Ausgabe 
24.8.1936
 
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sei menschlich, lind es wäre seine Meinung, daß ihm keiner vorschreiben könne, wann er zu Gott gehen wollte oder nicht, ja, daß er selber solches nicht vermöchte, wenn nicht etwas in ihm regsam wäre und darnach verlangen wollte.

Aber der Vicedom hörte nicht auf die polternden Worte, sondern sprach nach Recht und Gesetz und büßte den Burgherrn mit hundert guten roten Dukaten,

Etliche Wochen später kam der Kaiser nach Grätz, und das Volk huldigte ihm in großer Menge, Der Bischof hielt ein großes Amt mit feierlichem Gepränge, und nachher wurden viele Festlichkeiten zu Ehren des kaiser­lichen Herrn abgehalten, Ferdinand hielt in der Burg einen großen Empfang ab, der durch seine festliche Pracht auf die Bedeutung des hohen Besuches Hinweisen sollte. Es war nur die Zierde des Adels geladen, und mit ganz besonderem Vermerk ließ der hohe Herr jedem einzelnen kundtun, daß jeder der geladen wäre, in seinen besten und teuersten Gewändern zu erscheinen habe.

Daher war dieser Abend, dem alle, auch jene, die nicht geladen waren, mit Begier entgegensahen, in seinem Prunk und den wunderbaren Farben aller Kleider, Edelsteine und Waffen einem Bild des Herrn Jacopo Tin- toretto vergleichbar. Der Kaiser, der von seinem höheren, mit kostbaren Stoffen behangenen Sitz das reiche Schauspiel mit Wohlbehagen genoß, nickte auch jedem freundlich zu, denn es war ihm, als fei er sich durch den Glanz all dieser, auf deren Treue er baute, ganz besonders seiner Macht bewußt. Aber sein Auge liebte es auch, über das graue Einerlei des Tages hinaus, die bunte Fülle der verschiedenen Prachtkleider zu sehen.

Um so mehr war er betroffen und betrachtete mit unheilverkündendem Stirnrunzeln den Burgherrn zu Gösting, Herrn Maximilian von Schrotten- bach, der seinem Befehl in einer sonderbaren, ganz und gar nicht ent­sprechenden Weise Folge geleistet hatte. Denn der Freiherr, wie er jetzt auf ihn zukam und leicht das Knie beugte, indes die rechte Hand das seidene Barett schwenkte und die Linke lässig auf dem prachtvoll verzierten vene­zianischen Degen ruhte, trug zwar ein kunstvoll gesticktes Wams, aber die Beine staken in derben ledernen Hosen.

Herr von Schrottenbach", sagte der Kaiser mit finsterer Miene, während die Hand, auf die er das Kinn gestützt hatte, haltlos nach vorn sank und der erlauchte Herr derowegen ein wenig steif und angespannt in seinem Stuhl saß,was soll Euer seltsamer Auszug?!" Doch der Freiherr, anstatt zu sprechen, neigte neuerdings, soweit es die Schwere seiner großen Gestalt erlaubte, das Knie und trug eine offene ehrliche Miene zur Schau.

Habt Ihr nicht vernommen", rief der Kaiser erzürnt,daß es mein Wunsch war, jedermann in seinen kostbarsten Gewändern zu sehen? Was sagt Ihr zu meinem Befehl?"

Daß ich ihn genau befolgt Habel", erwiderte der Burgherr furchtlos und aufrichtig.

Ringsum hatten sich die Gruppen der Flüsternden zusammengeschoben, die Edelleute, von denen einer den andern an Pracht zu übertreffen ver­sucht hatte, schauten neugierig auf den Kaiser und den dreisten Burgherrn zu Gösting, den sie schon geächtet glaubten.

Wie meint Ihr das?", fragte Ferdinand betroffen und verwundert, Ihr steht vor mir in gewöhnlichen Lederhosen ..."

Majestät", sagte der Schrottenbach, und ein verstecktes Schmunzeln wollte unter seinem Buschbart hervor, er hielt jedoch rechtzeitig an sich, diese Hosen sind tatsächlich mein teuerstes Zeug."

Der Kaiser blickte ihn fragend an.

Keiner ist im Saal, der ein teureres Beinkleid trägt als ich", rief der Freiherr mit heller Stimme, es kostet mich blanke hundert Dukaten, denn es ist aus der Hirschdecke gemacht, für die ich büßen mußte!"

Da lehnte sich der Kaiser im Stuhl zurück und lachte, daß ihm die Bauch­seiten ganz unrespektabel wackelten. Und unter diesem Lachen, noch kaum der Worte mächtig, winkte er den Vicedom von Grätz zu sich und befahl ihm, Maximilian von Schrottenbach die hundert Dukaten zurückzuzahlen, denn wo käme der Herrenstand in seinen Landen hin, wenn sie so teure Hosen haben müßten.

Herr von Schrottenbach aber neigte sich dankbar seinem Herrn, und er trug eine ernste Miene zur Schau, als er sich wieder zu den anderen im Saale gesellte. Aber ein geruhsamer Chroniste, der damals dabei gewesen ist, vermerkt, er habe im Augenwinkel des Schrottenbachers den Schalk blitzen seben, weil er die Befehle seines Herrn so getreulich befolgt hätte. Aber die Zeit ist darüber hin, und keiner weiß zu sagen, wo die Wahrheit anhebt und wo die Fabulei.

Oer Rosenkranz,

w -- OV o o t ?.

Der Hefele kniete vor der grauen Offizierskiste.

Da wären wir mal wieder!", seufzte er vor sich hin.

Er legte die Wäsche sorgsam aufeinander und hängte den Dienstrock über die Lehne. Wie schnell doch so ein Urlaub rum ist! Himmelsakra!

Er kratzte sich den Kopf. Da hat die Frau Oberstabsarzt mal wieder vierzehn Tage keine Angst um ihren Jungen haben brauchen. Und die Frau war auch zufrieden! Sakra! Sakra! Aber nun ist das Alles schon wieder rum!

Oberleutnant von Tutschek", stand mit schwarzen Buchstaben auf der Kiste.Jagdstaffel 12."

Wird auch baldHauptmann" drüber malen können, wenn der so weiter macht mit seinen Abschüssen.

Der Hefele bürstete üher den Rock. Ha! No! So'n Draufgänger war der damals schon in Garnison! Hat uns schwer geschliffen, unser Leutnant, aber hot selbst immer mitgcmacht! Das war die Sache! Und dann beim Vormarsch immer vornweg und nie den feinen Herrn markiert, die letzte Zigarette mit seinen Leuten geteilt! Ja ja, so ist der schon!

Der Lefele fährt mit den rauben Fingern üher den Rock, nickt vor sich hin- Und das da ist geflickt! Granatsplitter! Ha! No! Wir kriegen halt

alle was ab im Feld! Früher oder später schnappt'? einen jeden! Hast ja auch lang genug im Lazarett gelegen, Hefele, eh dich der Oberleutnant mit­nahm zu den Fliegern als Burschen, weil's vorn nicht mehr ging bei der Infanterie!

Der Hefele legt die Lederhaube bereit, die Brille und die Stulpen­handschuhe. Wird ja doch gleich wieder fliegen wollen! Ist ja nicht einer, der auf Befehle wartet, unser Oberleutnant! Alles andere! Der stöbert von allein den Feind auf und rückt ihm rücksichtslos aufs Leder! Was hat der schon für Leben in die Kompanie gebracht, daß man sie bald kannte in der ganzen Division 1./3.

Ja, ja!, nickte der Hefele vor sich hin, aber ein paar mal hat's ihn doch schon erwischt! Und wenn man manchmal seine Kiste so sieht, mit Treffern gleich am Sitz, einmal durchs Steuer und in den Tank! Kruzitürken! Aber der Oberleutnant hat nur gesagt:Hab' ja den Rosenkranz, den Ge­weihten!"

Unwillkürlich tastete der Hefele nach der Tasche im abgeschabten Offi­ziersrock. Die Schachtel fehlt! Es durchfuhr ihn kalt. Hastig griff er in die anderen Taschen, aber die Kette war nicht da. Er klappte die Kiste los, wühlte die Wäsche durcheinander, sah im Mantel nach: der Rosen­kranz fehlte.

Herrgott! Was ist denn nun? Bei Petrylow ist er dabei gewesen, beim Sturm auf das Werk, das uneinnehmbar galt! Und im Wald vor Avo- court, als es ihn auf einmal unerklärlich aus dem Unterstand heraustrieb, der Sekunden später unter einer Steilfeuergranate zusammenbrach! Und damals, als sie ihn abschossen, grab zu Weihnachten vorn bei Nurlu! Immer hat die kleine Schachtel in der Tasche gesteckt! Aber diesmal ...

Das kann nicht gut gehn! Das war dem Hefele ganz klar. Er dürft' nicht fliegen! Man müßt' der Frau Oberstabsarzt schreiben! Aber bis dahin sind acht Tage rum, und der fliegt doch wieder! Teist! Der Tutschek, hier heraußen und sich net mit dem Engländer raufen? Aber das kann ja gar net gut gehn!

Mit zitternden Händen durchwühlte der Hefele wieder den Rock, die Kiste, den Schrank. Und die Frau Oberstabsarzt hat mich noch beiseite genommen:Ich weiß ja. Sie sorgen für meinen Jungen, Hans! Er vergißt ja alles andere über dem Kampf!" Und nun fehlt das Wichtigste!

Der Hefele griff in Gedanken in die eigene Tasche, faßte die Blech­schachtel mit dem eigenen Rosenkranz.

Die geb' ich ihm!, durchzuckte es ihn aber da sah er auf einmal seine kleine Frau daheim in der Stube sitzen. Die Tränen rannen ihr langsam Über das Gesicht.Wenn ich nicht wüßt', daß du den Geweihten immer bei dir in der Tasche hättest, Hansl! All die Bomben bei euch herauhen, wo der Engländer euren Flugplatz kennt? Und den Mosner- Bertl hat's auch zerrissen!"

Ach, was!", schüttelte der Hefele den Kopf. Der Oberleutnant hat ihn nötiger! Was ist das hier unten schon dagegen, auch wenn der Engländer bis fast auf die Dächer runterstößt und alles beast?

Aber die Stimme der Frau blieb:Weißt, Hansl, grab jetzt, wo ich unfern Bub erwart'. Ich sorg mich so um dich!"

Unb ich hab' sie beruhigt, baß ich ben Rosenkranz immer bei mir tragen mürbe! Sakra! Aber ber Oberleutnant hat dich doch damals selbst in Deckung geschleppt, ohne sich lang zu besinnen! Hat keinen draußen liegen lassen vor dem Draht!

Der Hefele kratzte sich mit dem Daumennagel den Schädel. Aber da waren wieder die Tränen seiner Frau.

Seine Hand preßte die flache Schachtel in der Tasche. Er zog sie heraus, klappte den Deckel los und ließ seine Kette durch die Finger gleiten. Er warf den Kopf mit einem Ruck zurück: Ich werd doch den Kameraden nicht im Stick lassen?

Draußen klappte das Tor. Schnell steckte er die tzchachtel in den Rock des Oberleutnants.

Schritte stampften aus dem Gang. Der Oberleutnant riß die Tür auf: Na. Hans!", lachte er.Wird wieder dicke Luft!"

Der Hefele half ihm hastig in den Rock unb strich babei leicht über bie Tasche mit bem Rosenkranz.

Alles in Drbnung, Herr Oberleutnant!"

Der war schon braußen.

Der Hefele ftanb in der Stube.

Die Motoren brausten auf. Flaks ballerten. Das englische Geschwader summte schon, wie ein aufgescheuchter Hornissenschwarm. Von allen Seiten stolperten welche zum Heldenkeller.

Krachend tasteten die ersten Bomben schon heran. Aber der Hefele schüttelte den Kopf:Hauptsache, daß er den Rosenkranz bei sich hat!", holte einen Briesbogen, hockte sich an die Tischkante und schrieb mit kratzender Feder und ungelenken Buchstaben:... vermisse ich das neben meinem Herrn schätzungswerteste, was wir hier haben, den geweihten Rosen­kranz. Ich vermute, daß er in der lieben Heimat aus der betreffenden Tasche kam. Wären gnädige Frau so liebenswürdig, wenn es gefunden, mir schicken? Damit aber gnädige Frau sich keinen allzu großen Kummer deswegen machen, kann ich Ihnen zur Beruhiguna Mitteilen, daß ich genau den gleichen Rosenkranz gleich beim ersten Flug meinem Herrn in die Tasche gesteckt. Hat mich schon den ganzen Feldzug genau so beschützt, unb so beschützt er nun in Vertretung meinen Herrn ..."

Krachenb zerspritzten die Bomben draußen. Flaks tobten, Maschinen­gewehre hackten hastig und hart.

Der Hefele aber atmete auf:Hauptsache, daß er den Rosenkranz mit hat!" Er stand mitten im Zimmer und lauschte dem Dröhnen der Scheiben.

Jetzt schwiegen die Geschütze, eins nach dem anderen. Windverweht klang nur noch das Hämmern der Maschinengewehre aus der Höhe, während Bombe um Bombe niedergurgelte.

Bersnlwortttch: vr. HansTbyriot. Druck undDerlag:Drühl'jcheL1nlverjitäts»Buch-undSteindruckerei, 2t. Lange, Gießen.