Nacht sterben mußte, laßt auf alles ein besonderes Licht fallen. Vielleicht ist hier zum erstenmal bas Motiv angerührt worden, aus welchem die unglückselige Tat erwuchs?

Ganz meine Meinung. Eifersucht. Das egoistischste aller Gefühle. Aber wenn es so ist, wer war eifersüchttg auf Alwien? Es liegt nahe zu sagen: der Pächter Glahn, der dies alles erzählt hat. Aber gerade das spricht auch dagegen. Weshalb erzählt er feine Wahrnehmungen? Ich glaube, dieser Mörder war geschickter. Er hat seine Spur verwischt, wie der Fuchs mit dem Schweif seine Fährte."

Frau v. Blinkburg sah den Mann, der da redete, an. Sie faß mit hochqezogenen Schultern, es konnte Müdigkeit oder auch Angespanntheit bedeuten. Was sprichst du! Warum erzählst denn du nur alle diese Wahrnehmungen? Als Glahn vor dir stand und erzählte, kam dir der Gedanke, daß fein Verhalten ganz seltsam sei. Und du fitzt nun vor nur und muht spüren, daß etwas Dunkles um die Todesstunde Alwiens «st, daß die Schatten auch auf dich fallen; und du redest, redest. Ist es Angst? Der Wunsch, aufzuzeigen: sieh, so bemühe ich mich, bas Dunkel auszuhellen; nun mußt bu doch wohl glauben, daß nicht ich es tat!

Aber sie sprach kein Wort unb fragte nichts.

In bas Schweigen meinte Abalbert Steyer, und er nahm seine Ge­schichte ba roieber auf, wo er sie hatte fallen lassen:

Glahn ging mit mir über bie Felder. Bis an die Grenze feiner Aecker geleitete er mich."

Schätzte er Sie denn so plötzlich als Freund?"

Nein", gab Steyer ehrlich zu.Er hatte dort zu tun. Und dann war auch noch dies: ich hatte ihn gebeten, mich Fräulein Glascha vor­zustellen, wenn es sich so träfe. Das ließe sich leicht bewerkstelligen, meinte er und ging mit mir. Wir trafen Glascha bei dem Bach, der die Grenze zwischen den beiden Gütern bildet. Sie saß zu Pferde, sie ritt ohne Rock im Herrensattel; Bluse, Reithose, hohe Stiefel. Eine moderne Amazone; sehr anders in der Wirkung als die rote Olga im Hippodrom. Dann redete er ein paar Worte mit Glascha, es waren Fragen über den Stand irgendwelcher Getreide- oder Rübenforten. Glascha antwortete sehr kurz, er verabschiedete sich bann halb.

Glascha lenkte bas Pserb zurück. Ich will Ihrem Herrn Vater meine Aufwartung machen, sagte ich. Sie nickte. Ich schritt neben ihr her; es ist eine peinliche Sache, wenn man zu ber Person, mit ber man rebet, aufsehen muß, ben Kopf nahezu im Nacken; zubem mußte ich über einen holperigen Acker stolpern. Aber ich ließ es mich nicht verbrießen. Ich wollte ein paar Worte mit biefem Mädchen wechseln.

Fanben Sie Glascha übrigens hübsch, gnäbige Frau?

Ein nicht alltäglicher Typ, gewiß. Sie hat von ber Mutter etwas Slawisches mitbekommen, schien mir; bie Augenpartie, bas ganze Gesicht ein bißchen groß, nicht wahr? Ihr Haar ist allerbings schön, ich liebe bies Kupferbraun. Ihre Gesichtsfarbe muß sonst gefunb unb blühend fein, das war zu merken. Als ich Glascha kennenlernte, erschien sie mir bleich wie nach einer eben überstandenen Krankheit. Ihr braungebranntes Gesicht wies einen fahlen Ton auf und schimmerte ins Mattgelbliche. Ich überzeugte mich mit einigen Worten, daß sie vom Tode Alwiens wußte. Es wäre ja erstaunlich gewesen, wäre das nicht ber Fall gewesen. Da wir leiblich ins Gespräch gekommen waren, burfte ich fragen: Er war Ihr Freunb? Sie schüttelte ben Kops. Nein, Vaters Freunb, ant­wortete sie. Aber es schien mir boch, als sei ich ihr mit dieser Frage zu nahe gekommen. Sie wies mit der ausgestreckten Hand auf den schmalen Weg, der zwischen den Feldern auftauchte. Gehen Sie hier geradeaus, Sie kommen auf bie große Ouerchausfee. Den Hof können Sie ja nicht mehr verfehlen. Der Turm bort steht auf bem Herrenhaus. Sie sehen ihn überall.

Ich bebantte mich und verließ Glascha. Sie ließ ihr Pferd sofort an-

Augen, und schreckhaft stieß eine Ideenverbindung in ihr «uf Sprach er diese letzten Worte in eigner Sache? Und da, sie sträubte sich nod), fuhr ihr ber Satz heraus:Sie hatten gestern Ihren Stock hier liegen Iahen." Erschrak er? Keine Miene zuckte in ,es

ihm, ganz ruhig zu bleiben.So? Ach ja. Nun, ich habe ihn heute nicht

roei6 es nickst; ich glaube, ber Oder hat ihn in Ihr Zimmer 9etrerTa6 eine Weile still unb schien nachzubenkem Plötzlich erhob er sich wie unter einem Einfall unb entschuldigte sich. Frau v. Älmkburg sah, wie er durch die Halle schritt und im Zwischensaal den Kellner anhielt. Sie sprachen etwas. Der Kellner wies ihn in den Saal zurück, aber Adalbert Sieger lief erst einmal nach oben in sein Zimmer. Als er wieder heruntertam schien er erregt. Er ließ sich den Hausdiener kommen. Auch der zuckte die Achseln. Frau v. Vlinkdurg beobachtete durch die Glastür alle diese Vorgänge und konnte sie sich leicht zusammenreimen. Adalbert ^^Nach^eraumer Zeit erhob sie sich und zog sich Zurück. Steyer war nicht wiedergekommen. Nicht bie Tatsache als fold)e! "J* ®®'. b. Frau v. Blinkburg bie Ruhe raubte; sie hatte es sich abgewohnt, m Sachen ber Form empfindlich zu sein. Ader sie ahnte fiter, ja, wußte mit schrecklicher Gewißheit plötzlich ben Grund seines Ausbleibens. Er war zu erregt, er mochte feine Beherrschung nicht zuruckgewonnen haben. Sein Stock war verschwunden. Wer hatte Interesse an diesem Wander- stock? Jemand, ber bie Blutspuren bemerkt hatte!

Sie stieg langsam bie Treppe in ben ersten Stock, auf bem ihr Zimmer lag Sie fühlte, baß Steyer ihr von jetzt ab Mißtrauen würbe, genau wie sie sich über ihn nicht klar mar. Sie verschloß sich burchaus nicht bem Gebauten, ber ihr glatte Unlogik vorwarf. Steyer wenn er in irqenbeiner Form hier schuldig war, warf sich zum Anwalt ber Ge- redtiqteit auf unb stellte auf eigene Faust Nachforschungen an von denen die Behörde nichts wissen wollte. Das amtliche Protokoll sprach von einem einwandfrei festgestellten Unfall. Mußte sich da nicht Steyer, gesetzt den Fall, ihn träfe ein Verschulden am Tode Alwiens, als erster zufrieden geben? ..... ...

Und sie dachte: man kennt diese Fälle, den Ueberetfer der Schuldigen, ber ganz sicher gehen will unb auch ben leisesten Derbacht von sich ad- wälzen möchte. Wer hat den Schriststeller Adalbert Steyer in Verdacht? Nur ich. Nur ich weiß, daß er zu der fraglichen Stunde in der Heide war Und daß nur ich von dieser einsamen Wanderung erfuhr, veranlaßt ihn wahrscheinlich, sich nur mir zu nähern mit feinen Berichten.

Sie stand noch eine ganze Weile am Fenster und sah in die Nacht. Die Heide lag weit wie ein Meer, Nebel quirlten wie Wellen. Ihr Herz war schwer. Die Haupterlebnisse meines Lebens sind bisher gewesen, an einen Menschen vorübergegangen zu fein. Dieser Mann hielt mich an; wir standen eine Weile Angesicht zu Angesicht unb versuchten uns zu erkennen. Ein Wunsch war ba. Nun stehen wir roieber gegeneinanber; aber anders. Spiel unb Gegenspiel. Ich habe bas nicht gewollt. Es ist von außen gekommen.

Sie schloß bie Augen. Könnte ich boch weit weg sem ober wäre ich nie hierhergekommen.

5. Kapitel.

Die Sonne schien, unb alles war neu unb schön. Hatte es eine Nacht gegeben mit trüben, sicherlich bummen Gedanken? Adalbert Steyer hatte feine Ruhe roiebergefunben. Du lieber Himmel, fein Wanderstock war eben nicht auffindbar, war oerlorengegangen. Es geht vieles in der Welt verloren, wenigstens fagt man das fo, wenn etwas aus einem unb für einen bestimmten Kreis verschwindet. Dabei geht nichts in der Welt verloren. Unsinn, der Stock war fort. Schluß! Inzwischen hatte sich Wichtigeres ereignet ober zuminbest Interessanteres.

Er saß Frau v. Blinkburg gegenüber. Ihr Lächeln schien ihm ge­quält, aber wahrscheinlich täuschte er sich.Sie sinb recht eüifübig, gnäbige Frau. Eine unangenehme Nachricht auf ben Kaffeetisch?"

Ö nein, ich hatte heute morgen gar keine Post." Unb sie bachte: Gnabensrist. Wenn erst bie Antwort aus Hamburg hier ist, wirb alles anbers fein. Wie wird es fein? Geste ich zur Polizei unb zeige ich bissen Mann an? Ober werfe ich ben betaftenben Stockgriff mit ben Blut- fpuren in den Bach, wo er fortschwimmt und reingewaschen wird?

Sie wies sich stumm, aber energisch zurecht. Was male ich mir da für schauerliche Konflikte aus! Vielleicht kommt ein Brief von meinem Schwager Edwin und meldet mir, daß eine harmlose Farbe den Stock­griff belckimutzt hat.

Sie sah über den Tisch weg an Steyer vorbei in den großen Saal. Die Kellner richteten schon die Tafel für das Mittagsmahl. War es bereits so spät? Sie erschrak. Wie lange sitze ich hier und träume mit offenen Augen. Eben ist Adalbert Steyer an meinen Tisch getreten, er kam aus der Heide herein; er hat seinen langen Spaziergang gemacht, ein unbeschwerter Mann. Seine Last, scheint es, trage ich. Sie entschloß sich und sagte leidlich gefaßt:War es heute morgen draußen schön?" ,F)ch habe den Vormittag benutzt und war im Pfenningshof. Dort habe ich erfahren, was ich misten wollte."

Ist es aufschlußreich?"

Sie meinen im Hinblick auf ben Morb?" Er zuckte bie Achsel.Ich frage mich bas selber unb komme nicht zurecht. Sie kennen ben Psen- ningshof?"

^,Jch war noch nicht dort. Ich kenne auch den Profestor nicht. Nur die Tochter Glascha stellte mir Herr Mivien einmal vor. Aber ich habe den Profestor gesehen "

Steyer nickte.Ein merkwürdiger Mann, schon im Aeußeren; sieht aus roie ein sonnverbrannter Landwirt unb kommt eigentlich kaum auf feine Felder. Er lebt fast ganz unb gar feinen Stubien. Auch die sind fonberbar, ober sagen wir befonberer Art. Er konstruiert eine Monb- rafete. Das Gut kümmert ihn nicht. Seine Tochter führt bie Wirtschaft ganz allein mit einem alten Inspektor "

Ja, so war auch der Eindruck, den ich von der Dame hatte. Eine entschlossene Person. Der Profestor dagegen eher ein Sonderling."