Ausgabe 
27.11.1936
 
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Advent.

Don Lina Staab.

Will uns kein Tag mehr grauen? Wachsen die Nächte wie Wald? Sterne im Dunkelblauen blitzen so fern und kalt.

Alle die nahen Bäume stehen so fremd und vermummt, klingende Wälderräume starren so tot und verstummt.

Aber hinter dem Schweigen wir hören es, ich und du pocht's wie ein Herzschlag so eigen, tastet ein Schritt auf uns zu.

Mitten im weihen Winter Stimmen und Glanz überm Feld: Suchen viel tausend Kinder von weither den Weg in die Welt.

Flimmert allen ein Scheinen um das helle Gesicht, geht, wie einst mit dem Einen, mit jedem ein tröstliches Licht.

Wir wollen die Hände biegen zum offenen, schimmernden Schrein, wir wollen warme Wiegen und kühlendes Linnen sein.

Lübecker Scheimengeschichte.

Von Hans Friedrich Blunck.

Daß nahe den großen Städten die Hollentöchter und Swanewitten gern ihr Wesen treiben, ist ja bekannt, und wie die Hamburger und Bremer damit fertig geworden sind, habe ich zu anderer Zeit erzählt. Wo bei Lübeck der Fruhollenberg liegt, habe ich noch als Jungkerl gewußt, kann mich aber heute nicht mehr daraus besinnen. Dagegen habe ich erfahren, wie einstmals einer der würdigen Bürgermeister der alten Stadt hineingeraten und, Gott sei Dank, durch seinen Stolz und durch seine Ehrbarkeit ohne Schaden davongekommen ist.

Einmal nämlich hat der Verlocker wieder rund um Lübeck sein Wesen getrieben, ohne daß die Bürger ihn anhalten konnten. Diesen und jenen hat er genarrt, und als er den Bürgermeister Buscherump in der Sonn­tagsfrühe lustwandeln und an der Trave seine Angel auswerfen sah, hat er sich den Armen aufs Korn genommen und hat,dem eifrigen Herrn gleich als ersten Fang einen alten Feuereimer an den Angelhaken gehängt. Danach, als der Herr Bürgermeister scheltend die Rute wieder auswarf, hat ers noch ärger gehalten und ihm einen Pudel das find ja seine Lieblinge an die Leine gezaubert. Der hohe Herr hat mit Mühe das schöne Tier retten können. Endlich hat er sich einen Hauptspaß machen wollen und hat sich selbst in einen Riesenfisch verwandelt. Und er hat getan, als wenn er den Angelhaken verschluckt hätte, und einen so fürchterlichen Tanz in der Trave vollführt, daß die tapferen Lübecker fchon mit Booten und Peekhaken ihrem Bürgermeister zu Hilse kommen wollten.

Jan Buscherump, so hieß der Starke, hat lange mit dem wilden Fisch gefochten, und es hat ihm mehr Schweiß gekostet, als seine großen Siege zu Lande und zu Wasser. Bis zum Abend hat er sich gemüht. Dann hat der Fifch gerade bei Sonnenuntergang noch einmal hart gerückt und hat den tapferen Buscherump, weil er von seiner Angelleine nicht lassen wollte, huihupp, vom hohen Ufer heruntergerissen. Gerade auf dem Rücken des Wals oder was das für ein Tier sein mochte ist der edle Herr gelandet, vor allem Volk ist der Fisch mit seiner hohen Beute davon­gezogen. Und die schlechten Bürger haben gelacht, und die guten sind in große Sorgen geraten, denn Buscherump war einer der besten Bürger­meister, die die Stadt feit langem gehabt hatte.

Und wenn er zuweilen als hoffärtig galt, so hat ihn, wie wir noch sehen werden, sein Stolz am Ende doch auch aus aller Rot gerettet, in die ihn der Verlocker gebracht hatte.

Was glaubt ihr nämlich, was der Fisch mit dem Herrn Bürgermeister vor hatte? Geradeswegs in den Fruhollenberg ist er mit ihm gefahren, hat dreimal mit der Schwanzflosse an das Wassertor gepocht und dann in hohem Bogen den Gast durch eine lichte Psorte ins Berginnere geschwungen.

Nun war die Königin im Fruhollenberg in jener Nacht gerade zu ihrer Mutter gefahren. Der Locker, der jetzt wie ein fremder Kaufherr aussah, machte sich deshalb ein Vergnügen daraus, den Gast selbst zu führen und ihm das schlimme Reich und die Versucherinnen zu zeigen, die darin wohnen. Jan Buscherump hat die schönen Zauberinnen auch angesehen. Aber er hat nur gelächelt und nach der Herrenstube verlangt. Dort hat er sich, ohne sich weiter um die Fräulein zu kümmern, einen alten eichenen Tisch ausgesucht, hat sich in den besten Stuhl gesetzt und getan, als müßten sich, wo er hinkäme, alle Leute nach ihm richten. Hat

also auf den Tisch geklopft und roten Asmannshaus^ bestellt. Dann Hai er die Pfeife aus der Weste gezogen, hat nach Tabak gelangt und befohlen, der Schreiber solle kommen, er habe auf den Abend noch wichtige Re­gierungsgeschäfte.

Der Böse wunderte sich über den Befehl, aber weil er wissen wollte, wie weit der Gast es weiter treibe, und weil er vielleicht auch fürchtete, daß der Bürgermeister eine heimliche Macht hätte, die er nicht kannte, hat er sich verbeugt und auf den Weg gemacht.

Als die schönen Gespielinnen im Berg nun sahen, daß ihr hoher Herr selbst sich um den Gast kümmerte, wollten auch sie ihm die Zeit vertreiben. Und weil er keine Augen für sie hatte, machten sie die Wände durchsichtig, wandelten die Kammer in einen herrlichen Wagen und führten Jan Buscherump schwebend über ihr Reich dahin. Das ist ja leider größer, als man gemeinhin glaubt, und wenn es auch statt des lichten Himmels eine dunkle Decke hat, so gibt es doch köstliche Gewässer und Inseln da unten; tausend bunte Bäume wachsen an den Ufern. Das Thronhaus der Hollentochter aber ist bis oben von Rosengrün umschlungen, und von den Lilienbeeten zieht ein Duft bis zu den Vögeln und bis zu dem erstaunten Reisenden auf seinem gläsernen Stuhl.

Nun", fragten die Gesellinnen ins Fenster,wie gefällt dem Herrn unser Reich?"

Na, so", antwortete Jan Buscherump mürrisch und gab kein Wort dazu. Er hatte Lübeck lieber und wartete noch auf seinen Schreiber.

Da wurden die Fräulein besorgt, daß der hohe Herr keine Freude an ihrem Land hätte, und obschon sie sich sonst nicht selbst um die Gäste kümmern d'ie Jungfern sind ja so schön, daß die Augen der Schwachen blind werden und auch die Herzstarken neben ihnen niemanden ansehen, nahmen sie des Bürgermeisters Wagen und führten ihn weiter aus den schwebenden Wolken in die Tiefen der Gewässer. Das war nun wie ein anderes großes Wunder. Auf dem Grund der Teiche nämlich wächst alles noch einmal, was sich im Wasser spiegelt. Schöner und goldener als alle Wirklichkeit scheint es und ist erbaut aus den Bildern von Türmen und Wällen und Toren, die ihren Abglanz im Wasser gefunden haben. Und es herrscht ein Leben und Treiben, man kann den hellen Tag darüber vergessen.

Ob er mit ihren Reichen zufrieden sei, fragten die Versucherinnen.

Na, so", sagte der Bürgermeister wieder und schmauchte, aber Lübeck war ihm lieber.

Gerade da kam der Böse aus der Stadt zurück; er hatte einige Um­stände mit dem ängstlichen Stadtschreiber gehabt, brachte den sich Sträu­benden aber jetzt glücklich ein.

Fragte auch gleich grinsend mit einem falschen Bückling, wie es dem hohen Gast in der Tiefe gefallen habe.Na, soso", antwortete der und zog die Stirn in Falten. Und alle Bedienten erbleichten über seinen Hochmut, und der Verlocker wurde verwirrt. Denn als er nun wirklich den Schreiber von Lübeck vor sich sah, befahl der Bürgermeister dem von oben her, vor allem andern der Sicherheit wie auch der Ordnung halber ein Verzeichnis der neuen Länder aufzuschreiben, die unter der Stadt gefunden, und, ohne Frage, ihr vorenthalten und verborgen seien. Und er wisse jetzt, sagte er zornig zum Locker, warum das Stadtgebiet so klein sei. und werde die Gelegenheit wahrnehmen und den neuen Besitz halten und mehren.

Dann verlangte er, als sei alles andere nebensächlich, einen weiten Sitzungsaal für den hohen Rat der Stadt.

Nun hatte der Locker im Fruhollenberg ja vielerlei Dinge vorbedacht, aber auf solchen Wunsch war er noch nicht verfallen. Er tat indes, als sei alles schon in Auftrag gegeben, und bat den Gast, bis zur Fertig­stellung mit dem Ehrenplatz seines Reichs fürlieb zu nehmen, wie es Ihm gebühre. Damit geleitete er Buscherump zu einem herrlichen Sessel, von dem aus der große Saal des Hollenschlosses und durch viele Spiegel hindurch das halbe Untererdland zu überschauen war. Und er hieß den hohen Gast auf dem mit weifen Sprüchen bestickten Kissen der Königin Platz suchen. So, meinte er, werde der wohl endlich zufrieden fein und zum Schaden feiner armen Seele ein lobendes Wort finden.

Gerade in dem Augenblick aber ist jene Hollentochter, die das Reich bei Lübeck führte, zum Tor hineingekommen und hat prüfen wollen, was ihre Töchter und Gesellinnen inzwischen begonnen hätten. Als die nun Jan Buscherump steif und still auf dem Königsstuhl sitzen sah. der nur ihr vorbehalten war, ergriff sie eine Eifersucht ohne Maßen. Sie fragte nicht den vorwitzigen Locker, sie fragte nicht nach dem Namen des Fremden, sie zog blitzschnell ein Hollenkreuz durch die Luft, vsiff, bis sich in der hohen Decke ein Loch öffnete, und blies den armen Bürgermeister wie auch Teufel und Schreiber ffeilauf zum Hollenberg hinaus. Hoch durch die Luft find die drei geflogen. Hätte das Dach der Domkirche den Sturz nicht aufgehalten, wer weiß, was die Herren sich noch gebrochen hätten. So sind sie zwar gleitend und rutschend, aber mit heilen Gliedern über Dach und Stützpfeiler zu Boden gekommen. Und der Bürgermeister Buscherunsp ist, während die Lübecker ihn noch bis ans Meer suchten, plötzlich mitten in der Stadt wieder erschienen.

Und er hat in einer heimlichen Sitzung von einem Land erzählt, das dicht unter der Stadt läge, und hat verlangt, daß man nachgrabe und suche. Aber als alle weisen Herren die Köpfe schüttelten, hat er selbst vermeint, das Abenteuer mit dem Fisch habe ihm wohl seine Einnerung getrübt. Ich hab's mir trotzdem aufgezeichnet, weil man nie weiß, was richtig ist, und vielleicht ein anderer aus des Bürgermeisters Weisheit fernen kann.

Wie dem VSrlocker der Sturz auf das Kirchendach bekommen ist, kann ich nicht berichten. Einige sagen ja, daß er viel Schwefel gelassen habe, als er das Kirchendach niederglitt, andere sagen, daß er gleich abgeiprungen und sich damals das Hinken tn Lübeck geholt habe. Aber roe*: weiß, ob es bei dieser oder anderer Gelegenheit war.