Oie Begegnung.

Von Gottfried Keller.

Schon war die letzte Schwalbe fort und wohl seit manchen Tagen auch die letzte Rose abgedorrt, nach altem Erdenbrauch.

Es flimmerte der Buchenhain wie Rauschgold rot im Abendlicht; Herbstsonne gibt gar sondern Schein, der in die Herzen sticht.

Ich traf sie da im Walde an, nach der allein mein Herz begehrt, mit Tuch und Hut weiß umgetan, von güldnem Schein verklärt.

Sie war allein; doch grüßt' ich sie verschüchtert kaum im Weitergehn, weil ich so feierlich sie nie, so still und schön gesehn.

Es blickt' aus ihrem Angesicht ein vornehm' Etwas neu hervor, und ihrer Augen Veilchenl-icht glomm hinter einem Flor.

Ein fremder Hirt, ein blasser, ging im Schatten dieser Huldgestalt; im Gurt ein silbern' Sichlein hing, das klang: ich schneide bald!

Es scheint mir ein Rival erwacht! sprach ich und schaut' ins Abendrot; bis es erlosch und bis die Nacht die dunkle Hand mir bot.

Gastliches Bremen.

Von Hans Brandenburg.

Zwischen dem Süden und dem Norden Deutschlands, zwischen Hoch­ebene und Tiefebene, zwischen München und den Hansastädten Bremen und Hamburg ist bei aller Verschiedenheit viel Verwandtschaft. Diese Städte können wohl Weltstädte werden, und seien es kleinere Welt­städte, aber niemals im banalen Sinne Großstädte. Sie sind gewachsene Städte und haben hinter ihren Ebenen die größten Naturhintergründe, die es überhaupt gibt, abschließende und öffnende zugleich: hinter der Hochebene die Alpen, hinter der Tiefebene das Meer. Aber der alpine Mmsch ist ein beinahe theatralischer Mensch, sein Leben ist fast immer öffentlich, es spielt sich auf Almen und geschmückten Plätzen, in Kirche, Passionstheater, Bierkeller, in Festbrauch und Umzug ab, es ist ein fest­liches Leben. Das Leben des Wasserkantenmenschen dagegen ist privat, noch in einer Art, welche Welt und Fremde in sich hereinzieht, ins Haus und ins Erwerbswesen, es ist gastliches Leben.

Wenn man, vom Donaulande kommend, über das Rheinland nach Norden fährt, so tut sich hinter dem Knie, in dem Teutoburger Wald und Wesergebirge zusammenstoßen, die Weite auf. Und wie man hinter der Donauebene das Hochgebirge und weiterhin den Süden sucht, so wittert man hinter der Weserniederung ein verwandtes und doch noch freieres Element: See und Uebersee. Man wird von Bremen, dem nächst Hamburg bedeutendsten deutschen Seehandelsplatz, diesem Ausfalltor zum Weltmeer, nicht erwarten, daß es wie andere niedersächsische Städte, wie Lübeck oder Lüneburg, mehr historisch blieb, ein museales Stadt­bild, sondern man wird ihm eine größere, längere, gegenwartsbezogenere, gegenwartsbetontere Gewordenheit zugestehen, den Charakter einer ganz modernen Stadt. Konservativ und fortschrittlich, dem Stolz auf die Väter und auf die Zukunft zugleich verschworen, muh es gerade dem Münchner lieb und wert, ja vorbildlich und anspornend sein. Altes fiel, doch es ist genügend übrig, und Neues wurde, daß zwar kein rundes Schaustück entstand, aber daß Atem und Puls des Lebens Altes und Neues bindet. Noch spürt man das Stadtgebiet als einen Boden, den das Meer frei­gab, noch spürt man den Gründungs- und Baubeginn, die Lage des Doms auf der Düne. Noch sind die alten Straßennamen voller Ge­schichte, noch zeigt das patrizische Bürgerhaus mit feiner Diele als Herz- und Kernraum, die Entstehung aus dem Bauernhaus, das hier, wie bei uns in Oberbayern, Mensch und Tier unter einem Dache vereinigte und vereinigt. Noch steht der Steinerne Roland an seinem Platze, der ge­waltigste unter den so benannten Schwert-, und Schildträgern, die das Mittelalter in einer Reihe von Städten zurückließ.

Und gerade der Rolandsmarkt mit diesem großen Wahrzeichen ist das eigentlichste Bremen: ein Dersammlungssaal, unter freiem Himmel und doch kein Festplatz, sondern eine Gerichtsstätte im Schwur- und Bann­kreis jenes gelockten, wappengeschmückten Cherubs. Und so stehen, alt und neu, die Bauten gleichen Sinnes rings herum: Dom und Liebfrauen­kirche, Ratdaus und Schütting, Börse, Baumwollbörse, Glocke, unter­schiedlich und mit den Zeiten wechselnd in Kunst- und Kulturwert, aber alle großartig bürgerlich und repräsentabel nicht im Festsinne, sondern nur nach den gastlichen Bedürfnissen von Handel und Wandel. Der Erz­bischof war einmal Reichsfürst, allein die Bürgersiadt, mit eigener Kirche, wuchs gegen die Dornstadt an, wuchs ihr reformatorisch und handels-

müchNg über den Kopf, die weltliche Herrschaft siegte über die geistliche, die Hanse siegte, der Kaufmann, die freie Stadt, der Freistaat, der Stadt­staat, die Stadtrepublik.Buten und binnen wagen und winnen" steht am Schütting, dem Korporationshause der Kaufmannsgilde.

Das Gegenüber von Rathaus und Schütting wurde so noch wichtiger als das der Kirchen. Für ihre Form war die Anregung der nieder­ländischen Renaissance gleichermaßen entscheidend wie etwa in Augsburg die der italienischen. Und wie Augsburg an Elias Holl, so hatte Bremen an Lüder von Bentheim einen Stadtbaumeister, der das Fremde in Eigenes wandelte. Er hat das Kornhaus imö die Stadt­waage gebaut, und er ließ im Rathaus die Renaissance naturvoll aus der Gotik wachsen. Renaissance wie Barock wurden nicht fürstlicher oder kultisch-volkstümlicher Selbstzweck, sondern weltmännisches Feiertagskleid eines Bürgertums, dessen tüchtigem Alltag ein gesellschaftlicher Luxus ziemt. Die schwebenden Modelle der Kauffahrteischiffe im Rathaus- Prunksaal sind noch wesenhafter als der Prunk, und noch wesenhafter als dieser obere Stock ist die öffentliche Verkehrs- und Durchgangsstätte der Eintrittshalle, deren Decke auf roh behauene, wie mit Schiffsteer ge­schwärzten Eichenpfosten ruht. Unten wölbt sich der berühmteste aller Ratskeller mit seinen barock geschnitzten Riesenfässern und seinen echt bürgerlich privaten Seitenkabinen. Man weiß, was Wilhelm Hauff in ihm träumte, Max S l e v o g t hat es in einem der Säle an die Wände gemalt. Süddeutschland ist also gern in Bremen zu Gast, und namentlich München, Rudolf Maison bekam hier Aufträge, Gabriel Seidl baute das neue Rathaus, weil nur der Münchener Meister da­mals jene landschaftlich bodenmäßige Stadtbauweise beherrschte, die Bremen sich wünschte, Hermann Hahn gestaltete das Denkmal Moltkes und Adolf Hildebrand dasjenige Bismarcks, das er in [einer raum­schaffenden Art in einen Platzwinkel der Domfront stellte. Die Bremer Kunsthalle ist ein Muster gastlich-bürgerlichen Verständnisses für alle gediegenen, auch fremden Werte. Und im Musikleben der Stadt haben Hanns Rohr und Hedwig Faßbaender, ebenfalls von München kommend, Aufnahme und neues Wirkungsfeld gefunden.

Allenthalben ist es das bürgerlich Durchwohnte, das Bremen aus­zeichnet. Kirchen sind unter grün gewordenen Kupferhelmen bürgerhaus- artig mit Backsteinen gegiebelt, Erkerbauten und Kllsterhüuschen kleben dran, der weltliche Feldmarschall reitet unbefangen als Relief aus einer Kirchenwand heraus, ein Turm schichtet sich aus Feldsteinen und Find­lingen, und der Blumenmarkt breitet sich darunter aus. Ein altes Patri­zierheim, das Essighaus, wurde zur Gaststätte, und ein Museum wurde in Stil und Einrichtung eines Patrizierheimes lebendig. Paula Becker- Modersohn, die so unvereinbare Bezirke wie Worpswede und Cezanne, zeitlichen Schematismus und Märchengefilde mit nachtwand­lerischer Weiblichkeit verknüpfte, erhielt ihre eigene Sammlung als dau­erndes Denkmal. Stadtteile, zünftisch gesondert, gliedern sich vom stolzen Zentrum der Baumwollmänner ab gegen die Weser zu, wo die Pack­häuser ragen. Sandsteinfassaden mit den gemeißelten Erkern derUt- luchten" wechseln mit schlichten holländischen Giebeln, die den Aufzug­balken tragen und die alten Hohlziegel auf ihren Dächern. Und überall drängt Grün zwischen die Häuser und auf die Plätze, die geheiligte Bauwelt der Germanen.

In einem Einfamilienhause war ich bei Freunden eingeladen. Ich bekam dort eine ganze Wohnung angewiesen, den obersten Stock: ein Schlafzimmer mit Balkon über Garten und Nachbargärten, ein Wohn­zimmer, ein Badezimmer. Es gab dort einen Keller mit tausend er­lesenen Flaschen, der Hausherr wählte täglich neue Proben in Wechsel und Steigerung und komponierte mit Hilfe der Hausfrau für einen Abend ein Festmahl, das Wein- und Speisenfolge kunstreich vermählte und stufenweise höher führte großartige Gastlichkeit von wirklicher Kultur. Ich wollte Rudolf Alexander Schröder, den Dichter, begrüßen, er war mir als unzugänglich, abweisend, hochmütig bezeichnet, ich ließ mich nicht schrecken, und eine Anfrage nach einer genehmen Besuchsstunde wurde gleich mit einer Einladung zu Mittag erwidert. Von der weit hin- ausziehenden Schwachhauser Heerstraße geht die Lillenstraße ab, in der er wohnt. Es unterschied sich hier draußen unter großen Wolken auf der Ebene, wo die Türme der Stadt fern im Dunste schwammen, nicht sehr von Münchner Vororten. Das Schrödersche Haus, von ihm nicht gebaut, sondern nur übernommen, ist äußerlich ein Landhaus wie andere, auch drinnen ist es kein Aesthetenheim, es ist mit allem Schönen und Köstlichen, wie Bremen selbst, bürgerlich durchwohnt, behaglich und per­sönlich vollgestellt und mitten aus einem der Zimmer fuhrt, wie aus einer Diele, die Treppe nach oben. Ein Gärtchen hinter dem Haufe ist mit Beeten und Bögen symmetrisch angelegt und geht auf den Eschen- hintergrund eines benachbarten alten Landsitzes. In dem Dichter von strengem Geiste und klassischer Haltung, dem Ehrendoktor der Münchner Universität, fand ich einen blauäugigen Mann von breiter Bonhommie und echter Jovialität, klug, humorvoll weise, herzlich offen, ebenso ge­schickt im Reden wie im Zuhören. In ihm und seiner Schwester, die ihn betreut, lebt das gebildete, humane, norddeutsch-bürgerliche Hanseaten- tum, in feinem reinsten Wesen. Von einem alten Kornbranntwein, den ich bei ihm lobte, schickte er mir eine Flasche nach München, und ich wurde verpflichtet, nichts anderes gegenzuleisten als die Angabe einer Quelle für Schwarzwälder Himbeergeist, die ich Wilhelm Hausen- st e i n verdanke. Dann machte ich noch einen Besuch weit außerhalb auf dem Lankenauer Deich. An diesem Damme liegen Höfe unter uralten Strohdächern wie unter Tierfellen, gestutzte Linden davor. Nach der einen Seite erhebt sich der Wall über grüne Unendlichkeit mit schwarzweisiem Vieh, nach der anderen blickt er auf die Hafenwelt, auf Dampfer, Docks, Lagerhäuser, Skelettfinger der Kräne, die in langer Zeile bis zu den silbrigen Türmen und Schloten der Stadt zu wandern scheinen. Diesen großen Ausblick bietet auch das kleine altväterische, steinern gedielte Haus, in dem mich ein altes Fräuleinchen, blond, rotbäckig, meeräugig, bewirtet, ein einsames Frauenwesen, dessen Bauerngeschlecht feit Jahr­hunderten hier in Lankenau sitzt.

Äcrantwortlich; Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Vrühl'jche Universitäts-Vuch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießer».