Ausgabe 
25.5.1936
 
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SiehenerMilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger________

Jahrgang 1936 Montag, den 25. Mai Hummer

enster über-

Das Jahr des Herrn

Roman von Karl Heinrich Waggerl

Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig.

15. Fortsetzung.

"'Go schwatzt der Psarrer, zum Abschied taucht °r den Daumen in den Weibbrunnkrug am Türstock und segnet die Stirn der Kranken mit dem ^^Auch David kommt ein paarmal des Tages gelaufen, er ist schon.ganz Zutraulich und setzt sich auf das Bett, um seine blaugefrorenen Hande unter der Decke aufzutauen. Die Mutter strukt ihm Fäustlinge, ledesmal schlüpft er hinein und freut sich, daß sie so schnell wachsen. Und dann hat David eine Bitte. Er möchte noch ein paar Fäustlinge haben, aber viel kleiner und ganz aus roter Wolle.

Für wen denn nur? fragt die Mutter. . . -

Ja erklärt David verlegen, es ist da jemand im Dorf, em Kind. Das friert 'immer so schrecklich in der Frühmesse, und sein Vater ann ihm aar nichts kaufen, der ist nur ein armer Bahnmeister und hat selbst nichts als einen ehrlichen Namen. Und diesem Kind mochte David d,e roten

Ein gutes Herz hat er jedenfalls, sagt Monika später zur Krämerin und erzählt ihr die Geschichte vom frierenden Kind.

Ach, das ist wohl Agnes, meint Agathe, feine Braut.

Und Monika wundert sich nicht wenig, daß David schon eine Braut hat, du lieber Gott, und sie brachte ihm noch ein Rollpferdchen mit!

Eines Abends kurz vor dem Fest schiebt David eine Axt unter den Rock und watet durch den tiefen Schnee in das Jungholz hinauf, um U bäume zu holen. Einen, den größten für das Darrhaus den ärgeren für die Krämerin und die Mutter, und zuletzt noch einen kleinen Wipfel

Und dann fängt Monika wieder zu reden an. Ach ja, der ganze Sommer verging, der Herbst, damals hatte sie noch Hoffnung. Vom Fenster aus könnte man die Lieferwagen in den Hof emfahren sehen, sie hatte lange gebeten, bis ihr der Arzt dieses Bett am Fenster über­ließ. Und jeden morgen, rollte dann der graue Brotwagen herein und hielt vor dem Küchensenster. Sie sah weiter nichts als das Dach und die Scheiben, und eine Weile noch die Radspuren im K,es, aber das war doch schon viel. Monika kannte das Horn und die ganze Art, wie Karl den Wagen fuhr. Ja, sie glaubte wenigstens, daß er im Wagen faße, bis einmal ein Reifen gewechselt werden mußte, Agathe und da war es gar nicht Karl, der herauskletterte, nein, ein ganz fremder Mensch!

Verstehst du bas, sagt Monika, wie mir war? Ich wollte ja nichts von ihm, ach, das begreife ich schon, daß er mich lange vergessen hat, fo eine, wie ich bin. Aber vielleicht hätte er mich später doch einmal am Kuchen­fenster gesehen, er hätte die Mütze abgenommen und den Schweiß heraus- gewischt, wie er es immer tut, so, würde er gesagt haben, bist du ""^Das^ist es"Agathe/bei einer ordentlichen Arbeit hätte er mich sehen müssen. Mehr will ich nicht, ich schwöre dir, mehr nicht! Es ist so schrecklich, was er damals sagte: aus dir wird nichts. . .

Nun, das läßt sich alles wieder zurechtbiegen, meint die Kramerm, das muß man sich nur einmal durch den Kopf gehen lassen. Er wird Urlaub genommen haben oder einen anderen Dienst. Aus der Welt ist er doch nicht, was denkst du dir denn? Bleib jetzt bei mir, bleib bis zum Frnh- iahri Sieh zu, daß du wieder auf die Beine kommst. Den finden wir dann schon, deinen Karl, und Gott weiß, ob er es wert ist.

Ja ja, wenn ich Glück hätte, sagt Monika traurig und schüttelt den Kopf. Aber ich habe kein Glück.

Das meint Monika nur so, im Grunde ist ihr doch viel leichter ums Ljerz seit sie alles her-ausgesagt und gebeichtet hat. Zudem bleibt ihr auch gar keine Zeit zum Grübeln, jeder Tag bringt ihr etwas Freundliches in die Stube. Der Pfarrer kommt des Weges. Guten Morgen! ruft er durch bas Fenster unb tritt bei ihr ein, um sich em wenig zu warmen. Er lauft auf unb ab unb bläst in bie Hänbe, Monika macht sich gar fernen Begriff wie kalt es braußen ist. So gut möchte es ber Pfarrer auch haben fo schön warm in ben Febern. Unb bann greift er hinterwärts in bie Rock- fchöße, rechts ober links? fragt er.

Rechts, sagt Monika, aber sie hätte gar nicht falsch raten tonnen, benn ber Pfarrer bringt in jeder Hand einen rotwangigen Apfel ans Licht. Ja, wer noch Zahne hätte, da hineinzubeißen! Uebrigens sind es gar nicht seine Aepstl. Katharina schickt sie, ja, die ben B°ler geheiratet hat. Sie ist eine gute Seele, weißt bu, nur ein wenig grob mit ihrem Munb-

wurbe:

Warum, o herzigs Kinblein, liegst bu so arm unb bloß und nur in schlechten Windlein in deiner Mutter Schoß?

für ihn selbst. Er will Heuer auch einen Baum aufputzen, weil er doch gewissermaßen seinen eigenen Hausstand gegründet hat.

Lange sucht er unb klettert umher, es müssen schöne Bäume sein, ver­steht sich, pfeilgerabe unb regelmäßig im Geäst, solche gibt es nicht viele. Unb dabei müssen sie doch dicht genug sein, damit sie etwas tragen können, die Unmenge Kerzen und Nüsse und Backwerk.

Es ist richtiges Christwetter, klar und beißend kalt. Der Schnee blüht in langen Nadeln und klirrt unter dem Schuh, und der Tropfen friert einem an der Nase fest. Eine Weile verschnauft David unter den Fichten und betrachtet das abendliche Dorf, wie es da unten liegt, so behaglich und wohlgeborgen in den weißen Betten. Er sucht das Krämerhaus unb bas Fenster ber Mutter. Sie hat schon bie Lampe angezünbet, sicher sitzt sie noch mit bem Strickzeug aus bem Sofa, in Decken eingebrefjt, ach, unb immerfort rollt ihr ber Garnknäuel unter bie Stühle. David hat lange nachgedacht, was er der Mutter unter den Baum legen könnte. Erst der Garnknäuel brachte ihn auf den Gedanken, daß eine Spanschachtel das beste wäre. Der Vater Thomas lehrte ihn die Kunst, einen dünnen Span von astfreiem Dachholz zu Hieben. Ueber kochendem Wasser bog er ihn rund, dann leimte er Deckel und Boden hinein, und schließlich setzte er sich in bas Eßzimmer im Pfarrhof und bemalte bie Schachtel mit präch­tigen Farben, während Pater Johannes im Beichtstuhl saß.

Oh, David hat seine ganze Kunst daran gewendet, an blutrote Rosen und Gemsen zwischen Vergißmeinnicht, und oben auf den Deckel hat er die Mutter selbst gemalt, weiß und rosig und wunderbar lebensgetreu. Der Vater Thomas meinte zwar, das sei nicht üblich, der Vollmond passe nicht auf eine Spanschachtel. Aber er ist ja kurzsichtig, die feineren Züge erkennt er nicht mehr. ..

Agnes bekommt die roten Fäustlinge unb bie Kramerm einen Be­gonienstock. David hofft wenigstens, bah ber Ableger anwachsen unb qebeihen wird, um dessentwillen die Köchin Helene insgeheim schon alle Dorfweiber des Diebstahls zeiht. Er hat ihn sorgfältig in eine Fettbuchse gepflanzt unb auf einen warmen Platz am Kamin gestellt. Vorerst sieht der Ableger zwar noch recht bürftig aus, aber Agathe wirb ihn gewiß zum Blühen bringen, sie hat eine gute Hanb für so kümmerliche Gewächse.

Unb es kommt ber Heilige Abenb, ber einzige Tag im Jahr, ben man rein vergeudet und ber erst mit bem Dunkelwerden beginnt. Auf ber ganzen Welt gibt es sicher keinen Christenmenschen, ber biefe Stunbe nicht feiert. Mag er auch selbst ganz arm unb einsam fein, er wird doch an irgendeine selige Zeit feines Lebens zurückdenken, oder er kann an einem Fenster stehen und Kinder lachen hören, und wenn er sich nur in einen fremden Hausflur drückt, fo kommt gewiß jemand vorbei, ber ihm freunblid) zunickt und gute Feiertage wünscht.

Denn an biefem Abenb sind alle Menschen freunblid) unb gut. Friebe, fangen die Engel, Friede den Menschen auf Erden!

Auch die alten Leute im Armenhaus ziehen ihr bestes Gewand an, sie stecken ein Tannenreis hinter das Bett, und nach dem Aveläuten kniet jedes vor einem Stuhl und hat sein eigenes Wachslicht brennen. Der Pfarrer kommt herüber und kniet auch hin und betet den freudenreichen Rosenkranz mit ihnen.

David steigt indessen in die Kammer hinaus und entzündet die Lichter an feinem Baum, Kerzenstummel von ben Altären. Nüsse hängen im Geäst Sterne unb Kugeln aus Stanniol, oergolbete Lärchenzapfen unb ein paar Zuckerstücke, es sieht sich festlich an. Zuletzt schleicht er auf ben Zehenspitzen hinaus, schließt bie Kastentüren unb wartet eine Welle auf bem finsteren Dachboden. , . ..

Klingling sagt David, dann macht er bie Türen mieber auf unb steht überwältigt vor ber gleißenben Prallst. Summend und Staunens geht er um den Baum herum und schlägt die Hände zusammen und betrachtet alles was er sich selbst beschert hat. die Aepfel und die Uhr, und das hölzerne Roß auch, ja, bas Pferdchen!

Singen kann er leider nicht gut, sonst würde er jetzt ein Lied anftimmen, vielleicht bas vom armen Krippenkinb, wie es in ber kalten Nacht geboren

Ja Davib ist selbst um biefe Zeit zur Welt gekommen, es steht in seinem Sparbuch. Aber baß es eine böse Nacht war, ohne einen Stern am Himmel unb ohne Engelgesang, daß der Wusti durch die Magdkammer pfiff, Schnee und eisiger Wind, davon steht nichts in bem Buch. Das hat ihm erft bie Mutter erzählt.

Beinahe wären wir erfroren, sagte sie, wir beide. Unb bann, am hritten Tag kam das Fieber dazu. Aber well es Sonntag war tat ber Knecht ei/'gutes Werk unb zog uns auf dem Heuschlitten in das Tal und noch einen halben Tag weit bis in das Krankenhaus.