trifft Und wieder glüht die Lunte, und wieder brüllt der Knall in das ewige Schweigen, poltert und kracht, entfernt sich, kommt näher und erstirbt in einem dutzendfachen Echo in der Ferne.
Auf der anderen Seite der Aiguille haben Emil Rey und Proment die Augen auf den Riesenobelisken gerichtet, der fast lotrecht und schrecklich glatte Wände herunterjagt. Rey liebt die kühne Radel, letztes Heber« bleibsel vorgeschichtlicher abschleifender Gletscherarbeit, die letzte Säule eines zusammengebrochenen Bergaufbaues, der von den Kühnsten be- rannt, immer noch unbesiegt blieb Ahnt er etwas? Er kennt die Radel, er hat sie schon bestürmt und er muhte wieder unverrichteterweise, Steinschläge hinterdrein, von ihr weichen. Ahnt er etwas? Ahnt er, dah sie ihn, viele Jahre später, von sich schleudert und ihn zerschmettert? Heute wartet er nur auf die Rakete, die ist einmal etwas anderes als Steigeisen und Pickel, vielleicht läßt sich ein Berg auch auf diese Weise erobern, obwohl es nach seiner Ansicht keine edle Art ist. Auch Proment hat keine gute Meinung von dieser Bergeroberung und außerdem glaubt er an den dreizehnten. Proment hat es im Gefühl, dah der dreizehnte ein dreizehnter ist, der nichts Gutes und Gerades beschert. Reys scharfer Vogelblick hängt an der Scharte. Die Aiguille ist seine große Sehnsucht und an einer großen Sehnsucht ist schon mancher Mann zugrunde gegangen, ob das nun das Meer, ein tropisches Land, eine Frau oder eine unerreichbare Bergspitze ist. Vielleicht hört er im Innern eine Stimme: Rey, hüte dich vor der Aiguille, Rey, nimm dich in Acht, aber für Einflüsterungen ist jetzt keine Zeit, denn gerade über der Scharte erscheint, während noch der Schuß als Echo in den Wänden herumläuft, die Rakete mit der Seilschlange. Sie hat gute Richtung und diesmal wird sich das Seil in die Scharte legen und an der Nordseite herunterfallen. Sie spucken sich in die Hände, um es fest zu fassen, aber als sich das Seil gerade auf die Gipfellücke legen will, bäumt es sich widerwillig und in mächtigem Bogen auf, wirst den langen Hals zurück und verschwindet wieder aus der Scharte und dem Blick von Rey und Proment.
Der Tag war nicht umsonst ein dreizehnter. Das Seil war weit hinter dem Apparat niedergestürzt und brachte Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit in die Männer. Der Gipfelwind, an den man weder gedacht hatte noch mit dem man gerechnet, hatte mit einem ungeheueren Stoß das Seil von feinem Ziele abgewehrt. Nun lag es wieder im Firn und mußte zusammengerollt werden, während von hochoben her, vom stolzen Gipfel der Aiguille lautes Heulen und Pfeifen johlten Der Wind fang seinen Sieg, und die Aiguille stand ferner und unerreichbarer denn je vor menschlicher Sehnsucht. Die Rakete mit dem Seil erschien nicht mehr über der Scharte, obwohl noch fünf Schüsse abgefeuert wurden, zwei platzten vorzeitig und brachten das Seil überhaupt nicht zur Entwicklung, die anderen verfehlten bei dem stärker werdenden Wind die Richtung: die Eroberung war gescheitert. Die Kolonne stieg wieder nach Courmajeur ab. Ewigkeitsruhe lag weiterhin um die wunderbare und jungfräuliche Spitze, bis der Sommer des Jahres zweiundachtzig anbrach. Unter dramatischen Ereignissen bestieg sie der kühne Maquinaz, es war die nördliche Gipfelspitze und ihn begleiteten die italienischen Brüder Sella. Kurz darauf bezwang der Engländer Graham, begleitet von Payot und Cupelin, die südliche.
Menschliche Hand und menschlicher Fuß hatten das Unglaubliche vollbracht.
Tanz und Tod bei den Kopfjägern.
Ein Reisebericht über Riederländifch-Reuguinea.
Von Hans Nevermann.
Im Auftrage des Berliner Museums für Völkerkunde hat der Verfasser 1933 und 1934 eine Forschungs- und Sammelreise in die Südsee, vor allem nach Niederländisch-Neuguinea, unternommen, über die er in dem in der Union Deutschen Verlagsgesellschaft Stuttgart - Berlin - Leipzig erscheinenden Buch „Bei Sumpfmenschen und Kopfjägern" berichtet. Der Darstellung Nevermanns über seine Erlebnisse im äußersten Zipfel van Frederik-Hendrik-Eiland, das bisher noch kaum von der europäischen Zivilisation berührt ist, entnehmen wir den folgenden Abschnitt.
In Kladerdam ist heute trotz der Moskitos alles Volk vor den Häusern. Was die Ankunft der Europäer nicht vermocht hatte, wird heute durch die Aussicht auf Tanz erzielt. Kaum ist es dunkel, als die Holzfeuer neben dem Tanzplatz beim Haufe Muirambu aufflammen und die Trommeln gestimmt werden. Auch hier wird zuerst der Ngati gesungen, den man aus Komolöm gelernt hat, bann aber der einheimische Watschib. Die Männer wippen die ersten Takte nur mit den Knien und die Mädchen, die ihnen gegenüber in einer Reihe stehen, springen dazu gerade auf der Stelle hoch und wiederholen das mit schneller Geschicklichkeit. Dann wird zum Klang der Trommeln und zum Gesang auf und ab marschiert, so daß einmal die Männer und einmal die Mädchen voraufgehen. Nie aber blicken sich die beiden Gruppen dabei an. Der Zwischenraum zwischen den Jünglingen und Mädchen verringert sich allerdings mit der Zeit immer mehr. Zwei Mädchen legen beim Tanzen einander die Hände auf das Kreuz und wechseln bann beim Umkehren. Währenb sie heute morgen noch kurze Haare trugen, haben sie nun eine Netzkappe aufgesetzt, an ber Bastzöpfchen hängen, damit sie beim Springen die Haarverlängerungen ebenso fliegen lassen können wie diejenigen, die sie stets an ihre echten Haare
es auch einen Watschib, dessen Text aus Kawe und besten Melodie aus Wangambi stammt.
Mit viel Begeisterung wird ein neuer Watschib von Murwa ange- timmt, der ein Spottlieb auf ben Mann Tschamu ist. Tschamu hat nämlich die Tochter seines verstorbenen Bruders adoptiert und groß- gezogen und beging bann bie auf Freberik-Henbrik-Eilanb unerhörte Schamlosigkeit, bas Mäbchen zu heiraten. Von seinen Dorfgenossen würbe ofort ein Spottlieb auf ihn gebichtet, bas nun auf ber ganzen Insel bis nach Tschuam hin bekannt ist, unb Tschamu, ber selbstherrlich bie alten Sitten verleugnen wollte, ist nun schwerer burch bie allgemeine Verachtung gestraft, als es jemals burch einen Urteilsspruch möglich gewesen wäre. Um Tschamus Vergehen in feiner ganzen Schwere zu erfassen, muß man bebenfen, baß überall in Südguinea und auf Frederik- Hendrik-Eiland die Adoption eine gewaltige Rolle spielt. Es ist schon bei ben Marinb-anim fast unmöglich, von einem Menschen zuverlässig genau u erfahren, ob die Leute, die man im Dorf als seine Eltern bezeichnet, eine wirklichen ober seine Pflegeeltern sind, beim man wahrt das Geheimnis unverbrüchlich und läßt bie Kinber nie die Wahrheit erfahren. Höchstens kann adoptierten Kindern auffallen, daß sich die von ihnen nicht erkannte wirkliche Mutter unb ber Vater mehr um ihr Wohlergehen kümmern als es beliebige Dorfgenossen wohl tun würben. Wirklich schwierig wirb bie Klärung ber Verwanbtschastsverhältnisse aber erst bann, wenn bie Kinber zu Erwachsenen geworden sind und heiraten wollen. Sie nehmen bann meistens an, baß sie zur Grohfamilie ihrer Pflegeeltern gehören, und nun müssen die Alten im Dorfe aufpassen, daß sie nicht jemand aus der ihnen zur Heirat verbotenen Großfamilie ihrer Eltern suchen und damit eine der schwersten Sünden begehen, die die Eingeborenen kennen. In Kladerdam selbst sind der Hungersnot wegen keine Kinder adoptiert worden, wohl aber haben die Leute von Mombum, bei denen das Aboptionssystem besonders verbreitet ist, Kinder aus Jnungaliam und Kladerdam angenommen, unb so bekennt sich z. B. ber Kladerdam-Mann Siwer, unter vier Augen befragt, bazu, sein Kind dem Mombum-Mann Nangifib und dessen Frau Baswa anvertraut zu haben.
Ein Mann von Tordam stimmt einen Watschib an, der in seinem Dorf entstanden ist, und begeistert fallen die Kladerdamer ein:
„Ihr merkt noch nichts, aber wir zahlen es euch noch heim,
Wir zahlen es euch noch heim, und darum schreit nicht so stolz!" Es ist ein Kriegslied von Tordam, das sich gegen die Leute von San» binam richtet, und hat eine bewegte Vorgeschichte. Vor Jahren zogen nämlich bie Leute von Kariram, ßember, Kawe, Wetau, Murwa und Tjibendar aus, um sich Schädel zu holen und baten die Leute von Tordam, ihnen den Weg nach Jnungalnam zu zeigen. Tordam nahm bie Einlabung zur Kopfjagd an und brachte die Kariram-Leute im Morgengrauen nach Jnungalnam, das meuchlings überfallen wurde. Die Kariram-Leute mit ihren Verbündeten erbeuteten dabei viele Schädel und waren so von dem vergossenen Blute berauscht, daß einer von ihnen, ber auf seine Stärke besonders stolz war, zwei kleinen Mäbchen aus Jnungalnam besaht, sich hintereinanber aufzustellen, unb beide, zugleich mit einem einzigen Pfeilschuß tötete. Was aus Jnungalnam fliehen konnte, rettete sich nach bem benachbarten unb befreunbeten Kandinam. Hier griffen bie Männer sofort zu ben Waffen unb zogen mit ben Geschlagenen den Siegern nach, die nun von ihnen auf bem Rückmarsch überfallen wurden. Dabei fiel nur ein Mann von Kandinam, aber viele von ben Kopfjägern aus Kariram. Zur Rache verzehrten bie Krieger von Kanbinam einen Kariram-Mann, unb bie Leute von Jnungalnam nahmen seinen Schöbet mit in ihr verwüstetes Dors. Danach blieb alles etwa ein Jahr lang ruhig, aber in Jnungalnam unb Kanbinam begann man immer mehr, ben Tordamern zu grollen, weit sie ja erst den Feind ins Land gebracht hatten und an allem schuld waren. Eines Tages erschien nun aber der japanische Abenteurer G. Wada auf einem Segelboot mit den timoresischen Matrosen Seleiman, Karel, Tino unb Paulus unvermutet vor Kandinam und forderte selbstherrlich Kopra ein. Er erhielt zur Antwort, hier sei nichts vorhanden, weil die schlechten Leute von Tordam sich schon der Kopra von Kandinam bemächtigt hätten, er könne aber so viel haben, wie er nur wolle, wenn er mit seinen Gewehren zusammen mit den Kandinam-Kriegern gegen Tordam vorgehen wolle. Der Japaner ging darauf ein unb begleitete bie Krieger von Kanbinam gegen Tordam. Der Ueberfall glückte nicht so recht, aber immerhin gelang es einem Kanbinamer, einem überraschten Mann von Tordam sein Pfeil- bünbel in den Leid zu stoßen, und die übrigen Krieger fingen zwei kleine Mädchen, die sie mit nach Hause nehmen und adoptieren wollten. Eins von ihnen lebt heute noch in Kandinam, während das andere nach Jnungalnam weitergegeben wurde unb dort bald nachher starb. Nun fühlten sich die Tordamer verpflichtet, diese Schande wieder gutzumachen, warteten aber, bis der gewissenlose Japaner aus Nimmerwiedersehen verschwunden war. Dann' begannen sie sich zu rüsten, unb einer von ihnen ersann das neue Lied:
„Ihr merkt noch nichts, aber wir zahlen es euch noch heim,
Wir zahlen es euch noch heim, unb barum schreit nicht so stolz!" Und als eines Morgens zwei Männer von Kanbinam nichtsahnenb am Ufer bes Charkarflusfes zwischen Kandinam unb Tordam entlanggingen und Zuckerrohr tauten, wurde es hinter alten Kokuspalmblättern lebendig, unb fast gleichzeitig fuhren beiben Pfeile der Torbam-Krieger in ben Leib. Einer war sofort tot, aber die Tordamer konnten seinen Kopf nicht mitnehmen, weil sie kein Messer hatten, unb der andere schleppte sich noch bis zum Dorf. Kandinam wagte nicht mehr Rache zu nehmen, und Tordam hatte durch diese „Heldentat" seine Ehre wiedergewonnen. Seitdem ist alles ruhig geblieben, und wenn auch die beiden Dörfer nichts miteinander zu tun haben wollen, regen sich die Leute von Kandinam doch nicht mehr über den Watschib-Text auf unb fingen ihn bisweilen sogar selbst zum Tanze. Für Torbam aber gilt er als bas Lied, bas seinen Ruhm verkünbet, und die Begeisterung der Tänzer ist auch heute abend wieder grenzenlos.
angeknotet tragen.
Die älteren Leute, denen die gute Sitte das Tanzen verwehrt, sehen mit uns zu. Selbst bie Zuschauer [mb in zwei Gruppen getrennt, benn nur bie Männer setzen sich zu uns, unb die Frauen hocken jenseits der Tänzer und Tänzerinnen. Von ben älteren Männern wird mir bei jedem Watschib gewissenhaft bie Herkunft angegeben. Viele stammen aus dem Kariram-Gebiet von Wetau, Kawe, Pember unb Kariram selbst, anbere aus Bamuro unb Wangambi unb einer sogar von Tschuam. Einmal gibt
Derantwortlich: l)r. HanS Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sch e UniversitätS-Buch- und Lteindr uckerei. B. Lange, Gieße»


