Abendlied.
Don Willy Arndt.
Acker ruht und Wiesengrund, kühler Halm und müdes Blatt.
Stille singt mit leisem Mund, was der Lärm verschwiegen hat.
Schließ die Augen, lausche du, wie die Stimme zu dir weht — und im Dunkeln auf dich zu sanft der Atem Gottes geht.
Schlafe, schwebe auf im Raum, löse dich in Licht und Klang — Mondhorn tönt in deinen Traum und der Sterne Lobgesang.
sie aus der Wiese zu sagen, ist mehr wert wie die Kuh selber. Einmal hat ein fremder Mann im Morgenbrodstal an einer Quelle gestanden und hat ein Sieb untergehalten, in dem sind lauter Perlen gewesen. Wie er die gewaschen hat, da hat er sie in seinen Holster getan, und dann hat er sich selber die Hände gewaschen und dabei gesprochen:
Im Morgenbrodstal, da wasch' ich mich. Und in Venedigen, da drög' ich mich.
Wie er das gesagt hat, ist er mit einem Male verschwunden gewesen. Das hat ein Bergmann gesehen und gehört und hat ihm die Worte nach- gesprochen und plötzlich ist er in einer ganz fremden Stadt, wo die Leute eine Sprache sprechen, die er nicht versteht. Da begegnet ihm der Mann, den er belauscht hatte und sagt ihm, daß er in Venedig ist, und nimmt ihn in sein Haus mit, das ist ganz aus Marmorstein gebaut und alle Geräte sind aus Silber und Gold; da bewirtet er ihn und erzählt ihm, daß er seinen ganzen Reichtum aus dem Morgenbrodstal hat. Dann be= hält er ihn die Nacht bei sich, und am andern Morgen, wie er sich wäscht, da muh er sagen:
Geschichten aus dem Harz.
Erinnerungen von Paul E r n st.
Gute Sitten, Ehrbarkeit und sittlicher Stolz, die in zwar furchtbar armen, aber sichern und geachteten Verhältnissen sich durch Jahrhunderte entwickelten, gehen nicht so schnell verloren. 3" meiner Kindheit gab das noch den allgemeinen Charakter für die oberharzische Bevölkerung und ich habe Jahre gebraucht, als ich meine Heimat verließ, ehe ich mich in die ganz andere Lebensauffassung der Städte gewohnte. Diesen Unterschied von heutigen Verhältnissen muß man sich immer klar machen, wenn man an Volksleben denkt, wie es früher war.
Es taucht etwa das Andenken an einen Abend bei dem alten Klmgen- föbr in nur auf. Ein hohes Alter erreicht der Bergmann selten; die Grubenarbeit in der schlechten Lust erzeugt die „Bergsucht", an welcher die meisten um die sechziger Jahre sterben; dafür werden die Frauen oft sehr alt. Ich denke an die niedrige Stube, durch deren Tur ein großer Mann nur gebückt eintreten konnte; die Fenster sind zum Schieben eingerichtet, der häufigen Stürme wegen; in den Fensterbrettern stehen sorgfältig gepflegte Blumen, meistens die rosa Alpenveilchen, seltener die weiße Art, von der erzählt wurde, daß es unter ihnen „Bocke gebe, die tauben Samen tragen; am häufigsten waren dann noch Geranium und Rosmarin. Der Ofen sprühte eine starke Hitze aus; das Holzfeuer wurde fleißig unterhalten, denn der Bergmann erhielt fein Feuerholz für einen niedrigen Betrag und sägte und spaltete es selbst am Feierabend, so daß mit der Feuerung Luxus getrieben wurde. Das neumodische Petroleum hatte der alte Klingensöhr noch nicht elngesuhrt, er brannte noch die trübe Oelfunzel, die einst den noch alteren K,enspan abgelöst hatte. Der sechzigjährige Alte sah m einem uralten Lehnstuhl mit Schnitzerei, den ich später seinem Enkel abgekauft habe, mit andern alten heimatlichen Möbeln befindet er sich heute, von einem geschickten Tischler in Ordnung gebracht, in meinem Arbeitszimmer u"d erreA die Bewunderung meiner altertümersammelnden Freunde, die sich schwer vorstellen können, daß in so schönen Möbeln früher arme Bergleute gewohnt haben. Die fast neunzigjährige Mutter saß auf der „Hltsch dem Fußbänkchen, am Ofen, die Frau des Alten wirtschaftete rüstig n der Küche, der verheiratete Sohn paßte „Vugelhaisel zusammen, die allbekannten kleinen Harzer Vogelbauer, die Schwiegertochter strickte lange weiße baumwollene Strümpfe, die ein Unternehmer nach Leipzig brachte, und die Kinder 'aßen zu zweit auf dem noch übrigen hoch- lehnigen alten Stuhl und horchten aufmerksam auf den Erzah er; selber sprechen durften sie nicht. Da erzählte denn der Alte von der Erfindung der „.Kunst": wie früher die Bergleute auf Leitern emfuhren die im Schacht von einer gezimmerten Bühne zur andern hoch gestellt waren, und wie ein Kunstjunge die jetzige Art erfunden habe — man stelle sich ein doppeltes Gestänge vor, das von oben bis unten in den Schacht reicht und in gewissen Entfernungen mit Trittbrettern und Handgriffen versehen ist, und sich in entgegengesetzter Richtung abwechselnd von oben nach unten und unten nach oben bewegt, so, daß für einen Augenblick sich immer die Tritte gegenüberstehen und der ein- oder ausfahrende Bergmann, immer auf den gegenüberstehenden Tritt tretend, nach oben ober nach unten getragen wird. Dann erzählte er von der Kathedrale von Sevilla, denn in seiner Jugend war er in Spanien gewesen und schilderte die Pracht des verschiedenartigen Marmors, sprach auch abfällig Über den Dom von Mailand, den er selbst zwar nicht gesehen, aber ein Kamerad. Und indem eine Erzählung sich an die andere Ijangte, kam die Rede auf die alten hannoverschen Zeiten und am den geliebten König Ernst August. Da wurde die Probenbüchse — das ist eme für Die Schliegproben bestimmte holzgedrehte Büchse — aus dem Schapp geholt und ein Taler mit dem Kopf des Ernst August gezeigt und dann kamen noch andere alte Münzen zum Vorschein; in meiner Kindheit hatte fast jeder Mann einige gute alte Stücke, die aufgehoben wurden für Zeiten der Not. Manche alte Stücke, die mehrfachen Taler, welche man Löfer nannte, waren für diesen Zweck ausdrücklich geprägt und hatten em besonders schönes Gepräge, weil sie nicht von Hand zu Hand gegen mußten. Wenn heute der Bergmann seinen Lohn bekam — wennschon er höher war wie früher, was man fchuldigerweise nicht verschweigen sollte, denn einiges Gute hatten die Preußen doch an sich — so kriegte er ein paar Goldstücke: die füllten nicht die Hand, wie in den hannoverschen Zeiten die Gulden und Thaler; ganz zu schweigen daß es auch die Mathier (Vierpfennigstücke aus Kupfer), die Mariengroschen (Achtpfenmg- stücke aus Silber) und die Nappelpfennige (einseitig geprägte und deshalb hohle Stücke) nicht mehr gab. Aber freilich, der Segen beim Bergbau hatte überhaupt nachgelassen, und das war Gottes sichtbare ©trat für das Uederhandnehmen der Ruchlosigkeit; wie denn auch der Bergmann heutzutage ein Sofa haben wollte mit einem polierten runden Tisch davor. In den alten Zeiten muß der Segen ganz anders gewesen sein, nur waren die Harzer damals noch zu dumm; damals soll et Venediger gesagt haben, der Stein, den einer nach einer Kuh wirst, um
In Venedigen wasch' ich mich, Im Morgenbrodstal, da drög' ich mich.
Da ist er plötzlich wieder im Morgenbrodstal gewesen. Solche Geschichten kommen zwar heute nicht mehr vor, aber die Alten haben sie erzählt und zu ihrer Zeit sind solche Dinge geschehen. Inzwischen ist es acht Uhr geworden und die Kinder werden zu Bett gebracht m die ’Sobentanmier, wo die ganze Familie schläft, dicht unter den..Ziegeln, zwischen d-nen wohl der Wind einmal den Schnee durchblast auf die Betten der Schlafenden; und auch die Erwachsenen und die Alten denken nun an die Ruhe; da holt der Sohn, der seine Schnitzarbeit beendet hat, seine Gitarre von der Wand, der Alte nimmt die Zither, und nun folgt noch ein schönes altes Lied:
Ist alles dunkel, ist alles trübe, Dieweil mein Schatz einen andern liebt. Denn ich hab gedacht, er liebet mich.
Ach nein! Ach nein! Ach nein! Ach neinl Ach nein! Ach nein! Er hasset mich.
Die Kanarienvögel in den Bauern an den Wänden werden wach und schmettern in den Gesang hinein, und auch dann noch konn^, sie sich nicht beruhigen, wie zum Schluß der Alte aus der großen Bibel das abendliche Kapitel vorliest. Die Fröhlichkeit und Frömmigkeit sind vereinigt in diesen guten, tüchtigen Gemütern, wie das Trillern der Vögelchen zwischen die düstern Schilderungen der Offenbarung Johannis tont. Wenn der Bergmann in die Grude steigt, in seiner schwarzen Tracht, so weiß er nicht, ob er nicht in sein Grab steigt; da mag er wohl ernst werden; aber sein gläubiges Herz bewahrt ihm einen fröhlichen Sinn.
Malerei der Innerlichkeit.
Von vr. E. Gud enrath.
Es war in den ersten Jahrzehnten nach 1800, ats allüberall m Deutschland Maler und bildende Künstler den Akademiesalen und Ateliers, in denen man an Hand antiker Gipsmodelle und mythologgchec Lehr- bücher und nach den Rezepten verstaubter und verknöcherter Kunsts systeme ein natur- und vvlksfremdes klassistisches Kunstideal aufgerichtet hatte, entflohen. Die neueren Wege, die von den Malern der damaligen jungen Generation eingeschlagen wurden, waren verschieden. Mancher dieser Wege erscheint uns heute nur als Ausweg, und zuweilen war es auch ein Irrweg. Dennoch verfolgten sie ahnungsvoll dasselbe Ziel: eine " Auf Zollen ^ndstraßen wandern in jener Ze" deutsche Maler, Verbindung mit der Natur und neues Erleben suchend. Manche Gestalt erkennen wir wieder, von vielen wissen wir nicht viel mehr als den Namen und von sehr vielen wissen wir auch diesen nicht mehr. So viele waren unterwegs, und die meisten von ihnen pilgern über die ^Nur oben im deutschen Norden steht fast allein und einsam ein Wanderer auf, durchstreift das Riefengebirge, wandert an der Äreibetufte Rügens: der Greiswalder Caspar David Friedrich. Neben chrn eine kleine sehr lebendige Gestalt, der Mecklenburger Georg Friedrich K erst i n g. Er gibt uns in einer rasch gemalten Skizze ein launiges Bild von dem wandernden Friedrich, der sich die ausgezogene Jacke und die leichte Maltasche an einem Knotenstock über die Schulter gehängt hat.
Bald darauf — 1813 — ist Kersting im Lützowfchen Freikorps. Er erstürmt als einer der Mutigsten den Steimker Hügel, er erlebt aus der Nahe den Tod Theodor Körners. Von der romantisch-patriotischen Stimmung dieser Zeit zeugt sein Bild „Der Vorposten auf dem d iunae Körner darqestellt ist, von ihr berichtet auch die ,,Sran3romDerm , eine9 symbolisch gedachte weißgekleidete Mädchengestalt unter mächtigen ti'rfSie zu einem besonderen Kreis zur „n o r d deutj che n Ro ma n - tit" zählenden Maler mit der überragenden bestatt C 2 Fr.eo richs folgten nicht dem allgemeinen Zug nach dem Süden. Dortunten Ä man in der vorraffaelischen Malerei die großen Vorbildes Für die norddeutschen, sehr wirklichkeitsnahmen und sehr erdwuchsigen Romantiker aber wird die deutsche Landschast Zur bedeutungsvollsten Aus- drucksform der romantischen Sehnsucht, ^hr Vorstoß m bie La
ftiaft ist zugleich ein Vorstoß in die deutsche Seele. Durch die Jiaiur ollte da? seelische Leben der Menschen ausgedruckt werden
Einen frühen Verkünder der besonders in den Bildern Friednchs verwirklichten Maturfrömmigkeit erblicken wir in Phmpp su u n a e der nahe Friedrichs Geburtsort, in dem pommecschen Städtchen Wolgast als Abkömmling eines deutschen Vauerngeschlechts geboren wurde Und an Stelle eines Bildes von Runge sprechen auch die Wor , | mit denen er das neue Gefühl, die echt deutsche.„Empsindung des Zw I sammenhangs des ganzen Universums mit uns schildert. „-Wenn oer


