Schlafendes Land, ruhe du aui...
Von Paul Anton Keller.
Schüttet der Herbstwind sein Gold an den Feldrain, Traurig klagen die Vögel, die Tage sind fahl.
Schweigend schreitet der Mann aus dem Norden herein, Firnt alle Berge und wandert allmählich zutal.
Ist dies die Zeit, alte Kränze zu hüten?
Den Garten zu schließen? Es tarn’ wer daher
Und bannte den Obstbaum und nähm' späte Blüten, — Sehet, die Sonne schirmt ihre Kinder nicht mehr ...
Schlafendes Land, also ruhe du gut.
Nimmer furchen dich Pflüge, die Eggen stehen beim Haus. Glimmt eines Hirtseuers ärmliche Glut, Nebel und Nordwinde löschen es aus.
Daß meine Treue dein Schlafen erfülle Neig’ ich mich, Erde, vor Baum und Getier. Bebt die geheiligte Flut durch die Hülle Von Frucht und Verderb in die Tiefe zu dir, —:
So schließt sich der Kreis. Aber oben
Erzittert mein Leib, und er handelt und spricht. All seine Worte, aus Urktaft gehoben, Ketten sich innig und werden vor dir zum Gedicht .
Das Pferd der Turandot.
Von Hans Franke.
Ich saß mit dem Meister in seinem Atelier. Rings um uns standen die Schalen und Vasen, die seine Hand mit wunderbar ausspriehenden Blumen und dem Gitterwerk der Ranken von Zweigen und Blättern bemalte: jene phantastisch seltsame Welt war es, die wir alle liebten so wie in Gold und leuchtenden Farben auf dem blendenden Weitz des Porzellanes erstand. Schon immer war mir unter den kleinen Bildwerken, die abseits in einer Vitrine standen, unter den vielerlei Tieren, Tänzerinnen, Reitern und schreitenden Mädchen ein Pferd ausgefallen, das wie aus einem Märchen gekommen schien. Es war ein gezäumtes und gesatteltes Pferd; bunt war dieser Sattel, lang und breit hing das Zaumzeug hernieder, man mochte denken, daß soeben ein hoher Satrap oder gar eine Prinzessin aus diesem Sattel sich hatte niedergleiten lassen, das Rotz aber trabe nun mit hoch erhobenem Kopfe in seine Stallungen zurück, ins Märchenland, aus dem es gekommen war.
„Sie betrachten das Märchenpserd", sagte da der Meister hinter mir, „ja, es hat feine Geschichte, das Pferd der Turandot ... und schon erzählte er mir:
„Kurz nachdem ich hierher berufen worden war, es mag nun zehn Jahre her sein, besuchte ich eine der vielen Veranstaltungen, die um Weihnacht und Fasching herum in dieser Gegend besonders eindringlich und mit viel Laune, volkstümlichem Einschlag und wilder, derber Sinnsn- lust gefeiert werden. Ich war damals noch unbekannt hier, auch unter den Leuten meines großen Betriebes, und konnte deshalb gewissermaßen inkognito den lauten Trubel dieser Feste durchmessen, die sich mit Larven und Masken, Musik und Tanz, fröhlicher Ungebundenheit und schwelender Sinnenfreude aneinander reihten. Auf einem solchen Feste nun näherte sich mir ein zartes Geschöpf, das in der Maske einer Märchenprinzessin einherging; da es in diesen Gegenden üblich ist, daß auch die Frauen und Mädchen sich ihre Partner selbst holen oder sie zum Danze auffordern, war ich mit einem Male am Arme dieses schlanken leichten Wesens, das wundersam schwebend tanzte, hell unter seiner Larve hervor lachte, und dem ich allerlei törichte Dinge ins Ohr flüsterte. Obwohl es ja im Grunde gar nicht zu passen schien, taufte ich es „Turandot".
Ich bin mit diesem Wesen noch ein paarmal auf diesen Festen zusammengewesen und immer tiefer spürte ich ein Unbehagen, wenn es nicht zu finden war, mir schienen manche der Damen meiner Gesellschaftsschicht fade und reizlos, wenn ich an die heitere Grazie dieses Geschöpfes dachte. Niemals wollte Turandot ihre Maske lüften, nie eine feste Verabredung eingehen. Ich wurde plötzlich verabschiedet, einmal verschwand sie mitten im Gespräch um eine Hausecke.
Dann kam die Zeit ernster Arbeit und nun ärgerte ich mich doch ein wenig, daß es mir nicht gelungen war, diese Flocke Leben zu halten oder gar an mich zu fesseln. Sie können sich denken, daß ich eifrig nach dem Mädchen des kleinen Ortes spähte, auch in dem großen Betrieb unauffällig spähend umherging, ob mir nicht ein Lachen, ein Wort oder ein rascher Gang verrieten, was ich so gerne wirklich vor mir gesehen hätte. Ich hielt mich nun öfter bei den Mädchen auf, die als Garniererinnen oder an den Glasurbottichen bei uns tätig sind, ich schützte eine kontrollierende Arbeit bei den Malerinnen vor, ja, ich lustwandelte selbst in den Packereien und hielt meine Augen offen: von Turandot konnte ich keine Spur finden.
Eines Tages nun wurde mir ein umständlich verschnürtes Paket ins Haus gesandt, dem ich ein kindlich angelegtes Tonmodell entnahm, das ein Pferd darstellte und dazu eine um viele Grade sicherere Zeich
nung, die das Urbild jener kleinen Plastik geworden ist. Es war „das Pferd der Turandot" — fo stand jedenfalls mit sehr ungelenken Schriftzügen unter der Zeichnung, die märchenhaft fein, traumhaft hinfchwebend, in Hellen Farben aus einer kindhaft glücklichen Phantasie heraus gemalt war, ein Wunder einer ursprünglichen Begabung! Obwohl alle Kennzeichen peinlich entfernt waren, schien mir jetzt doch kein Zweifel mehr möglich, daß die Gesuchte unter den Mädchen meiner arbeitenden Umgebung zu finden sein müsse. Um so eifriger spähte ich also aus, und mir wurde langsam zur Gewißheit, daß es sich nur um ein kleines liebliches Geschöpf handeln könne, einer der Malerinnen, die über ihre Farben und Abziehbilder gebeugt Tag um Tag die Geschirre mit Blumen und Mustern versehen. Ich sah jedenfalls die Betreffende ost rasch den Kopf nach mir heben und bemerkte, daß ihr Gesicht freudig erglühte, als sie mein Auge auf sich ruhen fühlte. Nun war der Name „Turandot" zwischen uns das einzige, was eine Brücke bilden konnte. Wir hatten das Märchen ein wenig ins Liebliche umgedichtet. Es war auch von einem Pferde die Rede gewesen, auf dem sie wohl soeben in den Saal geritten wäre. Ich wußte es also einzurichten, daß ich mich in der Nähe ihres Arbeitstisches aufhielt und ihr dabei rasch einen vorbereitenden Zettel zuschob, auf den ich das Wort „Turandot" geschrieben hatte. An dem plötzlichen Zusammenzucken und der Hast, mit der sie den Zettel verschwinden ließ, erkannte ich nun, daß ich die Richtige gefunden hatte.
An dem Strom, der von Beginn an von diesem Wesen ausgegangen war, an der Art ihrer Zeichnung wußte ich, daß ich alles vermeiden mußte, um plump oder brutal dies schwebende Herz zu überfallen. Ich war aber entschlossen, das Mädchen aus der drückenden Fron ihrer Arbeit herauszunehmen und vielleicht den künstlerischen Ateliers zuzuleiten.
Der Zufall oder das Schicksal wollten es nun, daß ich schon in den nächsten Tagen, ehe ich einen festen Entschluß gefaßt hatte, auf eine internationale Ausstellung nach Paris gesandt wurde. Ich erlebte dabei jenes Eifenbahnunglück, das, wie Sie wissen, mich nur durch ein Wunder am Leben ließ und wobei auch mein Name zunächst unter den Toten dieses schwarzen Tages in Lothringen auftauchte. Bis ich von meiner schweren Verletzung erholt, einen Urlaub beendet hatte und wieder in den Betrieb kam, mochte gut ein Vierteljahr vergangen fein. Ich kehrte heim, fest entschlossen, das Mädchen, dem sich meine Gefühle aus der Ferne immer stärker zuwandten, unter einem Vorwande zu mir zu bitten und hier mit einem offenen und guten Worte fein Herz zu gewinnen oder doch feine Zukunft zu ändern. Wie erschrak ich, als ich den Arbeitsplatz leer fand. Meine Frage nach dem Mädchen begegnete einem heftigen Erstaunen, einige der Kolleginnen brachten ihre Taschentücher an die Augen, und ich erfuhr, daß die Betreffende, die ich hier Emilie nennen möchte, von einem grausamen Schicksal heimgesucht worden war, und daß ich selbst unwissend an diesem Schicksale teilhatte.
Emilie nämlich, die als siebentes Kind ärmlich lebender Porzellanarbeiter ausgewachsen war, keinen Vater mehr, wohl aber eine kranke Mutter hatte, war ihr Leben lang ein stilles und nachdenkliches Geschöpf gewesen, das viel in Büchern las und in linkischen, kindlichen Versuchen kleine phantastische Zeichnungen fertigt^ Tue sich nach ihrem Tode auch noch gefunden Haden. Zum ersten Male in diesem Jahre hatte sie an den Aufzügen und Festen, dem Trubel des Faschings und Mummenschanzes teilgenommen, in langer Arbeit hatte sie sich ihr Märchenkostüm selbst ersonnen und ihre etwas derberen und vielen Liebschaften wohl zugänglichen Schwestern hatten sie wohl ausgelacht über so großer Erwartung doch ganz alltäglicher Dinge. Diese Schwestern erzählten auch später, "daß Emilie von den wenigen Abenden, die sie im Strom des Mummenschanzes verlebt hatte, beseligt heimgekommen sei und dann mit seltsamen Vorbereitungen dazu begonnen habe, ein märchenhaftes Pferd zu bilden, das sie auf vielen Zeichnungen, deren keine ihr genügte, dar- gestellt hatte. Emilie fei in dieser Zeit sehr glücklich gewesen, sie sei ausgeblüht und ihnen sei sie oft wie eine kleine Heilige erschienen.
Um jene Zeit nun kam die übereilte Nachricht von meinem Tode bei dem Eisenbahnunglück in Frankreich. Man sagte mir, daß sich das Gerücht wie ein Lauffeuer durch die Fabrik verbreitet habe, aber niemand ahnte natürlich in welchem Zusammenhänge der schreckliche Schrei stand, den Emilie mit einem Male ausstieß, um daraufhin in eine tiefe Ohnmacht zu fallen.
Jene Emilie, die aus dieser Ohnmacht erwachte, war ein anderes völlig verändertes, verwirrtes Wesen. Die Schwestern erzählten, daß eine gräßliche Ruhelosigkeit über die kleine Zarte gekommen sei, von einem Tage zum andern habe sie ihr Wesen geändert, es habe sie auf die Straßen getrieben, wobei sie die Männer mit konfusen Anträgen verfolgte; es waren unzusammenhängende verwirrte Worte, die sie sprach, und es war furchtbar anzusehen, wie sie mit flatternden Haaren ohne Hut und Mantel durch die Straßen zog, von einem entsetzlichen wilden Dämon getrieben. Als sie sich bann eines Tages aus der Stadt entfernte und in einer weitabliegenden Großstadt völlig mittellos aufgegriffen werden mußte, mischten sich die Behörden ein, man untersuchte sie und führte sie einer Heilanstalt zu.
So habe ich Turandot nie mehr wiedergesehen. Immer mehr versank ihr zarter Geist in eine tödliche Nacht. Das Licht, das ihr kleines Leben einmal erleuchtete, war zu stark gewesen: es hatte sie geblendet. Nichts hatte ich von ihr, der ich schuldlos ihre Seele erschüttern mußte, als die Zeichnung und das kleine Modell. Ich selbst habe daraus dieses Pfesd geformt, nur in diesem einen Stücke existiert es. Es ist anzusehen wie ein Wunder, ich weih es, denn es kgmmt tatsächlich aus dem Raume des Märchens, aus dem Geiste eines kindhaften, scheuen Menschen, der den Zusammenprall mit dem Geben nicht ertrug. Nun ist Turandot schon einige Jahre tot, aber ich weiß, daß sie durch meine Träume reitet auf ihrem hellen märchenhaften Zelter: dem Pferde der Turandot ...
verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Drühl'jche Llniverfitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, (Sieben.


