Ausgabe 
26.6.1936
 
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Meinem Gretchen.

Mit einem kleide.

Bon Eduard Mörike.

Drunten in des Kaufherrn Warenhalle Sehnte sich ein Kleidchen schon seit lange (Ohne daß es drum, versteh' mich! eben. Was man sagt, ein Ladenhüter wäre). Sehnte sich aus des Gewölbes Schatten An das Tageslicht, in Luft und Sonne, Einem guten Mädchen oder Fräulein, Das so um die vierunddreißig stünde, Angeschmiegt vom Hals bis auf die Knöchel, Sich mit ihr im Zimmer, durch den Garten Und auf Markt und Straßen zu bewegen. Ei, da kamen wir zur guten Stunde, Sah'n der schönen Ware eine Menge, Mit noch schönem Worten angepriesen, Ausgebreitet vor uns auf den Tischen.

Doch dies Kleidchen sprach zuletzt bescheiden: Wählet mich! Dem heißen Sommer bin ich Und dem kühlen Herbst gerecht, an Farbe Mild, und linde fallen meine Falten.

Nehmt mich mit! Ihr kaufet nicht zu teuer/ Nun, in kurzem war der Handel richtig, Und hier ist es, dir zum Dienst gewidmet.

Sieh! Es fremdet noch, beschämt ein bißchen, Ungewiß, ob es gefallen werde.

Doch es darf durch manche stille Tugend Hoffen, mit der Zeit sich wert zu machen: Fühlt es doch in dem und jenem Stücke Sich voraus der lieben Herrin ähnlich. Wenig wird es dich ins Schauspiel locken, Zu Konzert und Prunkvisiten wenig; Eher könnte Dorf und Wald es reizen. (Wundershalb nur möcht' es dieser Tage Gleich einmal die Eisenbahn versuchen.)

Aber ach, was will ein armes Kleidchen, Heut' bedeuten in des Mannes Händen, Der dich gar zu gern, oh Allerbeste, Um und um in seine Liebe hüllt, Daß du, nur in diesem Aether wandelnd. Dich wie heute fühltest alle Tage!

Das Erleben der deutschen Landschaft.

Bon Hans Franke, Heilbronn.

Aus allen Gegenden des Reiches donnern die Züge voller Menschen, die andere Gegenden suchen, ihre große Heimat kennenlernen, neue Landstriche aufsuchen, andere Eindrücke haben wollen und sich, wo es auch sei, wissen als Söhne der großen Mutter Germania. Süden kommt zum Norden, Westen zum Osten, deutsche Jugend wird ausgetauscht, die Lagerfeuer brennen auf den Höhen der Mittelgebirge, in der Heide und am Meer, die Wasser rauschen in den Träumen, die Wipfel singen uralte Lieder, die Sage tönt auf und neben ihr steht die Geschichte: klingend aus dem Stein der Burgen und Schlösser, der reichen Städte und aus den einsamen Gehöften der verborgenen Landschaft.

Oh, nun werden die Herzen weit, und der Sinn spürt den Dingen nach, geht aus die Jagd nach Ereignissen und taumelt aus einem Er­lebnis in das andere. Es gibt ja nichts Wunderbareres als etwa sich eine Stadt zu erobern! Nur soll man sich dabei nicht aufhalten mit der später nötigen historischen Kleinarbeit: man soll den Rhythmus belau­schen, den Wunderklang, der aus der Gesamtheit eines Gemeinwesens klingt und uns anruft oder abschreckt. Man findet diese Melodie, wenn man geradenwegs in das Herz der Stadt vorstößt, und umgeben von Raum sich dennoch ohne Grenze weiß, ohne eine solche der Zeit jeden­falls; denn es naht ja nun Jahrhundert hinter Jahrhundert, es entrollen sich Zeiträume, gewaltig und sonst als Grenze unfaßbar. Man lauscht dem Kreisen des Blutes, das durch die Zeit gleichblieb oder unruhig wurde, nichts oder sehr vieles hat sich verändert, man sieht offene Wun­den oder ein großes heiteres Angesicht. Man findet sich wieder aus bren­nenden Brücken, unter denen der Strom rauscht, man sieht sich auf Türmen, vor den Portalen hoher Kirchen, man tritt voller Ehrfurcht in die Krypten, in denen die Könige aus Stein liegen, das Schwert in der Hand. Man sieht Menschen hineilen, viele Menschen, und doch nur dann und wann ein Gesicht, das uns groß und offen anspricht und wie aus der Heiligkeit früherer Zeiten zu fein scheint. Das ist das Gesicht der Madonnen, das ist das fränkische Muttergesicht etwa oder das Gesicht der seherischen Jungfrauen, das Traumgesicht, das Bolk-Gesicht. Es sieht dich an, überlächelt die Zeit und hat dein Herz erfrischt. Oder man flieht unter die Bogengänge und Pfeiler, oft ist das Heute so ungefüg, hier aber ist Ruhe und Behagen, hier stehen die Körbe der Marktfrauen mit grünen Stachelbeeren, mit den ersten Aevfeln, mit den zartwangigen Pfirsichen und dem frühen Wein. Hier riecht es nach Erde.

Hat man so eine Stadt sich erobert oder sie hassen gelernt, dann soll man sich selig oder schweigend hinwegmachen; man soll brennende Liebe, tödlichen Haß. Ungewißheit, Geheimnis, Dunkel oder Helle lieber hin- wrgnebm" ' als daß man andern Tages im Kleinkram der Geschichte sich in v'">» Einzelheiten verliert. Denn es muß Sehnsucht bleiben in uns rm s b Natur, nach den steinernen Zeugen der großen Geschichte.

B"-ntano sagt einmal, daß der, der sich nach der großen

Natur sehnt, ste am besten beschreiben könne!Wer mitten darinnen ist und mit glühendem Gesicht oben (auf dem B>rge) ankommr, der schläft wie ich auf dem grünen Rasen ein und denkt nicht weiter viel. "

Und hat nicht T i e ck recht, wenn er einen mit reiner Seele, weit­geöffnet im Innern, erlebten Sonnenuntergang mit dem Blute des Heilands vergleicht in feiner herrlichenLandschaftsvision", in der es heißt:Sein Haupt, die Sonne, sinkt tiefer und tiefer hinab, der Nacht und dem Tode entgegen; nun ist die göttliche Scheibe verschwunden, und die Röte gleitet ihr dunkler und farbloser nach", ach, und all das strö­mende Blut, er verglich es ja mit dem Blute des Herrn,vom Haupte strömend, aus der Seite, den Füßen und Händen entfließend."

Und wie oft schon haben es uns die Maler erzählt, daß sie vom Anblick einer Landschaftsschönheit oder Naturstimmung überwältigt, nicht in der Lage waren, den Griffel zu führen, sondern daß sie dastanden: überwältigt von dem Anruf des Seins, dem göttlichen Hauche des großen Einen. Goethe läßt seinen Werther darum schreiben:Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen Strich, und bin nie ein größerer Maler gewesen als in diesem Augenblicke." Denn nun ist unter dem Zuruf des Himmels die höchste Gestaltungskraft mächtig in uns, nur scheut sich der ordnende Geist, sie wieder als Werk neben die Natur zu setzen.

Nun schickt sich wohl unser Denken an, die Krusten der Erde zu stu­dieren; von den Städten sind wir in die Einsamkeit der Wälder, der Meere entschritten, alles liegt unseren Blicken bloß, und wir brauchen es nur aufnehmen und verbinden, wie es uns unsere Großen gelehrt haben. Herder sieht das Meer und nennt den Wassergrund eine neue Erde.Welch neue Seekarten sind über den Ozean hinaus zu entdecken", ruft er,die nur jetzt Schiffs- und Klippenkarten find! Welch neue Welt von Tieren, die unten im Seegrunde wie wir auf der Erde leben, und nichts von ihnen. Gestalt, Nahrung, Aufenthalt, Arten, Wesen, nichts kennen! ... Welch große Aussicht auf die Natur, der Menschen und Seegeschöpfe und Klimaten, um sie, und eins aus dem andern, und die Geschichte der Weltszenen zu erklären!" Das ist das Auge des Welt­erforschers, während bei einem Humboldt das Auge des reinen Naturforschers zu blicken pflegte. Er schreibt von seinen weiten Reisen, oft von den großen Rätseln und dem Gefühl der Ohnmacht, mit der der Mensch dem Walten der Naturmächte gegenüber steht, wenn er auch noch so tief die Zusammenhänge erklärt und erforscht hat.

Ein Munn und Militär wie Roon, Kriegsminister im Siebziger Kriege, freilich kann den Blick des Soldaten auch auf einer Reise nicht ablegen; wenn er die iberische Halbinsel beschreibt, dann gliedert er die Massive zwar in ihrer geologischen Form und stellt die Formen neben­einander, aber man merkt allzudeutlich, daß sich dabei sein Gestirn die Möglichkeiten von Truppenverschiebungen, von Bewegungen und Trans­porten vorstellt, er sieht im Grunde nicht Landschaft, sondernGelände". Auch für viele junge Menschen ist ja heute ein solcher Blick nichts Un­natürliches mehr!

Bor der Kühnheit der Meisterwerke stürzt der Geist voll Erstaunen und Bewunderung zur Erde; dann hebt er sich wieder mit stolzem Flug über das Vollbringen hinweg, das nur eine Idee eines verwandten Geistes war", so schreibt der vielgereiste Naturforscher und Geograph F o r st e r angesichts des Innern des Kölner Domes. Da sind wir wieder bei den Wahrzeichen der Kultur, die wie mächtige Riesen die Riesen der Natur ablösen, aufgehobene Finger sind ihre Türme, breite Mäuler ihre Portale und helle Augen die breiten Fronten der Schlösser und Bürgerhäuser. Wie uns inmitten der Natur, nachts beim Schlaf unter den Sternen, oft der panische Schrecken überfällt, so ruhen wir hier in der heiteren Gelöstheit, dem Rausche der Architekturen und finden uns wieder in dem großen Geist-Raum des' Volkes.

Dazu find die Reisen ja vornehmlich da, und wir sind stolz auf den großen Bestand unserer Heimat an solchen Dingen! Kleist ist beglückt in Würzburg, er beachtet selbst die Biegung des Flusses, die dieser um einen Vorsprung der Landschaft herum macht, aber er hat dabei ihre ganze Stadt und ihre heitere Landschaft im Auge, wie es Im m er­mann auch macht, wenn er uns von Heidelberg oder der fächsischen Schweiz erzählt. Nur hat der das Ohr geöffnet zudem noch den Stim­men in der Landschaft: den Stimmen der Sage und denen des Mär­chens, er ist so Romantiker, daß er schreibt:Das Märchen einer Gegend ist der Atem ihres Geistes. Im Harz deuten die alten Sagen aus das geheimnisvolle Leben des Metalls und der Berggewässer, das ist die Krone der Prinzessin, das sind die Kleinodien, die der Schäfer aus dem Berge holt, und nicht ansehn darf, sie verwandeln sich sonst. Im zer­streuten Riesengebirge foppt Rübezahl ohne Zweck, der Rhein erzählt die Geschichte von Fehde und Zwist, von Scheiden und Meiden ... hier nur, im Tale des Neckars, sprach die Natur in prophetischer Weise von ihren noch verhüllten Schätzen."

Von solcher deutschen Landschaftsbetrachtung und solchem Erlebnis ist nur noch ein Schritt bis zur wahrhaft romantischen Deutung: bis zur Traumlandschaft wie sie ein Novalis uns kündet und deutet! In sei­nemOfterdingen" folgen wir ihm, sehen eine seltsame Welt sich auf­bauen, eine fast durchsichtige glasklare Landschaft, ohne anderes Leben als das, das der Dichter ihr gibt, Wildwasser rauschen, Herdenglöckchen klingen, bald wird der Eremit aus der Türe seiner Hütte treten, und bann wieder ist der Jüngling allein auf der Suche nach der edelsten aller Blumen: der blauen Blume.

Wer so die Städte und die Landschaften zu erleben weiß, wem sie ein doppeltes Wesen tragen: das in der Zeit und Wirklichkeit und das in der Vergangenheit und in der Ueberwirklichkeit oder im Traume, der kann sich niedersetzen im deutschen Vaterlande, wo es auch sei: vor einer kleinen Dorfkapelle oder einem Friedhof, vor einer Burg oder einem Dom, vor einem Tannenwald am Abend oder vor der 'Gletscherwand des Gebirges: immer wird ihn der Geist der Dinge und der Natur um­rauschen, und er wird heimkehren, den Gral ewiger Sehnsucht und Liebe im Herzen!

V«r i >. . . . i i i .6 Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch, und Lteindruckerei. R. Lange, Dieben.