Ausgabe 
26.10.1936
 
Einzelbild herunterladen

HambuchensauSe.

Von Friedrich Rückert.

O Laub', in der ich manchen Tag Des Denkens und des Dichtens pflag, Wer denkt in dir und dichtet, Nun dich der Herbst gelichtet?

Sonnstrahlen, die das Laub gelupft, Zaunkön'ge, die im Strauch geschlüpft. Sahn still mir ab vom Munde Den Klang im Herzensgründe.

Der alte Pächter ging vorbei Und wußte nicht, was mit mir sei, Wie übern Zaun er guckte Und dann sich seitwärts duckte.

Ich aber, was mir Feld und Hain Und ihre Geister gaben ein, Von Leben und von Lieben, Hab' ich hier ausgeschrieben.

Sie haben gern mit mir verkehrt, Mich, was sie wußten, hier gelehrt; Nun ich von hier muß kehren, Wen werden sie es lehren?

Sie werden, wenn in Winternacht, Sie sich was Neues ausgedacht, Herkommen mich zu suchen In dieser Laub' Hainbuchen.

Und wenn sie da nicht finden mich. So werden sie verbinden sich Zu Tanz und Musizieren Und Glanzirrlichtelieren.

Dann spricht der Pächter, wo er lauscht. Und sieht und hört, wie's flimmt und rauscht: Der lange Herr, ich glaube, Spukt in der Buchenlaube.

Oie weißen Pillen.

Erzählung von Wilhelm Pleyer.

Der sudetendeutsche Dichter Wilhelm Pleyer erhielt 1934 von Hans Grimm den Schünemann-Preis für seinen RomanDer Puchner. Ein Grenzlandfchickfal".

Am Sonntagabend kamen Vater und Mutter heim. Sie schauten schier feierlich drein und zogen ohne viel Reden das sonntägliche Zeug aus. Den schwarzen Kittel hängte die Mutter sorgsam über die Bett- lehne, die schwarzseidene Bluse legte sie darüber, das plüschene Kopf- tüchel faltete sie zusammen. Ich schaute von dem schwarzen Kittel zu der Mutter, die das Stallzeug zum Melken angezogen hatte, und von der Mutter zum schwarzen Kittel. Ich lauerte auf die Zuckerln, hie fällig waren. Aber die Mutter rührte sich nicht damit. Sie zu fragen, das traute ich mich nicht; ihr fremdes Schweigen verbot mir den Schnabel. Nur manches Mal ließ sie was gegen den Bater verlauten, der wohl mit den nämlichen Gedanken umging wie sie. Ungefähr fo:

Und wie er gleich auf den Blick alles erraten hatl Daß ich keinen Appetit hab, daß ich wenig schlaf, daß ich mit Kopfweh zu tun hab." Der Vater:Ja, so ein Mensch tut einen Blick und ervat't alles". Wie er das nur so versteht? Er ist doch kein Doktor?"

Der Vater:An dem liegt's nicht, ja! Er hat auch seine Studien."

Das muß wohl sein."

Der Vater:Ja, und solche Leute tun sie eben mit allen Mitteln verfolgen, was die Aerzte sind. Da geht's ihnen um die Existenz, ja!"

Das Mittel wird mir helfen, das weiß ich gewiß." Als die Mutter hörte, wie draußen die Kühe eingetrieben wurden, nahm sie den Melk­eimer und ging in den Stall. Der Vater aber zündete eine Zigarre an, auch so ein Zeichen feierlicher Umstände, und schleimte vor die Tür.

Jetzt, wo ich allein in der Stube war, jetzt, bevor die anderen kamen, muhte ich geschwind einmal nachschauen, ob denn die Mutter nicht doch ein paar Zuckerln in der Kitteltasche hatte.

Ich fingerte den Kittel ab und spürte den wohlbekannten Kegel einer Stranizze (Tüte). Leise wendete ich den Kittel so, daß ich zu der Tasche konnte, ohne daß man es merkte, diebisch krochen die Fingerlein in die Tasche, zupften die Stranizze auf, packten ein paar Kugerln und bargen sie in der winzigen Tasche am Hosenlatz.

Die Kugerln sahen aus wie die Krauseminzpillen, aber sie waren glatter, sie waren härter, lösten sich langsamer zwischen Zunge und Gaumen, und ich mußte tüchtig zuzeln, um einen süßen Geschmack her­auszukriegen.

Immer wieder schlich ich zu Mutters Kittel, auch als die anderen schon in der Stube waren. Das ging, weil die Lampe noch nicht brannte. Es konnte nicht mehr viel in der Stranizze sein.

Mir schlug das Gewissen. Vielleicht ist das zuviel gesagt, alsdann: ich hatte ein bissel Wind vor der Prügel.

Die Mutter kam mit der Milch, die Lampe wurde angezündet, die Schwestern nahmen die große Schüssel und brockten das Brot ein, schälten goldige junge Erdäpfel, brachten noch goldigere Butter. Ich wünschte ein so geschmackiges Mahl, daß keines auf den Gedanken käme, die Mutter zu fragen, ob sie etwa Zuckerln mitgebracht habe. Und dann

acht hörte ich einmal leise reden und sah im Zwinseln, wie

licher Lärm, und er galt mir. ,,

Als sie sahen, daß ich munter war, kamen sie alle und lachten. Die Mutter kriegte dabei noch das Wasser in die geröteten Augen Sie schmatzte mich ein bissel unmäßig ab und hob mich mit weichen Armen ans^ben Feder? breit durchs offene Fenster. Ich konnte mir

denken daß ich doppelt Zucker in den Kaffee kriegte, und daß mir heute der Karl die Ziehharmonika borgen würde.

Es dauerte nicht lang, da kam der Postbote. Es wurde ihm alles ermhlt. Er meckerte, hehehe, und sagte:Das sind die weißen Pillen, die er dem Pferd eingibt, wenn es lahmt, dem Pferd, wenn es dampfig ist den Weibern gegen Gicht, den Weibern gegen nervöse Herzbefchwer- de'n, den Männern gegen Gallensteine, den Maideln gegen Lungsucht, und' wenn kleine Buben die Pillen für den (Belüfter einnehmen, so macht das auch weiter nichts. Hehehe!

Er veralberte die Mutter um des Vertrauens willen, das sie zu der Heilkunst des Herrn Kostumlatzki gehegt hatte, und sagte amh was von Leuten, die der tiefe Wald gutgläubig macht. Aber meine Mutter sagte diesmal nichts dagegen, sondern nahm mich wieder auf den Arm und qinq in die Stube. Dort flüsterte sie vor den Heiligenbi'd-rn. wahrend ich an ihrer Brust die Innigkeit ihres Gebetes spürte: , O f^rr Jesus" Du heilige Moria Mutter Gottes! ich dank euch tauien'mj daß d-- Kostumlatzki einen Dreck versteht und nichts weiter ist als em -chwmdler

ich auch mit, daß die Kugerln Gesellschaft kriegten mit Erdäpfeln und Millichbröckeln.

Die Mutter trug den schwarzen Kittel mit der Stranizze darin in den Schrank, wir schickten uns zum Schlafengehen an, und es schien alles gut vorübergegangen zu fein. Da fingen sie wieder von dem Kostumlatzki an, den die westböhmischen Doktern ins Kriminal bringen möchten, weil er den Leuten besser hilf als jeder Arzt. Und da jagte

die Mutter:

Jetzt wird es Zeit für meine Pillen. Dreißig Minuten nach dem Nachtmahl, na, und das ist doch eine halbe Stund nach dem Abendessen?" Der Vater warnte:Nimm nur ja nicht mehr als zwei Pillen, wie er gesagt hat. Er hat's über die Stiegen nunter noch einmal gesagt: Bitte jedesmal nur zwei Pillen!" . .

Letzter Hoffnungsstrahl: daß die Pillen nicht in der Stranizze in der Tasche im schwarzen Kittel im Schrank sein würden. Aber auch dieser Strahl erlosch. Die Mutter ging in die große Stube zum Schrank. Nach einer kleinen Weile kam sie aufgeregt wieder. Sie hielt die fast leere, verdrückte Stranizze in der Hand und hatte den schwarzen Kittel über dem Arm.Jetzei muß ich nur schauen, ob die Taschen ein Loch hat. Die Stranizza ist ausgegangen, es sind nur mehr 3 oder 4 Pillen drinne.

Der Vater stand aus und schaute verwundert und beteiligt zu. Aber es zeigte sich, daß die Kitteltasche, die teere, kein winziges Löchlein hatte Der Vater meinte: ,No sollten sie seithalb ransgesollen sein? Aber die Mutter sagte, während ihre Augen schon auf mich zu flatterten: Dazu hängt ja tue Taschen zu tief" Und da schaute sie mich so be­drohlich an, daß ich aufschrie, einen Svrunq machte und davon wollte. Si" sprang mir noch und erwischte mich. Ich schrie, noch mehr, weil es gleich einschlagen mußte. Aber die Mutter riß mich an ihr Herz und schrie:Jesus Maria! mein Kind! mein Kind'"

Ich schrie nach Leibeskräften mit, weil ich glaubte, es könne jetzt jeden Augenblick fürchterlich losgehen in meinem Bauch. Der Bater prang um Mutter und Söhnlein herum und stotterte was von Brech­mittel und Doktor, der Gefell schlupfte schon in die Stiesel, nach dem Brillenmann zu lausen, ich fühlte, wie der schluchzenden Mutter die Glieder versagten da riß sich mein Vater doch zusammen und fragte: Spürst was, Bübel?!"Nein, nicht noch nicht!" heulte ich zu­rück.Nachher müssen wir ihm was geben zum Brechen!" hastete^ der Vater und zog mich der Mutter aus den Armen.Läuliches Wasser! Während ich überlegte, wie ich das würde machen müssen, läuliches Wasser brechen, ward es in meinem kleinen Kaffeelössel hergeschafft. Trink, Bübel, trink!" drängte der Vater. Ich hatte das schon einmal verkostet und spürte keinen Appetit. Aber da sah ich meine Mutter vor ben Heiligenbildern in die Knie sinken, was ich noch nie gesehen hatte. Das ging mir doch gewaltig nahe. Ich foff hastig das Töpsel leer. Es schmeckte übel. Zum Speien, aber doch nicht so arg, daß man s mutzte. Spei Bübel, spei!" drängte der Vater. Aha, ich sollte speien. Ich kannte das schon, beim Fest, da war mir ja so gewesen, nach den warmen Kücheln. Aber jetzt mußte ich nicht. Das läuliche Wasser mergelte im Magen herum, es gluckerte hinunter, ja. aber heraus kam nichts. Spei, Bübel!" hetzte der Vater und die Mutter kam herangezittert und bettelte:

Tu dich speien, mein Schöner!, geh!" Sie stellten mir verlockender Weise einen Schessel hin, aber es war mir ganz einfach nicht danach, und ich konnte allen zusammen nicht helfen. .

Da marterten sie mich weiter. Ich mutzte den Finger in den Hals stecken. Ich schob den Finger hinein, so weit ich konnte. Ich mutzte husten, aber speien, nein, das mußte ich nicht.

Sie ratschlagten über dies und das, und ich hatte scheußliche Aus­sichten auf einen Löffel Petroleum. Von dem hatte ich auch schon ge­kostet! Da mußte ich mich denn doch zur Wehr setzen! Ich schrie:Horts auf, mir fehlt ja nix, mir is wie auf der Kirchweih!" Das überzeugte, denn dort ist einem sprichwörtlich wohl. Ich wurde gefragt, wann ich die Pillen verschafft habe. Da prahlte ich:Sind schon eine Ewigkeit drinne, die Dreckerln!" .,, ..

Meine Stimme mochte ein weiteres bewirken: sie war nicht die Stimme eines Sterbenden. Aber trotzdem jammerten und rieten sie noch lang hin und her, bevor der Gesell die Stiesel wieder auszog.

Am meisten war mir leib, daß sich die Mutter so auf re gen muhte.

Sie saß an meinem Bett und ich sah sie also lange den Rosenkranz beten, bis ich einschlief. ,

In der Nacht hörte ich einmal leise reden und sah im Zwinseln, wie sich eine brennende Kerze bewegte; bann schlief ich roieber sehr gut Nicht schlechter als alle Tage. Am Morgen wachte ich ein bissel eher aus; aber da war der Lärm im Hause schuld. Ich merkte gleich: es war ein froh-