Ausgabe 
25.5.1936
 
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Die Mutter erzählt das wunderschön, wie sie also dieser Knecht aus der Kammer heruntertrug und ins Heu bettete und mit Stricken fest­band. Er war ein riesiger Mensch, schwer und viereckig wie ein Kasten. Und auf dem ganzen Wege sprach er kein Wort. Er schnaufte nur und legte sich in die Gurten mit seiner Bärenkraft, der Schnee lag knietief auf der Straße, und es schneite immer noch, aber er ging gleich einem Pflug hindurch. Schritt für Schritt, Stunde um Stunde. Manchmal blieb er stehen und blies den Schnee aus dem Bart, dann ging er um den Schlitten herum und stäubte auch die Mutter ab, so zart er es konnte mit seinen schwieligen Händen. Wie ein Vater umsorgte er sie, wie Joseph seine Familie auf der Flucht. David schlief die ganze Zeit im Schoß der Mutter, er hatte es dort warm und gut, denn die Mutter glühte im Fieber. Und alles kam ihr so seltsam vor, sie erinnert sich noch gut, wie sonderbar alles war. Die hohen Wipfel im Wald zogen über ihr vorbei, sie sahen wie geflügelte Wesen aus, wie weihbeschwingte Engel am Himmel, und sie fangen auch. Es war ja nur der Wind, der oben durch die Bäume fuhr, aber ihr schien es doch, als schwebte der Schlitten und würde auf und ab getragen, und die Engel summten und sängen lieblich dazu. Und sie sah den Mann vor dem Schlitten hergehen, er hatte seinen runden Hut ins Genick geschoben, der Schnee sammelte sich in der Krempe, und das sah wunderlich aus, wie ein Heiligenschein um feinen Kops. Dabei kannte ihn die Mutter kaum, er war ein ganz einfältiger Mensch. Nur so ein Knecht, vier Gulden Jahrlohn hatte er, David, solche Menschen gibt es. Das darf man nie vergessen, meinte die Mutter. Den ganzen Tag mühte er sich ab, der Doktor schalt ihn noch aus, weil er ihm Schnee ins Haus schleppte, als er uns vom Schlitten hob und in dem Spital durch die sauberen Gänge trug. Und am anderen Morgen stieg er dann wieder mit seinem Ziehschlitten in den Holzschlag hinauf.

Der Knecht schlug nicht etwa an die Brust und sagte, seht, was für ein guter Mensch ich bin, was für ein Wohltäter! Sondern er vergaß alles wieder. Und wenn Gott einmal seine Werke aus dem Buch lieft und sagt: selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen, so wird der Knecht gar nicht verstehen, wofür ihn Gott lobt. Herr, wird er antworten, das hat leicht geschehen können, das war weiter nichts...

Daoib löscht die Kerzen an seinem Christbaum wieder aus, bann wickelt er bie Spanschachtel unb den Blumenstock in Papier und begibt sich in das Dorf zur Krämerin. Auch er hat sein gutes Gewand ange­zogen, in diesem Jahr feiert er den Heiligen Abend dreifach. Denn später wird er noch beim Pfarrer einkehren und die Handschuhe unter den Baum legen, ganz im geheimen natürlich. Agnes braucht nicht zu erfahren, wer sich ihrer Blöße erbarmt hat. Und nur, wenn sie vor Freude außer sich wäre, und es durchaus wissen wollte, könnte er vielleicht ein Work fallen lassen, nun ja, sie seien nicht ganz schlecht. Er habe zwar schon bessere Fäustlinge gesehen, aber immerhin,.für die Not taugten sie gerade.

Aus allen Fenstern fällt warmer Kerzenschein auf den Dorfplatz. Im Vorübergehen sieht David die Leute in den Stuben vor dem Christ­baum beisammenstehen. Das Jüngste hat der Vater auf dem Arm, es hopst und kräht und greift nach den Lichtern. Und bie Mutter hat keinen Augenblick Ruhe, eines zerrt an ihrer Schürze, damit sie ihm endlich in bie neuen Schuhe hilft, unb inbeffen wird sie vom anderen beinahe erwürgt, weil sie bie Puppe noch nicht genug bewundert hat. Anderswo kommt die Sache erst in Gang. Eine Tür öffnet sich eben, ein Rudel Kinder stolpert herein, unb bahinter steht wiederum der Vater, es ist überall derselbe hemdärmelige Mann, der wohlwollend lacht und die Zigarre zwischen den krummen Fingern dreht, und es ist auch die gleiche Mutter, die irgendein Paketchen in den Händen hält und den Kopf dazu schüttelt. Denn es ist ja alles reine Verschwendung, was man ihr schenkt!

Auch in den früheren Jahren ging David um diese Stunde über den Dorfplatz, stand vor den erleuchteten Fenstern unb brückte feine Nase an bie Scheiben. Auf biefe Weise konnte er an allem ein wenig teil­nehmen, an ber Bescherung im ganzen Dorf. Er selbst hatte ja nicht viel zu erwarten, ein paar Aepsel unb Dörrbirnen vom Pfarrer, eine Hanb- voll Zuckerzeug ober etwas Nützliches, ein Paar Strümpfe vielleicht. Unb ost verging er fast vor Aufregung unb Ungebulb, wenn er mit ansehen mußte, was zum Beispiel dieser Peter mit seiner Munbharmonika an­stellte. Rein gar nichts brachte er heraus, während er, David, sicher auf bas erste Mal einen flotten Marsch aufgespielt hätte.

Aber Heuer ist es anbers, biesmal ist er nicht mit leeren fjänben unterwegs, nicht Zaungast vor fremben Häusern. Ach Gott, wie freut sich bie Mutter über ihre Schachtel, wie bestaunt bie Krämerin ben schönen Degonienstock! Wirb er nun weiß ober rot blühen? Rot, sagt David prophetisch. Wenn nicht Gott ein Wunder wirkt, um des Friedens willen.

David geht stolz und schzvitzenb in ber Stube auf unb ab, er trägt Fäustlinge an den Händen unb einen Wollschal um ben Hals, unb alles ist so überaus prachtvoll unb festlich. Der Lichterbaum, die Kerzen und bas Backwerk unb das glitzernbe Engelhaar über unb über, und ganz oben der gläserne Stern, ber sich in ber warmen Luft langsam breht. Nur biefe Zuckerkiste sollte nicht dastehen, die oerbirbt ben ganzen Ein­druck.

Aber ist es wirklich eine Zuckerkiste? David, sieh hin!

Ja, den ganzen Tag lief der Briefträger im Dorf umher, Wallner, Wallner, brummte er, ich kenne keinen, der Cornelius Wallner heißt! Zuletzt kam ihm bie Krämerin zu Hilfe. Ach, bu lieber Gott, sagte Sie, bas wirb boch nicht Davib sein? Unb sie nahm die Kiste in ihren faden.

Mit einem Wort, der Kämmerer hat sie geschickt, der Pate, und sie enthält keineswegs Zuckerstücke, obwohl das ja auch nicht übel wäre. In blinder Hast stemmt David den Deckel auf. Es ist natürlich bie verkehrte Seite, zuerst findet er nur Holzwolle, aber bann kommt es ans Licht, ein Bohrer, seht her, ein Hammer! Währenb Davib noch den Hammer -n ber Hanb hält, greift er schon nach etwas anberem. Einen Hobel, eine Zange holt er heraus, eine zerlegte Schweifsäge, ein Stemmeisen unb Feilen, unb alles, alles ist blitzblank und nagelneu. David sitzt da, er hält ein Büschel Holzwolle in jeder Hand unb ist völlig verstört unb wirr. Werkzeug, versteht ihr, was bas heißt? Das Werkzeug ist die fried­

liche Waffe des Mannes. Mit dem Hammer, dem Winkelmaß eroberte er ben Erbkreis, nicht mit bem Schwert. Inzwischen haben wir es ja weit gebracht zugegeben, wir bohren nicht mehr mühsam Löcher in Steine, um einen Ast burchzustecken. Aber im Grunde ist boch ber gewiegteste Maschinenbauer nur ein Lehrling dessen, ber den Hammer erfanb, jenes Halbgottes am Beginn der Zeit, jenes Riesen an Verstand. Unb barum ist bas Werkzeug heilig unb ehrwürbig unb unvergänglich. Der erste gab ihm bie Form. Er formte bie Axt, Schneibe unb Hefthaus unb Stiel, unb so blieb jie burch alle Geschlechter, es war nichts mehr barm zu ändern. Das Werkzeug diente dem Menschen treu, es fügte sich in seine chasfende Rechte und versagte nie.

David ist nicht mehr aufzuhalten, er muß feinen Schatz sogleich dem Pfarrer zeigen. Agathe versteht ja nicht viel davon und die Mutter noch weniger, sie tut es nur aus gutem Willen, wenn sie das Stemmeisen bewundert und meint, das sei aber ein schöner Schraubenzieher. Es ist beinahe gefrevelt, eine Lästerung, freilich nur aus weiblichem Unver- tand.

Der Pfarrer aber ist aufs höchste überrascht. Nein, sagt er, daß ihm o etwas eingefallen ist, deinem Paten! Das hätte ich ihm nicht zugetraut!

Oh, dieser heuchlerische Pfarrer! Hat er nicht selbst vor einigen Tagen einen Brief vom Kammerherrn bekommen und wiederum einen fort- geschickt? , ,, s

Nun könnten wir einen Taubenschlag bauen, meint er, was sagst du dazu? Schon seit Jahr und Tag hat er das im Sinn, nur fehlte es immer am Werkzeug für eine so feine Arbeit.

Jawohl, ein Taubenschlag wird gebaut, und Blumenkasten für die Köchin Helene, damit ihr niemand mehr Ableger stehlen kann, und ein Fußschemel für Agnes, aus Birnholz, mit geschweiften Seinen. Sie braucht einen, um den Fuß beim Sticken darauf zu setzen, em Schemel ist überhaupt unentbehrlich für so ein winziges Ding.

Was hast du da, fragt sie. Fäustlinge?

Ja, Handschuhe. Willst du sie?

Ach danke! Agnes hat schon welche aus Leder.

So lederne. David findet wollene schöner, rote Fäustlinge hat md)t jeder Mensch. Aber gleichviel, Agnes könnte sie ohnehin nicht tragen. Ich glaube, bemerkt David, sie wären dir zu klein. .

Zu klein? Das will sich Agnes nicht sagen lassen, sie hat die zierlichsten Händchen von der Welt. Sofort zieht sie die Fäustlinge an, und sie sind mehr als groß genug, seht nur alle her!

Wirklich, meint auch der Pfarrer. Und sie stehen dir gut, das muß ich schon sagen! , , . , ... .

Oh, allmählich lernt es David, sein Garn so zu legen, daß sich der Vogel fängt. u , . ... .

Bis zur Mette darf kein Fleisch gegessen werden, aber das ist em geringes Hebel, wenn man alle Taschen mit Nüssen und süßem Klotzen­brot angefüllt hat. Der Pfarrer schlurft in seinen neuen Pantoffeln durch die Küche und überwacht die Bratäpfel im Rohr. Es ist eine besondere Kunst, Aepsel richtig zu braten. Prall und saftig müssen sie fern und dis ins Kernhaus weichgeschmort. Und obendrein duften sie auch wunderbar, Weihnachten ist ja überhaupt vor allen anderen Festen durch Gerüche ausgezeichnet. Es riecht nach Tannenreisig, nach Wachs und Weihrauch und Vanille, und nicht nur alle Stuben, auch die Leute selbst riechen so, weil sie bis zum Hals mit guten Sachen vollgestopft sind.

Von Zeit zu Zeit wird es nötig, vor das Haus zu gehen und eine Weile Luft zu schöpfen. Da steht man unter dem sternklaren Himmel, die Welt liegt still und hält den Atem an unb wartet auf das Wunder. Lange vor Mitternacht sieht man schwebende Lichter auf allen Höhen als hätten sich Sterne vom Himmel gelöst und wanderten nun ins Tal. Es sind die Kienfackeln und Laternen der Bergbauern, die zur Mette gehen.

Und dann läuten mit einem Male die Glocken freudevoll, d,e Kirche erstrahlt im hundertfältigen Glanz der Lichter! Gloria! singt der Pfarrer, so laut er nur kann, Gloria in excelsis Deo! Und die Leute fallen ins Knie, Hirten und Bauern, wie damals in der gesegneten Stunde.

Zur Christmette singen Frauen auf dem Chor, auch Agathe mit ihrer starken und tiefen Stimme. Der Pfarrer hält inne, um das Lied anzu- horen, diese süße und reine Weise von der stillen heiligen Nacht. Der sie erfand, war kein großer Meister, sondern nur ein geringer Mensch. Ein einziges Mal loste ihm der Engel die Zunge, und bann schwieg er wieder.

Nach der Mette wünscht man einander gute Feiertage auf dem Kirch­platz man stampft und schlägt mit den Armen, um sich warm zu machen, ehe man nach Hause trabt. Väter schleppen wimmernde Stoffbündel im Arm, ja, der Kleine, er wollte sich den Mettgang nicht nehmen lassen, und nun war die Kälte doch zu arg gewesen! Aber es gibt noch heiße Suppe daheim, gewürzten Wein, und das warme Bett macht vieles wieder gut.

Nicht alles. Cs gibt einen Heiligen, Ulrich mit Namen, der in dieser Nacht umgeht, und bei denen zu Ehren kommt, die sich zuviel des Guten beigemeffen haben, allzuviel an Mandeln und Rosinen und Zuckerzeug.

Nach den Feiertagen kommt der Knecht zu Agathe in den Laden, er will nach Arbeit fragen. Vielleicht konnte er Holz klein machen, so weit ist es schon mit ihm aekommen, daß er sich im Taglohn anbieten muß.

Nein, sagt die Krämerin, ich habe jetzt keine Arbeit für dich.

So, keine. Aber dann hätte er noch einen anderen Plan. Er hat einen Marder aufgespürt, ein paar Füchse, unb nun möchte er Koder auslegen und etliche Schillinge an ben Bälgen verbienen. Kurz unb gut, könnte ihm Agathe wohl ein wenig fiöbergift verkaufen?

Gift? Das führt Agathe nicht mehr im Laden.

Was du sagst, nicht mehr? Aber Adam hat boch Köbergift bei bir gekauft, ber alte Bauer. Es müßte noch im Buch sieben, sieh einmal nach!

Agathe schaut ben Knecht von ber S»ite an. Wer schickt bich benn? fragt sie plötzlich, ber Wachtmeister? Bei mir ist nichts zu erfahren, fag ihm das!

Der Knecht rückt seinen Hut und lacht unb geht.

(Fortsetzung folgt.)