lachten und klopften sich
hinunter. . . ,
Ach ja, es ist schwer, ein Gerechter zu sein, David weiß, wie schwierig das ist. Cs fällt ihn an wie ein Rausch, die Dinge blähen sich aus, schillern und spiegeln gleich Seifenblasen und wachsen ins Ungeheuerliche, während er sie nennt. Etwas löst sich in ihm, seine Seele löst sich aus der Armut und Dürftigkeit dieser Welt und redet in Zungen. Die Bögel des Feldes sind nicht mehr gewöhnliche Vögel, Ammern und Spaßen, sie haben seidige Farben und wallendes Gefieder, wenn sie vor Davids Augen in den Himmel aufsteigen. Der heilige Geist raschelt im Birnbaum und ruft ihm etwas zu, aus dem Zaunholz kriecht die Eidechse und hebt sich aus den Schwanz und fängt zu fingen an, süß und lieblich, während sie im Gras verschwindet. Wie ein Vögelchen, sagt David, und die alten Leute hören ernsthaft zu und nicken mit ihren kahlen Köpfen, jaja, das kann schon fein, wie ein Vögelchen. Daran ist kein Zweifel, daß es so seltsame Dinge auf Erden gibt. Nur die Magd will nicht daran glauben, David soll das Zaunholz stehen lassen, sagt sie, und sich um andere Dinge kümmern. Die Magd hat ihr Kammerfensker oberhalb.
Er ist genau wie seine Mutter, meinen die ehrwürdigen Schwestern und nicken vielsagend mit ihren weißen Flügelhauben. Aber das ist kein Trost für den Heinen David, er weiß nicht, wie feine Mutter fein mag. Etwas Leises, ein verschollenes Bild, ein Geruch. Einmal saß er im Kittel vor der Haustür, in einer früheren Zeit, da nahm ihn jemand vom Boden auf und trug ihn lange im kühlen Hausflur auf und ab. Das war vielleicht die Mutter, weich und duftend und naß von salzigen Tränen.
*
Um diese Zeit, kurz vor Ostern, rücken die Zimmerleute auf den Pfarrplatz, um das Kirchendach auszubessern. Das ist eine schwierige und gefährliche Arbeit. Sie werfen Seile über den hohen First, und da hängen sie nun zwischen Himmel und Erde auf schwingenden Balken, es ist offenkundig, daß der Herr die Zimmerleute liebt. Sie haben ja auch ihre eigene Fahne im Kirchenschiff stehen, darauf ist ihr Patron und Für- bitter gemalt, Joses, der im Himmel viel vermag. Ihnen ist es erlaubt,
sich, daß sie zu Studien- aber den kleinen David
nahmen. Aber was hals heute gibt es einige, die
®„Qa, S4,f, ,u Mb°äd,l< te sich ««laufen h-tt-n, |o fmg -- an
auf Ä Gemeindeweide! David hatte unterwegs zwei fremde Manner angetroffen bärtige Männer, am Ende der Dorsgasse waren es schon stchs samt ihrem Hauptmann, aber gleichviel ledensalls knieten sie da auf der «Salbe und gruben und warfen die Erde hinter r.,etJ^r
eine als er einen glänzenden Klumpen aus der Grube hob. Ha! schrie auch der andere, denn in diesem Augenblick hatte er David entdeck. Denkt euch das, keine Menschenseele weit und breit, und die beiden mit Mellern und Schaufeln hinter ihm her, und David natürlich Hals über Kopf durch Zäune und Grüben! Schaut ihn an, fo steht em Mensch aus, der um das Leben rennen mußte. ,
Indessen besannen sich etliche darauf, daß sie auch anderwar.s zwri fremde Leute gesehen hatten, der Briefträger der Brunnsuhre- >m Steinbruch, sie dachten nichts weiter dabei, aber bärtig waren die beiden Fremden, verdächtig in ihrem ganzen Benehmen. Das sagte auch der Schankwirt, warum wollten die Fremden durchaus das Hinterz>mrner haben sagte er, oder wenigstens Vorhänge an den Fenstern, wenn sie die Sonne nicht zu scheuen brauchten? Und so schoß der ftugensarne Davids immer üppiger ins Kraut, zuletzt nahm sich der Vorstand ein Herz und stellte die zwei Dunkelmänner zur Rede. Dies und jenes sei ruchbar geworden, und nun möchten sie in Gottes Namen Farbe bekennen, um des Friedens willen.
Ja, und das taten sie dann auch. Es zeigte zwecken reiften, Geologie war ihr Fach. Was uum betraf diesen Schafhüter, so mußte das ja ein verteufelter Bursche sein. Den behaltet im Auge, sagten die Herren und auf den Bauch vor lauter Vergnügen.
Schön, wenn sie es von der heiteren Seite bas gegen den Golddurst der Dorfleute! Noch , ..
der Sache nicht trauen und die jeden Stein in der Hand wagen, wenn sie ihre Kuh von der Weide holen.
Bisweilen befällt den kleinen David eine martervolle Angst vor sich selbst. Was ist das für ein dunkler Drang in ihm, ist es eine Krankheit? Wirklich, vielleicht straft ihn Gott auf biefe Art, vielleicht hat David etwas unausdenkbar Fluchwürdiges getan und weiß es nur nicht. Gewiß hot ihn Gott dafür längst in Zeit und Ewigkeit verstoßen und verdammt. Darum ist David immerfort mit Gelöbnissen und weitläufigen Buß- übungen beschäftigt. Einen ganzen Tag lang geht er seufzend und m sich gekrümmt seiner Wege, weil er dem heiligen Josef versprochen hat, die Schuhe vertauscht zu tragen. Oder er läuft zur Beichte und bekennt in einem Atem sieben Morde und zwanzig Sünden der Unzucht, so daß der Pfarrer entfetzt den Kopf aus dem Beichtstuhl streckt, um nachzusehen, ob es wirklich David ist, der solcher Laster fähig sein will. Ein anderes Mal rollt er stundenlang ein Kerzenende vorn Altar der Mutteraottes im Munde umher, zur Uebung des Schweigens und um seine Zunge zu strafen. Und erst, wenn die Küchenschwester Käsenocken auf den Tisch stellt, widersteht er nicht mehr und kaut auch die Kerze entschlossen
klaffende Löcher in das geheiligte Dach der Kirche zu reißen, und was mehr ist, sie haben sogar ein Faß Bier aus der..Empore angeschlagen, dort stehen sie barhäuptig zur Jausenzeit und loschen tforen ehrbaren Durst den das Handwerk mit sich dringt David kr.echt durch den Der. räuberten Wald des Gestühls, unübersehbar und unheimlich ist das Dickicht der mannstarken Säulen und Streben, das Astwerk der schmiedeeisernen Schleudern und der Rasen, an denen lange Spmnwebdarte hängen und Fledermäuse wie schwarze vertrocknete Fruchte. Und doch hebt9 das alles mit guter Ordnung über dem mächtigen Rucken des Gewölbes, fest gefügt und für ewige Dauer. Der weiche Staub liegt knöcheltief auf dem Mauerwerk, David legt sich bäuchlings hmem und schaut durch das Geistloch in die Tiefe, fo sieht es Gott an, wenn er über den Altären ruht.
David erkennt auch, wie es sich mit der heiligen Taube verhaltbte auf rätselhafte Weife über den Gläubigen schwebt und sich langsam dreht und mahnend umherblickt. Sie hangt an einer dünnen Saite unter bem Loch bas ist ihr Geheimnis. Aber in dieser fynfufjt l)at fic David dwn immer verdächtigt. Tiefer unten glimmt im roten Glas das ewige Licht, von dem die Schwestern sagen, daß die Engel es mit Oel speisten, wenn der Mensch in seiner Schwäche einmal versagte. Nun, einmal liefe e5 David wirklich darauf ankommen. Allem, als der Pfarrer bei der Messe sich zur Gemeinde wandte, um bas Credo anzustimmen, da erlosch das ewige Licht plötzlich mit Geknatter und Gestank. Und David wird den säumigen Engel dereinst zur Rechenschaft ziehen wegen der Maulschelle, die er empfing, als er sich vertrauensvoll auf seinen Diensteiser "^Er^mustert nachdenklich die verstaubten Rücken der heiligen an der Wand Von unten betrachtet stehen sie mit beschwingten Gebärden und mit unirdischer Leichtigkeit aus ihren Postamenten, und nunzeigt es sich daß sie hinterwärts an eisernen Haken hangen Das alles ist neu und ein wenig nüchtern, aber doch auch wieder seltsam und geheimnisvoll Die Kanzel ist nur ein gewölbtes Fafe, nicht großer als em Waschzuber, und mit Blech ausgeschlagen. Kein Wunder daß es so schauerlich dröhnt, wenn der Pfarrer den Teufel in bte Holle stampfß Und nur Gott Vater thront wie immer hoch über den Säulen des Altares, er allein ist ohne Trug und Falsch. Golden fließt fein Mantel über das Gewölk, Engel umspielen ihn, er hat ein mildes -laicht und himmelblaue Augen David denkt mit beklommener Scheu, daß sich diese Augen sogleich auf ihn richten würden, wenn er jetzt etwa niesen mußte. Aber )er himmlische Baier sähe gewiß auch das gnädig an und verziehe
65 &tft Beichtzeit. Der Pfarrer setzt sich in den Stuhl, er lehnt sein Ohr an das Gitter und wartet. Nach und nach füllen sich die Banke, Frauen kommen herein, Mägde aus den Gärten, noch rot und erhitzt. Sie schütteln unter der Tür die Röcke zurecht, bekreuzen sich mü Weih- wasser und schlingen sogleich den Rosenkranz um ihre rotgescheuerten Finger. Auch Agnes kniet in der vordersten Reihe, Gott mag wissen, was das Kind zu bekennen und zu büßen hat.
Agnes benimmt sich über alle Begriffe sittsam und fromm, das kann gar nicht anders sein, sie ist die Nichte des Pfarrers. Darum hat Agnes auch ein Gebetbuch vor sich auf dem Pult liegen, m jeder Hinsicht 'st sie eine Ausnahme unter den Sterblichen. Die anderen Weiber muffen selbst (eben wie sie es fertig bringen, alle Laster aus den finsteren Winkeln ihrer Seele zu stöbern. Aber für Agnes wurden die Tafeln des Gesetzes gedruckt überliefert, du foUft nicht töten und nicht ehebrechen
Jetzt ist sie an der Reihe und schwebt aus der Bank. Bloß die Zeit eines Ave braucht der Pfarrer, um ihre Seele reinzuwafchen, er staubt sie gleichsam nur ab und entläßt sie wieder.
Cs wäre wunderbar, denkt David, eine großartige Gelegenheit, letzt ein majestätisches Wort durch das Loch zu rufen während Agnes vor dem Speisgitter kniet, — fürchte dich nicht, ober fonft etwas Biblifches, fei getrost, dir ist vergeben! , . , .
Plötzlich fällt ihm ein, daß er ja noch das Haarband in der Tasche trägt. Bisher fand sich noch keine Gelegenheit, das Band hat auch mittlerweile zwischen Brotrinden und Nietnägeln schon viel von feinem Glanz verloren, aber vielleicht wäre Agnes jetzt besonders fugfam und sanft. ,, , . . .
Ach ja, es wird ihm nicht leicht gemacht, — Agnes, das bedeutet Lämmlein, sagt der Lehrer, aber ein Lämmchen ist sie nicht, sie hat eher die Gemütsart einer Katze, so sauber und glatt und unberechenbar in ihren Launen. Im vergangenen Sommer kam Agnes aus der Stadt, ein kränkliches Wesen, die Bergluft sollte ihr frische Wangen machen. Sie ist nicht viel älter als David, klein und schwach und nicht einmal besonders hübsch, nein, gar nicht. Anfangs versuchte David auf die gewöhnliche Art, sich anzufreunden, er warf ihr Pferdeapfel nach und schnitt Gesichter, wenn sie vor der Klasse stand, um das Lied vom braven Mann herzusagen. Allein Agnes schritt unberührt durch Feuer und Wa ser, nichts 'focht sie an in ihrem gestärkten Kleidchen. Manchmal ist sie auch zutraulich und bittet ihn, er möchte ihr doch einen neuen Quirl schnitzen, es gibt so hübsche aus einem geschälten Tannenwipsel. Gut, David setzt Kops und Kragen daran und macht einen Quirl, mit dem jebe Prinzessin Eier rühren könnte. Allein nun will Agnes plötzlich nichts mehr davon wissen. Nein, nie im Leben nähme sie so ein schmutziges Ding in die Hand!
Es ist ja wahr, David hält nicht viel auf äußeres Ansehen, aber was macht das aus? Seine Hosen und Röcke haben immer schon ihre beste Zeit hinter sick, wenn er sie übernimmt, und was noch dazukommt an Lappen und Flicken, das macht seinen Anzug nur bunter, aber nicht besser. Agnes sollte doch mehr auf das Innere sehen, sein Herz ist fest und verläßlich und unwandelbar treu.
Willst du? fagt David vor der Kirchtür und streckt Agnes einen roten Knäuel in der Fault entgegen.
Agnes sieht nicht einmal hin, schon das wäre sündhaft. Sie schiebt ihre Unterlippe vor, diese Sippe ist ohnehin ein wenig zu dick, aber nun schwillt sie geradezu auf von Verachtung und Abscheu.
(Fortsetzung folgt.)


