Ausgabe 
24.12.1936
 
Einzelbild herunterladen

Börfl NSW sN W stark. Und alle sechs Fäller wurden am Schluß sehr wortkarg und rauchten wie wütend vor sich hin.

Aber nach einer Pause nahm der, der vorhin Ziehharmonika ge­spielt hatte, das Instrument wieder auf, und, nachsinnend, was er denn jetzt wohl spielen könnte, kamen ihm zufällig mit ein paar Griffen an der Tastatur ein paar Töne heraus, so ganz nachlässig, im lang­samen Auseinanderziehen und Einziehen der Harmonika. Tam-tatata, Tam-tatata, ja wahrhaftig, ach so, Herrgott, das war ja der Anfang zu dem Lied von der stillen und heiligen Nacht! Das kannten sie alle, nur war es ihnen vorher nicht eingefallen, seltsam, dah es ihnen vorher nicht eingefallen war! Niemand von den sechs Männern kannte zwar den Tert genau, doch was schadete das, sie bekamen ungefähr das Lied zusammen, und sie sangen dann mit ihren von Alkohol und Rauch heiseren Stimmen das Weihnachtslied. Sangen es oft, sangen es immer wieder, wie vorhin das Lied von dem Jäger. Nur mit dem Unter­schied, daß ihnen jetzt dabei immer froher und leichter ums Herz wurde. Sie konnten es sich nicht erklären, was braucht sich ein Holzfäller dar­über klar zu sein, wie ihm zumute ist und warum er sich auf einmal so ungekannt friedlich und versöhnlich gestimmt fühlt. Das war schön, das war schön, das war ihr Weihnachten, empfanden sie, hoch oben hier auf dem Berg in der Hütte feierten sie Weihnachten.

Und als sie später sich aus ihre harten Lager zum Schlafen legten, sahen sie, im Einschlafen noch das Weihnachtslied vor sich hin summend, durch eine Luke im Dach den Sternenhimmel. Also wußten sie noch, und sie nahmen es mit herüber in ihren Schlaf, war draußen der Nebel gewichen und der Sturm, und es war still und klar um sie ...

Eugenie und das Krippenspiel.

Eine welhnachkliche Liebesgeschichte von Josef Magnus Wehner.

Fräulein Cugenie geht über Land. Gerade ehe der Wetterhahn der großen Dorfkirche hinter dem Wachtküppel verschwindet, hat sie dem Herrn Lehrer, ihrem Bruder, die Hand gegeben. Er schleppt nun keuchend sein Junggesellenbäuchlein den Hügel hinauf, heimwärts, sie aber eilt den verschneiten Feldweg hinab zur Stadt.

Die lichtlose graublaue Himmelsglocke atmet milde Wärme. Ein paar Schneeflocken blinzeln an ihr vorbei, unentschieden und leise, kein Wind geht. Es ist feierlich und leer über dem Felde. So sieht den Kindern die Welt aus, wenn sie morgens aus einem Traume auswachen und erst lange umherblicken, ehe sie zu weinen anfangen.

Fräulein Eugenie ist kein Kind mehr. Sie ist Anfang dreißig, und die gebrannten Löckchen, die in ihre Stirn fallen, verdecken nicht ohne Absicht ein paar krause Fältchen. Uebrigens macht das nichts; Fräulein Eugenie ist anderswo noch schön und jung genug: man muß nur diesen feingeschnittenen Mund anschauen, hinter dessen Winkeln jener ebenso winzige wie gefährliche Gott sitzt, in sehr versteckten Grübchen, die sich nur beim Lachen öffnen. Jetzt freilich, da sie nicht lacht, ist dieser schöne Mund fast zu üppig für eine dreißigjährige Jungfrau, die höchstens zwei- oder dreimal in ihrem Leben geküßt hat.

Nein, sie lacht gar nicht, es ist ihr sogar ein wenig weinerlich zumute, als sie sich nun umwendet und auf der Höhe des Hügels, triumphierend in das gelbe Band des Horizonts gehoben, plötzlich zwei Menschen erblickt. Es scheint freilich nur einer zu sein, so eng stehen die beiden aneinander im fahlen Lichte des unteren Himmels, ihr Bruder und die junge Witwe, die er angeblich schon auf dem Seminar kennengelernt hat. Gestern ist ie angekommen, die Mutter hat sie einladen müssen, der Bruder hat es o gewollt. Und Eugenie wird es nicht hindern können, daß sie länger lableiben wird, vielleicht für immer. Ja wirklich, sie stehen noch da oben am Himmel wie angefroren! Darum ist sie ja auch über die Feier­tage zur Base in di« Stadt gegangen ... Sie wird da überflüssig werden ...

Ihr Herz tut weh, wenn sie an den Bruder denkt, dem sie jetzt zehn Jahre gedient hat wie eine Magd, ohne nach ihrem Glücke zu fragen.

Sie wendet sich nun nicht mehr um. Bann, auf einmal, stampft sie zornig mit dem Fuße auf, sehr zornig, zweimal, mit dem linken Fuß, weil über dem rechten der geraffte Rock sich bauscht. Es ist doch in der Tat einfach lächerlich, daß ihr gerade in diesem Augenblick der Kaufmann Günther einfällt, der Kolonialwarengünther, der Witwer aus der kleinen Stadt, der sich das ganze letzte Jahr ein wenig auffällig um sie bemüht hat. Als ob sie jemals ernstlich an ihn gedacht hätte! An einen Städter! Sie hat ihn immer abfahren lassen. Und er?Es eilt ja nicht", hat er immer wieder gesagt und sie mit unverschämter Ruhe angeschaut, als werde sie später doch einmal ja sagen, ob sie wolle oder nicht.

Ja, nun denkt sie doch an ihn, wie? Sie schlägt sich an die Stirn, sie regt sich auf, und plötzlich lacht sie verhohlen und ein bißchen grau­sam. Sie hat sich eben ausgedacht, wenn sie ihn mit der Witwe zusammen­binden könnte, die eben am Halse ihres Bruders ...

Und da hat sie sich schon wieder umgewandt. Bei Gott die beiden stehen immer noch dort oben! Wollen sie in den Himmel fahren? Man sollte sie einmauern, sie würden cs wahrscheinlich gar nicht merken, so selig sind sie!

Fräulein Eugenie hat die Arme in die Hüften gestemmt. Will sie predigen oder ist dies nur der Ausdruck stummer Entrüstung? Ach nein, es ist nur Hilflosigkeit. Denn eben finken ihr langsam die Arme ... Und sie will sich wieder abwenden ...

Aber da pfeift jemand! Fräulein Eugenie erschrickt. Wo kommt so schnell ein Mann her? Eben war doch das Feld noch leer wie am ersten Schöpfungstage! Soll sie sich umwenden? Es muß ein Städter fein, der Mann; er flötet so zärtlich und doch so kühn.

Hätte sie sich lieber nicht umgewendet! Ihre Knie werden kalt und weich, denn es ist niemand anders als Herr Günther, der da durch den Rauch der Dämmerung herankommt.

Sie hat gerade noch Zeit, zornig zu werden, da schwenkt jener schon seinen steifen Hut und grüßt sie "mit einer langwierigen Verbeugung.

Er dreh! sich Trt Ben Msten", denkt str.Wie kachersichE Sie sieh! auch sofort, daß er graue Lederhandschuhe trägt und einen schwarzen Mantel aus guter Wolle, der auf Taille gearbeitet ist. Indessen sagt sie nur:

Sie haben mich schön erschreckt mit Ihrem Pfeifen? Und wo wollen Sie denn zu dieser Zeit hin?^

Es war der Pariser Einzugsmarsch", bemerkte Herr Günther, indem er lustig mit den Augen zwinkerte,und ich habe ihn gepfiffen, einmal, weil mir Ihre Base gestattet hat, Sie einzuholen, und dann auch allgemein, aus Zartgefühl, um Sie nicht zu überraschen. Sie wendeten mir Ihren schönen Rücken zu!"

Sie war nun fast neugierig, wie er sich nun weiter benehmen werde.

Aber Kaufmann Günther benahm sich nicht anders als ein reifer Mann, der ein widerspenstiges Mädchen zu feiner Frau machen will. Er sprach mitnichten von Liebesdingen, sondern er erzählte von seinen Reisen, die er als junger Mann in alle Landschaften Deutschlands unter­nommen hatte; er sprach nie von sich, er schien sich überhaupt nicht zu kennen, er sprach immer nur von der großen Schönheit der Welt und ihrer Menschen, und auf einmal war er bei seiner Frau angelangt und erzählte sehr langsam und, wie es Eugenie schien, auch innig von der Mädchenzeit der schönen Jungfrau, wie spröde und lieblich sie gewesen sei und wie er langsam, sehr langsam, ihr Herz ausgeschlossen habe. Und plötzlich war es Eugenie, als gehe sie im Traum, als erzähle der M nn von ihr. Ihr Herz klopfte stark, und sie fürchtete jeden Augenblick, jetzt werde jener ihre Hand ergreifen und vielleicht gar auf die Knie fallen.

Aber nein, Jungfrau Eugenie, hab' doch nicht fo viel Angst! Wenn du jetzt sprechen müßtest und deine Stimme zitterte, müßtejener" ja glauben, er sei es, der dein Herz zum Zittern gebracht habe. Und dem ist doch keineswegs so, nicht wahr?

Gewiß nicht, dem war keineswegs fo! Denn als nun Herr Günther anheben wallte, von feinem sechsjährigen Mädchen zu erzählen, das die Verblichene ihm hinterlassen habe, da sprang ihm die Jungfrau fast mitten in den Satz und sagte:

Aber ich kenne ja das Mädchen gar nicht, Herr Günther!"

Das war doch endlich einmal eine Absage. Das hieß doch, Fräulein Eugenie fei keineswegs gefonnen, an den weiteren Familienfchickfalen des Herrn Günther Anteil zu nehmen.

Und in der Tat hätten sich hier zwei Lebenswege für immer vonein­ander geschieden, wenn nicht das Schicksal oder sein Hofnarr, der Zufall, drei kleine Handgriffe angewendet hätte, um die beiden Menschen fester aneinander zu binden, als es in diesem Augenblick möglich schien.

Es war Fräulein Eugenie warm geworden. Sie zog ihren schwarzen Mantel aus. Selbstverständlich sprang Herr Günther sofort herbei und half ihr. Er nahm ihr den Mantel ab, schlug ihn zusammen und legte ihn behutsam über ihren Arm, den sie ihm entgegenstreckte.

In diesem Augenblicke aber sah die Jungfrau auf dem Kragen ihres Mantels ein fitbergraues Haar. Es war nicht kurz, also konnte es nicht von ihm sein. Hatte er es bemerkt? Sie wollte es schnell entfernen; aber wenn er es bemerkt hatte, war es schon zu spät, und wenn er es nicht bemerkt hatte, würde sie ihn durch eine ungeschickte Bewegung erst aufmerksam machen. Aber es war schrecklich genug, dieses graue Haar unter feinen Augen einherzutragen.

Als ob er das gefühlt hätte, nahm Herr Günther in diesem Augen­blick eine Apfelsine aus der Tasche. Sie war sorgfältig in goldbedrucktes Seidenpapier gewickelt, aber schon aufgeschält und anmutig wie eine offene Blüte in Schnitze aufgeteilt, die sich beim Aufwickeln öffneten. Eine vor­bereitete Versuchung also.

Fräulein Eugenie schluckte hart; aber sie konnte es nicht verhindern, daß ihr das Wasser im Munde zusammenlief. Woher wußte er, daß sie Apfelsinen für ihr Leben gern?

Ich weiß von ihrer Base ..wollte er liebevoll beginnen, aber da hatte sie schon eine Schnitze abgerupft und führte sie schnell zum Munde. Es war wie ein Diebstahl, aber sie machte ein sehr gleichmütiges Gesicht dazu und sagte nur zweifelnd:So ...?" Um sich selber aber die Sünde mundgerecht zu machen, dachte sie für sich, während der fühfäuerliche Saft ihren Gaumen kühlte:Er handelt ja damit!"

Aber das war eine häßliche Entschuldigung. Sie fühlte das auch so­fort, doch sie nahm noch eine zweite Schnitze, in demselben Augenblick, als sie sich schämte. Denn nun stand Herr Günther so nahe vor ihr, daß sie nicht anders konnte. Er hatte sogar das Seidenpapier so kunstvoll gedreht, daß es wie eine zweite Blüte aussah, in der die schwindende Frucht ruhte.

Und als sie weitergingen, siehe, da war das graue Haar von Fräu­lein Eugenies Mantel verschwunden und hing nun an Herrn Günthers Brust, und im selben Augenblicke sahen beide die liebe Base um die Wegbiegung kommen.

Sie nickte schon auf hundert Schritt, als sei sie, ohne gefragt zu sein, im voraus mit allem einverstanden. Hatte sie gesehen, wie Eugenie die Apfelsine völlig ausaß? Wie Herr Günther die rote Schale in fein Taschentuch wickelte und ihr dabei fest in die Augen blickte? Eugenie streifte den Mann noch einmal mit den Blicken, und da sah sie, während ihr das Herz fast stehenblieb, das Haar, ihr graues Haar, an feiner rechten Schulter. Wenn das die Base sah, mußte sie ihn heiraten.

Sie wollte es ihm herunterreißen sie konnte nicht. So drängte sie sich denn, nachdem sie die Base aufgeregt und krampfhaft begrüßt hatte, sofort zwischen die beiden. Sie verhinderte, daß die Base dem Manne die Hand gab, sie schlang vielmehr ihren Arm sofort unter den der Frau und drängte eilig zur Stadt, von Herrn Günther fort, sie verleugnete ihn geradezu.

Und so führte sie sich auch beim Abschied auf, fo daß sowohl Herr Günther wie auch die erfahrene Safe langsam ihr« Hoffnungen ab­bauten. __ , . ~

Aber da schaltete das Schicksal sich zum dritten Male ein. Cs hatte es diesmal leichter, denn, um es gleich zu sagen, Fräulein Eugenie träumte in dieser Nacht von nichts anderem als von Herrn Günther: sie mußte ihm in einem paradiesischen Garten zahllose Apfelsinen pflücken und er stand unten in golbgrünem Grase und fing die Früchte in kunstvoll