Ausgabe 
24.7.1936
 
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Sehnsucht.

Don Joseph von Eichendorfs.

Es schienen so golden die Sterne, am Fenster ich einsam stand und hörte aus weiter Ferne ein Posthorn im stillen Land. Das Herz mir im Leibe entbrennte, da hab' ich mir heimlich gedacht: Ach, wer da mitreisen könnte in der prächtigen Sommernacht!

Zwei junge Gesellen gingen vorüber am Bergeshang, ich hörte im Wandern sie singen die stille Gegend entlang: Von schwindelnden Felsenschlüsten, wo die Wälder rauschen so sacht, von Quellen, die von den Klüften sich stürzen in die Waldesnacht.

Sie sangen von Marmorbildern, von Gärten, die überm Gestein in dämmernden Lauben verwildern, Palästen im Mondenschein, wo die Mädchen am Fenster lauschen, wenn der Lauten Klang erwacht und die Brunnen verschlafen rauschen in der prächtigen Sommernacht.

Oie SilSerplatte.

Von Heinrich Hauser.

Das war ungefähr zwei Jahre nach dem Krieg. Damals lebte ich in einer Ostseehafenstadt, ganz in Bücher vergraben, ganz einsam, traum­haft und fast ohne Beziehung zur Außenwelt. Es war November; Regenböen und Hagelböen wechselten Stunde um Stunde, naß glanzte das holprige Pflaster unter den schmalbrüstigen Speichern, verödet war der Hafen, verödet war das Straßenleben. Die Rufe der Heringsweiber klangen ebenfo klagend wie die Schreie der Möwen zu meinem Fenster, hoch über dem Hafen.

Warm konnte ich mich noch ganz gut halten, ich zog nut einem Handwagen weit in die Heide vor der Stadt und sammelte mir Brenn­holz, aber immer notwendiger wurde der Besitz einer guten Leselampe. Es sollte womöglich eine sein mit einem grünen, gläsernen Schirm, aber meine Wirtsleute, dieZeppelins", besahen keine solche Lampe, und Geld zum Kaufen hatte ich kaum.

Warum gehen Sie nicht mal auf denÄnjas Potemkin , fragte Herr Zeppelin er war Werftarbeiter und kannte sich aus,die Kerle an Bord verscheuern doch alles, was nicht niet- und nagelsest ist.

Da erfuhr ich erst, daß ein russischer Panzerkreuzer im Hafen lag und mit einer bolschewistischen Besatzung. Das war aber kein Kriegs­schiff mehr, sondern ein schwimmender Haufen Schrott; eine Abwrack­werst hatte das Schiff gekauft, die russische Besatzung hatte es nur noch übergeführt. Es war damals ein großer Mangel an Metallen, besonders an Kupfer und Messing in Deutschland.

Ein kleiner Junge ruderte mich hinüber zu dem Panzerschiff. Es lag weit draußen im Hafen an den Dückdalben festgemacht, vollständig ab- aeschnitten wie ein Krankheitsherd, auch der Besatzung war es verboten, an Land zu gehen. Es wehte hart, das kleine Boot schlug klatschend mit dem Bug auf die kurzen Wellen auf, eisige Spritzer kamen über, ich saß an der Pinne, die Hände unter dem alten Militärumhang ver­borgen; wie gehämmert sah das Hafenwasser aus, über das die Regen­böen wanderten. Der Panzer aber lag so regungslos, als stände er mit dem Kiel auf Grund, und je näher ich kam, um so phantastischer erschie­nen mir seine ungeheuren, plumpen Massen. Er war wohl noch im 19. Jahrhundert erbaut, ein altmodisches Schiss, turmhoch, ungeheuer breit, das, was man sich damals unter einerschwimmenden Festung' vorst'ellte Er war über und über bepackt mit Geschütztürmen und über­einandergestaffelten Decks, Brücken, Kranen, Rettungsbooten, eine schwülstige, chaotische Kriegsmaschinerie, kaum zu begreifen, daß das Ganze überhaupt auf dem Wasser schwamm.

Das Fallreep war herabgelassen, aber es stand kein Posten an Betf. Mit dem peinlichen Gefühl eines Eindringlings in verbotenem Land stand ich an Deck Aufbauten wölbten sich Über mich von allen Seiten, es war dunkel, keine Lampe brannte, Kondenswaffertropfen klat chten eintönig auf die von Roststreifen getigerten Deckflanken, keine Menfchen- seele war in Sicht.

Ein paar Mal rief ich:He, an Deck!" Aber nur das Echo meiner eigenen Stimme hallte vielfach gebrochen von den Panzerwänden wider. Endlich tauchte ein Matrose auf, ein ganz unglaublichvermischtes Päck­chen", wie wir in der deutschen Marine so was nannten, in schwärzlich- grauem Drillichzeug und mit verkehrt angelegtem Mützenband; die Gold­fäden, mit denen der Schiffsname gestickt war, zeigte sich von der Innenseite, die auswehenden Bandenden waren rot. Er führte mich gleich zumKommandanten".

Es war nur ein Bruchteil der früheren Besatzung an Bord, vielleicht 100 Mann, einzeln verloren sie sich in dem Höhlenlabyrinth des riesigen Schiffes aber ihre Quartiere haften sie in den früheren Raumen der Offiziere aufgeschlagen. Diese Messen und Kammern waren weit präch­tiger als irgend etwas, was ich auf deutschen Kriegsschiffen gesehen hatte. Sie waren ungewöhnlich weitläufig, die Wände mit Teakholz getäfelt, die Treppe war breit wie die eines Schlosses mit kunstvoll geschnitzten Geländern. Der Salon des Kapitäns besaß einen prachtvollen großen Balkon, der einen Teil des Schiffhecks bildete.

Der jetzige bolschewistischeKapitän", ganz augenscheinlich ein früherer

Matrose, lag in der Koje des Kommandanten. Es war eine riesige Koje, geräumig wie ein altmodisches Himmelbett, sie hatte gedrehte Säulen, war mit Damastvorhängen verhangen und schien für einen Mann von mindestens zwei Meter Länge berechnet. Daß alles Messing, alles Kupfer blind war und grünfpanbedeckt, daß die ganze Einrichtung völlig ver­dreckt war und halb zerstört, das hatte ich schon gesehen, aber der Anblick des Matrosen in der Koje des Kommandanten war ein Bild roie aus einem alten Piratenbuch. Er schlief. Das Geräusch unserer Schritte weckte ihn, er schob den Vorhang beiseite und blinzelte uns an aus schmalen Augspalten, die tief versunken waren in bleichem, ungesund gedunsenem Fett. Er war anscheinend völlig angezogen, aber die Beine waren ein- gewickelt in ein Etwas, was ich zunächst für bunte Bettücher hielt. Bis ich erkannte, daß das die riesigen Kriegsflaggen des Panzerkreuzers waren, die Flaggen des Zaren. Später fah ich noch mehrere Mitglieder der Besatzung in ihren Kojen durchweg in Flaggen emgewickelt; augen­scheinlich gab es kein anderes Bettzeug an Bord.

Mein Anliegen, das mit der Lampe, war mir mittlerweile ganz gleichgültig geworden, mich interessierte jetzt dies unheimliche Schiff, diese Leiche eines Kriegsschiffes, in dem die Besatzung wie fressende, zersetzende und verzehrende Würmer vegetierte.

DerKommandant" schob meine Zigaretten mit einer überaus geübten Handbewegung in seinen Mützendeckel er hatte die Mütze aucf) tn der Koje aus und stülpte sie dann wieder über die mächtig vor­quellende, schwarze Haartolle. Der Matrose sollte mich im ganzen Schifi umhersühren, sagte er in gebrochenem Deutsch. Geheimnisse gäbe es nicht mehr es sei ein schlechtes Schiff, die Franzosen hätten es gebaut, es taugte nichts für Russen. Er lachte, spie über die Kojenreling und war gleich wieder eingeschlafen.

Der Matrose führte mich zuerst in den Kommandoturm, er sprach jetzt in überstürzendem Schwall auf mich ein, versuchte anscheinend mir alles zu erklären und wies mit großem Stolz auf Dinge hin, die er für wichtig hielt. Das waren jedesmal die Spuren der Zerstörung.

Alle Anlagen, die ein Schiff lebendig machen, waren mit einer Gründlichkeit und, wie mir schien, auf einen Schlag zerstört, wie ich Aehnliches nie zuvor gesehen hatte. Die riesigen Kabelbünde mit ihren vielen hundert Seelen, die sich im Kommandoturm zu dicken Knoten vereinigten, waren anscheinend mit Schneidebrennern oder auch mit Beilen radikal durchschnitten, und zwar so, daß ganze Kabelstucke aus­geschnitten waren, damit man die Enden nicht etwa wieder verbinden könnte. Man war so sorgfältig dabei zu Werke gegangen, daß die Kabelenden mit ihren stromführenden Strängen samt und fonders mtt Lappen dick umwickelt waren zur Verhütung elektrischer Schlage. Wie ich die Sappen näher betrachtete, sah ich, daß das Hemden waren, buntbestickte, leinene Bauernhemden, wie sie die Heizer und Matrosen unter der Uniform zu tragen pflegten. Sie erschienen mir wie Symbole: unter der Uniform des russischen Matrosen stak der Bauer, er war nie Seemann gewesen, dieser Muschik, der da die Nervenstränge des Schiffes mit dem Beil durchschlagen und abgebunden hatte.

Im Schein einer qualmenden Oellampe, wie die Heizer sie im Bunker brauchen, durchquerten wir Gänge, Batterien und Kasematten, wo unsere Schritte einsam hallten, wo es dumpfig roch nach alten Pulvergasen und nach jahrealtem, tief in die Oelfarbschichten einge- brunqenem Schweiß. Die völlige Menschenleere und dabei der intensive raubtierhafte Menfchengestank im ganzen Schiff waren etwas sehr Unheimliches. ...

Wir tarnen in den Maschinenraum. Die Zeiger der Maschinentele­graphen standen aufVolle Kraft voraus", aber die Maschinen lagen tot. Ich war gewöhnt, einen Schiffsmaschinenraum von dem eigentüm­lichen, hochtönigen Summen und Singen erfüllt zu finden das die Hilfsmaschinen auch dann noch erzeugen, wenn die Hauptmaschinen stille stehen, ihn erfüllt zu finden von der Treibhauswarme der nahen Dampfkessel, vom Oelgeruch der warmen Lager. Aber dieser Raum war eiskalt, hallend und stumm; ich schauderte. Die Kröpfungen der enormen Dampfmaschinen ragten ins Leere die Revolutionäre hatten die Kolbenstangen aus den Zylindern herausgerissen. Auch hier wieder Zerstörung, wie sie Sklaven vollbringen an dem, was ihnen, wie sie fühlen, überlegen ist. Denn man kann eine Dampfmaschine viel leichter außer Betrieb setzen als dadurch, daß man ihr die Kolben herausreiht. Bei den weniger zugänglichen, dicht umkapselten Dynamomaschinen waren sogar die Fundamente, anscheinend mit Dynamit, gesprengt.

Wir kletterten durch das tote Schiff wie durch ein düsteres, ver­lassenes Bergwerk. Immer wieder mußten wir an Deck, weil alle Schotten verschlossen waren, um dann von neuem tief tn den Schifss- leib hineiiiiutauchen, die blakende, rauchwirbelnde, flockende Oellampe an einem Strick hängend unter uns, an den senkrechten Lettern. Ost warnte mich mein Gefährte mit einem dumpfen Ruf, den ich nach einigen Erfahrungen zu verstehen lernte: plötzlich baumelten nämlich meine Beine in der Luft, verloren jeden Halt; sämtliche Leitern, die zu den Bunkern und zu den Mannschaftsräumen führten, waren von unten her mit Schneidebrennern abgeschnitten. Fallen, von den Meuterern angelegt. Die Echos unserer schweren Schuhe auf den Eisenplatten um- haüten uns aber wenn wir im Gehen innehielten vor Mannlöchern, vor riesengroßen Kostenträgern, die es zu überklettern galt, vor riesigen Pfützen von öligem, rostigem Bilgewasser, dann horten wir wie in den Tiefen eines Bergwerkes dumpfes Pochen und Hämmern. Zmvellen sähen wir in dem sich überkreuzenden Gewirr des Stahls, am Ende von Tunnels oder unter engen Bogen, Lichter flackern und tanzen: Gestalten krochen entlang an nietengepanzerten Wänden, lchwarz die Gesichter von Kohlenstaub und Ruh, speckig glänzend die Kesselanzuge. Wie die Gno­men nahmen sie sich aus. Neugier packte mich: Warum dies Rumoren, dies Wühlen in der Tiefe, während auf Deck kein Mensch zu sehen war warum diese Unraft? Was hämmerten sie an dem toten Schiff, das balD genug zerschnitten und zerschmolzen fein würde?

Von dem Matrosen konnte ich keine Auskunft erwarten, aber als mir mm letzten Male an Decke kamen, stand da der ..Kommandant . Er hielt eine bronzene elektrische Lampe mit einem grünen Glasschirm m der