SiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Nummer 17
Zreitag. -en 28. Zebruar
Jahrgang 1956
er holte tief Atem, beendete
vor ihm so eilig davonlief. Ein Polizeimann war jener nicht. Ich kenne die Kriminalen fast alle vom Sehen. Außerdem, ein Beamter wäre heraufgekommen und hätte Einlaß gefordert. Der Alte aber lief in den Hausflur, sand Erwin nicht mehr und wartete unten vor der Tür. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wanderte er wohl eine volle Stunde auf und ab. Dann winkte er — unerwartet wie all diese Vorgänge geschah das — ein Auto heran und fuhr davon. Ich habe mir die Nummer gemerkt, ein Bekannter hat später den Fahrer ausfindig gemacht. Der Alte hat sich in ein Hotel am Jungsernstieg fahren lassen.
Was Sie sagen! Danach scheint er freilich nicht zur Polizei zu ge- , hören. Wie sah er denn aus?
Olga sann nach, dann beschrieb sie: Er war gut gekleidet. Dunkel. Er hatte ein rotes Gesicht; es war glatt rasiert. Weiter kann ich eigentlich nichts sagen. Nur dies vielleicht noch: sein Gesicht war auffallend rot, als sei er Seemann. Dazu paßten aber Gang und Haltung wieder gar nicht. Und noch eines, ja, er hatte weiße, lange Augenbrauen; das sah sehr sonderbar aus auf seiner roten Haut."
Frau v. Blinkburg hatte sich schon bei den letzten Worten vorgeneigt. Jetzt stieß sie einen kleinen Schrei aus. „Aber das ist ja Professor Pfenningshof, den Sie da beschreiben! Ich meine, den Ihnen die rote Olga beschrieb." , „
Steyer sah sie verdutzt an. „Wer?", fragte er mit erstauntem Tonfall.
Frau v. Blinkburg tat eine abwehrende Handbewegung. „Einen Augenblick. Hat Ihnen Olga vielleicht auch die Dame beschrieben, mit der sie Herrn Alwien an jenem Tage auf dem Jungsernstieg gesehen haben will?"
„Nein, warum? Sehen Sie da einen Zusammenhang?"
Sie nickte. „Es hätte sein können", sagte sie. „Professor Pfenningshof hat eine Tochter. Glascha. Wäre es nicht möglich ...", und sie brach otL „Aber das ist ja Unsinn."
Steyer hielt ihre Hand fest. Merkten sie das beide nicht? „Aber nein", rief er, „weshalb soll das Unsinn sein? Immer helfen Vermutungen weiter. Wenn diese Dame, mit welcher Alwien auf dem Jungsernstieg gesehen worden ist, das Fräulein Glascha Pfenningshof war, wenn der alte Herr, der Alwien in die Silbersackstraße verfolgte, der Professor war, dann ... dann ...", er holte tief Atem, beendete
eheimnis der Heide
ROMAN VON FRANK F. BRAUN
(4. Fortsetzung.)
Ich lachte sie sinnlos an. Was sollte ich im Augenblick machen! Mein schöner Plan. Hier bereits sollte er scheitern? Da gab mir der Himmel den Einfall, der Olga trotzdem noch das Bild Alwiens zu zeigen. Ich zog t'g heraus und —"
„Woher hatten Sie denn ein Bild von Herrn Alwien?" wollte Frau v. Blinkburg sachlich wissen. .,
Er verwunderte sich. „Erwähnte ich es nicht? Ich habe es mir aus einem Zimmer geholt. Ich dachte mir, daß ich es brauchen würde, (tun war es tatsächlich als letztes Mittel von entscheidender Wichtigkeit. Ich zog es hervor und ließ es Olga sehen.
Den kennen Sie nicht? fragte ich, den Erstaunten markierend.
Sie warf nur einen Blick darauf und sagte sofort: Ich hatte Alwien verstanden. Natürlich kenne ich Erwin. Was macht er? Waren Sie im Hotel bei ihm? ...... _ , ,,
Ja sagte ich. Meine Gedanken hasteten; ich hatte gern Zeit gehabt, überlegen zu dürfen. Herr Alwien hieß hier Erwin? Warum? Aber Olga ließ mir keine Ruhe. Kennen Sie ihn gut?
Ich zuckte die Achseln. Vom Hotel her, sagte ich und blieb bet der uh 7he
Sie nickte. Sie waren bei ihm angestellt? Und sie lachte, ohne meine Antwort abzuwarten. Ja, er ist jetzt ein feiner Herr geworden hat Angestellte, Kellner, Hausdiener, was Sie sich denken können. Und sie teilte die Hand schräg: Meinen Segen hat er. Ich störe ihn nicht. Manch- nal wissen Sie, da packt es mich freilich doch, da überkommt mich eine Wut und ich habe die verrückte Idee: du fährst einmal hin und suchst hn da auf in seinem feinen Hotel. Aber dann tue ich es ja doch nicht. Was soll ich da. Ich würde ihm nur Schwierigkeiten bereiten — und ,as will ich nicht. Vielleicht auch käme es so, daß er mich verleugnete md wegjagte, und das möchte ich nicht erleben.
Sie sind sich böse?
Böse ... Sie zuckte die Schultern. Er war mein Freund. Und nicht nur kurze Zeit. Aber er wollte hinauf. Karriere, nicht wahr. Sollte ich s ihm verdenken? Er sah gut aus, er konnte sich benehmen. Da habe ch ihm sogar noch zugeredet. Nur, daß er nun so ganz und gar Schluß gemacht hat, daß ich in seinem Leben nun gar nichts mehr bedeuten oll, das wurmt mich manchmal. Aber böse, sehen Sie, eigentlich böse >in ich ihm nicht. Ich habe ihn noch neulich versteckt, als jemand hinter ihm her war: leicht hätte ich ihn verraten können, aber ich bin kein Angeber.
Wer war hinter ihm her, die Polizei?
Nein, diesmal nicht. Ich hatte ihn am Nachmittag auf dem Jungfern- stieq mit einer jungen Dame getroffen; er hat mich gesehen, grüßte aber nicht. Ich war wütend auf ihn. Plötzlich gegen Abend kommt er vor mein Haus gefahren, ich sehe vom Fenster, wie er dem Führer Geld Mnroirft und in meinen Torweg hineinläuft. Ich wohnte zu der Zeit noch in der Silbersackstraße. Wie ich so stehe und noch Überlege, ob ich Erwin Überhaupt die Tür aufmachen soll, kommt ein zweites Taxi heran, bält, und ein älterer Herr springt heraus und läuft auch in mein Haus. Ich ahnte sofort, daß Erwin verfolgt wurde, da schrillte auch schon die Klocke und — natürlich öffnete ich. Es war Erwin; er war erregt. Du mußt mir zur Flucht verhelfen, Olga, flüsterte er, man verfolgt mich. Ich fragte: Wer verfolgt dich, Kriminale? Nein, ich erzähle dir das fpöter. Jetzt keine Zeit verlieren. Laß mich rasch über den Hof entfliehen! — Ich tat ihm den Gefallen. Von meinem Küchenfenster aus stieg er — eine alte ausprobierte Sache — auf das niedrige Dach des Hinterhauses und da an der Feuerleiter hinab in den Hof. Von hier aus dann gelangte er in eine ganz andere Straße und war gerettet.
Ich fragte Olga: Sind Sie sicher, daß der alte Herr nicht doch von der Polizei war?
Sie schüttelte den Kopf und erklärte: Die Polizei suchte ihn nicht. Ich habe mich andern Tags auf dem Stadthaus erkundigt. Das Verfahren war schon niedergeschlagen, und von der neuen Sache wußten |ie dort sicher noch nichts.
Ich wollte fragen: was für ein Verfahren, welche neue Sache?, aber ich wagte es nicht. Vielleicht würde sie stutzig werden. Ich genoß
auf unbegreifliche Art Olgas Vertrauen, ich wollte es mir nicht ver
scherzen.
Olga schüttelte noch einmal den Kopf. Ich hätte selber gern erfahren,
toer der Alte gewesen ist, was er von Erwin wollte und warum Erwin
seinen Satz aber nicht.
Frau v. Blinkburg sagte leise, und es war nur ein mattes Fragen in ihrem Ton: „Eine neue Spur ..."
Steyer ging auf die Frage nicht ein. Er beantwortete sie sogar mit einer Gegenfrage. „Kennen Sie die Pfenningshofs gut. Besuchen Sie das Fräulein Glascha vielleicht zuweilen?"
„Nein", gab Frau von Blinkburg zurück, „das nicht. Man würde sich meiner von der Viertelstunde hier im Hotel her kaum erinnern. Der Professor war mit feiner Tochter einmal dieser Tage zum Nachmittagstee hier. Herr Alwien hat uns bekannt gemacht. Warum fragen Sie?"
Steyer sagte gelassen: „Sie hätten mich dort einführen können.
„Sie wollen dorthin und weiter suchen?"
Er legte den Kopf schräg und sah ihr tief in die Augen. „Ja", sprach er. „Herr Alwien kannte Glascha; das ist wohl nicht unwichtig. Und dann: es gilt das Kreuz zu erforschen."
„Das Kreuz? Glahns Spukgeschichte? Glauben Sie an des Pachters Erzählung?"
„Auf meinen Glauben kommt es gar nicht an, hebe, gnädige Frau. Man hat mich auf eine Spur gefetzt, auf eine schwache Fährte. Nun bin ich nicht mehr frei. Das Rad ist im Rollen. Noch wirbelt alles wirr durcheinander. Aber schon stehen ein paar Fragen ganz merkwürdig klar da. Was hat Alwien zu verbergen, daß Olga sagen konnte, diesmal suche ihn die Polizei nicht. Was hat er überhaupt auf St. Pauli in solcher Umgebung zu suchen? Und die brüte Frage: Hat das Kreuz auf dem Pfenningshof, das Glahn deutlich gesehen haben will, etwas zu bedeuten?"
Frau von Blinkburg sah ihm auf die Lippen. Ganz zusammenhanglos, wenigstens mit den geführten Reden, dachte sie: er hat schöne Zähne; und sie erschrak über sich selber. „Aber das Kreuz ist verschwunden", sagte sie, als sei es an ihr, Beruhigung zu schaffen.
„Trotzdem muß ich den Pfenningshof kennenlernen", meinte er nachdenklich, „den Professor und auch Glascha."
Frau v. Blinkburgs Augen wurden klein; die Wimpern näherten sich bis auf ein Winziges. „Sie haben einen Verdacht?"
„Wie könnte ich das!", wehrte er ab.
„Nun, Sie haben doch schon so viel in dieser Sache erfahren. Das Doppelleben des Herrn Alwien ist eine große Ueberrafdjung, an die ich nie gedacht haben würde."
Er nickte. „Es ist keiner ganz gerade gewachsen; immer gibt es irgendwo verborgen eine Krümmung oder einen Knick." Als er diese Worte sprach, sah er sie an. Ihr schien, ein fremder Glanz sei in seinen


