schwingen. Was sollte sie denn? Wollte sie nur Bäuerin sein und in Seide gehen und die Hände in den Schoß legen? Nein, das nicht. Sie war bloß Magd auf Eck, und schon brachte der Garten doppelt so viel, es wurde wieder eigene Wolle gesponnen, und die Kühe gingen sauber aus dem Stall. Sie wäre eine gute Frau für den jungen Bauern, nickt etwa leicht- Kunb träge, trotz allem nicht. Und später würde sie iym helläugige r gebären, jedes zur rechten Zeit.
So dockte Christine, Tag und Nacht ging sie mit diesem Gedanken um. Und plötzlich geschah das Unglück, daß der kleine Adam aus der Wiege fiel. Der Bauer kam in der Nacht herauf und sah das Kind an, wie es dalag und blaß war und schlief, er sah auch Christine lange an.
Höre, sagte er dann, geh lieber. Du machst mir Angst.
Aber Christine ging nicht. Jetzt, am Fronleichnamstage, fragt sie nach dem Stein bei Agathe, sie kauft das Wachslicht und betet ein Ave vor dem Bild der Lieben Frau. Später jucht sie den Bauern in der Schenke auf, sie trinkt aus seinem Glas und schaut den Leuten kalt ins Gesicht.
Warte auf mich, sagt der Bauer. Warte draußen!
Auf dem Heimweg redet Christine über allerlei, sie schaut unruhig den Weg hinaus und horcht und redet immerfort. Hast du das Stierkalb verkaufen können? fragt sie. Ja, antwortet der Bauer kurz und schweigt wieder.
Kommt da jemand?
Nein, wer sollte kommen?
Aber auf bem Anger treffen sie den Knecht, der hat eine schlimme Botschaft auszurichten. Das Kind ist gestorben.
Christine sitzt bleich in der Stube, sie weint lautlos und schaut lange vor sich hin und sieht nichts als die schwarzen Stiefel des Bauern. Hin und her gehen die schweren Tritte, auf und ab.
Gegen Abend wäscht sie den kleinen Leichnam und bahrt ihn in der Kammer auf. So war es also fein Sterblichti sogt sie in die Stube hinaus
Was für ein Lickt?
Die Kerze für das Frauenbild. Ich habe eine Kerze gestiftet, sagt Christine ruhig, gerade um diese Zeit.
Stille. Die Schritte verstummen, der Mann steht in der Tür. Plötzlich aber schreit Christine laut auf und fällt ihm an die Knie.
*
Ja, das geschieht auf Eck, anderswo endet dieser Tag friedlicher. Es ist einer von den besck-aulichen Abenden in der Sommerszeit, warm und still. Du hängst den Fcicrtagsrock um die Schultern und gehst um das Haus und ein wenig an den Zäunen entlang, nur um zu schauen und den Gedanken nachzuhängen, die non weither kommen. Du rückst einen Stecken am Zaun zurecht und läßt ein paar Halme durch die Hand gleiten, dann hebst du etwas vom Boden auf und betrachtest es lange, es ist nur ein Schneckenhaus oder ein Krümchen Erde, das du im Gehen zerbröckelst und warm und körnig zwischen den Fingern fühlst.
Ganz allein stehst du dci und streust deine Handvoll Erde wieder auf den Acker zurück, aber dir ist dennoch wohl ums Herz, weil alles um dich her fa fest und sicher gegründet ist. Du siehst den Tag verdämmern, ohne Unruhe, ohne Sorge. Du hast Ihn aus Gottes Hand empfangen wie einen Werkstein, hast ihn nach deinem Verstand behauen und geformt cmd in den Bau deines Lebens gefügt, und morgen wirst du wieder so tun. Es füllt dir nicht ein, Gottes Bausteine etwa zu messen und zu wägen, du zerschlägst sie nicht in Splitter, um zu sehen, wie sie inner» wärt« beschaffen sind. Ein so großer und gelehrter Baumeister bist du gar nicht, nur ein Handlanger.
Aber vielleicht wird Gott dereinst deine Seele vor ein prächtiges Bauwerk führen. Herr, wirst du sagen, das ist zu kostbar für meine arme Seele, fo ein schönes Haus! Du betrachtest das Gebäude genauer, und plötzlich ist dir jeder Stein vertraut und bekannt. Tag für Tag deines Lebens hast du daran gebaut, zuweilen mißriet dir wohl auch ein Block, bu warst ungedulblg in deiner Jugend, verzagt im Alter, aber im ganzen sieht es sich stattlich an, bu hast eine prächtige Wohnung für die Ewigkeit.
Hier auf der Welt war dein Dasein freilich nicht besonders ruhmvoll, du hast dein Korn geerntet und hast deine Kinder damit gefüttert und aufgezogen, eines reichte gerade fürs andere. Eigentlich warft du ein rerfjt unnutzer Mensch, bu hast nichts in Bücher geschrieben und nichts aus Büchern gelernt, niemals bist bu in fremde Länder gereift, um zu erfahren, wie dick das Eis auf dem Nordpol ist, das war dir einerlei. Andere ihre Sorgen damit, wie sie noch höher in die Luft, noch schneller über Land kämen, es war ja eine Schande, wenn man erst nach vielen Stunden erfahren konnte, daß irgendwo in Amerika der Blitz eingefchlagen hatte. Wie denn? fragtest du, halfen sie denn dem Farmer, well ihm fein flau? niebergebrannt war? Nein, sie wollten es nur wissen. Du nicht, mit deinem Merktagsgehlrn. Du hättest vor zweitaiisenb Jahren genau ebenso an beinern Zaun stehen können in Bundhosen unb harbenem Hemb, und nach zweitausend Jahren vielleicht immer noch. Aber den übrigen Menschen ift die Zett inzwischen knapp geworden, die müssen schneller leben und ihr Brot in Minuten verdienen, nickt in Wochen und Monaten wie du. »ei deiner Art zu rechnen käme die Welt nie vorn Fleck. Du brauchst nicht nur wenig, buroelftt nicht einmal, wieviel bu brauchen könntest. Wahrscheinlich freute bich bein Weizen gar nicht mehr, wenn er bir In müßigen fünf St""den statt in harten fünf Monaten reifen würde, fo ein Querkopf bist bu Und deinen Rock hieltest bu für nur halb fo gut, wenn er nicht vor deinen Augen gewoben unb gewalkt unb genäht worben wäre eben dein
J^erer. Denn bu meinst, die Dinge hätten ihren Wert von der Arbeit, bie in ihnen steckt: und wenn man bie Arbeit sparte, bann wären auch bie Dinge nicht» mehr. Unb darum, well bu fo denkst, wirst bu immer arm bleiben, bu ewiger Bauer an deinem Zaun!
Auch der Pfarrer wandert zur Abendzeit auf und ab im Garten und lieft sein Brevier unter den Bäumen, ja, auch er ift zufrieden und dankt dem Herrn für diesen Tag. Vorhin hatte er ein Gespräch mit Pater Jo- banne«, sie sprachen davon, daß der Bischof in diesem Jahr zur Firmung 'ornmett will. Den alten Pfarrer regt da» nicht besonders auf, er kennt den Bischof. In der Jugendzeit saßen sie ein paar Jahre nebeneinander
in der Schulbank, damals war es noch nicht ausgemacht, welcher von beiden zu Rang und Ehren kommen würde. Bauernsöhne waren sie, jeder die Hoffnung unb der Stolz einer ganzen Gemeinde, sie hatten dieselbe Not mit dem ersten Latein, und sie bekamen das gleiche schwarze Roggenbrot, Speck unb Käse aus ber Heimat in die Stadt geschickt.
Ja, anfangs war es nur ein winziger Schritt, ber ihre Wege für immer trennte Vielleicht lag es überhaupt bloß baran, baß ber Pfarrer sogleich roieber in ein Dorf verschlagen wurde, Felder um sich hatte unb eine Senfe in bie Hanb bekam, währenb in der Pfarre des Amtsbruders Maschinen stampften unb hohe Schornsteine rauchten. Im Dorf wohnte Gott in Frieden unter den Menschen, unb in ber Stabt war Lärm unb Kamps, ein heißer Boben für den jungen Soldaten des Herrn.
So kam es, daß bie mühselige Wissenschaft im Kopf des Pfarrers allmählich wieder verblaßte. Die Bauern wollten gar nichts aus den Kirchenvätern belegt und bewiesen haben. Sie sind zufrieden, wenn der Pfarrer sein ehrwürdiges Handwerk versteht, wenn er Ihnen bie Sünben abnimmt unb ihre Kinder tauft unb den letzten Trost in die Sterbefammer bringt.
Das weiß ja auch ber Bischof. So oft er kam, ließ er sich willig umherführen unb im Stall bie Sauen zeigen, auch über bas Felb ging er mit dem Pfarrer unb nickte, — ja ja, sagte er, ift das Flachs? Wir haben auch Flachs an^ebaut, bort, wo ich her bin.
Jetzt sind sie einander wieder ähnlich geworden, der alte Veteran, ruhmbedeckt in vielen Gefechten, unb fein geringerer Bruber, ber gute Hirt. Sie haben beide graue Köpfe unb müde Gesichter, im stillen bitten sie den Herrn um feinen Frieden.
Vor sechs Jahren war der Bischof zum letzten Mal im Dorf, indessen hat sich nicht viel geändert, worum sollte sich der Pfarrer Sorgen machen? Er wird den hohen Herrn würdig empfangen und alle Fliegen aus ber Gaststube jagen, damit er gut schläft, unb auch Helene ist ja noch ba, die könnte sogar den Papst auf eine Welse bewirten, daß er noch lange an diesen Tag dächte.
Sorgen hat nur der Pater Johannes, für Ihn ift dieser Besuch eine kostbare Gelegenheit, zu zeigen, was für ein Licht hier unter dem Scheffel steht. Er wartet schon feit Wochen auf die Abberufung, aber man ruft ihn nicht, vielleicht hat man ihn vergessen und läßt ihn elend in diesem Nest verkümmern unb versumpfen.
Wird ihm also der Pfarrer erlauben, die Ansprache zu halten?
Ja, gern!
Das ist nämlich wichtig, der erste Eindruck. Außerdem hat Pater Johannes ein Gedicht verfaßt, Agnes wird es lernen und auffagen, wenn sie den Blumenstrauß Überreicht. Es ist ein kunstvoller Vers, die Anfangs- buchflaben ergeben zusammen den Namen des Bischofs, JOHANNES, und well er das vielleicht nicht merken würde, darum hat der Pater das Gedicht auf ein Blatt Papier geschrieben, auch dieses Blatt muß Agnes dem Bischof in die Hand geben.
Agnes lernt, wo sie geht unb steht, es finb ja nur acht Zeilen, aber schwer. Jubelnb klingen alle Glocken, flüstert sie, soweit ginge es ganz gut. Allein dann kommt etwas von einem Hirten, der ein Schaf verloren hat ober umgekehrt, das verwechselt sie immer. David kommt ihr zu Hilfe. Es kehlt nur das Aeußere, meint er. Wenn ber Bischof leibhaftig vor Ihr stünde, bann könnte sie es auch. Er wickelt sich ein Bettleinen um den Leid unb stellt sich unter bie Tür, ein stattlicher Bischof, mit einem Rechen in ber Hanb unb einer blauen Zuckertüte auf bem Kops. Sei gegrüßt, mein Kinb! sagt er feierlich. Aber Agnes will ihm nicht die Hand küssen, das auf keinen Fall.
llebrigcns gerät David selbst in Bedrängnis, auch er wird dieses Jahr gefirmt. Nun besitzt er zwar einen neuen Anzug, ein Hemd, unb Schuhe und einen Hut, bas alles hat er, nur bas Wichtigste fehlt: ein Pate. Die Väter und Mütter im Dorf tun sich untereinander diesen Nachbardienst. Nimm bu meinen Buben, sagen sie, Ich will es bir beim nächsten Mal einbringen, wenn ich bas Leben habe.
Gut, aber wer wirb sich bes kleinen Davibs annehmen mögen, der feinen Vater hat? David steigt in den Turm, um die Sache einmal von oben zu betrachten, bas tut er ja immer, wenn Ihn etwas im Herzen bewegt. Aus ber Höhe gesehen, finb bie Dinge gefügiger und einfacher, bas ganze weitläufige Dorf mit feinen hundert Türen und Zäunen und verborgenen Winkeln ist nichts weiter als ein grauer Fleck, eine ver- harschte Wunbe im Angesicht ber Erbe. Und auch die Leute sind alle gleich winzig unb unscheinbar, sie kriechen wie langsame Käfertiere über den Platz, betasten sich unbeholfen und verschwinden wieder in irgendeinem Loch.
David betrachtet den Weber, wie er aus dem Haus tritt und den Staub von ber Schürze schüttelt. Ihm hat er oft beim Garnspulen geholfen, allein ber Weber muß selbst zusehen, daß ihm jemand seine drei Kinder in Tausch nimmt. An den Schuster nebenan wäre eher zu denken, leider greift er noch immer nach dem Hosenriemen, wenn David in seine Reichweite kommt, er kann bas Loch im Krautacker nicht vergessen.
Der Lehrer? Nein. Der Sägemeister? Auch nicht, ber würbe Ihn nicht einmal ansehen, großmächtig unb reich, wie er ift.
Dann die Zeugschmiede am Wasser. Mit bem Schmied könnte man vielleicht reden, schade, daß auch hier etwas in der Schwebe ist. Er hat erst unlängst gefragt, ob David nicht wisse, wo seine beste Rundfeile hingeraten fei, unb es steht dahin, ob er noch vor ber Firmung einmal unter bie Türschwelle greift. Dort liegt nämlich bie Feile seit gestern, aber das weift niemand außer David.
Die Krämerin wiederum kann nur ein Mädchen nehmen, und zudem möchte sich David fein zweites Mal von Ihr Jagen taffen, er fei schon alt genug, um selbst für sich zu sorgen. Nein, von nun an lebt David auf eigene Rechnung, Agathe wird schon sehen, daß er es kann, sie hat ihn schwer in seinem Stolz getroffen. Er will weder den Schmied noch den Sckuster zum Palen haben, überhaupt keinen von diesen armfeligen Klein« Häuslern. Ist er nicht David, der den Pfarrer ausgemäht hat unb beinahe auch bie Magb? Darum wird er zum Vorstanb gehen und sich für die Grummetmcchd verdingen. Vorstand, wird er sagen, du kennst mich. Ich Helse dir diesen Sommer beim zweiten Heu.
(Fortsetzung folgt.)


