Nummer 33
Montag, den 27. April
Jahrgang 1936
neuem
der
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vom
dem Pulverdamps, die Fahnen werden ge- r *■ ' tun die Musikanten ihr
kamen ihn plötzlich Zweifel an, ob er doch den noch Dienen rönne, und bei Gott, er kann es hidjt, er bring teinen richtigen Ton heraus, und dabei schlagen schon die Glocken zu-
^^"sterbenskrank mit einemmal, sagt Christine und schaut dabei über fie mit einem Unsichtbaren. Das ege, und seither schläft es immerfort, schläft Gott nicht Hilst.
Das Jahr des Herrn
Roman von Karl Heinrich Waggerl
Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig.
8. Fortsetzung.
vertraut. *
Auch Christine kommt zu Agathe in den Laden, um ein Wachslicht ür das Marienbild zu kaufen. Ja, es steht nicht gut auf Eck, der kleine
GietzeimZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger__
Skt und dort rennt schon ein Mann in Uniform aus dem Haus, plötzlich hält er inne und greift sich an den Bauch und kehrt eilig wieder um, Dreiteulel seinen Gurt vergessen hat. Die bunten Blocke ' U? in Trünnrhen vor der Schenke, blau die Feuerwehr, grün ^Schützen mU rottn Schärpen und Büschen auf dem Hut. Auf und ab schreiten "bie Offiziere, kurzatmig m ihren enggeschnurten Mänteln und in einen heimlichen Kampf mit dem Sabel verwickelt, der sich ständig ÄÄ*,ta «->-» -°° ■>"
I„ d« L,» Fahnen entrollen sich und »erde»
bestaunt die schwerseidene Pracht des Tuches und die farbige
Flut der Festbänder aus glorreichen Tagen. Nur.ber,HornisthE einsam in einer Tenne, es l r-
Fuhmarsch noch blasen könne, und bei . M • f i • ___ er'- a ««rt n nnh
U.u w,iiBu«u v—, — ... -..... -M. Auf die Fülle kommt
es 'an, nicht auf ein paar lumpige Noten. Denn nach allem, was die Schrift agt, liebt der Herr eine starke Musik.
Nur der heilige Joseph lehnt vornüber aus seinem Gestell und schlummert schon wieder in der warmen Sonne, ach ja er war ja schon in jungen Jahren schwerhörig, wie es die meisten Zimmerleute sind. Und die Boten des Himmels hatten ihre Not mit ihm, sie mußten ihm alles im Traume sagen. Das Jahr über steht er im Kirchenschiff unter der Empore, aber er hat auch dort keinen besonderen Zulauf mehr, und sagt, daß er bisweilen die Anliegen verwechselt und einen Gesunden noch gesünder macht, statt ihm etwa in Geldnöten zu helfen. Pater Johannes meint, dieser Joseph sei ein Aergernis man müsse ihn m Draht und Leim von seinen Gebrechen heilen. Allem, was wäre Damit getan? Er ist gleichwohl ein ehrwürdiger Heiliger und hoch angesehen, wenn auch nicht so kräftig und verläßlich im Wirken wie der feurige Leonhard, der fanftmütige Franziskus oder die Mutter Gottes selbst. Ihr chenken viele beim Umgang Blumen oder Rosenkränze, und die am ärgsten bedrängt sind, schieben sogar ein Zettelchen m die Hand der hohen Frau damit sie ihres Kummers gedächte, wenn fte wieder in ihrer dunklen Nische steht, voll der Gnaden, mit aller Kümmernis des Lebens
$ Viel fcblimmer ist, daß Christine noch immer als Magd auf Eck dient, daß sie heute wieder hinter der Mädchenfahne gehen mußte. Der junge Bauer hat es plötzlich gar nicht mehr eilig mit dem Aufgebot fett einigen Wochen ist er wie verwandelt. Christine tag tfjm fruf) und spat in den Ohren, vielleicht war das ein Fehler. — Dem Kind, sagte sie, wir müssen doch endlich dem Kind einen ehrlichen Namen geben
Wir? fragte der Bauer zurück, hast du „mein Kind gesagt? Und bann nahm er seinen Hut vom Nagel und ging fort.
Nachts tarn er heim, er drückte die Kammertur auf, stand vor der Wiege und fing zu reden an. Sonst schwieg er tagelang, aber der Kausch ma(*Günen Namen,^sogte er und schob den Hut ins Genick, — aber welchen? Verdammt noch einmal, hast du dich vielleicht im K-alender verblättert. Bilde dir nichts ein, schrie er. Den Alten hast du — ben bist du losgeworden, will ich sagen, und jetzt möchtest du nur wohl deine eigene Brut in5fierr5mtin@ottja, genau so sagte er. Und weiß Christine, was man Hrh im Dorf erzählt? Die Dorfleute rechnen es an den Fingern her. Wo haft du deine Augen?, sagen sie; Mensch, bist du blind? Ich weiß nicht meint der Roßknecht, die Haare und die Augen sind mir ,a bekannt, aber du Nase? Das sind die Folgen, meint er, wenn das Oberbett in den Magd- tammern zu kurz ist. Kalte Füße, große Nasen, heißt die Regel.
Was sagte Christine dazu? . ... „
Nichts. Sie lag nur da und hörte den Mann schreien und druckte ihre Angst Hinunter, — es gab so vieles, was ihr Angst machte. Am anderen Tag war der Bauer wieder gleichmütig und schweigsam wie immer. Sie verbarg das Kind vor ihm, allmählich fing sie selbst an, es zu hassen, ja fo war es. Zuerst dachte sie, daß es gut fei, wenn em Kmdkame, aber es war wie verwunschen, alles schlug ihr zum Unglück aus. Christine ließ den Knaben in der Kammer liegen, der Bauer fragte nicht danach. Nur wenn er ihn schreien hörte, holte er ihn manchmal herunter und trug ihn eine Weile vor das Haus. Ganz schwarz ist das Haar nicht, sagte er, mit
3djÜ minder Zett? Christine brachte doch die heimliche Sorge nicht Herzen. Vielleicht hat sie einen allzu kecken Schritt gewagt, die Kluft war zu breit, und nun lag der Abgrund unter ihr. Noch fiel sie nicht oh. Christine wird allerlei abschütteln, und zuletzt wird sie sich hinuber-
^""Di?Mütter schieben ihre weißgekleideten Mädchen aus der Tür, ein lektls Mal wttd die Nase geschneuzt und das Haarband zurechtgezupft, und nun geh in Gottes Namen! Gib auf die Rinnsteine acht und sag den Buben es würden ihnen die Ohren ellenlang ausgezogen, wenn sie dir wieder mit ihren Kerzen den Schleier unseligen!
Trommeln schlagen ein, scharfe Kommandorufe schallen aus frieb- fertigen Bärten über ben Platz, langsam ordnet sich der festliche Zug. um den Herrn aus der Kirche zu holen. Zuerst taucht das Kreuz im dunklen Tor auf umraufcht von Orgelklängen und von hlmmlifchem Gesang Dann wiederum 'Fahnen, bekränzte Buben mit Schellen und Lichtern vor dem Bild der gnadenreichen Jungsrau. Seh, einen Augenblick hält sie inne und lächelt ins Licht, und ihre wächserne Hand hat sie noch immer segnend erhoben, die gütige Mutter des Herrn Hinter ibr kommt der heilige Joseph, von Zimmerleuten getragen, auch er in Sttbe? und Seide gewandet Joseph schaut zwar freundlich umher und Zckt mit dem Kops aber er ist doch schon °in wenig gebrechlich und schwach in seinem Alter. Wenn ihn die Zimmer eute niederstellen, sinkt KfW'WrttÄ’sw! -- folg? ber Charter Sängerinnen unb enblich, von Weihrauch urnhullt EäV:? »W’ä 5? S-r M
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Aus ber Brücke bleibt Pater Johannes abermals gen,
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hergetragen, nun aber stoßt er ihn kr'eger'sch^ge^ Y'mm^, frümmt es gut geht, wenn sich kem Fmger z Rohren, den Weibern
schossenes Papier aus d.. .
schwungen und zum Salut gesenkt, gleichzeitig Bestes und schmettern heraus, was der Atem h.
Agathe weg ins Leere, als spräche sie mit einem Unsichtbaren. Das Kind siel nachts aus ber Wiege, unb seither schlaft es immerfort, schlaft wohl einfach hinüber, wenn Gott nicht hilft.
David wickelt die Kerze in Papier, aber Christine geht noch nicht, sie wollte noch etwas besorgen, was war es benn nur? Ein Grabstem, ja. Wo hat Agathe bamals ben Stein gekauft, als ber Kramer starb, ^^^»raud^elriftine nun fo bringenb einen Grabstein, muß es unbebingt ein schwarzer sein? Wen will sie benn Zubecken, ben alten Adam, ber burch einen morschen Laben trat, ober schon ben jungen, i3Cr Dim a??n,^Agathe!'und wenn es sein muß, auch ben jungen. Das läßt


