Ausgabe 
26.10.1936
 
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war der Billette Im Ausland, der alles wußte und jederzeit als Drohung aufzuspielen war. #

So stand ihr Brett in allen Figuren tollkühn gesichert, nur hätte sie die letzten Züge nicht sorglos andern Händen überlassen dürfen, weil dadurch der eigentliche Hauptzug unterblieb. Als der Bassenge endlich im Hotel be (Strasbourg vor dem Bett des Kardinals erschien, war der Boehmcr schon in Versailles bei der Campan gewesen und wußte nun bestimmt, daß die Königin das Halsband nicht besaß. So mußte er in höchste "gst geraten, als ihm der Kardinal zur Sicherung das Schriftstück nu. üer Unterschrift der Königin anbot, die eine Fälschung war. Er wußte, daß der Kardinal in Schulden stak und nur darum sich mit dem Cagliostro aus­fällig eingelassen hatte. Ein ungeheurer Verdacht verschnürte ihm die Kehle: wenn alles nur ein Schwindelspiel vom Prinzen Rohan war, die leeren Ka sen mit dem Namen der Königin zu füllen! Er wagte nicht mehr, die Fälschung anzudeuten, und ließ sich mit der Beruhigung wegschicken, daß der Kardinal den Saint-James bestimmen wolle, mit den Zinsen nicht zu drängen. t n

Weil aber damit das Halsband verschwunden blieb und weil die Juwe­liere die Dual dieser Ungewißheit nicht aushielten, auch außer dem Verlust das Schlimmste für sich aus dem Betrug befürchteten, ging der Boehmer am andern Tag nach Trianon und versuchte, sich der Königin zu Fußen zu werfen. Weil aber Könige nur immer zu wissen bekommen dürfen, was sie fragen, hatte Marie Antoinette noch immer keine Ahnung von dem Mißbrauch ihres Namens und lieh den Juwelier nicht vor. Erst als sie andern Tags der Campan vorwars, sie habe ihr den lästigen Narren zu- geschickt, ob sie denn wisse, was er wolle: durfte die erzählen, was sie wußte. Dreimal lieh sich Marie Antoinette ihre Unterredung mit dem Boehmer wiederholen. Dann war es freilich eine Sache, die sie, die Königin anging. Am andern Morgen um neun Uhr stand der Juwelier schon vor ihr, rückhaltlos jede Frage der Campan in ihrer Gegenwart be­antwortend, selbst seinen ungeheuren Argwohn gegen den Prinzen Rohan nicht ganz verbergend. So versessen war die Tochter der Maria Theresia in ihrem Haß auf diesen Kardinal, dah sie alles verkannte als ein Gauner­stück von ihm, durch einen Mißbrauch ihres königlichen Namens seine Gläubiger loszuwerden. Zu ihrem Unglück vertraute sie damals als Be­rater dem Hausminister Breteuil, der als Gesandter in Wien ^er Nach­folger des Rohan gewesen und dessen Todfeind war. Dem legte sie den ausführlichen Bericht vor, den die Juweliere aus ihren Befehl einreichen mußten, so kam die böse Sache einzig darauf hinaus, den Kardinal und Groh-Almosenier von Frankreich, den Prinzen Ludwig Rohan, als einen Gauner zu entlarven. .

Am Namenstag der Königin, der als Maria Himmelfahrt seit Jahr­hunderten am französischen Hof mit großer Feierlichkeit begangen wurde, i wartete der Rohan mit den Würdenträgern im großen Kabinett des Königs, daß der Hof erscheinen würde, um danach in der Schloßkapelle das Amt zu zelebrieren. Er war noch immer bläh und leidend, und nur mit Schmerzen auf den Füßen. Er wußte nicht, daß unterdessen im inneren Kabinett des Königs fein Schicksal heftig verhandelt wurde, bis er für alle unerwartet hinein besohlen mürbe, unb sich dem König unb der Königin, dem Großsiegelbewahrer und seinem Todfeind Breteuil gegenüber sah. Er war im Chorhemd unb der scharlachroten Karbinals-Soutane, als Gestalt die andern überragend, mit seinem leicht ergrauten Haar und dem schönen blauen Blick der Rohans nicht der Mann, sich als gemeiner Betrüger, wie der Breteuil der Königin zuliebe wollte, ungehört verhasten zu lassen.

Er wußte bei seinem Eintritt, dah nun alle schlimmen Befürchtungen aus der gualvollen Verwirrung der letzten Tage grell heraustraten und ihn als unentrinnbare Wirklichkeit umstellten. Und was im Vorspiel albern gewesen war, das fiel nun von ihm ab wie die Verkleidung einer ver­lorenen Leidenschaft. Er muhte selber in die Schranken, der Prinz von Rohan da zeigte er den Fechter alten Stils, der sich, aus vielen Stichen blutend, einen stolzen Rückzug sicherte; indessen die Königin so hitzig war den Todesstich zu übersehen, obwohl der dicht an ihrem Herzen sah. Weil aber dieser Zweikamps gleich anfangs als Hintergrund den Wechsel der Weltordnung hatte, bemerkten beide Gegner nicht, für wen sie ihre Klingen kreuzten: das Sonnenkönigtum und Habsburg, als ahnungslose Kämpfer sich durchbohrend; im letzten Augenblick, bevor das Volk, sie beide nieder­tretend, die Bühne stürmte. , ,

Seine erste Antwort war bestimmt und klar, weil er sie hundertmal vorher in Anastträumen und bösen Grübeleien gesprochen hatte: Sire ich sehe, dah ich betrogen bin ich habe nicht betrogen.

Der König schien sich in keiner Weise der Erregung der Stunde zu unterwerfen, auch vergaß er nicht einen Augenblick, daß ein Rohan vor ihm stand: Lieder Vetter, bann erklären Siel

Jetzt erst schoß dem Rohan, der blaß wie der Tod ms Kabinett ge­kommen war, das Blut siedend zurück, weil ihn jetzt erst die Unmöglichkeit befiel eine Darstellung ohne das Geständnis feiner ungeheuren Torheit zu geben. Mit einem Blick, darin sich die letzte Hoffnung auf die Gunst der Königin noch einmal sammelte wie zwei Hände, die verzweiselt nach ihr griffen, sah er sie an, die nun anders als in den sinnlosen Hoffnungen der letzten Jahre vor ihm stand. Der stöhlich geschwungene Mund unter der habsburgischen Papageiennase war verkniffen wie bei einem bösen Tier, und aus ihren hochgeschwungenen Augen leuchtete der Haß. Da erst muhte der Rohan ganz, daß er betrogen worden war, und nun war es mit der klaren Beherrschung seiner Worte vorbei: Sire, ich bin zu erregt, um Eurer Majestät irgendwie zu antroortenl .

So schreiben Sie auf, was Sie zu sagen haben, gab ihm der dicke König zu und trat mit seiner Königin, Breteuil und dem Großsiegelbewahrer in die Bibliothek zurück. Noch wußte der Kardinal nicht, wie weit die Em­pörung der Königin und der Haß Breteuils ihn zu Bekenntnissen nötigen würden, auch kannte er den Umsang der Anklage noch nicht, aber schon kehrte ihm die Festigkeit seiner Hand zurück, und mit schlafwandlerischer Sicherheit schrieb er seine Erklärung nieder, daß eine Madame La Motte de Valois ihm den angeblichen Auftrag der Königin Überbracht habe, das Halsband geheim zu kaufen, und daß er in 5er Verblendung, Ihrer . I Majestät zu bienen, sich habe täuschen lassen. (Fortsetzung folgt.)

doch Freunde in Frankreich habe, die ihrer Königin mit solcher Kleinigkeit ' beiftänben. Wenn dem Schatzmeister der Marine, Saint-James, das Hals- band achthunderttausend Livres die er den Boehmers sur die Sterne geliehen habe wert gewesen sei, um damit die Gunst der Dubarry zu erringen so würde er sich nicht zu besinnen wagen, der Königin mit der Halste dieser Summe beizustehen, die für ihn nichts bedeute!

Der Rohan, der wie beim Rennen sich den letzten Einlauf durch nichts verderben lassen wollte, blieb blaß und häßlich blickend dicht vor der Gräfin stehen, so daß sie nur mit rüdgebeugtem Kopf seinen Blick wahrnehmen konnte, den sie trotzdem aushielt: Die Königin hak recht. Kein Franzose, wer seine Königin verläßt.

Er wußte, daß der Saint-James unmäßig reich war und als englischer Jude seine Gründe hatte, dem Hof nicht ungefällig zu sein, und so stellte er ihm tatsächlich den Antrag, der Königin das Geld zu geben. Er rechnete auch richtig, und nur mit der Rechnung der Gräfin stimmte es nicht, daß der vorsichtige Finanzmann nichts als ein Schreiben der Königin verlangte, in welchem sie von ihm das Geld, gleichviel wofür, einfordere. Dieses Schreiben nicht zu schafsen, war die La Motte gewandt genug, doch war ihr damit die Straße abgeschnitten, so daß sie, schon unruhig, sich in die Hintergassen flüchten mußte. Am letzten August ließ sie durch ihre Kammer- zose den Rohan, der auf Saint-James rechnete, dringend zu sich bitten. Sie hatte Diamanten hinterlegt und dafür dreißigtausend Livres erhoben, die sie im Auftrag der Königin dem Kardinal als Zinsen auszahlte für die siebenhunderttausend Livres, deren Zahlung bis zum ersten Oktober ver­schoben werden müsse. Der Rohan, den die La Motte bis vor kurzem um kleine Unterstützungen angebettelt hatte, konnte nicht anders glauben, als daß die dreihigtausend Livres tatsächlich von der Königin kämen, und fein Mißtrauen wich wieder um einige Schritte zurück. Die Juweliere aber, ourch den Saint-James gewarnt, nahmen die Summe nur gls Abschlags­zahlung der fälligen vierhunderttausend Livres an und verlangten die ganze Rate. Der Schatzmeister der Marine war Finanzmann genug, um sich das ausgebliebene Handschreiben der Marie Antoinette zu deuten. I Er ließ zugleich mit einer Warnung an die Juweliere die Königin wissen, dah sie zu ihrer eigenen Beruhigung erfahren müsse, was mit dem Hals­band der Boehmers geschehen fei? Marie Antoinette, durch die zweideutige Anfrage beunruhigt, gab der Campan auf, bei den Juwelieren heraus­zubringen, was diese Warnung bei ihr bedeuten sollte. So bekam der Boehmer ein Brieschen der Campan, gelegentlich noch einmal nach Ver­sailles zu kommen, da sie ihn etwas vielleicht Wichtiges zu fragen habe. Der Boehmer, der strengen Weisung des Rohan eingedenk, sandte das Briefchen der La Motte. Die hatte seit Tagen darauf gewartet; schon war der Graf aus Bar-sur Aube zurück und alles für den Abbruch ihrer Wohnung gerüstet. Sie ließ sofort den Bassenge durch den Pater Loth zu sich holen, um sich mit einer unerhörten Kühnheit den Abgang doch noch zu sichern.

Sie sind in Sorge um bas Halsband? sagte sie, ihn sanft zum Sitzen nötigend, der wie ein Kind die Hände faltete und klagend ausbrach: Die Königin wird nicht zahlen.

Nein, tröstete die Gräfin und raffte ihren Schal um beide Schultern fest: Das wird sie nicht; denn die Unterschrift die Ihnen der Rohan zeigte, wie ich erstaunt erfahre ist gefälscht. Und während der Juwelier die spöttisch Lächelnde sinnlos anstarrte: Wie konnten Sie nur denken, dah die Königin durch den Rohan Ihr Halsband kaufen würde. Sie haben den Vertrag nur mit dem Prinzen Rohan allein geschlossen; er ist der Käufer. Ich rate Ihnen ab, die Bastille zu riskieren, indem Sie von der Königin in dieser Sache sprechen. Der Kardinal hat Einkünfte genug, die Schuld aus seinen Renten zu decken. Sprechen Sie mit ihm, er wird sich hüten, mit der gefälschten Unterschrift der Königin einen Prozeß zu wagen. Sie haben ihn ganz in der Hand, und brauchen keinen Augen­blick zu sorgen, daß Sie auch nur einen Livre verlieren werden.

Der Graf unb die Billette, die im Nebenzimmer bänglich den Ausgang abgewartet hatten und ausatmend den Juwelier still weggehen hörten, glaubten, sie habe nur einen Vorsprung gewinnen wollen, und drängten nun zur Flucht, der Wagen sei gespannt. Dem Kardinal zuliebe, höhnte sie, die mit dem Scharfsinn eines Schachspielers den verwirrenden Ansturm ihres Gegners kaltblütig benutzte, ihn dennoch mattzustellen.

Ich werde fahren, aber zum Kardinal. Und während die beiden in Sorge, ob sie nicht von ihr als Schuldopser zurückgelassen würden, mit dem bösesten Gewissen in eine benachbarte Taverne gingen, bereit, bei jeder verdächtigen Beobachtung zu fliehen, fuhr die Jeanne beim Kardinal vor, dessen Leiden sich durch die Aufregung der Tage wieder verschlimmert hatte, so dah er diesmal im Bett lag unb es nicht verlassen wollte. Sie bedrängte den Schweizer solange, bis es ihr doch geriet, mit ihrer täuschend gespielten Angst vor ihn zu kommen: Nun stürze alles, wie sie es vorher­gesehen habe, über ihr zusammen. Sie sei aus Paris verwiesen und könne jeden Augenblick in ihrer Wohnung verhaftet werden. Sie müsse aber, um ihre Angelegenheiten zu ordnen, noch heute nacht dableiben und bitte ihn für eine Nacht um Unterkunft! Sie rechnete darauf, dah die Verfänglichkeit der Bitte den Kardinal verwirren würde, was auch geriet: Er fei bereit, wenn sie mit ihrem Gatten käme, ein Zimmer für sie beide anzuweisen!

Nach diesem Kunststück fuhr sie zu den Männern zurück, die sich, von ihrem Hohngelächter begrüht, aus der Taverne wieder einfanden; ging mit ihnen zum Diner, war übermütig wie in den besten Tagen und neckte sie . mit ihren grämlichen Gesichtern; nur trank sie viel, womit sie sonst vor­sichtig war. Am Abend aber muhte der Billette mit gutem Geld versehen, über Genf ins Ausland reifen, während sie mit ihrem Grafen kaltblütig ins Hotel de Strasbourg ging. Die Möbel waren unterdessen einaepackt, alles in der nächsten Nachbarschaft an Schuld beglichen und der^Pater Loth sorgfältig instruiert, wie sich der letzte Umzug gestalten müsse. Den Kar­dinal sah sie nicht mehr, weil schon am frühen Morgen ihre Reise nach Bar-sur-Aude begann, wo sie fürs erste ihre Rolle weiterspielen wollte.

Sie war vollkommen sicher. Der Rohan muhte zahlen, und durste nicht mit der Wimper zucken, und wenn er das Vermögen der halben Verwandt­schaft opferte. Ihr selber, der Kirchenfürstin, die bis zur letzten Nacht in Paris ihn an sich gebunden hatte, konnte er nichts antun, ohne Argwohn ju erregen unb ihre Offenbarungen zu fürchten. Für alle Fälle der Gewalt