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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang V>56 Montag, den 26. Oktober Nummer 83
Die Halsbandgeschichte
Erzählt von Wilhelm Schäfer
Copyright by Albert Zangen / Oeorg Müller Verlag, München
4. Fortsetzung.
Ganz aber zeigte sie den Bürgern die edle Anmut ihres Herzens, als sie mit ihrem Grafen ins Haus des Staatsrats und Präsidenten Surmont ging. Dem war es in den Jahren nicht gut gegangen, weil ihm durch Feindschaft seine Aemter genommen worden waren, so daß nur selten jemand noch den Weg ins Haus fand. Um so peinlicher hielt die Jeanne auf den Besuch und daß es ihr erster war. Sie fand die lebenslustige Frau von damals blaß und fett, den Präsidenten mürrisch und vom Zipperlein gequält in Decken und auf dem Diwan liegend. Sie streichelte ihm wie eine Tochter die weißen Strähnen aus dem welken Gesicht und küßte ihn, sich niederlassend in die Knie, auf feinen bitter verzogenen Greisenmund, so daß ihm in die alten Trinkeraugen noch einmal ein schwaches Leuchten kam von damals, als er wie heute mit einem kranken Bein ans Bett gebunden war, und ihm fein liebes Eidechslein mit einem Buch fo manche Nacht verkürzte.
So spielte das Theater der Jeanne ihr Stück mit großer Dekoration zum vorbestimmten Schluß. Sie war die Königin von Bar-sur-Aube; und ob sie es nur für Wochen war, und ob die Bürger das Märchen mit verlegenem Spott begleiteten, das ihre Augen doch nicht ableugnen tonnten: sie war die Königin in Gold und Seide, im Geist und zarter Freundlichkeit, und tat die königlichen Werke; und daß das einzige Zeichen bestehen blieb, wodurch die echten Königinnen sich unterscheiden, daß ihnen aus der Gewohnheit der Jahrhunderte der Glaube an ihre königliche Mission durch keinen heimlichen Spott bezweifelt wird: das war nicht ihre Schuld.
Die Königin.
VII.
Denn nun begann das Welttheater, dazu die La Motte nur das freche Vorspiel geleistet hatte. Ob sie und die Genossen ihrer Schwindeleien auch weiter mitzuspielen genötigt wurden: die eigenen Streiche waren aus. Ende Juli erhielt die selbstgekrönte Königin von Bar-sur-Aube durch ihren Hofmeister in Paris, den Pater Loth von den Minimenbrüdern, die Meldung, daß der Kardinal aus Zabern plötzlich zurückgekommen und ungehalten sei, sie nicht sogleich zu finden. Sie promenierte gerade in den schönen Gürten der Abtei Clairvaux, vom Abt Maury und allen Würdenträgern als Kirchenfürstin durch Rohans Gnaden ehrfürchtig unterhalten, als der Bote mit dem Brief des Paters kam: Der Kardinal ist in Paris und wünscht mich dort zu haben, bemerkte sie leichthin und lächelnd. Ich werde moraen reifen; doch mein Gemahl bleibt hier. Mein Sekretär Billette ist alles, was ich brauche!
Sie fand den Kardinal verdrießlich; auch von der ersten Gicht gequält und mißtrauisch, weil die Königin das Halsoand noch nicht getragen hatte, was auch den Juwelieren sehr ausgefallen war. Die Gräfin, die den Leichtsinn hatte, sich immer auf den Augenblick und seinen Einfall zu verlassen, sagte bitter, indem sie nach ihrer Gewohnheit bei heiklen Dingen ihre Fingerspitzen prüfte: sie bedauere sehr, so ehrenvoll es für sie fei, sich in den Handel eingelassen zu haben. Sie könne ihm nicht mehr verschweigen, daß ihr die Launen der Königin noch weniger als ihm besagten. Daß sie den Kardinal noch nicht empfangen habe trotz jenem Abend in Versailles, aus einer unnützen Feigheit vor Breteuil, sei das Geringste: Sie habe das Halsband in einer raschen Neigung angeschafft, sei aber um die Mittel durchaus verlegen, es zu bezahlen, und suche nun nach einem Grund, es wieder zurückzugeben — zumal sie gar nicht die Kühnheit hätte, es vor den Augen des Königs anzulegen, solange es noch unbezahlt fei. Sie wisse freilich von einer Kammerfrau, daß sie es in der ersten Nacht gar nicht von ihrem Hals gelassen habe. Sie habe nun einen Vorwand gefunden, es zum 1. August den Juwelieren zurückzugeben, indem sie verlange, daß der Kaufpreis um zweimalhunderttausend Livres ermäßigt würde. Sie selber, die Gräfin de la Matte, habe schon aus Treue gegen ihren Wohltäter abgelehnt, diese unbillige Bedingung zu übermitteln. Das sei dann auch der Grund, weshalb er nichts mehr von der Königin höre; sie habe geglaubt, daß unterdessen eine andere Person gefunden wäre, willfähriger als sie; sie sehe nun, daß das aus Gründen, die sie nicht wüßte, unterblieben sei. Sie habe ihre Kräfte überschätzt, an ihren Einfluß bei dieser unberechenbaren Königin zu glauben; sie hätte sonst niemals die Eminenz in diese aufregenden Dinge hineingebracht, darin sie kein Werkzeug ihm zum Segen geworden sei, wie sie es aus inniger und treuer Dankbarkeit gewünscht habe.
Sie war im Sprechen zuerst bitter gewesen, nachher wehleidig geworden und saß zum Schluß in stillen Tränen, nicht fähig, noch zu sprechen, nur
müde und aus dem Herzensgrund verzweifelt. Der Rohan sah den Faden schwächer werden und zerreißen, der ihn der Königin verband; und ohne Besinnung griff er zu: Er könne weder die Königin noch sie in diesen Verdrießlichkeiten stecken lassen; er wolle für den Nachlaß bei den Juwelieren forgen, wenn die Königin das Halsband ernstlich zu behalten wünsche.
Als die Jeanne am Abend ihrem blonden Billette diese Unterredung zum besten gab, war sie schon wieder unbekümmert, wie in der besten Zeit. Sie sah nun deutlich, wie sie an dem gefürchteten Termin der ersten Zahlung vorüber kam, weil ihr der Kardinal mit seiner Gicht und seinen schon greisenhaft umringelten Augen sicher war. Nach einer luftigen Siegesfeier, die sie zu zweien in der Rue Neuve-Saint-Gilles bis in den Morgen zogen, diktierte sie dem Sekretär, der von diesen Pflichten des inneren Dienstes noch verkatert war, aus ihrem Bett und oftmals höhnisch lachend ein Billett der Königin: die Gräfin habe ihr zu Füßen gelegen mit Selbstanklagen, die sie nicht verstände. Sie könne ihm versichern, daß sie das Halsband nach wie vor brennend gern besäße und ganz im Ernst die Forderung stelle, den Kaufpreis um die Summe von zweimalhunderttausend Livres zu ermäßigen; um diese Summe fei es tatsächlich — sie habe es geheim abschützen lassen — zu teuer. Sie wisse nun, woran es gelegen habe, daß sie auf den Verdacht habe kommen müssen, an seiner Ergebenheit zu zweifeln. Sie gestehe, daß sie durch sein Schweigen verstimmt, die Angelegenheit des Prinzen lässig behandelt habe; er könne aber bei den Juwelieren kaum schneller eine Einwilligung erreichen, als sie es für ihn beim Könige erhoffe!
Nach diesem Billett erschien der Rohan bei den Juwelieren, noch immer leidend und von seinem Kammerdiener leicht geführt; er äußerte den Wunsch der Königin in solcher Bestimmtheit, daß sie nach dem ersten Schreck und nach einer erbetenen Ueberlegungsjeit von 24 Stunden sich bereit erklärten, ihn zu erfüllen; wenn auch schweren Herzens, so doch mit dem Gefühl, aus ihrer Unruhe endlich befreit zu fein. Sie waren beide andern Tags im Hotel de Strasbourg, und weil sie in vorsichtiger Form von ihren Bedenklichkeiten sprachen, ließ sie der Rohan, dem es schlimmer ging, fo daß er liegen mußte, heftig an: dies sei nun ihre eigene Schuld; sie hätten sich nach seinem Rat gleich bei der Königin bedanken sollen. Und erbat sich für den andern Tag ein Schreiben zur Einsicht aus, worin sie nunmehr der Königin zugleich mit der Bereitwilligkeit zur Preisermäßigung den schuldigen Dank aussprächen. Worauf der Bassenge in Bescheidenheit bemerkte: er habe, da einer von ihnen beiden in den nächsten Tagen wegen einer Achselspange zur Audienz befohlen sei, von sich aus schon ein Schreiben aufgesetzt, das dann der Königin übergeben werden solle; er bitte um die Erlaubnis, es ihm vorlegen zu dürfen.
Der Rohan, dem ein Tischchen mit Schreibzeug neben seinem Ruhebett stand, überflog das Schreiben und durchstrich es mit einem Federstrich, um auf die Rückseite mit seiner sicheren Hand zu schreiben:
„Majestät!
Wir sind beglückt, daß die letzten Zahlungsbedingungen, welchen ~>ir uns beflissen und in Ehrerbietung unterwerfen, als ein neuer beweis unserer Ergebenheit und unseres Gehorsams vor den Beschien Eurer Majestät angesehen werden, und daß der schönste Diamantschmuck der Welt der erhabensten und besten der Königinnen seine Dienste weihen darf."
Mit diesem Brief in Händen passierte dem Boehmer das Unglück, daß gerade der Finanzminister bei der Königin erschien, so daß er ohne Antwort entlassen wurde. Und weil er der Königin so viele Jahre auf alle Weise mit dem Halsband zur Last gelegen hatte, hielt sie den Brief, den sie und auch die Vorleserin Madame Campan in keinem Wort verstehen konnten, arglos und ärgerlich für eine neue Form, das Halsband anzubringen. So bekamen die Juweliere keine Antwort und mußten mit dem Kardinal ihr Schweigen fo auslegen, daß sich das Halsband tatsächlich im Besitze der Königin befände.
So vermochte die Gräfin de la Motte ihren Gang auf des Messers Schneide noch fortzusetzen. Mitte Juli kam sie aufgeregter als sonst zum Kardinal, nicht mehr in Demut, säst als Klägerin: Sie habe die Königin durch einen Fußfall und ihn gleichfalls vergebens gebeten, sich einer andern Vermittlung zu bedienen. Nun käme alles, wie sie befürchtet hätte: die Königin habe nur einen Vorwand gesucht und sei nun tatsächlich in der schlimmsten Verlegenheit, weil sie die erste Rate nicht bezahlen könne. Der Skandal sei unausbleiblich; das einzige, was sie, die Gräfin, noch vermöchte, ^ei dies: sich selber als Opfer anzubieten, darauf man alle Schuld ablegen könnte, obwohl sie auch nicht sähe, was damit noch geholfen sei.
Weil der Rohan, der schon wieder, wenn auch noch humpelnd, gehen konnte, das auch nicht sah, nur in der Angst, sich selber bloßgestellt zu sehen nach einem Rückweg suchte, kam mit der Frage — obwohl blaß und schweißbedeckt — indem er drohend vor ihr stehen blieb: So sei die Königin also gewillt, das Halsband doch zurückzugeben?
Die Königin, sagte die La Motte mit schriller Stimme, trägt das Halsband jeden Tag, weil sie sich niemals Sorgen macht. Sie meint, daß sie


