Ausgabe 
24.7.1936
 
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zeige Ihnen nicht, wo diese Tür ist, wenn Sie mir nicht einen Kuß geben. Wollen Sie das, Harry?" .

Gewiß will ich das!" rief er, als galanter Junglmg, der er mar; nicht wegen der Hintertür, sondern weil Sie em gutes und hübsches ^Un^er'brücfte ihr zwei oder drei herzliche Küsse auf die Lippen, die sie in derselben Weise erwiderte.

Hierauf führte Prudence ihn nach dem hinteren Ausgang, legte ihre Hand auf den Schlüssel und sagte:

Wollen Sie wiederkommen und mich besuchen?

Herzlich gern! Ich verdanke Ihnen ja mein Leben!

Und jetzt", sagte sie, indem sie die Tür öffnete,laufen Sie, so schnell Sie können, denn ich lasse jetzt den General ein."

Harry bedurfte dieses Rates kaum; Angst hatte ihn beim Schopf oepackt, und er wandte sich zu eiliger Flucht. Ein paar Schritte, so glaubte er, und er wäre aus allen Fährlichkeiten befreit und wurde ehrenvoll, heil und gesund zu Lady Vandeleur zurückkehren. Aber diese paar Schritte hatte er noch nicht gemacht, da hörte er einen Mann mit vielen Flüchen feinen Namen rufen, und als er sich umsah, erblickte er Charlie Pendragon, der mit beiden Armen ihm zuwinkte, daß er wieder umkehren solle. ,

Ziefer neue Zwischenfall gab ihm einen so plötzlichen und harten Stoß, und Harry war außerdem bereits in einer solchen nervösen Auf­regung, daß ihm nichts Besseres einfiel, als feine Schritte noch zu be­schleunigen und weiterzulaufen. Natürlich hätte er an den Vorfall im Kensington-Park denken sollen; dann hätte er gewiß den Schluß gezogen, daß wenn der General fein Feind war, Charlie Pendragon nur fern Freund fein konnte. Aber er befand sich in einer solchen fieberhaften Aufregung, daß er hieran gar nicht dachte und nur immer noch schneller das schmale Sträßchen entlang lief. Charlie war offenbar ganz außer sich vor Wut, wie man aus dem Klange seiner Stimme und aus den Schimpfworten entnehmen konnte, die er dem Sekretär nachrief. Auch er lies so schnell er konnte; aber so sehr er sich auch anstrengte, die körper­lichen Borteile waren nicht auf seiner Seite, und bald hörte Harry, roie fein Geschrei und fein Gerumpel immer ferner verklang.

Harry begann neue Hoffnung zu schöpfen. Das Sträßchen war steil und schmal, aber ganz menschenleer; es wurde auf beiden Seiten von Gartenmauern eingefaßt, die von Laubwerk Übersponnen waren. Soweit der Flüchtling blicken konnte, bewegte sich vor ihm kein lebendes Wesen und stand keine Tür offen. Die Vorsehung schien müde geworden zu sein, ihn zu verfolgen, und bot ihm jetzt freies Feld zum Entrinnen.

Aber ach! als er gerade an einer Gartenpforte unter einer Gruppe von Kastanienbäumen vorbeilief, wurde diese plötzlich geöffnet und er sah auf einem Gartenwege einen Schlachterjungen mit feiner Mulde auf der Schulter herankommen. Er hatte kaum die Beobachtung gemacht, als er lchon um einige Schritte jenseits der Gartentür sich befand. Aber der Bursche hatte Zeit gehabt, ihn zu bemerken; er war offenbar sehr erstaunt, einen feingekleideten Herrn fo geschwind rennen zu sehen, und er trat auf das Sträßchen hinaus und begann Harry durch ironische

Zurufe anzufeuern.

Sein Erscheinen brachte Charlie Pendragon auf einen neuen Ge­danken; obwohl er kaum noch Luft schnappen konnte, erhob er noch ein­mal feine Stimme und fchrie:

Haltet den Dieb!"

Sofort stimmte der Schlachterjunge in diesen Rus ein und nahm die Verfolgung auf.

Dies war ein böser Augenblick für den gehetzten Sekretär. Allerdings gab die Angst ihm neue Kräfte und vermehrte feine Schnelligkeit; mit jedem Schritt kam er weiter von feinen Verfolgern ab, aber er wußte wohl, daß er dicht am Ende seiner Kräfte war, und es brauchte ihm nur jemand entgegenzutreten, so befand er sich auf der schmalen Straße in einer geradezu verzweifelten Lage.

Ich muß ein Versteck finden, dachte er bei sich selber, und zwar inner­halb der nächsten paar Sekunden, sonst ist es mit mir völlig aus auf dieser

Welt.

Kaum war ihm dieser Gedanke durch den Kopf geschossen, so machte die Straße eine scharfe Biegung, und er konnte von seinen Feinden nicht gesehen werden. Es gibt Umstände, in denen selbst der schlaffste Mensch tatkräftig und entschlossen zu handeln lernt, in denen der zaghafteste seine Vorsicht vergißt und waghalsige Entschlüsse saßt. Eine solche Gelegenheit trat jetzt für Harry Hartley ein; wer ihn genau kannte, würde sich über die Kühnheit des jungen Menschen gewundert haben. Er blieb plötzlich stehen, warf die Schachtel über die Gartenmauer, sprang mit unglaublicher Gelenkigkeit an dieser empor, packte den Rand und ließ sich auf der anderen Seite in den Garten hinunterfallen. Als er gleich darauf wieder zu sich kam, sah er in einem Rosenbeet. Seine Knie und Hände waren ausgeschunden und bluteten; denn die Gartenmauer war, um solches Hinüberklettern zu verhindern, auf ihrem oberen Rande reichlich mit Flaschenscherben gespickt. Ihm taten alle Glieder weh. und er hatte ein Gefühl, wie wenn alles vor feinen Augen schwämme. Gerade gegenüber auf der anderen Seite des Gartens, der ausgezeichnet gepflegt und voll von köstlich duftenden Blumen war, sah er die Rückseite eines Hauses. Dieses war von beträchtlicher Größe und wurde offenbar bewohnt; aber in einem seltsamen Gegensatz zu dem wohlgepflegten Garten war das Haus schlecht gehalten und sah schäbig aus. Außer dem Hause sah Harry auf allen Seiten nur die Gartenmauer.

Sein Auge erfaßte mechanisch diese Bilder, aber sein Geist war noch nicht imstande, sie miteinander zu einem Ganzen zu verbinden oder aus dem Gesehenen Schlüsse zu ziehen. Und als er Schritte auf dem Kiesweg sich nähern hörte, dachte er weder an Verteidigung, noch an Flucht, ob­gleich er fein Auge nach dieser Richtung wandte. Die Gestalt, die sich näherte, war ein großer, breitschultriger und sehr schmutziger Mann in Gärtnerkleidung und mit einer Gießkanne in der linken Hand. Wäre er nicht so verwirrt gewesen, so hätte er wohl bei dem Anblick dieser Riesen­glieder und der schwarzen, tief eingesunkenen Augen eine gewisse Unruhe verspürt. Aber Harry war von seinem Sturz noch so betäubt, daß er

nicht einmal mehr Furcht hatte; er war zwar nicht imstande, seine Blicke von dem Gärtner abzuwenden, aber er verhielt sich vollkommen ruhig, ließ ihn herankommen, ihn an der Schulter packen und mit bärenmafjiger Kraft in die Höhe reißen und auf feine Füße stellen, ohne auch nur den geringsten Widerstand zu leisten.

Einen Augenblick starrten die beiden einander an Harry wie ge- lähmt, der Mann offenbar zornig und voll von einem grimmigen Humor. . .

Wer sind Sie?" fragte der Mann endlich;rote kommen Sie dazu, über meine Mauer zu springen und mir meine Gloire-de-Dijon-Rosen zu zerdrücken? Wie heißen Sie?" schrie er, indem er ihn am Kragen packte,und was haben Sie hier zu suchen?"

Harry vermochte kein Wort zur Erklärung hervorzubringen.

Aber gerade in diesem Augenblick liefen Pendragon und der Schlachter­junge vorüber, und der Schall ihrer Schritte und ihr heiseres Geschrei ertönten laut auf dem schmalen Wege. Der Gärtner hatte seine Antwort erhalten und sah jetzt mit einem bösen Lächeln Harry ins Gesicht.

Ein Dieb!" rief er.Auf mein Wort Sie müssen recht gute Ge­schäfte damit machen; denn roie ich sehe, sind Sie vom Kops bis ZU den Füßen roie ein feiner Herr angezogen. Schämen Sie sich nicht, in solchen feinen Kleidern auf der Welt herumzulaufen, während anständige Leute, das darf ich wohl sagen, ftoh wären, wenn sie solche Sachen, wie Sie da tragen, beim Trödler kaufen könnten? Sprich, du Hund!" fuhr der Mann fort;du bist doch wohl nicht stumm, und ich möchte noch erst ein Wörtlein mit dir sprechen, bevor ich dich auf die Polizeiwache bringe.

, Wirklich, mein lieber Herr", sagte Harry,es ist alles bloß ein schauderhaftes Mißverständnis; und wenn Sie mit mir zu Sir Thomas Vandeleur am Eaton-Platz kommen wollen, so kann ich Ihnen ver­sprechen, daß alles sich aufklären wird. Der ehrlichste Mensch kann, wie ich jetzt bemerke, in Verdacht geraten."

Ne, Männeken", antwortete der Gärtner,ich gehe mit Ihnen nicht weiter als bis zur Polizeiwache in der nächsten Straße. Der Inspektor wird gewiß gerne mit Ihnen einen kleinen Spaziergang nach dem Eaton- Platz machen und mit Ihren vornehmen Bekannten eine Tasse Tee trinken. Oder möchten Sie nicht vielleicht lieber gleich zum Herrn Staats­sekretär des Inneren gehen? Sir Thomas Vandeleur ha ha ha? Vielleicht denken Sie, ich könne einen wirklichen feinen Herrn, wenn ich einen sehe, nicht von einem Strolch roie Sie unterscheiden? Einerlei, was für Kleider Sie anhaben Sie sind für mich wie ein offenes Buch. Sie tragen ein Hemd, das vielleicht so viel gekostet hat, roie mein Sonntagshut, und der Rock da hat gewiß noch nie eine Trödelbude gesehen; und bann Ihre Stiefel"

Der Mann hatte auf Harrys Füße gesehen; plötzlich hielt er mit seiner beleidigenden Beschreibung inne und sah einen Augenblick scharf aus etwas, das auf dem Boden vor feinen Füßen lag. Seine Stimme klang merkwürdig verändert, als er fagte:

Um Gottes willen, was bedeutet denn dies?"

Harry folgte der Richtung feiner Blicke und sah etwas, das ihn mit Staunen und Entsetzen erfüllte. Bei seinem Sprung war er auf die Pappschachtel gefallen und hatte sie vollständig zerdrückt; ein ungeheurer Schatz von Diamanten hatte sich aus der Deffnung ergossen und lag jetzt auf dem Beet, zum Teil in die Erde hineingetreten, zum Teil funkelnd und glitzernd auf der Oberfläche. Darunter war auch ein herrliches Diadem, das er oft an Lady Vandeleur bewundert hatte; ferner Ringe und Busennadeln, Ohrgehänge und Armbänder und sogar ungefaßte Brillanten, die wie Tautropfen zwischen den Rosenbüschen lagen. Em fürstliches Vermögen lag zwischen den beiden Männern auf dem Erd­boden ein Vermögen in der einladendsten, sichersten und dauerhaftesten Form, das man in einer Schürze davontragen konnte, herrlich schon an und für sich und im Sonnenlicht in millionenfachen Regenbogen­farben strahlend.

Gütiger Himmel!" rief Harry,ich bin verloren!"

Sein Geist eilte mit der unberechenbaren Geschwindigkeit des Ge­dankens in die Vergangenheit zurück; er begann die Abenteuer des Tages zu begreifen, sie als ein Ganzes aufjufaffen und zu erkennen, in was für einen unangenehmen Wirrwarr er verstrickt worden war.

Er blickte sich Hilfe suchend um; aber er war allein in dem Garten mit seinen auf der Erde verstreuten Diamanten und seinem fürchterlichen Ausftager; fein lauschendes Ohr vernahm weiter nichts als Blätter­rauschen und das hastige Pochen seines Herzens. Es war nicht zu ver­wundern, daß der junge Mann plötzlich jeden Mut verlor und mit ge­brochener Stimme nur seinen letzten Ausruf wiederholte:

Ich bin verloren!" ... . .

Der Gärtner sah sich mit einem Ausdruck von Schuldbewußtsem nach allen Richtungen um; da aber an keinem von den Fenstern em mensch­liches Gesicht zu sehen war, schien er wieder aufzuatmen und sagte:

Nur den Kopf hoch, Dummkopf! das Schwerste ist ja getan. Warum konntest du nicht sofort sagen, daß hier genug für zwei wäre? Für zwei? wiederholte er;ja, für zweihundert! Aber kommen Sie mit! Hier können wir beobachtet werden und seien Sie vernünftig: machen Sie die Beulen aus Ihrem Hut und bürsten Sie Ihre Kleider! In diesem lächerlichen Aufzuge wie jetzt kämen Sie auf der Straße nicht zwei Schritte weit.

Während Harry mechanisch diese Ratschläge befolgte, ließ der Gärtner sich auf feine Knie nieder, suchte hastig die verstreuten Juwelen zusammen und legte sie wieder in die Schachtel hinein. Die Berührung dieser kost­baren Kristalle machte den herkulischen Mann erschaudern; sein Gesicht war verzerrt und seine Augen funkelten vor Gier. Es war beinahe, wie wenn er eine Wollust daran fände, dieses Aufsammeln zu verlängern und wie wenn er mit den Augen jeden Diamanten streichelte, den feine Finger ergriffen. Schließlich aber war er fertig; er verbarg die Schachtel unter feiner Schürze, gab Harry einen Wink und ging ihm voraus in der Richtung auf das Haus zu.

(Fortfetzung folgt.)