Ausgabe 
27.4.1936
 
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SiehenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang 1936

Nummer 27

Hreitag, den 5. AprU

Kirchplatz, wehenden

ii Dielen und den anderen Winter hockt er noch in der Stube und

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Das Jahr des Herrn

Roman von Karl Heinrich Waggerl

Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig.

3. Fortsetzung.

und nun, im Frühjahr, kommen noch die ersten saftigen Triebe vom Geißbart und vom Kerbelkraut dazu. Helene versteht die Kunst, die Kräuter so aufzulegen und mit Tüchern abzubinden, daß sie nach dem Kochen wie frischgrüne Bäumchen auf dem farbigen Grund der Schale stehen, wie zartes Vogelgefieder.

David klettert in die Weiden am Bach und bricht Zweige heraus, die schönsten und weißesten Kätzchen für den Palmbusch des Pfarrhauses. Sie werden auf eine Stange gebunden und über und über mit Bändern geschmückt, Agnes wird sie am Palmsonntag zur Weihe tragen.

An diesem Tage wogt ein bunter Wald von solchen Büschen aus dem jeder einzelne prächtig verziert mit Schleifen und langen Bändern. Die Weiber haben ihre schönsten Tücher in das □anes/At ei von Farben, und die Seide raschelt in ihren pictaxy t der Himmel blau und mit runden Wölkchen t fröhlich in knallendes Fahnentuch, kriegerisch

zusammen, Trompeten schmettern " Chor. Nicht anders zog Jesus in

von der Em- Jerusalem ein.

nver oen Klappern

Pat-r Johannes wählt die Stelle der Schrift, an der ausgezeichnet ist, wie der Herr seine Jünger nach der Eselin schickte, wie er durch die bekränzten Straßen ritt und in den Tempel trat, um das Haus seines Vaters zu säubern. Das ist nun freilich eine andere Art, Gottes Wort auszulegen, dergleichen haben die Dorfleute nie gehört. Zuerst ist die Stimme des Predigers noch gedämpft und voll liebreicher Sanftmut, allmählich jedoch schwillt sie gefährlich an, Zorn grollt in ihr. Pater Jo­hannes beugt sich weit hinaus, er zielt wie ein Schütze in das zitternde Fleisch und trifft. Oh, er greift die Herzen hart an, und was er sagt, ist wohl begründet und unverrückbar bezeugt bei Jeremias und allen Propheten. Darauf versteht sich der Pfarrer weniger, so kunstvoll kann er die Worte nicht setzen.

und der Zuversicht zwischen Himmel unö Erve. Der «türm zaur uic Glocke an, würgt sie und rüttelt am Gestühl, zuweilen versagt ihr die Stimme im Kampf, aber wieder kehrt sie machtvoll zurück und beschwort den rollenden Donner. ,

David liebt die Glocken, oft betrachtet er sie, befühlt ihre kühlen, narbigen Leiber und klopft mit dem Finger daran, um zu hören, wie sie summend und von weither antworten.

Einmal, als er noch klein war, stieg er ungesehen in den Glocken­stuhl er dachte, daß es Tiere sein mühten, die da eingesperrt waren, große Vögel vielleicht. Einmal in jedem Jahr flogen sie ja fort bis in die Stadt Rom. Es war um die Mittagszeit, er kroch und kletterte also umher und suchte diese Vögel in ihren metallenen Käsigen. M,t einem Male aber bewegte sich die große Glocke, schwang langsam aus und plötzlich überschüttete sie ihn mit ihrem brausenden Klang so daß er wie in einer Woge darin ertrank. Sie tat ihm nichts zuleide und schob ihn nur ganz sanft an die Mauer, aber es währte eine endlose Zeit, und als die Glocke wieder schwieg, kauerte er noch lange verstört und

er Johannes'die Kanzel, um zu predigen. Lange I Brüstung und sammelt die Glut seines Blickes

rzauprern oer Gläubigen. Es wird still in der Kirche, das der Rosenkränze verstummt, das Geflüster der jungen Leute unter der Empore, nur der alte Postmeister räuspert sich laut und um­ständlich, aber das tut er bloß, weil er taub ist, nicht aus Mangel an

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r der Mauer.

lt vor dem verschlossenen Tor. Pater Johannes Schaft des Kreuzes dagegen und erhebt feine

i dem biblischen Sänger.

re, der König der Ehren will einziehen!

g? fragt der Pfarrer zaghaft im Innern der

wartet Pater Johannes, mächtig im Streit, der

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Mauern, blaues Feuer schlägt durch die schmalen Fensterschlitze Dann prasselt der Regen nieder und überspult die Scheiben, als kochte draußen eine ungeheuere Wasserflut und brandete bis an die Fenster herauf. David zieht und zieht den Strang, er ring ganz allem mit der Holle, Herr sei uns gnädig! Verschone die Saaten, Vater, sie s^hen sihon fingerhoch und prächtig grün auf den Aeckern, verdirb sie nicht! Schone auch die Fruchtbäume und die Gärten, lenke den Blitz ab vom Vieh auf der Weide und von den Hütten deiner Kinder. Warum willst du ihnen zürnen? Du hast das Jahr'einen guten Anfang nehmen lassen, es ist alles dein Werk, sieh es an! Auch du, heiliger Jakobus, laß deine Glocke nicht zuschanden werden, geh zum Herrn und bitte ihn!

Und Gott hört seinen Heiligen an, und er lächelt, weil David |o mutig ist, das Kind mit der Schleuder. Er läßt den Regen sanerstromen und den Donner leiser rollen, David merkt, daß auch die Glocke wieder freier schwingt und nicht mehr mit dem Winde kämpft. Hell und fröhlich steigt das Geläute zum verklärten Himmel auf. - r

Später geht David auf die Suche nach Krautern wie st- Helene zum Färben der Ostereier braucht. Auch das geschieht kunstgerecht, nicht etwa mit bedrucktem Papier oder mit gekaufter Farbe. Das ganze Jahr über werden bunte Kattunreste und Bänderenden gesammelt Enzian und rote Malvenblätter preßt man zwischen den Seiten des Gebetbuches,

er spuckt auch nicht einfach hinter sich in den Sandnapf, wie es der Pfarrer tut, wenn sich seine Kehle belegt, sondern er hält ein Tuch in der Hand und säubert damit seinen Bart.

Ja es ist offenkundig, daß Pater Johannes eine besondere Gabe hat, das Menschenherz zu rühren und aufzurütteln. Vor allem sind die Weiber wie besessen hinter ihm her und versäumen keine Gelegenheit, ihm em Segenswort abzunötigen, obgleich ihn doch wahrhaftig nichts auszeichnet als eine überaus haarige Kutte. .

Streng ist Pater Johannes, em eifernder Heiliger und dabei gottselig arm. Es spricht sich herum, er habe sogar die weiche Unterdecke aus seinem Bett genommen, auch den Spiegel von der Wand. Mein Spiegel ist das Kreuz, sagte Pater Johannes.

David hat freilich gesehen, daß er bisweilen lange am Fenster steht und seine Fingernägel betrachtet, er haucht sie sogar an und reibt sie am Aermel, Pater Johannes hat außergewöhnlich schöne Nagel an seiner blassen Hand. Aber auch das geschieht wohl nur aus schuldiger Ehrfurcht, weil er dem Herrn mit diesen Händen dient.

David ist indessen auch sonst nicht mit dem Pater zufrieden. Er bringt allerlei neue Moden mit, nie sitzt ihm die Albe beim Einkleiden locker genug in den Hüften, da und dort muß noch eine Falte

I gezupft werden. Und von Davids Latein beim Altargebet behauptet er.