Ausgabe 
26.6.1936
 
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Auqust zu phantastischen Türmen empor, über die sich rosing schim­merndes Licht, die erste Abendahnung, breitete. Violett leuchtete ihr Fuß, und die weite spiegelnde Fläche, die reglos dalag, ehe der kleine Dampser sie zerschnitt und eine Weile wellig glitzernd hinter sich ließ, spiegelte all den Reichtum wie ganz weiche, zarte (Selbe zärtlich wider. Lächelnd lag das ferne Land im sinkenden Abend; wie Helles Gold leuchteten die ein­samen Segel, die da und dort auftauchten und gewichtslos ftumm vorüber- glitten. Die heitere Einsamkeit der Welk begann in immer schönerer Wärme aufzublühen. Neue Ufer hoben sich fern im Osten heraus; da drüben, das mußte Balga fein, wo der gestürzte Neuß von Plauen zuerst als Pfleger saß. Das da vorne war der Leuchtturm von Pillau; die Fischhausener Bucht tat sich aus und die Fahrtzeichen des Seekanals.

Der Doktor aber war müde geworden. Aus dem sinkenden Licht mit feiner strahlenden Weite stieg ihm Einsamkeit, jenes Gefühl, das zuweilen kam, wenn er in eine fremde Stadt einfuhr und nicht wußte, wo er die Nacht bleiben würde. Es erschien ihm sinnlos, hier durch die Landschaft zu ziehen und Ahnen und Schicksale von Regina Katharina Müller zu suchen, deren Blut er noch wenig verdünnt in sich trug.

Als er den Namen dachte, sah er wieder eine schlanke Gestalt und ein schmales, gespanntes Gesicht; zugleich Härte er einen Jubelruf durch einen blauen, flimmernden Seemorgen tanzen. Der wollte seltsam zu dem ernsten Gesicht passen; aber gerade wenn er an ihn dachte, zog sich sein Herz merkwürdig zusammen, und ein Gesühl stieg in ihm auf, als müßte er hingehen und in dem jungen herben Gesicht jenes andere wecken, das damals den jauchzenden Ruf in das Glück des Morgens ausgestoßen hatte.

Als das Schiff in Pillau anlegte, ergriff den Doktor eine wunderliche Hast. Er vermochte sich nicht mehr vorzustellen, daß er noch drei Stunden auf dem Dampfer durch die finkende Abendeinsamkeit fahren sollte; er nahm seinen Koffer und stieg aus. Vielleicht ging gerade ein Zug; vielleicht konnte er in Pillau zu Abend essen. In jedem Fall mußte er etwas tun, um Herr seiner Unruhe zu werden.

Eine halbe Stunde später saß er allein für sich in einem Abteil des beschleunigten Zuges nach Königsberg. Am abendlichen Haff entlang rollte er auf das Samland zu; die Burg von Lochstädt stieg dicht über ihm in den Abend lichtgrün wölbte sich junijunger Buchenwald über den Gleisen. Drüben lag schmal und abendlich weit das andere Ufer: der Doktor Ebener faß gedankenlos in feiner Ecke und fand die Situation für einen praktischen Arzt seines Alters und feiner Stellung reichlich merk­würdig. *

Diese skeptische und leicht unjunge Betrachtung überlebte aber kaum die Nacht. Als er am Morgen in dem freundlichen neuen Hospiz am Nordbahnhof erwachte der weite Platz draußen lag wieder in hellem Sonnenlicht, und die gelben Bahnen klingelten vergnügt herüber, als er gebadet hatte und unten in den zugleich behaglichen und gemäßigt eleganten Frühstücksgemächern seinen Tee und sein Ei zu sich nahm wo gab es früher derart hübsche Hotels im Osten, dachte er, wo gibt es sie in mittleren Städten, selbst im Westen?, da war die leichte Ner­vosität des Abends vergessen, der Rotwein, den er in einer einsamen Ecke des ehrwürdigen Blutgerichts tief unter der Erd' zu sich genommen hatte, ohne Rest verweht. Zu neuen Taten, teurer Heide, pfiff er vor sich hin und beschloß, mit dem nächsten Zug nach Insterburg zu fahren. Es war noch viel zu früh: der Zug ging erst in einer Stunde; so machte er sich zu Fuß auf den Weg durch die Stadt zum Haberberg und dem neuen Hauptbahnhof. Er ging behaglich den Steindamm entlang; wie anders die Atmosphäre dieser Stadt war als die Danzigs! Beinahe berlinischer, härter, energischer; da drüben war alles seiner, weicher, stiller, viel weniger von heute. Hier gab's ganz selten noch ein Stück altes Königsberg; dafür liefen viel mehr Menschen die besonnten Straßen entlang, und die Luft war ftischer, herber, gespannter. Danzig lag im Tal, wenn auch der Weichsel; Königsberg war eine Stadt auf Bergen, wenn er auch die berühmten sieben Hügel, die es hier geben sollte, nie vollzählig gefunden hatte.

Bei Lehmanns, an dem Bernsteingefchäft blieb er stehen, betrachtete die flimmernden Dinge, die da in der Sonne im Fenster lagen. Schade, daß er niemanden hatte, dem er etwas mitbringen konnte; die Ketten und Broschen funkelten [o verlockend. Schließlich riß er sich los und bog nach dem Paradeplatz ein. Er wollte die Universität Wiedersehen, an deren Brüsten er auch einmal gesogen hatte.

Dort hatte sich kaum etwas geändert. Der lange, noble Bau mit der Säulenhalle am Eingang lag nach immer hell über den hohen, gerade verblühten Fliederbüschen, in denen zur Linken das altehrwürdige Kant- Denkmal schon fast verschwand, während mitten auf dem großen Platz noch immer Friedrich Wilhelm UI. hoch zu Roß die Wacht hielt. Der Doktor mußte an den alten Studentenwitz denken, wie der Dienskmann dem reifenden Engländer, da Kant im Winter unter einem Holzsturz stand, bas Königsdenkmal als das Monument des Verfassers der Kritiken vorsührte, und auf dessen verwunderte Frage, warum man denn den Philosophen zu Pferde dargestellt habe, schnell gefaßt antwortete:Na, Mannche, der dient' damals jrad' sein Jahr ab bei de Kavall'rie." Ob es heute auch noch solche Scherze gab?

Langsam schlenderte er zum Schloßteich hinab. Sonne lag auf den grünen Anlagen und dem blauen Wasser: ein paar bunte Boote glitten barüben dahin; hell stieg der graue, massige Bau des Schlosses ins Morgenlicht. Bald danach aber stand er vor dem roten Backsteingiebel des Domes in der beschatteten Enge der alten Stadt. Hier war auch Alter; aber wie anders das wirkte als in Danzig. Der Doktor fühlte ordentlich die andere Geschichte, die diese ostpreußische Welt von der westpreuhischen sonderte. Er umwandelte die alte Kirche, ging hinein in den Hof, stand vor den ragenden weihgrauen Pfeilern der Stoa Kantiana, unter den die Gebeine Kants ruhten und über denen der Chor des Domes in den tief­blauen, fchwalbendurchflogenen Sommerhimmel flieg. Das Häuschen da drüben jenseits des Hofes war einmal die Universität gewesen; der Doktor schüttelte den Kopf. Das war noch gar nicht lange her, noch zur Zeit der 'rgroßmutter, hinter der er herreiste. Die Welt war seitdem doch anders

geworden. Er überlegte inwiefern und wußte es eigentlich nicht. Er dachte an seine Instrumente und Apparate, an die blanken Maschinen und Skalpelle; aber.wenn man die ein paar Jahre unbenutzt in einem ver» chlossenen Laboratorium stehen ließ, dann sahen sie auch um nicht anders aus als die merkwürdigen Museumsstücke von Maschinen und Instru­menten in alten Sammlungen und Alchimistenküchen. Der Doktor hatte gelegentlich skeptische 2lnroanblungen.

Die Domuhr schlug; es war Zeit, zum Bahnhof zu gehen. Vorüber an dem bunten Rathaus des Kneiphofes ging er zur Langgchfe, warf noch einen Blick auf die Süßigkeiten im Schaufenster von Plouda, beschloß im Vorbeigehen, am nächsten Tag bei Jüncke zu frühstücken und wieder einmal den Blick auf den Pregel und seine Dampfer und drüben die Speicher zu genießen. Dann stand er vor dem langen, neuen Backstein- bahnhof, der noch beinahe am Rande der Stadt lag, und wenige Minuten päter rollte er durch die sonnige, grüne, leicht gewellte Landschaft nach Insterburg.

Er war nie dort gewesen und wanderte vom Bahnhof zur Stadt mit einem richtigen Fremdengefühl. Es gab nicht viel zu fetten; nur ein moderner großer Bau mit flachem Dach erregte feine Bewunderung. Hier hätte er so etwas nicht vermutet. Dann stand er am alten Markt, be­wunderte den schönen, wie mit Spitzen gemusterten Giebel neben dem schweren, alten Turm der lutherischen Kirche und beschloß, erst einmal etwas zu essen, ehe er wieder auf die Ahnensuche ging.

Im Hotel Dessauer Hos fand er einen angenehmen Platz, ein kühles Bier und einen älteren Kellner, glatt rasiert, mit dünnem, grauem Haar und goldgefaßter Brille, der sich seiner so diskret-fürsorglich annahm, daß der Doktor, als die bestellten Frankfurter Würstchen tarnen, vertrau­ensvoll ein Gespräch begann und es nicht zu bereuen hatte. Er erfuhr alles, was er wissen wollte; das Pfarramt sei drüben, gleich neben der Kirche es kämen jetzt oft Herrschaften, die Auskunft über ihre Groß­eltern wollten. Es wäre nur ein Glück, daß die Russen 1914 nichts ver­brannt hätten, als sie hier waren. Jawohl, hier in diesem Hotel hätten Nikolai Nikolajewitsch und Rennenkamps gewohnt und regiert, später auch Hindenburg und Ludendorff. Nein, er fei damals nicht hier gewesen, er war selbst im Feld, im Westen, und [ei jetzt zum ersten Male in Inster- bürg tätig.

Herr Müller", klang eine hohe weibliche Stimme aus dem Raum hinter dem Büfett.

Der Doktor zuckte leicht zusammen, als sein freundlicher Mentor dem Rufe folgte. Er sagte sich, daß Müller ja in der Tat ein sehr häufiger Name sei; aber er nahm es doch für ein gutes Omen, daß der erste Jnsterburger, mit dem er gesprochen hatte, den zwiefach teuren Namen trug.

Beim Zahlen fragte er den alten Herrn, was es sonst hier in der Stadt zu sehen gäbe. Der freundliche Mann lächelte aufrichtig: das sei nicht allzuviel. Er könnte hinüber nach Oeorgenburg, ins Instertal, nach dem Sportplatz ja, und bann sei da die große Landesfrauenklinik; aber da müsse man wohl den Professor Stempel vorher fragen, ob man sie besichtigen dürfe.

Stempel?" fragte der Doktor Ebener nachdenklich,Stempel?

Ja, so heiße der Direktor.

Ob der aus Freiburg gekommen sei?

Herr Müller lächelte diskret: Kenntnisse auf dem Gebiet der medizi- nischen Personalien gingen über fein Ressort hinaus. Aber wenn der Herr Wert darauf legte, wolle er sich gerne erkundigen.

Der Herr legte keinen Wert darauf. Er dankte und meinte, er werde selber nachfragen. Er schob dem leicht Erstaunenden einen Obolus zu, der offenbar Jnsterburger Gewohnheiten übertraf und den freundlichen alten Mann beim Ueberreidjen des Hutes fieberhaft nach einer paffenden Titulatur für so viel Großmut suchen ließ. Dann stand der Doktor der Medizin Georg Ebener wieder draußen im Sonnenschein und bald daraus in der ihm nun bereits vertrauten Atmosphäre von fernem Pfeifentabak, altem Papier und ein wenig Menfchenluft, die offenbar allen Pfarr- kanzleien gemeinsam war.

Die Sache war diesmal ohne geistlichen Beistand nicht so einfach. Der Herr der Jnsterburger Kirchengefchichte, ein großer ruhiger Mann mit langem blondem Schnurrbart, fah offenbar die Wichtigkeit der For­schung nach den Vorfahren der Frau Regina Katharina Müller nicht ganz ein. Er holte wohl wortlos die gewünschten Registerbände heran; aber er überließ die Arbeit ohne menschliches Mitgefühl gänzlich seinem Gast, der von Berufs wegen an das Wälzen und Lesen alter Handschriften eben­falls nicht gewöhnt war.

Als eine Schwarzwälder Uhr über dem Schreibtisch laut und un­zweideutig einen einzelnen Schlag von sich gab, äußerte der Blonde ebenso laut und unzweideutig, fr müsse jetzt schließen; er ginge zum Essen.

Wann er denn wiederkäme?

Um drei!", lautete die lakonische Antwort.

Ob er, der Doktor, nicht inzwischen dableiben und suchen könne.

Nei."

Er könne ihn ja einschliehen.

Nei."

Diese Tonart der weiten Ebenen reizte den ostpreußischen Anteil in dem Doktor Ebener allmählich auf. In seine Stirne gruben sich eben­falls zwei Falten, und er fragte, wo der Pfarrer wohne. Das werde ihm denn doch allmählich zu dumm.

Der Mann mit dem blonden Schnurrbart bekam auch Falten in die Stirn. Der Pfarrer wohne nebenbei; aber der esse jetzt auch Mittag. Und vor drei gäbs nuscht.

Der Doktor nahm feinen Hut und erklärte, das würde er ja sehen.

Der Mann nahm seine Kopfbedeckung und sagte gar nichts.

Wie der Pfarrer hieße.

Bethke", kam es trotz des zweisilbigen Wortes einsilbig zurück.

(Fortsetzung folgt.)