Ausgabe 
27.7.1936
 
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Nummer 57

Montag, -en 27. Juli

Jahrgang 1956

er

Dicht bei der Tür begegneten sie einem jungen Mann, der offenbar dem geistlichen Stande angehörte; er war dunkelhaarig und ausfallend feinen Augen lag ein gemischter Ausdruck von Schwäche und cheit, und seine Berusskleider, die er trug, waren sehr sauber ' »genehm; aber machte "eine möglichst gute Miene "dazu und sagte lächelnd und zuvor- nmend zu dem Geistlichen: ,

hübsch; in s Entschlossenheit, und seine Berusskleider, gehalten. Dem Gärtner war diese Begegnung offenbar unan;

Oer Diamant Ües Raöschah

. von Robert Louis Stevenson

Copyright by Verlag Albert Langen / Georg Müller, München

2. Fortsetzung.

zu entrinnen.

So" sagte der Gärtner, nachdem er die Juwelen in zwei ungefähr gleiche .Haufen geteilt und den einen Haufen näher zu sich herangezogen hatte , fo1 Alles auf der Welt muh bezahlt werden, und manches recht teuer. Nun muffen Sie wissen, flerr hartley wenn das Ar Name ist ich bin ein sehr gutmütiger Mensch; meine Gutmütigkeit hat mich in meinem Leben fortwährend zu Fall gebracht. Ich konnte ,a, wenn ich wollte, diese ganzen hübschen Steinchen einsacken aber ich muh mich ja wohl in Sie vernarrt haben; denn ich erkläre Ihnen, ich kann es nicht übers Herz bringen, so hart mit Ihnen umzugehew So mache ich also verstehen Sie, rein aus freundschaftlichem Gefühl "den Vor­schlag, dah wir beide teilen; und wie ich es hier gemacht habe damit zeigte er auf die beiden Haufen,scheint es mir eine gerechte und f - schaftliche Teilung zu fein. Darf ich Sie fragen, Herr hartley, ob eie

zündet wurde, em anderes ecgmuajtua uun ueiu weg und legte es zu den [einigen. . s

Als Harry damit fertig war, gingen Sie beide nach der haustur, die Raeburn vorsichtig öffnete, um auf die Straße hmauszusehen. Diese war offenbar frei von Paffanten; denn plötzlich packte er Harry hinten am Kragen und drückte ihm das Gesicht abwärts, so daß er nichts weiter sehen konnte als den Fahrdamm und die Türstufen der Häuser. Dann stieß er ihn gewaltsam vor sich her, eine Straße hinunter und eine andere hinauf. Es dauerte vielleicht anderthalb Minuten. Harry hatte drei Straßenecken gezählt, als der brutale Kerl ihn losließ und mit den Worten:Nun pack dich!" dem Jüngling noch einen Stoß gab rote

etwas dagegen einzuwenden haben? Ich bin nicht der Mann, dem es auf eine Busennadel ober so ankommt."

Aber, mein bester Herr!" rief Harry;was Sie mir da vor­schreiben ist unmöglich! Die Juwelen gehören nicht mir, und ich kann etwas, das einem anderen Menschen gehört, nicht teilen; also ist es ganz gleichgültig mit wem oder in welchem Verhältnis!"

Die Juwelen gehören nicht Ihnen? nein? und Sie können sie mit keinem Menschen teilen? nein? Na, da muß ich sagen: das ist schade Denn dann bin ich genötigt, Sie auf die Polizeiwache zu bringen. Auf die Polizei bedenken Sie das! Denken Sie an die Schande für Ihre ehrenwerten Verwandten; denken Sie", und er packte Harrys Hand­gelenk,denken Sie an die Deportation nach den Kolonien und an den Tag des Jüngsten Gerichts!"

Ich kann es nicht ändern!" jammerte Harry.Es ist nicht meine Schuld! Sie wollen nicht mit mir nach dem Eaton-Platz gehen?

Nein, das will ich nicht, soviel ist sicher. Aber ich will diese Kinker­litzchen hier mit Ihnen teilen!"

Mit diesen Worten preßte er plötzlich dem jungen Menschen das Handgelenk zusammen, daß diesem unwillkürlich ein Schrei entfuhr. Dichter Schweiß trat ihm auf die Stirn, vielleicht machten Schmerz und Angst, daß seine Gedanken schneller arbeiteten; jedenfalls sah er in diesem Augenblick die ganze Geschichte in einem vollkommen anderen Licht. Er sah, daß ihm weiter nichts übrigblieb, als auf den Vorschlag des Schurken einzugehen und zu hoffen, daß er das Haus wieder auffmden würde. Dann konnte er unter günstigeren Umständen, und wenn er selber frei von jedem Verdacht war, den Mann zwingen, feinen Raub wieder herauszugeben.

Ich bin einverstanden", sagte er demgemäß.

Ein frommes Lämmchen!" sagte der Gärtner zu ihm.Aber ich dachte mir, daß Sie Ihren Vorteil schließlich doch einsehen wurden. Diese Pappschachtel werde ich mit meinem Müll verbrennen; so em Ding könnten neugierige Leute vielleicht wiedererkennen. Und Ihnen gebe ich den Rat: kratzen Sie Ihre Kinkerlitzchen zusammen und stecken Sie sie in die Tasche!" . , . . ,

Harry gehorchte ihm; Raeburn sah ihm babei zu und nahm alle Augenblicke, wenn seine Gier burch das Funkeln eines Steines neu ent­zündet wurde, ein anderes Schmuckstück von dem Haufen des Sekretärs

kommend zu dem Geistlichen:

heute ist mal ein schöner Tag, Herr Rolles em schöner Nach­mittag, wahrhaftigen Gott! Dies hier ist ein junger Freund von mir, er hatte Luft, sich mal meine Rosen anzusehen. Darum nahm ich mir tue Freiheit, ihn hereinzulassen; denn ich dachte, keiner von den Mietern würde etwas dagegen haben."

Soweit ich in Betracht komme", antwortete der Ehrwürdige Herr Rolles,ist dies ganz gewiß nicht der Fall, und ich kann mir auch nicht denken, daß einer von uns etwas gegen eine solche Kleinigkeit einzu­wenden hat. Der Garten ist ja Ihr Eigentum, Herr Raeburn, das dürfen wir doch nie vergessen; und weil Sie uns erlauben, im Garten spazieren­zugehen, wäre es geradezu unhöflich, wenn wir etwas dagegen ein­wenden wollten, daß Sie Ihre Freunde einlassen. Aber ich glaube, dieser Herr und ich haben uns früher schon einmal gekannt, fierr hartley, glaube ich? Ich sehe mit Bedauern, daß Sie gestürzt sind.'

Und er streckte ihm die Hand entgegen.

Eine Art von mädchenhafter Schüchternheit und ein Wunsch, Die not­wendige Erklärung solange wie möglich hinauszuschieben, veranlaßten Harry, diese Aussicht auf Hilfe zurückzuweifen, sondern im Gegenteil sich 3u verleugnen. Er wollte lieber von der Gnade des Gärtners abhängig [ein, der ihn doch wenigstens nicht kannte, als von der Neugier und vielleicht dem Mißtrauen eines Bekannten. Darum sagte er:

Ich fürchte, hier liegt ein Irrtum vor. Ich heiße Thomlinson und bin ein Freund von Herrn Raeburn."

So?" sagte Rolles.Die Aehnlichkeit ist verblüffend.

Raeburn, der inzwischen sozusagen auf glühenden Kohlen gelegen hatte fühlte jetzt, daß es hohe Zeit war, diesem Gespräch em Ende zu machen, und sagte:Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Spazier­gang, Herr Rolles." t

Mit diesen Worten yahm er Harry an dem Arm und zog ihn mit sich in das Haus hinein, wo sie in eine Kammer gingen, die auf den Garten hinaussah. hier ließ er vor allen Dingen den Fenstervorhang herunter - denn Herr Rolles ftanb immer noch mit einem ganz verblüfften, nachdenklichen Gesicht an der Stelle, wo sie ihn verlassen hatten.

hierauf stülpte er die zerdrückte Schachtel auf den Tisch um und stand nun mit gierigen Blicken vor dem Schatz, der in ferner vollen Pracht dalag, und rieb feine Hände an feinen Schenkeln hm und her. Als Harry diese niedrigen Triebe auf dem Gesicht des Mannes sich abmalen sah, fühlte er einen neuen Schmerz zu den vielen, die ihn bereits peinigten. Cs erschien ihm unglaublich, daß er, der einen so reinen Lebenswandel geführt und jede Berührung mit unangenehmen Dingen gescheut hatte, sich im Handumdrehen in schmutzige und verbrecherische Beziehungen verwickelt sah. Er konnte feinem Gewissen keine sündige Handlung vorwerfen, und trotzdem verspürte er jetzt die Strafe der Sünde in ihrer schärfsten und grausamsten Form: Angst vor Bestrafung, Mißtrauen der Guten, Kameradschaft und Berührung mit gemeinen unb brutalen Menschen. Er fühlte, bah er gerne fein Leben hmgegeben hatte, um aus diesem Zimmer und aus der Gesellschaft des Herrn Raeburn

ein wohlgeübter Boxer. ,

Harry schlug einen Purzelbaum; als er sich wieder aufraffte, halb gebeugt unb mit ftartblutenber Nase, war Raeburn vollständig ver- schwunden. Zum erstenmal überwältigten Wut und Schmerz den jungen Menschen so vollständig, baß er in einen Tränenftrom ausbrach unb schluchzend mitten auf bet Straße stehenblieb.

Nachbem er auf diese Weise feiner Aufregung etwas Luft gemacht hatte begann er sich umzufehen unb vor allen Dingen die Namen der Straßen zu lesen, an deren Kreuzung der Gärtner ihm den letzten Stoß geaeben hatte. Er befand sich in einem verkehrsstillen Teil von West- london, mitten unter Villen und großen Gärten; aber an einem Fenster konnte er einige Menschen bemerken, die offenbar fein Mißgeschick beob­achtet hatten, und fast augenblicklich kam ein Dienstmädchen aus dem fwufe herausgelaufen unb bot ihm ein Glas Wasser an. Gleichzeitig kam von der anberen Seite her ein schmutziger Strolch, ber sich irgenbroo in ber Nachbarschaft herumgetrieben hatte.

Sie armer Mensch!", rief bas Dienstmabchen;rote roh man Sie be- banbett hat! Oh, Ihre Knie bluten ja, unb Ihre Kleider sind ganz zer- ietft! Kennen Sie den Menschen, der Sie so gemein mißhandelt hat?

Das tu ich!" rief Harry, ber sich burch bas Wasser etwas erfrischt fühlte unb ich werde ihn, allen seinen Vorsichtsmaßregeln zum Trotz, ausfindig machen. Für diesen Tag soll er mir teuer zahlen, darauf können Sie sich verlassen!"

Sie sollten lieber ins Haus kommen und sich waschen und abburjten , fuhr bas Mäbchen fort,haben Sie keine Angst, meine Gnäbige wird nichts bagegen haben. Und sehen Sie, ich will Ihnen Ihren Hut holen. Ja, barmherzige Güte!" schrie sie plötzlich aus;Sie haben ja Diamanten über bie ganze Straße verstreut!" , . , ,,

So war es; die gute Hälfte von bem, was ihm nach den letzten Zu­griffen des Herrn Raeburn noch geblieben war, war ihm bei dem Purzel­baum aus den Taschen geflogen und lag wieder glitzernd auf der Eide.

Siebener tfamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger