Klick aus dem Spielzeugladen
Roman für das große und kleine Volk
Von Friedrich Schnack
Copyright by Insel-Verlag zu Leipzig
5. Fortsetzung.
„Hat es schon zu Mittag gespeist?", erkundigte sich Klick. „Was hast du ihm aufgetischt?"
„Es fastet, davon wird es nicht zu dick. Ein Wasserschwein kann ich ihm nicht zuschanzen, und meine Papageien sind mir zu gut. Sie haben es übrigens sofort gespürt, als ich es im Laden hatte. Wie alte Weiber schimpften sie."
„Dummer Kerl, dummer Kerl!", schallte es aus dem Vogelkäfig.
„Die müssen sich erst an seinen Anblick gewöhnen", meinte Ali, die mit scheuer Furcht das Raubtier betrachtete.
„Es gibt Vögel, die furchtlos auf dem Panzer der Krokodile herumlaufen", sagte Klick.
„Vielleicht geht das auch mit den Papageien zu machen. Das wäre hübsch."
Der Hustenonkel hustete kurz.
„Zu dieser Anfreundung wird keine Zeit sein: das Krokodil wird bald abgeholt, der Besteller ist schon benachrichtigt."
Das bedauerten die Freunde sehr. Gern hätten sie sich länger mit dem Krokodil abgegeben. Einer sehr großen, gefährlich aussehenden Eidechse glich es.
Die Webergasse, dachte Klick, ist doch eine sehr merkwürdige Gasse. Was es da alles gibt! Ein Krokodil, einen Affen, Schildkröten aus Griechenland, aus Madagaskar, Feuersalamander, seltene Vögel — was alles mag noch in ihr vorhanden sein, ohne daß ich es weiß.
„Wie alt ist es?", fragte Ali.
„Seiner Größe nach zwei Jahre", sagte der Onkel.
.Kann es schwimmen?"
„Wie ein Hecht."
„Schnell laufen?"
„Blitzschnell."
Es hatte, sich ausschlafend von der Reise, die Augen zugeknifsen. Fest zugeklappt war auch die lange Schnauze.
Der Onkel warf einen kleinen Kieselstein dem Schläfer auf den Kopf. Klack!, machte der Stein, aber das Krokodil kümmerte sich nicht darum. Wie ein Stück versteinertes Holz lag es in seinem Käfig und stank ein wenig nach Fäulnis, Nil und Fischen.
Während der Onkel von einer Krokodiljagd in Afrika erzählte, an der er vor vielen Jahren teilgenommen hatte, trat ein Junge herein, ein Mitschüler Klicks.
„Ich möchte das Krokodil abholen", sagte er.
„Stenzel, ist es dein Krokodil?", rief Klick.
„Ja, es ist mein Geburtstagsgeschenk."
Sie umstanden den Jungen, der das Krokodil fortbringen wollte. Er hatte dem Hustenonkel ein Schreiben vorgelegt; der Tierhändler sagte: „In Ordnung!"
„Zum Geburtstag?", sagte Klick. „3ft dir denn nichts Besseres eingefallen?"
„Wieso?", versetzte der andere, so tuend, als wäre es eine Sache, von der man kein Aufhebens macht. „Für meinen kleinen Zoo ist es bestimmt. Mein Onkel ist der Direktor des Zoologischen Gartens in Frankfurt. Und ich will auch mal Zoodirektor werden. Habe bereits eine Ringelnatter und einen nahmen Storch."
„Gib nur acht", mahnte der Hustenonkel, „daß die beiden nicht vom Krokodil aufgefressen werden. Krokodile können ganze Zoologische Gärten verschlingen."
„Das Krokodil wird gezähmt", behauptete der Junge.
„Und wie willst du es wegschaffen?"
Stendel öffnete die Tür.
„Dienstmann!"
Ein Dienstmann trat ein und zog die Mütze.
„Schaffen Sie den Käfig auf den Wagen", forderte Stenzel auf.
Der Dienstmann packte an, der Junge faßte zu, und auch Klick leistete Hilfe. Da war das Krokodil rasch zum Laden hinausbefördert.
„Besuch mich doch mal", Klick!", lud Stenzel ein.
„Welchen Namen wirst du ihm geben?", rief der Onkel.
„Namen?", meinte der Junge. „Den hat es doch schon. Cs heißt: Crocodilus niloticus."
Der Dienstmann warf eine Plane über den Käfig, damit das Krokodil In den Straßen kein unliebsames Aufsehen errege, und fuhr mit der seltsamen Fracht davon.
„Es ist nur gut", sagte der Onkel", „daß wir warmes Wetter haben, sonst bekäme das Krokodil einen tüchtigen Schnupfen."
„Ich bin eigentlich froh, daß es fort ist", sagte Ali, „es hat mir gar nicht aefallen. Stell dir nur vor, es wäre ausgerissen wie der Affe Pong!"
„Wenn schon!", sagte Klick. „Da hätte es höchstens die Würste und Hamburger Mastgänse in der Webergasse aufgefressen."
Eine Wirtschafterin, die sich wundert.
Klick pendelte zwischen dem Tierladen und dem Spielzeuggeschäft hin und her. Auch im Laden der Frau Trockenhut gab es Krokodile. Aber sie waren harmloser Natur und stammten nicht vom Nil. Von Holz und Blech waren ihre Echsenleiber, gleich Schachteldeckeln klappten die Kinnladen, und ihre Schlünde flammten rot gebeizt. Friedlich ruhten sie neben Läm
mern, Kühen und Ziegen, sie befanden sich in anständiger Gesellschaft. Abenteuer, wie sie sich im Laden des Hustenonkels zutrugen, ereigneten sich bei Frau Trockenhut nicht.
Und doch — für Klick gab es da ein Abenteuer, ein sehr gefährliches sogar. Es war die Geschichte vom langsamen Niedergang des Geschäfts und der Krankheit seiner Inhaberin.
Jedes abgehende Holz- und Stoffkrokodil, jeder zur Tür hinausrollende Wagen, jedes Schiff, das davonschwamm, nahm für immer ein Stück mit weg, ein Stück des Spielzeugladens. Es wuchs kaum wieder nach.
„Nach Ostern", sagte der Vater, „werde ich viel Zeit für mich haben. Ich geh in die großen Ferien. Schade nur, daß ich kein Junge mehr bin. Was alles könnte ich tun und treiben!"
„Große Ferien? Wie meinst du das?", fragte Klick mißtrauisch.
„Nur noch dreimal in der Woche arbeite ich ..."
Klick senkte den Kopf, auf die Osterzell fiel ein Schatten.
„Dann werden wir wohl am besten die Butter weglassen, Vater!", meinte er.
„Butter kann man entbehren", sagte der Vater. „Es soll Länder geben, wo man gar keine Butter kennt."
„Es gibt viele Länder, in denen man viel nicht kennt", sagte Klick.
„Ob wir da nicht überall jetzt etwas Heimatrecht hätten?", ergänzte der Vater.
Plötzlich dachte Klick wieder an seine verlorenen Lose. Fand in diesen Tagen nicht die Ziehung statt? Wenn die Lose nur nicht gewännen, wünschte er, sonst ärgerte er sich schwarz.
Aber im Losgeschäft erfuhr er durch einen Anschlag, daß die Ziehung bis Mitte Juni verschoben war. Das war ja gut. Möglicherweise fand er inzwischen doch noch seine Mütze. Und hatte er nicht auch Pong aufgetrieben? Oder sollte er besser ein neues Los erstehn? Noch einmal einen Griff wagen? Er unterließ es. Zudem hatte er das verdiente Geld in feine Sparbüchse gesteckt, und die konnte nur geöffnet werden, wenn zehn Mark in Fünfzigpfenniqstücken darin enthalten waren.
Am nächsten Mittag nach Schulfchluß sagte sich Klick: Höchste Zeit, daß ich wieder einmal ans Meer gehe. Ich werde zu Sassafraß fahren.
Der Tag war schön und zu Seefahrten geeignet.
Ali kutschierte „Das Kind". So nannten die Freunde das Zeitungspaket, das sie in dem alten Kinderwagen zum Postplatz schoben. Klick schlenderte neben dem Karren her. Er war gut gelaunt, in der Schule war alles glatt gegangen, und nun war er zu Sassafraß unterwegs, zu dem er eine herzliche Zuneigung gefaßt hatte. Das Zeitungspaket wackelte im Wagep.
„Schlaf, Kindlein schlaf, Dein Vater hüt die Schaf ..." summte Klick.
Ali lachte. Wer denn der Vater sei?, meinte sie.
„Der Zeitungsschreiber auf seinem Schreibtischstuhl", sagte Klick. Ob denn die Zeitungsleser nicht Schafe wären? Er schnitt ein Gesicht. Am liebsten hatte er gute Bücher: Flieger-, Entdecker- und Seefahrergeschichten. Er dachte an den beabsichtigten Besuch.
„Wirst du auch einmal Zeitungstante werden, Ali?"
„Nein!"
Sie wollte nicht mit der Sprache heraus.
„Was denn? Sag mir's!"
„Säuglingsschwester .. ", gestand sie, errötend.
Was für ein komischer Beruf! Mußte sie da kleine Kinder einwiegen?
„Ach, wohl deshalb", meinte er, „weil du schon mit einem Kinderwagen ausfährst?"
„Bummer Kerl, bummer Kerl!", schalt sie im Tonfall der Papageien.
Da war sie am Postvlatz bei der Tante Mittwoch, die den bernsteingelben Kater auf dem Schoß hielt: durch ihn hatte sie alle Katzenfreunde der ganzen Verkehrsqegend zu Zeitungskunden gewonnen.
Klick verweilte nicht. Er ging fort. Ali schaute ihm nach. Der Kater machte einen Buckel.
In Loschwitz ließ ihn die Wirtschafterin ein.
„Mas willst du?", fragte sie streng.
„"'Mben Sie mich dem Herrn Kapitän. Ich heiße Klick."
„^er Schiffsjunge!", sagte sie von oben herab.
„Der Herr Kapitän liegt im Garten."
Klick fand ihn am Rand seines Teiches. Seine lanae Gestalt war mit einem schwarzen Badeanzug bekleidet, er trug Segeltuchschube. Ausgestreckt lag er im Kies, rauchte Pfeife, guckte ins Wasser und ließ sich den Rücken bescheinen.
„Melde mich zur Stelle, Kapitän!"
„Tag, mien Jong!", holländerte der Seefahrer und reichte zu einem seekräftigen Händedruck die Hände nach hinten. e
Klick angelte danach, die Hand druckte, der Arm zog, und ehe sich's der Schiffsjunge versah, lag er auch auf dem Ostseekies. So begrüßte mart sich bei Seeleuten auf dem Trockenen. Der Knebelbart tunkte in den Sand, wie ein Darnvfschlot qualmte die Pfeife.
„Nun bist du eine Wasserratte, Klick", sagte der Kapitän. „Wenn wir einmal über den Aequator fahren, wirst du auch noch getauft."
„Dann taufen wir uns gegenseitig", meinte Klick.
Der Kapitän blickte ibn schräg an.
„Wie meinst du das?"
„Sind Sie denn schon über den richtigen Aequator gefahren, Herr Kapitän?", erkundigte sich Klick vorwitzig.
„Das weißt du also auch schon", sagte Sassafraß. „Aequatorwasser ist Sonntagswasser, Ostseewasser ist Werktagswasser, Klick. Am Werktag muß man verwünscht anyacken, am Sonntag wird gefaulenzt. Bin dauernd Werktagswasser gefahren, Junge; wünschte mir immer mal eine Suppenkelle Sonntagswasser. Aber man kann nicht alles haben, Klick. Laß man, Jong!"
(Fortsetzung folgt !
Verantwortlich; vr. HanSThyriot. — Druck und Derlag:Brühl'sche Univ erst täts-Duch- und Steindrucke rei. R. Lange. Gieße».


