Ausgabe 
25.5.1936
 
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Derantwortlich: Dr. HanS Thyriot. Druck und Verlag: Drühl'sche Univerfitäts-Duch- und Eteindruckeret.R. Lange, Dieben.

Der Bauer sank In die Fron, und der Ritter wurde sein Herr; bei hörige Mann in der Stadt hob seinen Stand in den Stolz einer neuen Bedeutung: Stadtluft macht frei! stand über dem Tor, aber der Burger machte sich selber die Luft. . .... ..

Und als er frei war, nahm er die schonen Dinge der Freiheit anders zu Hand als der Ritter; der Ritter war Einer im Kreise seiner Burg, er aber war in den Mauern der Stadt die Gemeinschaft.

Er konnte mit hundert Händen das ©einige halten, mit hundert Augen und Ohren das Dasein bewachen; er konnte verhundertfacht fühlen und wollen und über die einzelne Tat das Richtmaß gemeinsamer Täglich- leit stellen. , ,, .... .

So wuchsen Gassen mit Giebeln und Brunnen, so wuchsen Rathauser steinern und stolz, so wuchsen Kaufhallen mit zierlichen Lauben, so wuchsen die bunten Stuben der Zünfte und der prunkende Saal der Geschlechter.

So wurden Schulen, die Kinder zu lehren, und Krippen der Wissen­schaft, so wurden Bauhütten mit Zirkel und Richtscheit, so wurden Werk- statten, die schönen Gewerke und hohen Künste zu üben.

So wurden die Städte Lebensgewalten, so kam die Bildung der Bürgerschaft zu, so wurde der deutschen Seele neue Wohnung bereitet.

Die Gilde.

Tauschen und täuschen galt gleich vor der Zunft; aber im Rathaus stand die Waage, den Pfennig zu wiegen, in den Gewölben boten die Händler römische Seide und englisches Tuch feil: wo es der Zunft wohl- ging, hatte der Kaufmann den Wohlstand bereitet.

Denn die Stadt hielt den Markt für die Landschaft; Bauern und Ritter kamen zu kaufen, was Acker und Weide nicht gaben.

Schiffe brachten den Wein und Wagen das Tuch zu Gewändern, Saumtiere trugen Gewürz und feine Gewebe, auch köstliche Steine und Silber: die Gaben des Wohlstandes gingen dem Händler mit reichem Gewinn durch die Hände. , . o

Für die Marktsicherheit sorgte der Stadtherr, aber draußen tm Lande war das Gut der Schiffe und Wagen gefährdet: ungerechte Zolle, biebische Herbergen, gewalttätige Räuber lagen ihm auf, und schlechte Markt- knechte brachten den Händler um seinen Gewinn.

So mußte der Stand dem einzelnen helfen: den Zünften der Hand­werker gleich hatten die Händler den uralten Geschlechteroerband lebendig gemacht in den Gilden; die hielten der Waage daheim das Recht und den Nutzen und reichten mit silbernen Händen hinein in die Fremde.

In Wisby auf Gotland, in Nowgorod weit in der östlichen Kalte, in Venedig und London standen die stolzen Häuser der Gilde, und über das Reich war das Netz ihrer Geltung gebreitet.

Den Kaufmann des Kaisers hießen sie draußen den Gildegenossen: und wie der Ritterstand Ehre und Ruhm eintrug, so war der Kaufmann des Kaisers im Abendland ehrlich geachtet.

Der Ritter trug Lanze und Leben im Dienste der Lehensgewalt: fein Stand war mächtig, weil ihm der einzelne Ehre und Tapferkeit zutrug: der Kaufmann faß in der Gilde geborgen, wo er auch war: der einzelne galt in der Welt, weil ihm der Stand Schutz und Geltung verschaffte.

Der Ritter diente der Ehre, der Kaufmann dem Nutzen; aber die Gilde war auch ein Reis der freien Gemeinde: Huld und Treue zwangen den Pfennig, dem Taler der Gilde redlich das feine zu halten; und das Wort war ein Mann, auch int Nutzen.

Die Hansa.

Seit Heinrich dem Löwen war Lübeck die Fürstin der nordischen Länder; durch Friedrich den Sizilianer zur Freien Reichsstadt erhoben, ließ sie den zweiköpfigen Adler über der kalten Meerkuste flattern.

Lübifches Recht galt in den Städten der Ostsee, lübische Gilden hatten bis Bergen hinauf die stolzen Kaufhallen gebaut.

Lübeck, Wisby und Rügen schlossen zuerst den Bund des gemeinen Kaufmanns gegen den dänischen König und wußten ihr Nechi mit dem Schwert trotz Kaiser und Fürsten zu wahren. _

Hansa, das ist Schar, hießen sie ihre Gemeinschaft, und so gluckte dem lübischen Rat die Geltung der Schar, daß die Gesandten der Könige kamen, mit ihm zu verhandeln.

Aber danach war Waldemar Kömg der Danen, den sie Atterdag nannten; er trat dem hansischen Hochmut die Haustür ein: Wisby auf Gotland ging der Hansa verloren, die hansische Flotte wurde bei Helsing- borg bitter zur Demut genötigt. ,,

Fünf Jahre lang lag der hansische Hochmut darnieder, bis Winrich von Kniprode ihn wieder weckte: mit kluger Verhandlung und zündender Rede brachte der starke Deutschordensmeister die Städte der Ostsee noch I einmal zusammen, das preußische Schwert an die Geltung der Hansa zu ma ©o' tarn über Nacht die hansische Tagfahrt in Köln zustande: sieben­undsiebzig Städte beschworen der Hansa den Bund; so übergroß wuchs die Macht der Kontore, daß Waldemar den Kampf nicht mehr wagte.

Im Frieden zu Stralsund wurde den Dänen die hansische Rechnung gemacht; die Kaufleute zwangen den König, mit gutem Silber zu zahlen, und waren hochmütig genug, niM handeln zu lassen.

Seit dem Tag von Stralsund wehte die hansische Flagge über den nordischen Meeren; sie kam herein in den Hafen, wie der Fürst ins Gefolge, wie der Mond in den Sternenplan steigt.

Die hansischen Herren ließen dem Kaiser das Reich und den Fürsten die Ritter: sie blähten die Segel im Wind und hingen die Wimpel der Schiffahrt aus an den stolzen Rathäusern.

Die Welt war weit, und der Reichtum stand in hundert Höfen gestapelt: die Hansa brachte ihn ein von den kältesten Küsten; Wikingerlust im Bürgerkleid saß in den reichen Kontoren, die Sagen tollkühner Fahrten standen vergüldet im hansischen Glück.

Dem Abenteuer der Staufer verbrannten irrt Süden die Flügel, das Abenteuer der Hansa trug Schnabel und Krallen des Reichsadlers noch manches Jahrhundert.

Astniml über mfr von unzähligen Sternen wimmelt, der Wind saust | durch den weiten Raum, die Woge bricht sich brausend tn der weiten Nacht, über dem Walde röthet sich der Aether, und die Sonne erleuchtet die Welt; das Thal dampft und ich werfe mich im Grase unter funkeln­den Thautropfen hin, jedes Blatt und jeder Grashalm wimmelt von heben, die Erde lebt und regt sich unter mir alles tont in einem Aecord zusammen da jauchzet die Seele laut auf und fliegt umher in dem unermeßlichen Raum um mich ..."

Im Jahre 1810 vereinigten sich auf dem Monte hinein zu Rom bie deutschen Maler Friebrich Overbeck, Philipp Veit, I. v o n Führich, Eduarb Steinle, Wilhelm S ch ab ow , Cornelius und Schnorr von Caro, sfeld zu einer Kunstlergememschaft, bie von ben gegnerischen Klassizisten spöttischNazarener genannt würbe Diese Malergemeinde forderte an Stelle der entseelten Formenschonhelt vor allem wieder Gefühl und Empfindung in der Sunft Unb ihre For­derung wirkte wie ein Magnet. Nach hatten nach Rom und m d.e Nähe dieses Kreises zu kommen, war die höchste Sehnsucht so vieler aus der Heranwachsenden Malergeneration. Man kann sich nicht genug den unvorstellbar trockenen Akademismus deutscher Kunstschulen ver­gegenwärtigen, wo ein Ludwig Richter noch in der Landschaftsklasse mit dem unentwegten Studium des Baumschlagzeichnens nach Vor­bildern in dergerundeten Lindenmanier" undgezackten Elchenmanler geschunden wurde, um jene oft schon verzweifelt anmutende Sehnsucht nach demgoldenen Süden" recht zu begreifen. In Scharen zogen sie aus, umdas neue Licht an feiner Quelle zu schauen . Richter, von dem diese Worte stammen, schildert uns einen solchen Aufbruch. Namen, heute zumeist verweht, in einem Jahr (1823) und aus etner ©taöt. Es heißt da:Von Dresden waren bereits die Mecklenburger Schumacher und Schröder, der Hamburger Flor, der Meininger Wagner und Draeger (aus Trier) abgereift. Dehnte und der Landschaftsmaler Heinrich folgten; auch Lindau unb Bertholb aus Bresben hatten bem allgemeinen Zuge nicht wiberstehen können unb hatten, letztere beiben mit wenig Talern in ber Tasche man sagte zwanzig bis breißig, ben weiten Weg per pedes apostolorum zurückgelegt. Meist bei gutherzigen Bauersleuten I nach angestrengtester Wanberung einkehrenb, mit Brot, Fruchten unb Milch sich nährenb, hatten sie bas Ziel erreicht."

Im Jahre barauf roanbert Richter selbst von München aus zu Fuß über Salzburg, burch bas Zillertal, Jnntal unb über ben Brenner nach Italien 1826 kehrt er roieber aus Rom zurück. Eine zehrenbe Sehnsucht nach Italien wirkt in ihm nach, bis ihm auf einer Ellstalwanberung bie eigene Schönheit ber beutschen Lanbschaft aufgeht; er matt jetzt fern Bilb Uebersahrt am Schreckenstein".

Unb roieber ist Lubroig Richter auf Wanderungen, diesmal kreuz und quer durch Franken, den Harz und das Riesengebirge. Einereiche Aus­beute von Bildern und Erlebnissen aus dem deutschen Volksleben hat er nach seinen eigenen Worten, gewonnen, und er will bie malerischen Gegendenin Verbindung mit den Volkstrachten, Festen und Gebräuchen zu einem poetischen Gesamtbilde" verarbeiten. Eine große, entscheidende Wendung war eingetreten: die Kunst der Romantik kam wieder zum Volke.

Erstrebten nicht jene Nazarener in Rom dasselbe? Manchmal er­scheinen sie, besonders im Urteil der Nachwelt, fast als Abtrünnige im großen Aufbruch ber beutschen Romantik. Aber haben sie nicht, aus beut- schem Herzen, Gefühl unb Empfinbung roieber für bie Kunst geforbert? Haben sie nicht auf ben bamats fast vergessenen unb nicht verstanbenen Dürer gedeutet als Inbegriff deutscher Kunst! Im übrigen: man wird diesen Nazarenern und ihrer Bedeutung für bie Erneuerung ber beut­schen Kunst so wenig gerecht, weil man immer nur auf ihre großen Wandmalereien blickt, in benen auch sie sich selbst so wenig gerecht wer­den konnten. ,

Verborgen in den Schränken der Museen aber ruht ihr zeichnerisches Werk, bas als Buchillustration ober selbstänbiges Mappenwerk einst hie weiteste Verbreitung im Volk gesunden hatte. Unb hier verwirklichten sie ihren Traum von nationaler Kunst Nur ein paar Hinweise: bas Nibe­lungenlieb wirb zum Gegenstanb einer Bilderfolge gemacht von Peter Cornelius (1817 in Rom entstanden) und von Schnorr von C a r o l s f e l d (1840), außerdem auch von Alfred R e t h e l (1840). So­dann hat Cornelius die Faustdichtung illustriert (1811), während I. v o n Führich GoethesHermann und Dorothea" (1827) sowie das Volks­märchenGenoveva" (1830) zum Bildstoff nahm. Später hat bann vor allem Moritz v. S ch w i n b auf tounberbarfte Weise bie beutsche Kunst- phantasie mit ben beutschen Märchen- unb Sagenstoffen erfüllt.

Bilder aus dem deutschen Mittelalter.

Von Wilhelm Schäfer.

Die Bürgerschaft.

Der Turmbau ber Lehnsherrlichkeit war auf ben Wohlstanb ber Scholle gegrünbet; keine Burg stand anders im Land, als daß ein Ritter den Ueberfluß dessen verzehrte, was der Bauer dem Boden abrang.

Aber das Reich war noch immer bas Laub ber neblichten Wälber: mühsam unb zäh ging ber Pflug in ber Robung, inbessen bie Fähnlein ber Reichsritterschaft beutegerecht burchs Abenb- unb Morgenlanb zogen.

Das Reich war arm unb ein Bauernlanb, karg unb voll Krieger, bis ihm ber Kausmann bie Arme freimachte, bis in ben Stillsten ber Hanbel ben Reichtum, ber Reichtum aber bas stolze Gewerk ber Bürgerschaft brachte.

Die Bürgerschaft wuchs an bem Lehnsherrenbaum, wie ber Efeu am Cichenstamm wächst, unb ftanb noch im üppigen Grün, als ber Stamm ausaehöhlt unb ber rechte Ast schon oerborrt war.

Fremb unb fein im Bereich ber Bauern unb Ritter schien ihr um­mauertes Dasein bem Freienmann; aber bie Mauern hielten ber kommenden Freiheit bie Tore gerüstet.