Nummer 65
Montag, den 2$. August
Jahrgang 1956
Nein, ich konnte es nicht mehr aushalten. Eines Nachts, als es in Strömen regnete und man nicht die Hand vor Augen sah, habe ich sie aus ihrem Zimmer entführt.
Und jetzt wohnt sie bei mir tm Keller. ... .
An Kunst ist vorläufig nicht mehr zu denken. Ich muß >etzt dafür sorgen, daß das arme Kind nicht vor Elend und Entbehrungen zugrunde geh. Denn ihr Vater hat sie verstoßen. Die Briefe, die sie ihm geschrieben haß blieben ohne Antwort. Und jetzt mußt du uns helfen, Simon! Für mich selbst habe ich Dich nie um etwas gebeten; aber jetzt bitte ich Dich für sie, nur für sie! Als alter Freund bist Du der Leuchtturm, der uns aus dem Elend retten soll, Du bist ..." . . .
Pirruhn las nicht weiter, zerknüllte den Brief, lief aufgeregt hm und her und rief: „Was, ich ein Leuchtturm! Mag fein, aber ich spende kein Licht nicht eine Unze! Und meine zehn Franken soll er auch zuruckzahlen! Das schreibe ich ins Buch! Was fällt der Rotznase em, mrt meinen zehn Franken aus die Mädchenjagd zu gehen, statt zu malen!'
Pirruhn war ärgerlich und wütend, well Lwmus so leichtsinnig sein Talent und seine Zukunft vergeudete. Er fluchte sogar, und der Pfau flog mit einem rauhen Schrei erschrocken auf den Gipfel einer dunklen Tanne, die in der Mitte einer nach innen geneigten Rasenfläche stand.
Grain d ' O r.
Die Bäume waren schon kahl geworden, und das Blaue Haus stand noch immer leer. Die frühere Dienstmagd wohnte jetzt mit ihrem kleinen Vermächtnis im Beginenhof hinter dem Kalvarienberg.
An einem Sonntagnachmittag schrieb Pirruhn zum mertenmal einen Brief an Anna-Marie, die in Toskana wohnte, um sie nochmals dringend zu bitten, ein Jahr im Blauen Hause zu verbringen. Er teilte ihr wiederum mit daß das Gras in den Wiesen faulte, daß ine Bauern sich über den schlechten Zustand ihrer Wohnungen beklagten, und daß das Testament nicht gestattete, etwas daran machen zu lassen, auch das Einhorn bedürfe dringend der Pflege. Er fügte noch hinzu, daß dieses Landgut eigentlich ihm gehöre, wenn er Adelaide von Sint-Jan heiratete was, wie er hoffte, in diesem Jahre geschehen würde, und daß die Familie von Egmont zu den fünf Fontänen aus Grund des Kaufvertrages verpflichtet sei, es m tadellosem Zustand zu erhalten. Pirruhn bat sie..slehentlich, wenigstens einmal herzukommen, und es wäre nur, damit sie sich ein Bild davon mengen früheren Briese war stets ein rosafarbiges,
duftiges Briefchen gekommen, in dem Anna-Maria mitteiüe, „daß he bestimmt einmal kommen würde". _ h
Pirruhn konnte nicht begreifen, daß man gegenüber soviel Geld und Gi/so gleichgültig sein konnte. „Wenn's in einem Buch stunde wurde ich das nicht glauben", sagte er. „Aber ich werde sie selbst holen, die dumme Gans!", btohte er. . - f.,
Pirruhn siegelte brummend den Brief. Jetzt bemerkte er, daß sich inzwischen ein leichter Nebel verbreitet hatte, ber bte schwarzen, nassen Bäume im Garten mit hellem Grau umhüllte. „Gleich gehe ich spazieren , baC6r tauchte erst seine Pfeife zu Enbe, mit bem Rücken nach bem tnifternben Holzfeuer, unb betrachtete babei bie stille Wehmut bes Gartens.
Er warf feinen grünen, dreistufigen Mantel um die Schultern, fetzte I fpittsn hoben tneihen £)ut ciuf und uinc^ fpQßicren. .... <
Sein Weg führte ihn über den Wall, der die Stadt in einen ovalen Ning einschloß und mit vier Reihen kerzengerader Ulmen bewachsen war. An stdem der fünf Stadttore standen hohe hölzerne Windmühlen.
Vom hochgelegenen Wall aus hatte man eine schone Aussicht »ber bw unb die offenen Felder ringsum. Man sah viele Kirchturme, auch ken von Mecheln!^b?aü und stumpf Jetzt aber hatte ein leichter Nebel den (änrimnf mit Allerseelengrau verhängt. Der Boden war feucht, iind m ber winblosen Stille roch es nach burchgebrochenem Holz unb Ruben.
Auf einem kleinen hochgeschossenen Baum, jenseits ber Nethe sah eme Versammlung von Staren bem Abenb entgegen ber unsichtbar herankaim
Sfuf ber fernen qerounbenen Lanbstraße ratterte eine 3eit[ang
Pos kutsche aistbie Stabt zu. bas Horn bes Bollillons hallte traurig über
Bfeste an trank drei Gläser gutes Kavesbier unb setzte rauchenb seinen ^^Pirruhn°erre/chte bas Moller Tor, ein plumpes Steingebäube mit vier Türmen, an bem eine Wassermühle rauschte. Menschen. Und
Vor bem Zollhaus unter bem Tor ftanb ein flaurietn -, I roaS s . m i „fithnfi ia^ Livinus Bruberherz. unb neben
einer steinernen Bank Lwinus^ umbr st g, Tränen auf den roten
ihm ein sehr hübsches, rundliches Madch m das mr Tranen^^e!". Backen ihren Kopf an feine ^fhulte • - . Livinus war ver-
; sagte Pirruhn gerührt, unb fein ganzer wrou geyu
I fchwunden.
SicfjenerSamilieiiblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger_______
FELIX TIMMERMANS
Die Delphine
EINE GESCHICHTE AUS DER GUTEN ALTEN ZEIT
Aus dem Flämischen übertragen von Peter Mertens /Insel-Verlag Leipzig
1. Fortsetzung.
Am Waifer entlang ging er nach Hause unb dachte mit Freude daran, daß er in irgendeinem Schubfach seines Schreibtisches ein Medaillon hatte, auf dem Anna-Marie als kleines Kind gemalt war; er hatte es zusammen mit anderen Miniaturen von ihrem Vater erhalten, als dieser auf einer . diplomatischen Reise hier zu Besuch gewesen war. Jetzt lag sein Freund irgendwo bei Neapel im Schatten hoher Zypressen begraben
9 Pirruhn fühlte sich sehr glücklich, die Tochter seines Freundes, mit bem er zusammen an ber Löwener Universität studiert hatte, halb in feinem Haus empfangen zu bürfen. Er rieb sich bie Hände und fugte: „Die kann noch meine Hochzeit mitmachen!"
Ein Brief von Livinus.
Im Garten, unter dem stillen, goldnen Laub der Bäume, rauchte Pir- mbn feine Pfeife. Er fütterte gerade den blauen, glanzenden Psau, der neben ihm auf einer steinernen, moosbewachsenen Base sah, als Kato, das Dienstmädchen, ihm einen Brief brachte. . .
Es war ein Brief von Livinus aus Pans, eigentlich eine Papieriute, auf der geschrieben ftanb:
„Lieber Delphin Pirruhn!
Es ist schon lange her, baß ich Dir geschrieben habe, aber eine große Veränberung ist in meinem Leben eingetreten bie meine Zukunft anbers gestalten wirb, als ich gebucht hatte. Jetzt bin ich gewiß, baß unser Schicksal stärker ist als unser Wille." („Gr lugt , knurrte Pirruhm)
? Ich habe ein Mäbchen entführt! Lieber Freunb, ihre Schönheit ist wie"ein Wunber. Ach, könnte ich boch erzählen wie Corenhemel, ba mir ein solcher Stoff gegeben würbe, könnte ich Dich hierherzwmgen, um biefe ”CiS 5,'"“™ °<- d-ch.-». ««6 mich -<I° m-,m.h-
•Ä$ L8ÄMÄSKL-S-»-- -»ichkmm । a‘"e2h”lmorbgtb«n(c« IpulUn durch mem Seblrn. aber meine Seche ! t’at3d)lt[ai)Emeine liebe Senin b’Or zum erstenmal als Schallen ans einem herabgelassenen Fenstervorhang. Ich sah ihr Profil, schor> unb iem rot eine Kamee, weiter nichts, unb gleich war ich in sre.verliebt.
Am nächsten Tage habe ich mit meiner Geige m der stillen Straße wo sie wohnte, unter ihrem Fenster gespielt. Im weißen Kletch M ihrer jugendlichen, herrlichen Schönheit, trat sie ans Fenster vor dem blutrote Geranien blühten. O Pirruhn! Hier muß ich eme Zeile frei lassen, denn es ist mir nicht möglich, bas, was ich bamals fühlte, zu beschreiben. Denk es Dir! —
Meine Geige war mein Herz geworben. Ich spielte auf meinem Herzen, unb meine Liebe, meine Bewunberung sangen unb meinten tn bem bezaubernben Gesang Mozarts. ., h 6 fi
Würbe sie mich armen Teufel begrei,en? Spater roufete tdj, t)aft fie mich verstauben hatte, bamals wußte ich es nicht; sie warf mir em ©e.b- stück zu unb zog sich bann beschämt zurück.
Abends warf'ich ein Briefchen, bas ich um einen kleinen Stein gewickelt hatte zu ben blühenben Geranien, unb bie Auserkorene meiner Lieoe fand 'es am Morgen beim Gießen b.-r Blumen.
Als ich am nächsten Tage roieber vor ihrem Fenster spielte, wmf ste mir schnell eine Rose eine weiße Rose, bie sie an.ihrem Kiew getragen hatte. Unb, Simon, mit biefer Blume schenkte sie mir ihr Herz.
Nun folgten ein paar glückliche Tage. Wir trafen uns jeben Tag im Park; aber ihr Vater, ein abscheulicher Mann, Gehilfe «mem Orgelbauer erfuhr es und sperrte sie em wie einen Vogel. Sie durste ihr Zimmer nicht verlassen, es sei denn, sie schwöre, jede Beziehung zu mir ab3u- brechen Nicht für hundert Näter, Simon, hatte sie das getan.
Endlich konnte ich es nicht mehr aushalten! Der Gedanke daß meine (SraVb’Dr gefangen sah, leiben mußte unb vielleicht allmählich baran zugrunbe ging, brachte mich dem Wahnsinn nahe.


