Oie Heimat.
Von Friedrich Hölderlin.
Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom. Bon Inseln fernher, wenn er geerntet hat;
So kam auch ich zur Heimat, hätt ich Güter so viele, wie Leid, geerntet.
Ihr teuern Ufer, die mich erzogen einst, Stillt ihr der Liebe Leiden, versprecht ihr mir, Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich Komme, die Ruhe noch einmal wieder?
Am kühlen Bache, wo ich der Wellen Spiel, Am Strome, wo ich gleiten die Schiffe sah, * Dort bin ich bald; euch traute Berge, Die mich behüteten einst, der Heimat.
Verehrte sichre Grenzen, der Mutter Haus Und liebender Geschwister Umarmungen Begrüß ich bald und ihr umschließt mich, Daß, wie in Banden, das Herz mir heile.
Ihr treu gebliebnen! Aber ich weiß, ich weiß, Der Liebe Leid, dies heilet so bald mir nicht, Dies singt kein Wiegensang, den tröstend Sterbliche singen, mir aus dem Busen.
Denn sie, die uns das himmlische Feuer leihn, Die Götter schenken heiliges Leid uns auch, Drum bleibe dies. Ein Sohn der Erde Schein ich; zu lieben gemacht, zu leiden.
Hermat und Abschied.
Aus Christoph Michels Erinnerungen.
Von Hans Brandenburg.
Zwei Menschen hatten sich in dem kleinen römischen Fremdenheim kennengelernt und waren Freunde geworden. Wie ich ins Cafö Greco wollte, rief eben der Zeitungsoerkäufer Oesterreichs Kriegserklärung an Serbien aus. Ich packte, und Maria packte auch.
Wir gerieten in einen Sturm der abreisenden Landsleute und erkämpften uns, über Wälle von Gepäckstücken steigend, noch zwei Plätze im Nachtzug. Maria wollte die Fahrt unterbrechen, um mich heimzubegleiten, um mein Dorf und Häuschen kennenzulernen; der Uebergang über'den Brenner und die Grenzen zwischen Oesterreich und Deutschland würden ja nicht geschlossen werden. Ich nahm ihre Absicht, die sie mir erst unterwegs verriet, als Ueberrafchung und Glücksgeschenk entgegen, und doch erschreckte sie mich, denn ich hatte über mein Zuhause nur Andeutungen gemacht und konnte sie auch jetzt nur durch gelegentliche Entschuldigungen unserer kleinen und traurigen Enge ergänzen. Aber Maria ergriff lächelnd meine Hand, sie hielt sie lange, wir schwiegen.
Am nächsten Tage gab es zweimal, vor und hinter der Grenze, einen langen Aufenthalt: Soldaten, erst italienische, dann österreichische, suchten den ganzen Zug nach Waffen und Spionen ab, und die österreichischen auch nach feindlichen Ausländern. Und als wir uns Bozen näherten, sahen wir die ersten Einberufenen in vollen Cisenbahnzügen; wir fahen sie mit ihren Koffern und Kasten und hörten sie den brausenden Jubel der nach- winkenden Menge erwidern. — Diese Züge verstopften den Bahnhof und unsere Einfahrt. Aber schließlich kamen wir an. Es war am frühen Nachmittag.
Ich brachte eine köstliche Beute heim — ich brachte sie heim — heim zu mir: es war mein Heim, kein enges dürftiges Häuschen bloß, dessen ich mich geschämt hätte, sondern mein Reich, meine Herrschaft, mein Besitz. Und der Krieg hob mich hoch über alle Grenzen und Gültigkeiten. Ich war mit Maria allein aus der Welt ober wie außer der Welt. Dort gehörte mir nichts als das Leben und mein Begehren, dort gehörte sie mir.
Ich führte sie unter Umgehung des Dorfes, der Straße und des Wirtshauses auf holprigen Steigen zwischen Weinbergsmäuerchen, durch diese Bachbetten der augustheißen Sonnenflut. Mir war, als ob Sonne, Lava, niederrinnende Traubenhitze und mein kochendes Blut den vertrauten Grund durchschwemmten und meine Füße mit sich rissen, bis die geschlängelte Strömung nach einem rückwärtigen Bogen um mein Haus mit uns über die brennende Schwelle münden würde wie in die unterirdische Herzkammer alles Feuers. Aber ich mußte Maria vor der Tür stehen lassen und lief allein die paar Schritte zum Wirt, den Schlüssel zu holen.
Der Alte, den ich erst wer weiß wann wiederzusehen geglaubt hatte, konnte mich nun also schon lange vor dem letzten Ferientage begrüßen. Er empfing mich jedoch wie einen längst Erwarteten: „Da bist ja, Lehrermichel", und fügte strahlend hinzu, als sei das Schöne an diesem Wiedersehen, daß es kurz oder gar das letzte war: „Gelt, einrucken willst?" Ich aber gab keine Antwort, sondern entriß ihm nur den Schlüssel und lief zurück.
Maria, die heimlich wartende, lächelte mir mit bleichem Gesichtchen entgegen. „Zu Hause!", sagte sie. Leise klang es und meinem Ohr wie ein Lockton. Sie stand gleichsam Wache haltend an der Pforte des Paradieses, ich reichte ihr den Schlüssel, sie sollte aussperren und mich einlassen.
Da schlug aus der geöffneten Tür ein süßlicher, dumpfer Moderduft mir entgegen. Maria riß alle Türen und Fenster aus, das Häuschen wurde luftig-durchsichtig, es hing wie ein Vogelbauer über der Tiefe, die herauf- und hereinbrach mit Weingärten und grünen Matten und Schlössern und Dörfern, mit dem Eisackfluß drunten und mit den Kastanienwäldern und dem Schiern und dem Rosengarten darüber und mit den phantastischen Säulen der Erdpyramiden in der Nähe.
Draußen beim Gang über dem offenen Lande erzählte ich meine ganze Kindheit und Jugend. Es war ein Vertrauen, wie man es nie ober nur ein einziges Mal im Leben unb nur einem einzigen Menschen schenkt, biefem damit allerdings fein ganzes Leben und Herz ausliefert.
Erft in der Dunkelheit, da ich heute nicht gesehen werden wallte, führte ich Maria durchs Dorf und zeigte ihr auch die Schule, wenigstens von außen. Die Sommergäste waren abgereist, wir würden zu so später Stunde in der Gaststube allein sein, und der Wirt schien uns nicht eher erwartet zu haben. Während er auf blumengeschmücktem Tisch eigenhändig das Essen auftrug wie ein Verlobungsmahl, behandelte er Maria wie die künftige Frau Lehrer.
Spät brachte mich Maria noch bis an die Tür meines Häuschens und wünschte mir mit innigem Nachdruck gute Nacht.
Ich stand am Morgen auf, kleidete mich an und trat ins Freie. Da kam mir Maria schon entgegen. Sie wollte noch die Alm sehen, wo ich als kleiner Hirt meine Krippenfiguren geschnitzt hatte.
Wir stiegen die Weinhänge hinan und Über sie hinaus, bis wir uns in die Mattenregion erhoben, die uns mit der melodischen Verwirrung der Herdenglocken entgegenläutete. Der barbeinige Hüterbub begrüßte seinen Lehrer. Maria fragte ihn mit einem schelmischen Seitenblick auf mich, ob ihnen der Herr Lehrer etwa sogar für seinen Urlaub und für ihre jetzigen Ferien was aufgegeben habe. „Nur ein Gedicht", antwortete das Bübchen. — „Was? Ein Gedicht? Zum Auswendiglernen? Nun, es ist ja noch Zeit bis zum Schulbeginn. Oder kannst du es gar schon?" — Und der Bub fing an zu trompeten:
„Ich bin vom Berg der Hirtenknab', seh auf die Schlösser all herab;
die Sonne strahlt am ersten hier, am längsten weilet sie bei mir: ich bin der Knab' vom Berge!"
„Bravo!", rief Maria. „Und wie hübsch paßt das zu dir hier oben. Nur weiter!" Aber da stockte er schon. Maria hatte sich auf den Boden gelegt, neben die Tränke. Sie fuhr mit Mund und Hand in den Quell, der das Farbenbad meiner Figürchen bereitet hatte, die Perlen sprühten ihr von Haar und Gesicht, Armen und Fingern, sie lachte und fuhr selber fort, und auf ihrer Zunge wurde der Schulstoff zum Urwort aus dem Born der Sprache geschöpft:
„Hier ist des Stromes Mutterhaus, ich trink ihn ftifch vom Stein heraus; er braust vom Fels in wildem Lauf, ich fang ihn mit den Armen auf, ich bin der Knab' vom Berge!"
Da es aber dem Buben nicht einzuhelfen schien, mußte ich doch als Lehrer nun auch einmal eingreifen — ein bemooster Porphyrvorsprung war mein Podium, drunten aber lag mein Spukhäuschen wie ein weißer Würfel ober nur wie ein Glimmerstückchen im Glast der Landschaft verloren:
„Sind Blitz und Donner unter mir, so steh ich hoch im Blauen hier; ich kenne sie und rufe zu:
Laßt meines Vaters Haus in Ruhl
Ich bin der Knab' vom Serge!®
„Herr Lehrer, Sie haben ja einen Vers vergessen", rief das Bürschchen keck. Ja, ich hatte vergessen, daß der Berg mein Eigentum ist, daß die Stürme ringsumher ziehen und daß, wenn sie von Nord und Süd heulen, sie doch mein Lied überschallt.
Da fiel mir Maria um den Hals und küßte mich. Hinter ihr standen im Morgenduft die Tempelbasteien und Türme von Schiern und Latemar; hinter ihr stürzte, von Rebengirlanden überringelt, die Ties in den Eisack, um sich jenseits an der Schattenseite zu den Felsenburgen in Wäldern hochzubäumen, aber Tiefen und Höhen, Himmel unb Sonne riß der kleine geschwungene Sogen ihres Munbes in sich unb in meinen Mund, er war entspannt und von Blut durchwärmt und feucht gekühlt von meinem Heimat- und Bilderguell. „Ich meinte nur den Buben!" lachte Maria.
Nach unserer Rückkehr ins Dorf wollte sie noch das Grab meiner Eltern sehen. Sie kaufte Blumen, nahm sie aus dem Tops unb pflanzte sie auf bas Grab — es war mir wie bie Opferhanblung einer Priesterin.
Ich bürste sie nur bis zu meinem kleinen Bergbahnhof bringen, das wünschte sie ausdrücklich. Sie fuhr auf ihrer Reise in das rasch von allen Seiten sich zusammenziehende Wettergewölk ihres Vaterlandes hinein, das sich in den einander jagenden Kriegserklärungen Deutschlands an Rußland, Deutschlands an Frankreich, Englands an Deutschland entlud. Als sie, von der Plattform winkend, mit dem Wagen in der Tiefe entschwunden war, setzte ich mich wieder auf die Bank des Bahnsteiges, an der sie bis zum Einfteigen neben mir gesessen hatte, aber auf ihrem Platz, und nachdem ich mich ängstlich umgesehen, ob ich allein sei und mich auch von weitem niemand beobachten könne, kniete ich nieder und streichelte die Spuren ihrer Füße, die noch dem Sande eingedrückt waren. Ich kehrte an diesem Tage noch mehrere Male zu dieser Bank zurück, bis ich die letzte Spur Marias von den Stiefeln des Nachtrupps der ausziehenden Krieger zertreten fand. Da war es auch Zeit für mich.


