Ausgabe 
27.3.1936
 
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Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1956 Freitag, den 21. März __________________________Nummer 25

Das Jahr des Herrn

Roman von Karl Heinrich Waggerl

Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig.

1. Fortsetzung.

Neben ihm, unter einem schwarzen Stein, ruht der Krämer, der ein starker und schwerer Mann war, noch von der alten Art. Vier Kreuze stehen um sein Grab, fünf Frauen hatte er und brachte sie der Reihe nach unter die Erde, aber Agathe nicht mehr. Sie war jung, als er sie nahm. Die ersten Jahre wartete der Krämer geduldig und hielt sie nur knapp. Allein Agathe gedieh dabei, sie machte keinerlei Anstalten, mager und schwermütig zu werden. Darum verlegte sich der Krämer auf das Saufen und prügelte die Frau. Agathe schrie nicht und heulte sich nicht in ihrer Kammer zu Tode, wie es die anderen getan hatten. Nein, sie schlug zurück, und es stellte sich heraus, daß es nicht darauf ankam, stark und schwer zu sein, Agathe war schlau und flink. Sie bekam ein Kind, das trug sie aus, es lebte nur ein Jahr. Ein zweites, das starb bei der Geburt.

Nun verdroß den Krämer die Sache, er nahm alles Geld aus dem Ladenttsch und ging auf die Wanderschaft. Aber auch das schlug fehl, Agathe verhungerte nicht, sie sagte es jedem, wie froh sie sei, den un­nützen Fresser aus dem Haus zu haben. Sie hatte keine Scham im Leibe, nach sieben Jahren zeigte sich noch immer nichts Sterbliches an ihr. Der Krämer legte sich zuletzt selbst ins Bett, um den Tod anzu­locken, er lag allein und schrie Mord und Gift, die Wut fraß ihn aus, und daran starb er schließlich auch, fiel zusammen wie ein leerer Sack und entschlief. Agathe kaufte den schwarzen Stein und deckte den Krämer damit zu.

Bisweilen setzt sich der Totengräber auf diesen Stein, um den Mann in der Grube zu trösten. Sie kommt! sagt er. Sie ist die nächste in diesem Frühjahr, die Schwindsucht bringt sie um. Aber Agathe hat gar nicht die Schwindsucht, sie ist noch unverzagt und munter und nur ein bißchen rauh in der Kehle, weil ihr Fenster immer offen steht, im Winter wie im Sommer. Nein, der nächste im Friedhof ist ein Tischlergesell, dann ein Sennhüter, den die Schafe zertteten haben, als er mit dem Salz in der Tasche einschlief. Es stirbt ein Kind an den Fraisen, es stirbt eine junge Magd, die kriecht irgendwo ins Heu und verblutet.

Und dann geschieht es, daß gerade diese Magd keine Ruhe unter

ihrem Hügel findet. Im Leben duldete sie alles und schwieg, aber jetzt

dringt ihre Stimme laut aus der Grube. Sie bringt weithin durch das

ganze Dorf und in alle Stuben, nur der Roßknecht hört sie nicht, der

ist taub gegen die klagende Stimme der Magd.

Eines Morgens kommen fremde Leute auf den Friedhof, der Toten­gräber muß den Sarg wieder aus der Erde winden und die Schrauben am Deckel lösen. Es stinkt schon zum Himmel, meint einer von den Herren, das könne man wahrhaftig sagen. Und noch am gleichen Tage verhaftet der Wachtmeister den Rotzknecht, holt ihn aus der Schenke und führt ihn weg.

Die Toten sind mächttg. Sie gehen ja nicht gerade auf der Stratze umher und zeigen auf den oder jenen, aber sie haben ihre Leidenschaften zurückgelaflen, ihren Haß, ihre Schuld, das alles wuchert noch im Fleisch der Lebendigen. Es laufen Fäden von den Gräbern her Über das ganze Dorf, unsichtbar gesponnen, unlösbar geknüpft, dein Leben lang ent­rinnst du der Verstrickung nicht, es zieht und zerrt dich näher und näher Der Totengräber sieht die Dorfleute am Sonntag vor dem Kirchtor stehen, da haben sie ihren Handel und ihr weitläufiges Wesen unterein­ander, aber das alles täuscht ihn nicht mehr, ihr Gelächter und ihr Ueber- mut. Cs sind nur Masken, dahinter liegt bei allen dasselbe Gesicht, eine beinerne Stirn, ein versiegelter Mund.

Hier auf dem Friedhof ist für jeden ein Platz aufgespart. Es mag einer ein tüchtiger Bursche sein und große Pläne haben, jetzt ist er vielleicht nur ein Holzknecht, aber er wird auf einen Hof heiraten und gut wirtschaften, das denkt er sich so. Ein Lehen wird er dazu kaufen, und eigenen Wald, noch mehr Ackerland, noch eine Futterwiese. Ja, daran denkt er nicht, daß ihm endlich nur ein winziger Fleck Erde unter seinem Kreuz bleiben wird. Hof und Lehen sind ihm weniger gewiß als dieser letzte Ackerfleck, in dem er selbst wie ein Saatkorn liegt.

Es macht ihm auch keine Sorge, daß fein Blut so heftig ist, so leicht entflammt, warum sollte er sich darüber Gedanken machen? Es ist ja fein eigenes Blut, er hat kein Erbe übernommen, und kein Stein steht auf dem Friedhof, von dem man seinen Vatersnamen lesen könnte. Frei und ledig ist er, ganz allein in der Welt mit seinem frischen Mut.

Und trotzdem, unversehens rückt einmal der Faden, im Wirtshaus oder auf dem Tanzboden. Er reißt ihm die Hand aus der Tasche, und das geschieht zur Unzeit, denn der Bursche hat das Messer in der Faust.

Gut sowett, ein Raufhandel, Blutgericht und Gefängnis. Wer aber hellsichtig wäre und den Dingen auf den Grund ginge, der sähe den heimlichen Faden zwischen der Zelle des Totschlägers und einem be­stimmten Grabhügel auf dem Friedhof ausgespannt. Der Manu, der unter diesem Hügel liegt, ist schon lange tot, er war selbst nur ein Tag­löhner, jedenfalls hatte er nichts mit dem erstochenen Bauern zu tun. Ober hoch, vielleicht kannten sich bis beiben in ber Jugend, damals blieb etwas unausgetragen zwischen ihnen. Der Taglöhner vermochte ja nichts gegen seinen Feind, und schließlich starb er, ein Raufer und Schreihals. Nur fein alter Haß blieb zurück und wuchs unter irgendeinem Dach auf, bei Lebzeiten wußte er selbst nichts davon. Aber als er tot war, erkannte er fein Fleisch und Blut. Er lag und spann seinen Fähen, und als die rechte Stunde kam, zog er daran. Da stieß das Mester zu und traf.

Ja, dergleichen geschieht im Verborgenen, im Jenseitigen, so sagen wir: Allein, es ist auch nicht alles mit Händen zu greifen, was uns im Diesseitigen widerfährt, uns schwachsichtigen und schwerhörigen Men­schen. Die Dorfleute tun, was Brauch ist, sie misten, daß man den Namen des Toten drei Wochen lang nicht in Unehren nennen darf, denn während dieser Zeit lebt feine Seele noch im Hause. Und sie lasten auch ein paar Aehren für die Abgeschiedenen auf dem Feld zurück, ein wenig von jeder Frucht. Aber im Grunde glauben sie nicht mehr daran, sie sind längst dahinter gekommen, daß den Kauz nur die Neugier an bas Fenster treibt, und den Totenwurm bringen sie mit einem Tropfen Oel zum Schweigen. Cs ist Blendwerk des Teufels, sagt der Pfarrer, man soll nicht wie ein Heide reden, sondern der armen Seele unablässig mit Gebeten beistehen, damit sich der Herr ihrer erbarmt.

Jaja. Aber war das auch nur Blendwerk, als der Totengräber drei­mal frisches Weihwasser auf das Grab der schwangeren Magd stellte, und hreimal war das Wasser am Morgen blutigrot? Der Lehrer meinte, das käme von einer Art Algen. Vielleicht saßen solcke Algen in der Tonwand des Gefäßes, so erklärte er sich die Sache. Unh bann erschienen eben boch die Gerichtsherren auf dem Friedhof, und der Roßknecht büßte fünf Jahre im Gefängnis ...

Davih steht in der Grube und schaufelt die Erde heraus, schwarze lockere Erde, bann unb wann auch ein weißes Knöchelchen; her Toten- Sräber lieft es auf unb legt es zu ben anberen in bie Truhe. Dann hachten hie beiben bas Grab mit Brettern aus unb legen die Seile zurecht, ben kupfernen Wasserkessel unb bie kleine Schaufel, mit ber die Leidtragenden ihre Handvoll Erde auf den Sarg streuen.

Der Abendstern tritt aus der silbernen Tiefe hes Himmels, David steigt in den Turm, um die Aveglocke zu läuten. Ihr klarer Klang schwingt weit hinaus über das friedliche Land, unten sitzt der Toten­gräber auf der Mauer, ein einzelner Mensch, so verloren und allein. Er hat seinen Hut auf die Knie gelegt und die Hände darüber gefaltet, heilige Maria, sagt er wohl, Mutter Gottes. Drüben geht der Pfarrer in Hemdärmeln über den Acker, auch er bleibt stehen und neigt den grauen Kopf unb schlägt an bie Brust, wenn Davib innehält.

Stille sinkt vom Himmel, Haus unb Baum zerschmilzt unb löst sich in ber warmen Dunkelheit. Unb oben blühen die Sterne auf, selig der Welt entrückt.

*

David ist jedermanns Gehilfe, dafür hat er seinen Schlafplatz im Dachboden des Armenhauses, und sein Essen, wo er gerade zurecht- kommi. Es gibt Milchsuppe bei den Dorfleuten, Mus und Dörrbirnen auf ben Höfen, zuweilen auch etwas Gebackenes, wenn man eine gute Nase hat unb geroiffe Tage im Kopf behält, bie Namenstage vor allem. Gott hat es so eingerichtet, baß bie besten Dinge auch am stärksten duften, die Glanzstücke feiner Schöpfung, Strauben unb Krapfen, von benen er selbst sagte, daß sie gut seien.

Und trotzdem ist Davih immer hungrig, ach ja, noch nie in seinem Leben ist ihm etwas Genießbares begegnet, das größer war als fein Hunger. So viel und vielerlei er auch hinunterfchlingt, er bleibt dennoch erbarmungswürdig mager, das wandelnde Leiden Christi, behaupten die ehrwürhigen Schwestern im Armenhaus. Eine buntscheckige Vogelscheuche, sagt der Lehrer, mit einem gelben Strohwisch obenauf. Darum kamen Ja auch die beiden Schwestern einmal auf den Gedanken, David müsse, wenn nicht den Teufel, so doch den Bandwurm im Leibe haben. Sie sperrten ihn zwei Tage lang in die Geschirrkammer und gaben ihm Rübsamen zu essen, damit sich das Verhängnis lösen möchte. Aber auch das schlug fehl, David würgte den Rübsamen geduldig hinunter und gab dennoch nichts Außergewöhnliches von sich.

Nein, er wächst nur zu schnell und über alles Matz. Sein Darm ist zu kurz, so erklärte es ber Pfarrer, als er Davib aus bem Gefängnis rettete. Seine Eingeweibe sinb nicht wie bei anderen Leuten ordentlich