Ausgabe 
27.1.1936
 
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An einen Stellungswechsel ist nicht zu denken. Erstens sind die heftigen Beschießung der Mulde, ziemlich weit

Dann ist auf einmal alles klar. Und fast atmen ste erleichtert auf, als die ersten feindlichen Schüsse sich herantasten.

Sie wissen nun, welche Farbe dieser Tag haben wird. Sogar Maß weiß es, obwohl er unerfahren ist und der heutige Tag seine Feuer­taufe bringen muß. _

Wortlos richten sich alle darauf em. Selbst Duma, der schwarze Zigeuner, gibt es bei dem Ernst der übrigen auf, weiter noch Witze zu reihen. Er greift nach einem Spaten wie die andern und schippt mit ihnen zusammen drauflos. ... .

Doch wie sie sich auch abmühen, verflucht festgewachsen ist dieser Boden zwei Spannen schon unter der Erdoberfläche. Nie noch hat em Pflug feine -aut geritzt, seit Wochen kein Tropfen ihn durchfeuchtet. Es ist völlig ausgeschlossen, mit dem schwirrenden Gelichter da oben auch nur Halbwegs Schritt zu halten.

Vai Doamne! Hilf uns, Mutter Gottes!" Bukur, Nummer 6 der Bedienungsmannschaft, kraut sich, nichts Gutes ahnend, hinter dem Ohr.

Schon schlagen die nächsten Granaten auf fünfzig bis sechzig Schritte ein. Mäh verfolgt sie aufmerksam, -orcht gespannt auf den entfernten Abschuß. Verdreht dann nach jeder Kopf und Ohr. Was die Mann­schaft vor ihm voraushat, ihre Vertrautheit mit den Biestern, kann er nicht rasch genug nachholen.

Bald, sehr bald macht es ihm keine Schwierigkeit mehr, aus dem Sauselaut der Geschosse Kurz- und Weitschüsse voneinander zu unter­scheiden. Die einen sind fast so rasch wie ihr Schall. Im -u, sind sie da und auch schon zerplatzt. Man hat gerade nur Zeit, sich dort, wo man steht, zu ducken. Die andern sind vornehmer. Sie geben vernehmliche Warnungszeichen von sich, sooft sie vorübersausen. Man hat also Zeit, sich richtig vor ihnen zu verbergen. Man hat auch Zeit, ihre Explosion am drübern -ang, die Möß manchmal sehr eindrucksvoll findet, um­ständlich zu betrachten. Wenn mehrere rasch aufeinander folgen, könnte man fast meinen, es würden Regenschirme über einem aufgespannt ... Kurzum, dürfte Mäh wünschen, er wünschte sich auf hundert Weitschüsse nicht zehn kurze ...

Nun ist da aber plötzlich noch etwas in der Luft, das ferne ganze Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Es kommt von halblinks und überschneidet zuerst in hohem Bogen die Flugbahn der bisher scharf und flach herbei- slitzenden Geschosse. Durchwirkt sie dann dichter und dichter. Schließlich setzt es einen berstenden Schlag in die Nähe, daß er meint, die Erd­kugel müsse zersprungen fein. Da weiß er: auch eine feindliche Schwere also hält unser Gebirgsfähnlein für massierte Artillerie. Prost Mahlzeit!

trachtet das Vernünftigere wäre.

So bleibt denn das Trüpplein im Feuer, das ist so gut wie ab­gemacht. Im Feuer, das in dieser Stärke und Hartnäckigkeit sicherlich nicht ihm allein gilt was wäre das für eine dumme, ungerechtfertigte Kraftvergeudung!, sondern einem an seiner Stelle vermuteten rich­tigen Artillerienest. Ruschill, Besitzer der silbernen Tapferkeitsmedaille erster Klasse, meint sogar, es werde ganz gewiß vom Fesselballon aus geleitet. Und feiner unbezweifelbaren Kriegserfahrung widerspricht nie­mand. Auch Möß nicht. Nein. Gerade der Umstand, daß der Fessel­ballon die Geschützmulde nicht ganz, nicht bis zur Talsohle selber ein­sieht, macht ihm die Täuschung des Feindes begreiflich.

Vorwärts! Vorwärts, Leute!" treibt Ruschill die Kanoniere In den beiden Gräben neben dem Geschütz zu bescheunigter Arbeit an. Not­wendig ist es eigentlich nicht. Die zwei Mann, die in je einem Graben stehen, schuften sowieso, daß ihnen der Atem vergeht.

Noch aber stehen ste erst hüstetief in der Erde, als ein erstes Feuer­gewitter sich krachend über der Mulde entlädt. Aus all ihren Schlünden speien die feindlichen Batterien herüber, was an Gift und Galle und Eisenhagel in ihnen aufgespeichert ist. Don vorn zischen in flachem Fluge Schrapnelle heran. Zerbersten über den sonnigen Hügeln, spritzen Zünder und Hülsen, Pulvergestank und Tausende von kleinen runden Kugeln die Hänge herunter. Von halblinks spucken schwere Granaten in steilem Bogen herein, schleudern hohe Crdfontänen in den Himmel, pflastern die Talsohle hinauf und hinunter mit rauchenden Näpfen.

Mäuschenstill liegt die Mannschaft hinter dem Stahlschild des Ge­schützes und den Maulwurfshügeln der kleinen Gräben. Keiner rührt sich. Keiner sagt etwas Nur Telephonist Fischer, der mit Möß im rechten Graben kauert, weint leise vor sich hin:Istenem, dräga j6 szent Istenem, müssen wir sterben?"

Pferde, wegen der heftigen Beschießung der Mulde, ziemlich weit weggeführt worden. Wer es wagt, sie jetzt wieder heranzuziehen, ver­doppelt voraussichtlich alle zu erwartenden Verluste. Zweitens hat Gerö das Geschütz auf die wichtigsten Ziele bereits eingeschossen von einem Meierhof Urlow ist dabei immer wieder die Rede und überhaupt pölwert er munter drauflos. Drittens besteht Möß heute feine Feuer­taufe. Denn in richtigem, schwerem Artillerieseuer ist es noch nicht ge­legen. In der Durchbruchsschlacht an der Zlota-Lipa sind sie ja kaum beschossen worden. Dort hatten sie nur nach Kräften mitgeholfen, selber chweres Feuer auf die feindlichen Gräben zu werfen. Heute nun scheint ich das Blatt zu wenden. Und da soll er gleich bei der ersten Geleaen- >eit, da seine Bewährung auf die Probe gestellt wird, mit dem An­liegen um Stellungswechsel an seinen Vorgesetzten herantreten? Nein, das kann er nicht. Selbst wenn es ganz kühl, ganz nur von außen de-

Nach einer Ewigkeit banger, bitterer Minuten wechselt die Feuer­welle über die Hügel hinüber Einer nach dem andern hebt den Kopf in die Höhe, schüttelt den Erdstaub von den Schultern, mustert neu­gierig die rings klaffenden Trichter. Möß sperrt die Augen weit auf: keinem der braunen Gesellen wurde auch nur ein Haar gekrümmt, Gott sei Dank keinem!

Zweimal, dreimal, viermal wiederholt sich dies Schauspiel den end­los langen Tag. Nach jedem Feuerüberfall wirft Gerö den ganzen Trumpf seines unversehrt gebliebenen, nach wie vor präzis arbeitenden Geschützes in die gegenüberliegende Waagschale der Schlacht. Wirft dazu die von Stunde zu Stunde sich steigernde Leidenschaft der schwer heim-

gesuchten, wie ein Wunder noch heilen, verbisien rackernden Mannschaft. Freilich sieht sich der Feind gerade dadurch zu immer neuen Uebersällen aus die Mulde veranlaßt.

Bedauerlich ist nur, daß sich die Infanterie im Meierhof Urlow trotz allem die Zähne ausbeiht. Sie kommt nicht voran. Es stellt sich gar heraus, daß dieser Meierhof eine echte, seldmähige Festung ist, ein von langer Hand schon für diesen Rückzug vorbereiteter Stützpunkt.

Am Abend endlich, so vernimmt Möß aus den Gesprächen, die durch seinen Draht schwirren, soll die Infanterie zum Sturm einfetzen. Ader die Nacht naht, ohne daß man davon etwas zu spüren bekommt. Wohl leuchten Brände röter und röter über die Felder herüber, wohl erklim­men sie hoch die dunkle Himmelswand, daß die Sterne an ihr ver­löschen. Doch das Gewehrseuer verliert merklich an Heftigkeit. Zuweilen schläft es sogar ein. *

Noch den ganzen nächsten Tag hielt der Kampf an der Strypafront an. Alles blieb vorerst beim alten. Das Gebirgsgeschütz in seiner gefähr­deten Mulde. Die Russen der Meinung, daß man die österreichische 2h. !- lerie durch Feuerüberfälle auf diesen Punkt in Schach halten müsse. Die Infanterie blieb mit der Nase vor dem Meierhof Urlow liegen.

Als habe ein hüpfender Pflug, von scheu gewordenen Pferden gezogen, den Steppenacker aufgerissen, so sah es jetzt rings um Möß und feine Leute aus infolge der vielen Gefchoßeinschläge.

Einmal, als sie wiederum rasch nacheinander von mehreren Feuer­wellen überschüttet wurden, stellte Möß mit Schrecken fest, daß seine Knie bedenklich zitterten und Angstschweiß auf seiner Stirne stand. Er hatte überhaupt das deutliche Gefühl, lange könne er es nun nicht mehr aushalten. Zu schwer lastete ein dumpser, sinnelähmender Druck auf ihm. Zu plötzlich war er in dies Teufelsloch geraten. Aber gab es einen Aus­weg daraus? Gab es eine andere Möglichkeit für ihn als die, feine Ver- zweiflung und fein bebendes Herz, fo nahe es irgend ging, der guten Erde anzuvertrauen, die ihn schon bis jetzt freundlich geschützt hatte? War jetzt irgend etwas angezeigter, als sich so sest als möglich an die Grabenwand zu drücken, den Erdklümpchen zuzusehen, die nach jeder Erschütterung auf Rock und Hofe riefelten, und zu hoffen und zu hoffen? Auf alle Fälle waren es Stunden, möge man später, dachte Möß, Über sie sagen was man wolle, waren es Stunden voll Not und voll Harm.

Aber es gab auch eine stolze.

Am Spätnachmittag war die Infanterie zum Sturm geführt worden und hatte durchgestoßen. Der russischen Artillerie war nichts anders übriggeblieben, als schleunigst das Weite zu suchen. Doch ließ sie es sich nicht nehmen, noch einmal, aus einer entfernten Stellung, in den Kampf einzugreifen und Abschiedsschrapnelle herüberzusunken. Sie krepierten genau wieder über der kleinen Mulde, allerdings hoch in den abend­lichen Lüften.

Da riß Möß militärisch stramm seine Hacken zusammen und hob die Hand an den Schirmrand seiner Mütze. Und damit wollte er sagen: Recht so, Muski, Muskali! Ihr wißt, was sich schickt. Gabt mir den ersten Gruß gestern, gebt mir den letzten heute. Eine Feuertaufe, die sich gewaschen hat. Doch nun macht, daß ihr fortkommt und bleibt sobald nicht wieder stehen. Es ist höchste Eisenbahn. Avanti! Muski, Muskali!

Und wirklich, damit war der Schrecken aus der trichterreichen Mulde gewichen. Wie wölbte sich wieder in mildem Licht über ihr der runde Himmel, seit die Geschosse ihn nicht mehr zerzausten und zerpflückten! Die Bitternis fiel ab, Stück für Stück. Wie Fetzen konnte man sie vom gemarterten Leibe reißen. Man faßte wieder Vertrauen zur Schöpfung. Man sah die Zukunft, deren Tore zwei Tage lang mit eisernen, ja wahr- hastig mit eisernen Riegeln versperrt gewesen waren, sich wieder herrlich, ach herrlich auftun. Man schmiedete wieder Pläne. Man freute sich wieder auf Jahre, die es vielleicht doch noch gab ...

Gerö kam herbei. Und seine klare, reife, im Beobachtungsstand uner« schlittert gebliebene Sicherheit strömte nun ebenfalls auf den Knaben ein. Dabei wechselten sie kaum einige Worte. Möß hatte ja keine Ahnung, wie so etwas, was sie erlebt hatten, überhaupt zu erzählen fei. Auch die abgekämpfte Mannschaft drückte sich wortlos um die beiden herum.

Kinder!" fuhr da Gerö aufheiternd in den Schwarm,ihr seid heute, scheint mir, wieder einmal ausgezeichnet worden."

Fragend hingen die Blicke an ihm.

Nun ja", sagte er und zeigte auf die rings gähnenden Trichter,gibt es denn schönere Orden für euch als diese da?"

Am nächsten Morgen hört Möß ein sonderbares Trommeln über seinem Kopf. Er öffnet die Augen, aber sehen läßt sich nichts. Er hebt den Arm da stoßt er gegen eine feuchte Wand. Regentropfen fallen ihm ins Gesicht.

Ach so! Gerös Bursche hatte während der Nacht, als es zu regnen begann, beide mit einer Zeltbahn zugedeckt.

Im Regen setzen sie den Vormarsch nach Osten fort. Im Regen über das Schlachtfeld von Urlow.

Dieser graue, immerfort fallende Vorhang tut eigentlich wohl. Tut wohler jedenfalls, als Maß bei Anbruch des Morgens befürchtet hat. Versucht er nicht, zartfühlend, einen Schleier um Dinge zu hüllen, die man am besten nicht sieht?

Als habe man gestern und voraestern den schweren Kampf nur hinter den Kulissen her verfolgt, genau so ist es, und trete jetzt erst auf die offene Bühne, die noch alle Spuren der grausigen Ereignisse bewahrt.

Der Meierhof endlich sieht Mäh den vielgenannten Meierhof Ur­low liegt auf einer Bodenschwelle jenseits der Strypa. Die ist hier, an ihrem Oberlauf, nicht größer als ein Wiesenbächlein. Spärliche Baum­gruppen umstehen die weitläufigen Wirtschaftsgebäude, dürre, zerzauste Akazien. Ragen sie mit ihren hilflos hängenden Armen in der nebeligen Ferne nicht wie trauernde Gestalten eines Kalvarienhügels in den Tränenhimmel?

(Fortsetzung folgt.)