Ausgabe 
24.12.1936
 
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Gießener KmiilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1936 Donnerstag, den 24. Dezember Nummer 100

Eia Weihnacht!

Von Hermann Claudius. Weihnachten ward das Christkind geboren. Cs lag in der Krippe auf Stroh, ganz klein. Rundum standen Schaf unb Oechselein und der Esel mit den langen Ohren.

Die Hirten vom Felbe kamen gelaufen, knieten nieder und beteten an.

Und einer, der war schon ein steinalter Mann und mußte sich erst ein wenig verschnaufen.

Er trug ein Lamm auf seinen Händen: Schau, das hab' ich dir mitgebracht!" Die Hirten harrteü die ganze Nacht und mochten nicht die Blicke wenden.

Dann gingen sie wieder zu ihren Schafen Maria sang ein Wiegenlied.

Die Engel im Himmel sangen mit. Herr Joseph war schon eingefchlasen.

Bergweihnacht.

Erzählung von Eberhard Meckel.

Da leben nun ein paar Holzfäller seit vielen Monaten oben auf dem Berg, sechs rauhe und kräftige Männer hausen in einer Block­hütte, machen für mehrere Talgemeinden Kahlhiebe in deren Berg­wäldern, und wenn sie damit fertig sein werden, ziehen sie weiter und schlagen für andere wo anders wieder Holz, wo es eben gerade Arbeit gibt. Aus der Not der Zeit heraus haben sie sich zusammenaetan; aus der Stadt, wo es längst keine Arbeit mehr für sie gab, sind sie hinaus­gegangen, und da sie mit wenig zufrieden sind, so kommen sie durch, und dos Brot, das sie essen, ist eigen erarbeitetes, und das Wasser, das sie trinken, muß das ersetzen, was tags in der harten Arbeit sie an Schweiß verloren. Das macht sie stolz und frei, sie lassen sich nichts sagen, und wo sie fällen, ist es ihr Wald, und wo sie atmen, ist es ihre Luft. Alle zwei Wochen steigt abwechselnd einer von ihnen hinab ins Tal und holt von den Gemeinden die Verpflegung herauf, auch neues Schlägermaterial, Beilstahl, Zeppeline und Sägebänder. Und das andere ist Speck und Butter und Brot, Büchsensachen, Tabak und ein Kanister Schnaps.

Ja, das sind die sechs Holzschläger oben auf dem Berg, so leben sie, und der Sommer ist vorübergegangen, und sie schlugen Holz, der Herbst kam. und sie schlugen Holz, und nun ist Winter, und es liegt hoher Schnee, und es hat bitteren Frost, und sie schlagen noch immer Holz in den Wäldern. Erst im nächsten Sommer werden sie fertig sein, und was dann ist, das weiß kein Mensch. Wenn es hell wird, gehen sie an ihre Arbeit, wenn es dunkelt, hocken sie sich herein in die Hütte und legen sich später nieder zum kurzen Schlaf.

Doch jetzt ist Weihnachten herangekommen. Und vor ein paar Tagen war wieder einer von ihnen unten im Tal und hat ihnen ihre Ver­pflegung herausgeschafft in mühseliger Arbeit durch den Schnee. Aber es hat sich gelohnt und daran merken sie es auch, daß jetzt Weihnachten kommt: ein doppeltes Gemäß Schnaps und die doppelte Ration Tabak gab es dabei, und das war ihnen von den Gemeinden als besondere Weihnachtszulage gedacht. So, so, das war also jetzt Weihnachten. Doch am Tage des Weihnachtsabends selbst hatten sie noch gefällt wie immer, keiner hat irgend etwas anderes gedacht als Bäume anschlagen und niederbrechen machen. Aber als um vier Uhr nachmittags heftiges Schneewehen einsetzte, und damit das Zwielicht grau und neblig in den Wald kroch, und die Füller nichts mehr tun konnten, da machten sie Feierabend, legten ihre Aexte und Sägen hin und verstauten sie wohl hinter der Hütte.

So", sagte der eine von ihnen, der eine Art Kommando führte, so", sagte er,jetzt ist Weihnachten", und die anderen nickten, sagten auch nachher ja, und alle gingen in die Hütte.

Da hockten sie sich, stumpf und müde, wie sie waren, hm. Weih­nachten, das wußten sie immerhin, o ja, das behält das Herz jedes Menschen, mag er [ein, wo und was er will, mag er sonst auch alles vergessen haben, mag er innen versteint sein aber Weihnachten das ist etwas Besonderes, ja ja, so wußten es die Fäller noch. Und so hockten sie in der Hütte und sahen vor sich hin. Draußen war es bald dunkel geworden, fahl und blaß, die wenige Helligkeit in dex Luft, vom Widerschein des Schnees herrührend, stand im Hüttenfenster unö gab innen einen schwachen Schein, wo die Männer, die noch kein Licht angezündet hatten, schweigend im Kreise saßen. Ab und zu glimmte

hier und dort aus einer Pfeife beim Ziehen ein mattes Leuchten auf und lief, sekundenschnell zuckend, über ein wetterhartes und bärtiges Gesicht, es wie gespenstisch mit allen Falten und Rillen und Gruben, die das harte Leben gegraben hatte, erstehen lassend. Keiner sprach ein Wort, nur der Ofen spuckte gelegentlich knallend aus der t)alboffenen Tür ein versengtes Holzstück, wie ein Fauchen in die Stille.

Bis einer der Füller hinausging, um neues Feuerholz zu holen, und einen Augenblick die Tür ins Freie hinaus offen stand. Schneeflocken wirbelten herein, Wind fuhr jäh in den Raum, und da hörten sie es, die Füller; kaum vernehmbar ein Läuten ...

Nun, an windigen Tagen trug oftmals die Talwehe von tief unten das Läuten der Glocken von den kleinen Dorfkirchen herauf bis zu ihnen, vornehmlich an Sonntagen hörten sie es manchmal, wenn der Lärm der niederbrechenden Bäume und ihre Schläge ihnen nicht das Läuten verschlugen. Aber sie hatten sich niemals etwas dabei gedacht; aber heute, heute, nun ja, yeute hörten sie es alle ganz genau.Glocken­läuten", jagte der, der mit dem Feuerholz bann gleich wieder zurück- kam in das Schweigen hinein, unb die anderen sagten es auch. Und wieder stand dann einer auf und ging ins Freie. Nach einer Weile kam er wieder und brummte:Ganz deutlich hört man es, draußen an der Bergwacht." Und da standen alle auf, wie sie dazu kamen, wußten sie eigentlich nicht, aber sie standen auf und stapften das kurze Stück durch den tiefen Schnee zur Bergwacht. Das war ein Felsvor­sprung, der herausstand, und von dort aus fiel es jählings weit über tausend Meter fast senkrecht hinab ins Tal. Dahin also gingen die sechs Männer, ja, um das Läuten zu hören, lieber eine Schneelehne beugten sich alle sechs und hielten die Ohren in die Windrichtung.Man hört es deutlich", sagten sie, und bann gingen sie wieder zurück. Nicht, daß sie ein anderes Gefühl dabei überkam, nein, so groß war schon ihre Rauheit, daß sie nichts dergleichen aufkommen ließ, aber ein wenig, so, wie sie es nicht oft kannten, wurde ihnen doch zumute, so etwas Unerklärliches lief in sie hinein, in die Brust, und da saß es nun unb ging nicht mehr ganz heraus.

War das das Besondere? Ach, es machte, daß die Füller zunächst in der Hütte einmal ordentlich aßen und tüchtig tränten, und dann machte es, daß einer nachher, als die mit Essen fertig waren, einen Tannenbaum schlagen wollte, um ihn mitten in die Hütte als Weih­nachtsbaum zu stellen. Denn ein Baum mußte her, das fanden sie alle plötzlich. Ein Baum, das gehört dazu, ein Baum, das muß fein. Doch, als sie ihn absägen wollten, draußen hinter der Hütte, fiel ihnen ein, daß sie ja kein Flitter und nichts und keine Kerzen hätten, damit der Baum auch aussähe wie ein richtiger Weihnachtsbaum. Da kam einer auf die Idee, man sollte ihn doch stehen lassen, so in der vollen Schnee­last auf den Zweigen, so wäre es doch am schönsten. Und wieder einer sagte, man könne ja ein paar Späne anbrennen und sie bann brennend ins Geäst stecken, das sei wohl auch nicht schlecht.

Also machten sie es, holten Späne und brannten sie an und steckten si, an den Baum. Es war zufällig Windschatten, dort hinter der Hütte, rotr der Baum stand, so blies der Sturm nicht gleich die Spanfeuer aus, ein paar Minuten hielt es schon, ein paar Minuten stand da ein lebender Weihnachtsbaum oben auf dem Berg.

Es schneite, es schneite, lautlos und immer tiefer sank alles unter die weiße Schneelast, im Feuerschein der Späne standen sechs Männer und. sahen den Baum an mit glänzenden Augen und sagten nichts. Die ab­brennenden Späne prasselten etwas, auch taute es etwas von ihrer Wärme hinein, über den Männern sauste der Bergsturm heulend dahin zwischen den Wipfeln der mächtigen alten Tannen, und trotzdem war es still bis zum Erschrecken. Nichts, kein Zucken, kein Blick verriet in den Gesichtern der sechs, ob irgend eine Bewegung in ihnen war. Reglos jianben sie, doch einer ging vordem, ehe die Späne ganz niedergebrannt waren, hinein in die Hütte. Und als die anderen nach dem Erlöschen auch dorthin zurückkehrten, saß der eine hinter seinem Schnaps und trank und trank.

Hoho, und nun ging eine Zecherei los, bis ihnen die Kopfe glühten und halb wirr waren. Sie fangen rauhe Lieder, die Ziehharmonika wurde wieder hervorgeholt, und einer von ihnen, der eigentlich einmal ein Studierter war, es aber zu nichts gebracht hatte, dafür aber weit herumgekommen war, der wußte ganz toll zu spielen. Sie fangen das Lied von dem harten Mann, der den Hirsch im wilden Forst schoß und in Nacht und Eis den Stein zum Bett gemacht hat und dennoch die Liebe einst gespürt hatte. Sie fangen es wieder und wieder, sie liebten es so sehr, und es wurde ihnen seltsam zumute.

Hallo, was hat denn der, schau dort, haha, haha! Und fünf Manner rüttelten den sechsten, der plötzlich ganz still dasaß, und ihm lief eine Träne die Stoppeln hinab. Ja, ja, der Schnaps und so ein Lied, das macht halt den stärksten Mann weich, da erliegt der kräftigste Mensch. Doch der Stille schimpfte auf einmal laut auf, aber ganz echt klang es noch nicht, wischte sich das Gesicht am Aermel ab unb sagte, der Qualm