Ausgabe 
27.7.1936
 
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Er segnete sein GMck, baß bas Mädchen es so schnell gesehen hatte, unb dachte: Es ist doch wirklich nicht so schlimm, daß es nicht noch schlimmer sein könnre.

Unb die Wiedererlangung dieser paar Diamanten schien ihm beinahe ebenso bedeutungsvoll zu sein, wie der Verlust des ganzen Restes.

Aber, o weh! als er sich bückte, um seine Schätze aufzulesen, sprang der Strolch blitzschnell herzu, warf mit einer Bewegung seiner Arme Harry und das Dienstmädchen zugleich über den Haufen, raffte eine doppelte Handvoll von den Diamanten zusammen und lief mit ungeheurer Geschwindigkeit die Straße entlang.

Sobald Harry wieder aus seinen Füßen stand, lief er mit großem Geschrei hinter dem Spitzbuben her, aber dieser war zu leichtfüßig und wahrscheinlich auch zu gut mit der Oertlichkeit vertraut; denn schon an der nächsten Straßenecke konnte der Verfolger keine Spur mehr von dem Flüchtling sehen.

In tiefer Niedergeschlagenheit kehrte Harry an die Stelle seines Miß­geschicks zurück, wo das Dienstmädchen, das immer noch gewartet hatte, ihm sehr ehrlich seinen Hut und die übriggebliebenen Diamanten wieder- gab. Harry dankte ihr von Herzen, und ba ihm jetzt nicht mehr nach Sparsamkeit zumute war, ging er nach dem nächsten Droschkenstand unb fuhr in einem Hansom nach bem Eaton-Platz. Als er dort eintraf, schien das Haus in einer Verwirrung zu fein, wie wenn eine Katastrophe die Familie betroffen hätte. Die Dienstboten drängten sich in der Halle zu­sammen und konnten, oder wollten auch vielleicht, ihre Heiterkeit nicht unterdrücken, als sie den Sekretär als Ritter von der traurigen Gestalt erblickten. Er ging so würdevoll, wie es ihm nur möglich war, an ihnen vorüber und begab sich stracks in das Boudoir.

Als er die Tür öffnete, bot ein erstaunlicher und sogar bedrohlicher Anblick sich seinen Augen dar: er sah den General und dessen Frau und unbegreiflicherweife auch Charlie Pendragon beieinander sitzen und mit Würde und Ernst ein offenbar wichtiges Thema besprechen. Harry begriff sofort, daß ihm wohl' nichts anderes übrigblieb, als alles zu gestehen denn offenbar war dem General bereits eine vollständige Beichte über den beabsichtigten Angriff auf seine Tasche abgelegt worden, sowie über das unglückliche Mißlingen des Planes, und sie hatten jetzt alle einer gemeinsamen Gefahr gegenüber gemeinsame Sache gemacht.

Dem Himmel fei Dank!" rief Lady Pandeleur,da ist er! Die Schachtel, Harry die Schachtel!"

Aber Harry stand schweigend und niedergeschlagen vor ihnen.

Sprechen Sie doch!" rief sie.Sprechen Sie, wo ist die Schachtel!" Und die beiden Herren wiederholten diese Frage mit drohenden Ge­bärden.

Harry zog eine Handvoll Juwelen aus seiner Tasche. Er war sehr blaß und sagte:

Dies ist alles, was davon übrig ist. Ich erkläre bei Gott im Himmel, es geschah nicht durch meine Schuld; und wenn Sie etwas Geduld haben wollen, so kann ein Teil davon sicherlich wieder zur Stelle geschafft werden, obwohl allerdings einige, wie ich fürchte, verlorengegangen sind."

O weh! rief Lady Vandeleur,alle unsere Diamanten sind fort, und ich schulde neunzigtaufend Pfund Sterling für Kleider!"

Madame", sagte der General,Sie hätten meinetwegen Ihren Plunder in den Rinnstein werfen können; Sie hätten fünfzigmal soviel Schulden machen können; selbst daß Sie mir das Diadem und den Ring meiner Mutter gestohlen haben, hätte ich Ihnen schließlich noch verzeihen können. Aber Sie haben den Diamanten des Radschahs genommen ,Auge des Lichtes', wie die Orientalen ihn poetisch genannt haben> den ,Ruhm von Kaschgar'! Sie haben mir des Rad sch ah Diamanten genommen", rief er, feine Hände gen Himmel streckend,und alles, Madame, ist zwischen uns aus!"

Glauben Sie mir, General Vandeleur", antwortete sie,dies war eine der angenehmsten Reden, die ich jemals aus Ihrem Munde hörte; und da wir jetzt zugrunde gerichtet sind, möchte ich diesen Glückswechsel beinahe willkommen heißen, da er mich von Ihnen befreit. Sie haben mir oft genug vorgeworfen, ich hätte Sie wegen Ihres Geldes geheiratet; lassen Sie mich Ihnen jetzt sagen, daß ich diesen Handel stets bitterlich bereut habe; und wenn Sie noch geheiratet werden könnten und einen Diamanten hätten, der größer wäre als Ihr Kopf, fo würde ich sogar meiner Kammerzofe abraten, eine so unappetitliche und unglückliche Ehe einzugehen. Sie, Herr Hartley', fuhr Sie fort, indem sie sich zum Sekretär wandte,Sie haben Ihre wertvollen Eigenschaften in diesem Hause zur Genüge betätigt; wir sind jetzt überzeugt worden, daß Ihnen sowohl Mannhaftigkeit wie Verstand und Selbstachtung fehlen, und ich sehe für Sie nur eine Möglichkeit, die Ihnen noch offensteht nämlich sich sofort wieder zu entfernen und sich, wenn möglich, niemals wieder sehen zu lassen. Ihr Gehalt können Sie als Gläubiger bei dem Bankerott meines früheren Gatten anmelden."

Harry hatte kaum diese beleidigenden Worte begriffen, da fiel der General schon mit einer anderen Beleidigung über ihn her, indem er zu ihm sagte:

Unb mittlerweile geben Sie mit mir zum nächsten Polizeiinspektor. Einen einfachen, harmlosen alten Soldaten können Sie vielleicht hinter­gehen! Aber das Auge des Gesetzes wird Ihr schmutziges Geheimnis zu lesen wissen. Wenn ich meine alten Tage in Armut verbringen muß, weil Sie im geheimen sich mit meiner Frau verschworen hatten, so ge­denke ich doch wenigstens Sie nicht ungestraft bleiben zu lassen; und Gott würde mir eine sehr große Genugtuung versagen, wenn Sie nicht von heute an bis zu Ihrer Sterbestunde Werg zupfen müssen."

Mit diesen Worten schleppte der General Harry aus dem Zimmer heraus, die Treppe hinunter und über die Straße bis zu der Bezirks­polizei.

Hiermit endigt diese traurige Geschichte von der Pappschachtel. Für den unglücklichen Sekretär aber war sie der Beginn eines neuen und mannhafteren Lebens. Die Polizei ließ sich leicht von seiner Unschuld überzeugen; und nachdem er bei der folgenden Untersuchung nach besten Kräften geholfen hatte, wurde ihm von einem der ersten Beamten der

Geheimpolizei sogar ein Kompliment wegen [eines rechtschaffenen und aufrichtigen Betragens gemacht. Mehrere Personen nahmen Anteil an einem so sehr vom Unglück verfolgten Menschen, und bald nachher erbte er von einer unverheirateten alten Tante in Woreestershire eine Summe Geldes. Im Besitze dieses Vermögens heiratete er Prudence und ging zu Schiff nach Bendipo oder, nach anderen Berichten nach Trincomali, mit feinem Schicksal außerordentlich zufrieden und unter den besten Aus­sichten für die Zukunft.

Sie Geschichte von dem jungen Geistlichen.

Der Ehrwürdige Herr Simon Rolles hatte sichln den Moralischen Wissenschaften ausgezeichnet und hatte es in dem Studium der Gottes­gelahrtheit ungewöhnlich weit gebracht. Sein AufsatzUeber die Christ­liche Lehre von den sozialen Verpflichtungen" verschaffte ihm bei seinem Erscheinen eine gewisse Berühmtheit an der Universität Oxford, und in geistlichen unb gelehrten Kreisen war allgemein bekannt, daß der junge Rolles ein bedeutendes Werk einen Folioband, sagte man über die Kirchenväter plante. Diese Bestrebungen und ehrgeizigen Pläne halfen ihm jedoch nichts, um eine Lebensstellung zu gewinnen; und er bewarb sich immer noch um seine erste Pfarrstelle, als ein zufälliger Spaziergang im äußersten Westen von London, der friedliche und behagliche Anblick des Gartens, ein Verlangen nach Einsamkeit und Studium, sowie endlich die Billigkeit der Wohnung ihn veranlaßten, sein Heim bei Herrn Rae- burn, dem Gärtner in Stockdove Lane, aufzuschlagen.

Es war feine Gewohnheit, jeden Nachmittag, nachdem er sieben ober acht Stunden über St. Ambrosius oder St. Chrisostomus gearbeitet hatte, sich eine Weile unter den Rosenbüschen des Gartens zu ergehen unb über seine Arbeiten nachzubenken. Dabei hatte er gewöhnlich seine glücklichsten Einfälle für neues Schaffen. Aber auch eine aufrichtige Freude am Denken und an ernsten Problemen, die der Losung harren, sind nicht immer genügend, den Sinn eines Philosophen vor den kleinlichen Ein­flüssen der äußeren Welt zu bewahren. Unb als der junge Rolles den Sekretär des Generals Vandeleur, mit zerrissenen Kleidern und blutend, in der Gesellschaft feines Hauswirts fand; als er sah, wie beide er­bleichten und seinen Fragen auszuweichen versuchten, und vor allen Dingen, als der junge Mann sich mit der größten Kaltblütigkeit ver­leugnete, da vergaß er sofort die Heiligen und Kirchenväter um einer ganz gemeinen, alltäglichen Neugier willen.

Ich kann mich nicht geirrt haben", sagte er,ohne allen Zweifel ist es Herr Hartley. Wie kommt der in eine solche Klemme hinein? Warum verleugnet er seinen Namen? Und was kann er mit diesem gefährlich aussehenden Kerl, meinem Hauswirt, zu tun haben?"

Während er mit solchen Gedanken beschäftigt war, erregte ein neuer sonderbarer Umstand seine Aufmerksamkeit. Das Gesicht des Herrn Rae- burn erschien an einem Fenster des Erdgeschosses neben der Tür, unb ein Zufall fügte es so, daß seine Augen sich mit denen des jungen Geist­lichen begegneten. Der Gärtner schien darüber ärgerlich, ja sogar un­ruhig zu fein, und unmittelbar darauf wurde der Vorhang am Fenster mit einem scharfen Ruck heruntergezogen.

Es mag ja alles vollkommen in Ordnung fein, dachte Rolles bei sich selber; es mag alles schon und gut [ein; aber ich gestehe frei heraus: ich glaube, daß es nicht der Fall ist. Mißtrauisch, unaufrichtig, ängstlich darauf bedacht, nicht beobachtet zu werden ich glaube wahrhaftig, die beiden haben irgendeine verbrecherische Handlung vor.

Der Geheimpolizist, der in uns allen schlummert, erwachte im Busen des Herrn Rolles, unb mit schnellen, rüstigen Schritten, die von seinem gewöhnlichen Gange ganz verschieden waren, machte er eine Runde durch den Garten. Als er an die Stelle kam, wo Harry über die Mauer ge­klettert war, bemerkte [ein Auge sofort, daß ein Rosenbusch abgebrochen und daß das Erdreich zertrampelt war. Er blickte in die Höhe und sah an den Ziegeln der Mauer verschiedene Schrammen, während an einer Flafchenscherbe ein Fetzen hing, der offenbar von einer Hose flammte. Auf diese Weise war also der junge Mann, den Herr Raeburn seinen guten Freund nannte, in den Garten gelangt! Dies war die Art, wie General Dandeleurs Sekretär einen Blumengarten bewunderte! Der junge Geistliche pfiff leise vor sich hin; bann bückte er sich, um ben Erbboben zu untersuchen. Er sah beutlidj, an welcher Stelle Harrys Füße nach bem gefährlichen Sprunge bie Erbe berührt hatten; er er­kannte ben breiten Fuß Raeburns, wo ber Stiefel tief in bas Erdreich eingesunken war, als der Gärtner den Sekretär am Rockkragen in bie Höhe gerissen hatte. Bei näherer Untersuchung glaubte er sogar Spuren zu bemerken, wie wenn taskenbe Finger irgend etwas, was zerstteut auf der Erde gelegen war, hastig zusammengerafft hätten.

Auf mein Wort, dachte er bei sich selber, die Geschichte wird aber höchst interessant!

Unb gerabe in diesem Augenblick erblickte er etwas, was beinahe gänz­lich in bas Erdreich getreten war. Im Nu hatte er ein hübsches Marokko­leberkästchen ausgegraben, das mit goldenen Zieraten und Spangen ge­schmückt war. Es war durch einen schweren Fuß in die weiche Gartenerde gedrückt worden und auf diese Weise Herrn Raeburn bei seinem eiligen Suchen entgangen.

Rolles öffnete das Kästchen, unb vor Erstaunen und Entsetzen blieb ihm beinahe der Atem stehen, denn vor ihm lag auf einer Unterlage von grünem Sammet ein Diamant von wunderbarer Große und vom reinsten Wasser. Er war so groß wie ein Entenei, von schöner Form und ohne jeden Tadel; und als bie Sonne barauf siel, strahlte er wie ein elektrisches Licht unb schien in feiner Hanb von tausend innerlichen Feuern zu brennen.

Rolles verstand wenig von Edelsteinen; aber der Diamant des Rad- schahs war ein Wunder bas sich selber erklärte. Hätte ein Dorfkinb ihn gefunben, es würbe mit Geschrei in die nächste Hütte gelaufen sein, unb ein Wilber würbe sich anbetenb vor einem fo machtvollen Fetisch nieber- geroorfen haben.

(Fortsetzung folgt.)