Krutzling.
Don Friedrich Schnack.
Die Flammen schlagen aus der Erde, Das ist des Frühlings Feuerwerk. Der Hirte treibt die Lämmerherde Aus dumpfem Stall zu hellem Berg.
Die junge Birke, geistbeflügelt. Tanzt schwerelos im Morgenhauch, Und Erdenkräfte, ungezügelt, Verzaubern Hecken, Busch und Strauch.
Daß ich wie sie verwandelt werde Aus dürrem Holz zu grünem Saft, Lehrt mich die alte Mutter Erde Durch ihres Bildes Zeugenschaft.
Tiro! 1809.
I Bon Robert Hohlbaum.
Das Tirol vor hundertdreißig Jahren hat wohl ganz anders ausgesehen, als das heutige dem Fremdenverkehr weit geöffnete Land. Es war noch eine wilde Bergwelt, die hohen Gipfel noch gar nicht erschlossen oder doch nur von wenigen Eingeborenen erstiegen, es war ein Gebiet, wo der Guerillakrieg noch alle erdenkliche Aussicht auf Erfolg hatte. Was Schill erstrebte, den Aufstand des ganzen Volkes — in der norddeutschen Ebene unmöglich zu verwirklichen —, was den Vendeer Bauern in ihrem Busch- und Wiesenland nur halb gelang, das glückte restlos den Bauern des Inn- und Etschtales, den H o f e r, S p e ck b a ch e r und Peter Mayr, solange sie noch eine Deckung am großen Oesterreich hatten, solange man sie nicht im Stich ließ, solange sie noch durch Kriegsbedarf aller Art unterstützt wurden.
Seit den großen deutschen Bauernkriegen, seit dem niederländischen Freiheitskampf, seit der puritanischen Revolution in England ist dieser Kampf der erste große germanische Volkskampf der Geschichte. Ein Stoff, überreich an tragischen Motiven, an dem Gegensatz zwischen schlichtem Heldentum und — für die damalige Zeit — raffiniertester Kriegführung. Vieser Kampf barg darüber hinaus die Tragik des Bruderkampfes, denn . t« war ja nicht nur ein Krieg zwischen Tirolern und Franzosen, Napoleon ilostete den Bayern den Löwenanteil dieses Kampfes auf, teils weil diese doch den Gebirgskrieg gewohnter waren, teils auch, um sein eigenes Heer zu schonen und ihm die von Haus aus nicht eben dankbare Aufgabe möglichst zu ersparen.
Namentlich den Dramatikern hat dieser Krieg unerschöpflichen Anreiz geboten. Franz Kranewitter in seinem „Andre Hofer", Schönherr im ,Liudas von Tirol" und „Volk in Not", auf epischem Gebiete Peter Rosegger, Paul Buffon und in letzter ZM erst Erwin H. Rain- eiter in seinem Hoferroman „Der Sandwirt", find von Zeitgenossen lder Jüngstverstorbenen zu nennen. Aber schon ein Mitkämpfer der großen Freiheitskriege, I m m e r m a n n, hat als erster im „Trauerspiel in Tirol" tiefes Heldenlied gesungen.
Wer an einem regnerischen Sommer- oder an einem düsteren Herbsttag furch den feuchten Nebel dieser Täler wandert, dem wird die alte Zeit bbendig werden in ihrem ganzen düsteren Zauber. Dem wird sich das keine Bergwirtshaus mit wilden, verwegenen Bauerngestalten bevölkern, de dort ihre erste Berschwörersitzung abhalten, der wird dem Zug der u keinde folgen, der frischen bayrischen Bauernjungen, die lieber freund- H schaftliche Arbeit im Hause der Stammverwandten leisten würden, als gegen sie in einen Kampf zu ziehen, den keiner von ihnen versteht.
Die Tiroler Bauern aber wissen jeder, worum es geht. Um die Freiheit der Heimat. Die französischen Kommandanten haben ein übriges getan, .sich unbeliebt zu machen, sie treiben Steuern ein und verganten den Armen das letzte Vieh aus dem Stall. Bauern, Jäger sind diese Tiroler, deren ganzes Leben schließlich ein Kampf ist, mit wilden Tieren, mit Raub- jchützen, mit den Gefahren der Natur. Aber auch die Wildschützen selber gesellen sich ihnen, feinen Stutzen hat jeder frei oder heimlich im Haus, gcnz wenige nur mahnen zur Mäßigung, bis dann die Zusicherung der Hilfe vom Kaiser kommt, bis ihnen ausreichendes Kriegsmaterial verbrochen wird. Eine österreichische Heeresgruppe gesellt sich ihnen, nicht oß, aber die Legalität des Kampfes ist dadurch gewährt.
.Für die schlichten Bauern ist es nicht nur ein Krieg für die Heimat, ist auch ein Kampf für Gatt. Napoleon ist der Antichrist, das wissen schon lange, und daß die Banern genau so gute Katholiken sind wie . das wißen sie nicht oder wollen es nicht wissen. Der Fremde ist der Feind, gleichgültig woher er kommt, wes Glaubens er ist, welche Sprache et spricht.
Und dann beginnt der Krieg und wird mit allen Mitteln des Bergbewohners geführt, mit Lift und wilder Gewalt, unbarmherzig, wie es sie Natur der Berge ist. Das furchtbare Gefecht an der Pontlatzer Brücke, in dem die Bauern die Steinlawine niederdonnern lassen auf die hilflosen Bayern, ist wohl der Höhepunkt der ungeheuren, grausamen, aber natur- i'r,otenen Gewalt dieses Krieges. Und in der ersten Schlacht auf dem Berae Jfel wird das ganze Land frei, Hofer zieht in Innsbruck ein und residiert in der Hofburg. Ein seltsames Bild: Die Bauern in der prunkvollen Umgebung, der einstige Sandwirt vom Baffeier in einem Saale «mtierenb, ber einem Kaiser keine unwürdige Arbeitsstätte wäre. Aber Mer Wirt fügt sich hinein, er regiert, besser als manche Fürsten seiner Seit. er löst auch diese, vielleicht noch schwierigere Ausgabe, wie er die les Feldherrn gelöst hat. Dieser schlichte Mensch, der zur Not schreiben und Itfrn kann, ist auf feine Art nicht nur ein Held, sondern auch ein Genie.
In Rainalters Roman sind diese Szenen in breiter Farbigkeit «noergeßlich vor uns hingestellt, sie sind zugleich der äußere Höhepunkt « tirolischen Triumphes, wie sie es in ber Geschichte waren.
Der Kaiser Franz, den die Tiroler Bauern noch immer kinblich den
„guten" nennen, hat inzwischen Frieden geschlossen. Frieden schließen müssen. Und in diesem Frieden hat er auf Tirol verzichtet. Das verstehen die Bauern nicht. Alles vergossene Blut, alle Siege sollen vergebens gewesen fein? Es soll alles so sein wie vordem, nichts, gar nichts soll sich geändert haben? Unter Frankreich sollen sie wieder kommen?
Auch der Klügste, Hofer, versteht es nicht. Solange es um fein Land ging, war er alles, auch Diplomat, wenn es nötig war. Jetzt, im Stiche gelassen, ist er mit einemmal wieder nur Bauer, heldenhafter, an der Scholle haftender Bauer. Er kämpft weiter. Viele verlassen ihn, wenige halten bei ihm aus. Eine furchtbare Niederlage wirft sie, Hofer muß fliehen, sich verbergen. Alles andere ist so bekannt, daß wir es hier nicht darzustellen brauchen.
Und doch ist es immer und immer wieder nötig, auf diesen Heldenkampf hinzuweisen, auf seinen eigentlichen Sinn. Er ist lange vom engherzigen Lokalstandpunkt, wenn es hoch kam, vom rein dynastischen Gesichtspunkt aus betrachtet worden. Gewiß traten Hofer und die Seinen in diesen Krieg ein, nur als Verteidiger ihres Landes, als Anhänger des Kaisers, zum Schluß aber als in ihrer Liebe tief gekränkte und enttäuschte Rebellen. Einen weiteren Gesichtskreis hatten sie durchaus nicht. Man darf nicht versuchen, Hofer ideell zu einem Schill, einem Dörnberg oder gar zu einem Scharnhorst und Gneisenau machen zu wollen. Und doch hat er für weit mehr gekämpft als für den kleinen Fleck Erde, dem er gehörte. Und doch gehorchte er einer weit größeren Gewalt als der kaiserlichen zu Wien, als er seinen tapferen Stamm zum Siege führte. Er war unbewußt ein deutscher Held, er kämpfte und starb für dasselbe Ideal wie die Schill und Dörnberg, er ist untrennbar mit den Helden der Freiheitskriege verbunden, als deren Vorläufer und Wegbereiter. Denn der Eindruck, den fein tragisches Schicksal auf das weite Deutschland machte, war so überwältigend groß, baß ber Aufltanb der Tiroler, der zeitweilig ein kleines Land befreite, aus dem Befreiungskampf Deutschlands nicht mehr fortzudenken ist. Und Hofer gehört in die Reihe jener großen Deutschen, die unferm Volkstum den heldischen Glanz gaben für alle Zeit.
Die Aufgaben plastischer Kunst.
Von Dr. Hanswerner Nachrodt.
Sucht man nach der Bedeutung der plastischen Kunst im Leben des Volkes, so stößt man auf einen zunächst seltsam blinkenden Zwiespalt: Es ist auf den ersten Blick hier weder eine wirkliche völkische Anteil- nahme an ihrer Entwicklung, noch ein allgemeines weitergehendes Verständnis für ihre künstlerischen Werte zu finden. Im Gegensatz zur Dichtung, zur Musik und auch zur Malerei sind die Schöpfungen der Plastik nur in wenige Volksschichten, und auch bann meist nur in kunstgewerblichen Kopien, gebrungen. Selbst unter ben Liebhabern, in Sammlerkreisen, gibt es nur einen ganz geringen Bruchteil, der ber Bildhauerei den ihr zukommenden Platz oder gar eine bevorzugte Stellung einzuräumen gewillt wäre.
Der Grund für diese Tatsache liegt aber weder in irgendeiner künstlerischen Abneigung, noch lediglich im sozialen Unvermögen dieser Volkskreise: Er stammt aus dem Wesen der plastischen Kunst selbst, die in ihren arteigenen künstlerischen Voraussetzungen und entscheidenden Schöpfungen mehr als jede andere Kunstform jenseits aller privaten, individualistischen Neigungen im tiefsten Sinne Ausdruck eines Gemeinsamen fein will; sowohl in der Verwirklichung ihrer Ideen als auch der künstlerischen Auffassung nach, die ihre Werke verlangen.
Von der ausgesprochenen Bildnisplastik abgesehen, die naturgemäß strenge Modelltreue fordert und deshalb von jeher eigentlich privater Anregungen bedurfte, lebt die Bildhauerei in ihren großen Werken entscheidend von der Kraft des Gleichnisses, das dem Grundgefühl einer Gemeinschaft entspricht. Betrachten wir beispielsweise die Plastik eines Bauern, eines Arbeiters, eines geistig Schaffenden ober eines Soldaten, so wird es kaum jemandem einfatten, in diesen Köpfen ober Statuen, einzeln ober als plastische Gruppe, nach der Aehnlichkeit mit einem bestimmten Vorbild, dem „Modell", zu forschen; vielmehr werden wir bemüht fein, bas für die genannten Volksschichten in ihrem „So-sein", in ihren inneren Werten ruhende Charakteristische, ihr typisches Gesicht, ihre Haltung im Dasein der Gemeinschaft beim Anblick und Erlebnis des plastischen Kunstwerkes zu entdecken und uns zu eigen zu machen. Wir verbinden also mit dem plastischen Erlebnis meist nicht die Vorstellung vom flüchtigen Sinnenreiz des Privaten, sondern die Erkenntnis des großen Zusammenhanges, in den wir selbst mit den plastisch wahrgenommenen, typisch gesehenen Abbildern unserer Mitmenschen gestellt sind. So wird uns bas Einmalige ber plastisch roiebergegebenen, künstlerisch geformten Gestalt ober Geftaltengruppe zum Gleichnis ber Gemeinschaft, in beren sinnvolle Drbnung beispielsweise ber Bauer, ber Arbeiter ober Solbat gehören.
Es gibt Stimmen, bie gegen bie gleichnishafte Auffassung des plastischen Kunstwerkes reden; sie verkennen damit das Wesen dieser Kunstform — berechtigt ist ihr Standpunkt nur dann, wenn damit jene völlig verzerrte Auffassung gemeint ist, die in vergangenen Zeiten den künstlerischen Höhepunkt des Gleichnishaften in der vollständigen Abstraktion der dargestellten Stoffe und Gestalten erblickte. Der allgemeingültige Wert aller plastischen Kunst erweist sich erst in jenen Werken, deren symbolische Kraft mächtig genug ist, das Bewußtsein von einer größeren geistigen Ordnung, der diese Werke entstammen ober bie uns mit ben bargestellten Geschöpfen oerbinbet, in uns wachzurufen ober neu zu festigen.
Dergleichen wir daraufhin die Blütezeiten der Plastik mit dem jeweiligen, geschichtlichen Gesamtbilde, lo erkennen wir deutlich, wie der Aufschwung ber plastischen Kunst stets in innerem Zusammenhang steht mit dem Vorhandensein einer geschloffenen staatlichen ober religiösen Drbnung, eines ausgeprägten gemeinschaftlichen Grundgefühls, wobei es hier gleichgültig bleibt, ob bas letztere religiös ober politisch begründet war.
Hochplastische Zeiten in diesem Sinne waren das alte Aeaypten, das archaische und klassische Griechenland, das Mittelalter — für Deutsch-


