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SietzenerZamilieMätter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang 1936 Zreitag, den 26. )uni Nummer §8
Oie Kchrt nach öer Ahnfrau
Erzählung von Paul Fechter
Copyright 1935 by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
4. Fortsetzung.
Segel tauchten auf dem Haff auf, niedrige, braune, über kleinen schwarzen Kuttern, die seltsam zu acht oder zehn zu weiten Kreisen angeordnet fuhren. Fischer, die ihre Netze auslegten, beugten sich aus den Booten und gaben wunderliche Schattenrisse gegen das Helle Wasser. Fern glitt ein Zweimaster dahin mit Hellen Segeln; drüben auf Elbing zu qualmten Bagger bei ihrer geruhigen Arbeit. Zuweilen kreischte eine Möoe über ihm, sprang ein Fisch kurz aus dem Wasser; sonst glitt der Dampfer stumm durch die Sommerwelt des eigenen Rauschens. Wie am Bodensee, dachte der Doktor und lehnte dann selbst den Vergleich ab. Dies war doch noch ganz anders.
Naher kamen die Berge über dem Haff. Sie standen gegen die Sonne; das Licht glitt in der Neigung ihrer Hänge an ihnen hinab, so daß zuweilen ein Dach hell aufgleiste, ein Feld unerwartet grün aus dem Lichtnebel schien. Die Nehrung begann ebenfalls anzusteigen; Dünen trugen den Kiefernwald höher empor. Der Doktor fing an, die Sandberge zu suchen, die sie als Kinder immer von drüben, von der Höhe aus gesehen hatten, und über die die See herüberblickte. Er fand sie nicht; das Grün der Wälder zogen sich weiter und weiter. Wie hieß doch die große Düne da bei Kahlberg? Das Kamel — richtig; er hatte sich mit seinen Kusinen immer gezankt, welche Höcker mit diesem Namen eigentlich gemeint seien. Wo mochten die jetzt sein, Anna und die dunkle Luise, für die er einmal in einem Jahr die ganzen großen Ferien hindurch geschwärmt hatte. Wunderbar war's gewesen, die Welt war nie so schön — bis er ihr einmal im Uebermut und beinahe aus lauter Liebe den kleinen, kalten Frosch in den Ausschnitt geworfen hatte. Da hatte sie geschrien und war die letzten Tage böse mit ihm gewesen, und zu Weihnachten hatte sie sich verlobt; daran war aber kaum der Frosch schuld gewesen.
Georg Ebener suchte wieder mit seinem Glas die Stätten seiner Jugend, aber er fand sie nicht. Wo mochten die guten Mädchen jetzt wohl fein? Seltsam, wie wenig man von alledem behielt, was man einmal im Leben gestreift hatte. Offenbar gingen nicht nur im Krieg Verwandte und Vorfahren verloren. Aber er beschloß doch, auf der Rückreise von Elbing aus einen Abstecher nach Schönwalde zu machen; er wollte wenigstens sehen, wie es jetzt dort aussah.
Vor ihm tauchte ein kleiner runder Bau im Haff auf. Er war weiß mit ein paar kleinen roten Flecken dazwischen, hatte etwa die Form eines flachen Napfkuchens, auf den man eine kleine Laterne gestellt hatte. Es schien ein Schiffahrtszeichen zu fein, vielleicht eine neue Boje für die Eibinger Dampfer, um die sie nach Kahlberg einbiegen muhten. Der Doktor sah gespannt hin: als aber das Schiff nah herangerauscht kam, stiegen auf einmal wie ein schneeweißer Springquell Hunderte von Möwen von dem plötzlich grellrot daliegenden Seezeichen empor. Eine kreischende, weihe, in der Sonne funkelnde, grau und rötlich durchsetzte Wolke hob sich mit einem elementaren Schwung von dem Rastplatz im Wasser empor und löste sich, nach allen Seiten flatternd, leuchtend, taumelnd, fallend, wieder emporschnellend auf. Eine Minute später saßen überall die weißen Flecke der ruhenden Vögel leise wiegend auf dem hellbraunen Wasser, und die alte rauschende Stille war wieder um den wartenden Mann.
Der Doktor merkte bald, daß seine Vermutung über den Zweck des Möwenturmes richtig war; die „Cito" bog um ihn herum, von ihrer bisherigen Fahrtrichtung ab und nahm ihren Kurs auf die Nehrung. Höher und höher hoben sich die Dünen heraus; Georg Ebener sah, warum er vergeblich den Sandrücken des Kamels gesucht hatte. Es gab keine Wanderdünen mehr, alles war weithin bewaldet: der Leuchtturm ragte nur noch mit feiner oberen Hälfte aus den Kiefern heraus, die damals, als der Doktor ein Knabe war, die Gefangenen als winzige Bäumchen immer mitten in die Strandhafervierecke gepflanzt hatten, mit denen schon damals die Dünen festgelegt waren. Der Arzt bedauerte das beinahe etwas; in feiner Seele schwang noch das alte Bild, und er vermißte es. Er hatte bisher, ohne zu denken, die Landschaft als etwas Unvergängliches betrachtet; hier kam ihm zum Bewußtsein, daß sie sich ebenso wandelte, änderte, neue Züge bekam wie der Mensch, wie er selber. Wer weiß, ob ihn die kleine Kusine mit dem Frosch im Ausschnitt so ohne weiteres wiedererkannt hätte, wenn sie ihm jetzt hier irgendwo begegnet wäre.
Mit einiger Umständlichkeit legte der Dampfer am Landungssteg in Kahlberg an. Cs war ein richtiger, solider, fester Damm, nicht mehr das alte, leichte Holzgerüst, von dem die Schritte der Wandernden so schön laut und weit durch den Abend zu hallen pflegten. Der Boden war festgestampft.
ein richtiges kleines Haus stand am vorderen Ende mitten darauf, und sogar Pferde gab es am Dampfer. Am Steg entlang lagen mit leuchtend weißen Segeln allerhand elegante Jachten und Kutter, und die bunten Häuschen an den Höhen der Dünen hatten sich auch vermehrt; sie zogen sich weit über den Leuchtturm hinaus, der früher ganz draußen lag, fast bis zum Kamel hin.
Auf dem Stegkopf stand eine Menge Menschen. Fischer, die neue Mieter erwarteten, Sommergäste, Fremde, junge Mädchen, Herren in hellen Anzügen. Der Doktor Ebener musterte sie kritisch und aufmerksam. Er kannte niemand. Er ließ die jungen braunverbrannten Mädchen Revue passieren, ob nicht irgendwo ein bekanntes Jugendgesicht auftauchte; aber vergeblich. Erst allmählich begriff er, daß er seinen Jahrgang unter den älteren Semestern mit Sonnenschirmen suchen mußte, die majestätisch weiter entfernt im Hintergründe standen. Das kränkte ihn; in diesen Junitagen seiner Ostfahrt hätten sie eigentlich auch wieder jung sein müssen.
Dann brüllte die „Cito" nach längerem, asthmatisch zischendem Vorversuch: ein paar Tücher begannen zu winken, die Räder drehten sich mit lautem Rauschen — die Fahrt ging weiter. Langsam glitt die Nehrung mit den Binsenvorseldern wieder zurück, langsam stieg drüben im Sonnenlicht rötlich leuchtend der Giebel und der Turm des Domes von Frauen- burg höher ins Licht.
Frauenburg, dachte der Doktor, Kopernikus, und war im Innersten etwas verwundert, daß hier so etwas entstanden war. Aber Königsberg war ja auch nicht weit, und da hatte es Kant gegeben und andere tüchtige Leute, und die medizinische Fakultät hatte auch keinen schlechten Rus.
Er sah nach der Uhr; die Mittagszeit war längst vorüber. Er hatte zwischendurch gefrühstückt; jetzt verspürte er einen nicht unbeträchtlichen Hunger. Er machte sich auf die Suche nach einem Büfett: ein Mädchen in einer kleinen Kombüse, aus der es stark nach Bier roch, erklärte ihm, er könnte belegte Brote, warme Würstchen ober Soleier haben. Er entschied sich in Erinnerung an junge Tage für ein Schinkenbrot und zwei Soleier — „mit Mostrich". „Na jewiß", sagte das Mädchen. Dann ging er wieder an seinen Platz vorn am Bug des Schiffes, obwohl er fühlte, wie Luft und Wind und Sonne sein Gesicht bereits kräftig in Arbeit genommen hatten.
Zur Rechten zog ferne die Bischofsstab! Frauenburg vorüber; die Höhe blieb zurück. Einmal tauchte noch in seinem Glas die Sabiner Kirche auf; bas Ufer würbe flach, flacher als brüben bie Nehrung, von ber jetzt ein Stückchen weißer, unberoalbeter Düne hell herüberleuchtete. Er fragte einen Jungen, ber aus feiner Tonne Wasser holen kam. „Das be Sßanberbien’ von Narmeln", sagte er, erstaunt, baß jemanb so etwas nicht wußte; „bie bleibt so."
Der Doktor nickte. Er begann mübe zu werben: bie weiche, warme Luft, bas gleichmäßige Rauschen, bie blenbenbe Helle über bem weiten Wasser lösten fein Denken auf, so baß er sich selbst wie eine böfenbe Möwe vorkam. Er starrte gerabeaus in bie Firne, wo Wasser unb Himmel zusammen- flossen. Traumfetzen hoben sich in fein waches Dasein, brachen roieber ab: ein Auge versuchte sich flatternb zu schließen — ber bumpfe Gang ber fernen Maschine würbe beinahe zum Gang bes eigenen trägen Herzens.
Dann kam bas Essen unb ermunterte ihn roieber. Das Solei hatte einen grünlich-gelben Kern unb roch genau wie in feinen Kinbertagen, unb ber Schinken ebenfalls. Er aß unb sah, wie bie Wasserfläche vor ihm langsam bie Farbe wechselte, wie sie aus bem lichten Grüngelb ins perl= muttrig Silberne über bem Spiegelbilb ber großen weißen Wolken hinüber- glitt, mit benen sie in ber Ferne in eins zu verschweben schien. Seitab tauchten fern unb klein ein paar Häuschen am Lanbe auf, Bäume schwebten über ben Wassern in ber Luft wie eine zierlich-unwirkliche Fata Morgana. Dort könnte Braunsberg liegen, bachte er unb war babei weit weg von sich.
Ob er es wagen sollte, einen Kaffee zu trinken? Er überlegte eine Weile, soweit sein sommerliches Gehirn bazu imstanbe war; bann brachte er bem Mäbchen sein Eßgerät zurück unb erbat sich wirklich einen Kaffee. Als er zu feinem Platz zurückkehrte, folgte ihm eine Riefentasse mit fernen Blütenerinnerungen in ber Form unb einem leicht gewellten Rand — unb ihr Inhalt schmeckte auch genau wie einst vor breißig Jahren in Neusrhrwasfer ober Kabinen ober oben in Panklau.
Auf einmal fuhr er auf: er mußte geschlafen haben. Der blenbenbe Sonnenffreif auf bem Wasser hinter bem Schiff war gelber geworben, schien nicht nur fo burch ben Qualm ber „Cito": bie Sonne begann, sich bem Abend zuzuneigen. Die große Tasse stand glücklicherweise noch heil zwischen seinen Füßen, genau so, wie er sie hingestellt hatte.
Der Doktor begann sich zu langweilen. Er hätte doch ben Zug nehmen sollen, bann läge" biese lächerliche Entfernung längst hinter ihm. Ober bas Flugzeug, bas ba brüben jetzt gerade über der Nehrung entlang kroch. Das brauchte keine Stunde, während er jetzt einen ganzen Tag brauchte.
Aber bann kamen bie stillen Stunben bes Lichts. Das Haff fing an, in immer neuen Farben aufzuleuchten wie bie Wolken, bie allmählich bas kühle Weiß bes Morgens unb bas fachlich lichte (Brau des Mittags verloren. Sie wuchsen mit scharfen, leuchtettben Rändern beinahe Ä)ie im
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