Siehener ZanMenblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <936 Montag, den 27. Januar Nummer 8

MW.1SMe.rSMm!

Von Otto Folberth.

Copyright 1935 by Romanvertrieb Langen/Müller, München.

1. Fortsetzung.

Als es graut, ist man an Ort und Stelle. In einem Waldtal, dicht hinter den Gräben. Gerö hat zweifellos die Absicht, mit seinem Geschütz­feuer den fliehenden Feind bis tief in seine Etappe hinein zu verfolgen.

Eigentümlich berührt Möß die völlige Unversehrtheit des schmucken Tälchens, die Leere der Natur, der tauige Morgenfriede. Harmloser kann die Sonne über keinem Bergrücken Siebenbürgens jetzt aufgehen als über der grünen Waldwelle, in der Gerö vor Augenblicken mit den Telephonisten verschwunden ist. Gerade diese Stille, gerade diese schein­bare Harmlosigkeit der Stunde aber wirkt auf die Dauer beklemmend.

Wie ist es möglich, grübelt er, daß die Blumen dieser Wiese ihr Leuch­ten noch nicht verlieren, da sie in einigen Minuten Zeugen eines Tuns sein werden, das alle Kreatur erschüttern muß? Wie ist es möglich, daß mich die Grasbüschel, auf denen ich liege, noch weich betten, da ich mich zum Werkzeug grenzenloser Vernichtung erniedrigt habe? Wie können die Ameisen eine Spanne vor meiner Nase ihren gewohnten Verrichtungen nachgehen, da mein bebender Atem den bevorstehenden Aufruhr rings um sie schon verriet?

Schließlich ging es ein erstes Mal los.

Und jetzt erst merkte Möß, wohin Gerö ihn mit dem Fähnlein gestellt hatte. Im Handumdrehen dröhnte es im kleinen Tal wie in einem Kirch­lein mit viel zu großer Orgel. Die Flugbahn mehrerer Kanonenbatterien strich flach darüber hinweg, überspie es mit wildem Gebell.

Stundenlang rauschte die Luft. Rauschte und rollte, zersprang und zerriß und behielt doch, sooft Möß seinen Blick hinaufhob, ihren seidigen, sonnigen Glanz.

Hinter einem niedrigen Schutzschild aus Stahl, das die Telephonisten irgendwoher geklaut und vorsichtigerweise heute vor dem Fernsprech­gerät aufgestellt haben, die Hand unentwegt am Apparat, so liegt er auf dem grünen Teppich des Tals, übernimmt selber alle Befehle der Beob­achtung, notiert sie, gibt sie mit lauter Stimme an die Geschützmannschaft weiter. Cs gibt Minuten, da er von dieser Tätigkeit bis in die Zehen­spitzen hinein erfüllt ist, nichts anderes denken kann, fein Blick bei höchster Anspannung der Gehörnerven auf den winzigen Raum beschränkt bleibt, der vor seiner Nase von einem Grasbüschel zum andern reicht.

Ja, und doch benutzt er jede Feuerpause dazu, sich vom Bauch auf den Rücken zu wälzen und in das Lichtreich hoch über den Waldwipfeln zu blinzeln, dem der Aufruhr der Erde nichts anhaben kann.

So ist dieser Möß.

Zuweilen steigen Schmetterlinge von der Wiese neben ihn auf, flattern in schwankem Flug über ihn hinweg. Zuweilen summen fernher sum­men wie Hummeln silberschuppige Flieger heran. Gleiten in schönen Spiralen, scheinbar sorgenlos, über dem Gurgeln der Lüfte.

Nun fehlt nicht mehr viel und er ist nur noch Kind. Kneift ein Auge zu und richtet verträumt, verspielt die Frage an sich: Wer ist eigentlich der Größere, von hier, wo ich liege, betrachtet, dieser Falter da oder jener Flieger dort?

Im Augenblick draus klönt's. Er wirft sich herum, bohrt das geblen­dete Auge wieder in die Ameisenwelt zwischen den beiden Büscheln, horcht scharf auf die dünne Stimme im Draht. Von Zeit zu Zeit schreit er die empfangenen Befehle der Mannschaft zu.

*

Es gibt Ereignisse, in die man kopfüber hineinstürzt. Denen gegen­über Gemessenheit Hohn bleibt. Deren Strömung alle mit sich fortreißt. Hohe und Niedere, Tapfere und Feige. Deren Strudel selbst die Müden und Hoffnungslosen noch einmal erfaßt. Deren äußere Begebenheit ein inneres Fluten entfesselt, das keine Hindernisse mehr anerkennt und keine Grenzen, das sich einer plötzlich geweiteten Zukunst brünstig an den Hals wirft.

Vormarsch, Vormarsch ist ein Ereignis dieser Art.

Vormarsch verkündete jeder Befehl, jedes Gespräch, jeder Blick dieses Abends.

Aber Vormarsch wohin? Wie weit? Wie lange? Zu welchem nächsten Zweck? Die Sternennacht des August hing voll Fragezeichen.

Noch nie hatte Möß Heereszüge von der Länge gesehen wie den, dem er tags darauf mit der kleinen Geschützkarawane verschmolz. So findet ein Tropfen zum Strome heim, wie diese dem kriegerischen Ge­wühl auf der geraden weißen Straße sich gesellte, die heute mit allem.

was Vormarsch dachte und schrie, sich drängte und stieß, in den magisch durchsonnten Osten flutete.

Im Handumdrehen hatte sich das ganze Leben geändert. Gewiß, es war fröhlicher geworden, denn nun ging es ja vorwärts. Ab und zu flatterten sogar Lieder auf in der endlosen Kolonne. Aber erst Stunden später empfand Möß den rechten Unterschied zu gestern und vorgestern. Man war heute kein Fähnlein mehr für sich, das auf eigene Faust feinen muntern Krieg führte. Man hatte überhaupt keine Entscheidungen mehr zu fällen, man hatte kaum noch etwas zu überlegen. Der Strom der Straße, aus unbekannten Quellen sich speisend, einem unbekannten Ziele entgegenstapfend und -rollend, bestimmte den Rhythmus des Tages, bestimmte den Herzschlag des Augenblicks. Gehen und Halten, Halten und wieder Gehen, das war alles, das schien das einzig notwendige Tun, die wichtigste Aufgabe zu sein des großen unübersehbaren Heers.

Gleichmäßig klopfte der Feldstecher im Takt des Marsches die Brust. Niemand hob ihn an die Augen. Wozu auch? Man führte ja längst kein eigenes, verantwortliches Dasein mehr. Man war nur noch Herde, dumpfe, blökende Herde, deren Denken sich von Stunde zu Stunde immer restloser ausschaltete.

Mochten jene denken, die weit vorn irgendwo Wälder und Dörfer säuberten und den Rauchfahnen am Horizont nachjagten. Einmal, wartet nur, kommt die Reihe auch an uns. Dann ... dann ...

Jetzt schob man und wurde geschoben. Jetzt legte der Staub der Straße, der Dunst der Fahrküche, der scharfe Schweiß gedrängter Pferde- und Menschenleiber einen dichten Schleier um die marschierende Kolonne und schläferte ein.

Eines Abends durchquerten sie eine kleine Stadt, in der noch einige Häuser kohlten. Später, als es schon völlig dunkel geworden und auch diese Stadt schon längst wieder in ihrem Bewußtsein versunken war, ließ man die Artillerie auf Feldwegen seitlich hinausfahren. Irgendwo, zwischen den Mondscheinhügeln einer unfaßbaren Landschaft, bezog das Gebirgsqelchütz Feuerstellung.

Als Möß nach tiefem, traumlosem Schlaf im hohen weichen Steppen­gras erwachte, hing vor ihm im Sonnenlicht ein russischer Fesselballon. Gerö saß schon im Sattel und sprengte davon. Jnsanterieabteilungen gingen links und rechts in lockern Rudeln vor. Ein Widerstand also? Und schon heute?

Die Befehle jagten einander. Dreimal mußte das Gebirgsgeschütz Stellung wechseln, bis es aus einer kleinen, aber ziemlich tiefgefalteten Mulde endlich den ersten Schuß abgab. Möß freute sich, daß es trotz­dem als eines der ersten im anhebenden Konzert der Geschütze zu Worte kam. Sie waren alle, hüben und drüben, nur gerade noch dabei, ihre vielseitigen Instrumente zu stimmen.

Da fiel auf feine Freude langhin ein dunkler Schatten.

Eine säumige Kanonenbatterie hatte zwischen den flachen Hügeln noch immer fein rechtes Plätzchen gefunden und zwängte sich nun schon zum zweiten Male mit ihren acht Sechsspännern am Gebirgsgeschütz vorbei durch die kleine Erdfalte hindurch. In unmittelbarer Nähe des Fähnleins stürzte ein Pferd, hinderte die Fortbewegung der übrigen, rief in dem dichten Knäuel der ineinander geschobenen Deichseln, Protzen und Munitionswagen große Verwirrung hervor. Einige Minuten steckte das kleine Tal bis zum Rande voll einer ameisenartigen Unruhe. In diesem verhängnisvollen Augenblicke näherte sich sronther in geringer Höhe ein feindlicher Flieger. Und ausgerechnet jetzt auch gab Gerö aus der Beobachtung einige rasch auseinander folgende Feuerbefehle durch.

Wenn der da oben nicht gerade blind ist, müssen ihn unsere stäu­benden Abschüsse auf die dümmsten Gedanken bringen", sagte Ruschill, der Geschützführer.

Und wirklich zog der Kerl fast senkrecht über ihnen seine Schleife und strich dann ab, woher er gekommen.

Fünf Minuten drauf war die Kanonenbatterie vom Schauplatz ver­schwunden. Eine Hügelfalte, weiter hinten gelegen, hatte sie eilig ver­schluckt. Vorwurfsvoll blickten die Leute vom Gebirgsgeschütz ihrem letzten Reiter nach.

Kutyaläb, wart nur, kutyaläb te! rief ihm der Zigeuner Duma, Nummer 2 der Bedienungsmannschaft, mit drohender Faust nach und lachten über feinen Witz. Er hatte Gerös Lieblingsschimpfwort sozu­sagen als dessen Stellvertreter gebraucht.

Dann war es einige Augenblicke unheimlich still und leer um die Handvoll Kanoniere. Man konnte von der Stelle aus, wo has Geschütz jetzt stand, außer der grasbewachsenen Mulde und dem blauen Himmel darüber eigentlich nichts anderes wahrnehmen, keinen Baum, kein Haus, ja fein einziges lebendes Wesen. Dazu schwiegen eine Weile auch die Rohre ringsum.

Sind wir denn selber wirflich da? Ist es nicht nur unsere erregte Phantasie, die unser Geschütz ausgerechnet auf jenes Fleckchen gestellt sieht, wo der Feind jetzt dichtgepserchte Artillerie vermuten muß?